Der Geburtenrückgang: Eine praxeologische Betrachtung

„Kinder kriegen die Leute immer“

23. Januar 2026 – von Robert Bernhardt

Der Rentenversicherung gehen die Beitragszahler aus – die deutsche Mutter hat zu wenig Kinder bekommen. Seit 1968.

Ein Kind nur deswegen zu zeugen, damit es dem maroden Sozialstaat geopfert werden kann, war offenbar für viele potenzielle junge Eltern in den letzten Jahrzehnten kein sonderlich überzeugendes Verkaufsargument.

Es gibt einen linken, einen konservativen und einen libertären Ansatz zur Bekämpfung der niedrigen Geburtenrate. Empirisch gesehen liegen sie alle falsch, denn nichts davon zeigt bisher irgendeine Wirkung.

– Würde der linke Ansatz funktionieren, dann hätte Norwegen nicht eine Geburtenrate von 1,4. Staatlich geförderte Ganztagsbetreuung macht offenbar keinen Unterschied.

– Würde der konservative Ansatz funktionieren, dann hätte Polen nicht eine Geburtenrate von 1,1. Eine katholische, anti-woke Kultur mit Abtreibungsverbot macht offenbar keinen Unterschied.

– Würde der libertäre Ansatz funktionieren, dann hätte Dubai nicht eine Geburtenrate von 1,2. Die Abwesenheit der Einkommensteuer und durchaus bezahlbarer Wohnraum machen offenbar keinen Unterschied.

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es keinen wesentlichen Unterschied gibt in der Geburtenrate zwischen Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein, trotz massiv unterschiedlicher Staatsquoten. Aber warum?

Der Grenzbabywunsch

Wenn die niedrige Geburtenrate nicht auf finanziellen Ursachen beruht, dann wird sie auch nicht durch bessere finanzielle Anreize gehoben. Der Stadtstaat Singapur liefert beispielsweise mittlerweile recht umfangreiche steuerliche Anreize für frischgewordene Eltern, was aber bisher rein gar nichts an der Geburtenrate von 0,97 Kindern je Frau geändert hat.

Was, wenn es bei der Förderung der Gebärfreude nicht um die Gesamtkosten von Kindern geht, die durch Anreize verringert werden müssten, sondern – ganz österreichisch betrachtet – um den Grenznutzen?

Nennen wir es den Grenzbabywunsch. Also die Frage, ob jemand jetzt ein Baby will.

Die Logik ist die Folgende:

Zwar kann jemand sehr wohl die Frage bejahen, ob er gerne in elf Jahren ein zehnjähriges Kind hätte – oder in dreißig Jahren seine ersten Enkel. Auf lange Sicht kann man sich so ziemlich alles vorstellen. Aber wenn ein Baby der Person eben jetzt gerade nicht in ihr Leben reinpasst, der Grenzbabywunsch also nicht vorhanden ist, dann ist es völlig irrelevant, ob sie ansonsten Kindern gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen wäre oder nicht.

Ohne positiven Grenzbabywunsch weniger Antrieb in der Partnersuche, kein verhütungsfreier Sex und auch im Fall der Fälle ein deutlich größeres Bestreben, der Versuchung der Abtreibung als „Verhütung danach“ nachzugeben.

Früher war der positive Grenzsexwunsch mangels effektiver Verhütungsmittel ausreichend zur Zeugung von Kindern, ob diese nun erwünscht waren oder nicht. Das reicht heute nicht mehr.

Nehmen wir das Konzept des Grenzbabywunsches zur Grundlage, wird schnell klar, worin die eigentlichen Ursachen und Engpässe bestehen, die der Familiengründung im Wege stehen.

Manche wollen, können aber nicht

Es gibt zunächst einmal Leute, die aktuell einen positiven Grenzbabywunsch haben, ihn jedoch aus verschiedenen Gründen nicht erfüllen können. Sei es aus Unfruchtbarkeit, aufgrund eines fehlenden Partners oder wegen Homosexualität.

Unfruchtbarkeit ist zum einen ein technisches Problem, bei dem unternehmerische bzw. technologische Fortschritte Abhilfe versprechen. Zum anderen ist sie jedoch auch eine Folge davon, dass der positive Grenzbabywunsch bei vielen Frauen zu spät kommt – sie wären zu einem früheren Zeitpunkt durchaus in der Lage gewesen, Kinder zu bekommen, doch der akute Wunsch nach einem Kind war damals noch nicht vorhanden.

Die Reproduktionsmedizin wird in ihrer Entwicklung durch staatliche Regulierungen stark ausgebremst. Die utopische Vision dieser Forschung, die potenziell jedes Reproduktionsproblem lösen könnte, ist nämlich letztlich die Beherrschung des menschlichen Klonens im Reagenzglas.

Es ist bemerkenswert, zu beobachten, dass selbst linke Aktivisten, die keinerlei Probleme mit einem Schwangerschaftsabbruch im neunten Monat hätten, bei diesem Thema in der Regel keine progressive Position vertreten oder es schlicht komplett ignorieren. Es ist nicht verwunderlich, dass der Staat die Forschung in diesem Bereich erschwert, denn die Vorstellung von Klonen und künstlich gezüchteten Menschen löst bei vielen Gänsehaut aus. Doch die Technologie macht es prinzipiell möglich. Wäre sie erlaubt, würde sich ein Markt für „Designerbabys“ entwickeln – sowohl für unfruchtbare Paare als auch für Menschen, die die Kontrolle über bestimmte Eigenschaften ihres Kindes für erstrebenswert halten.

Die Möglichkeit, ein Kind zu bekommen, das besonders schön und hochbegabt ist, könnte den Wunsch nach einem Kind sogar verstärken. Ja, es sind schwierige ethische Fragen, aber die libertäre Position wäre, dass die Leute diese selbst mit ihrem eigenen Gewissen ausmachen sollen und nicht von Staat und Gesellschaft vorgeschrieben bekommen.

Zudem sind die Kosten für Reproduktionsmedizin oft beträchtlich und können ein junges Paar rasch eine fünfstellige Summe kosten. Eine Deregulierung des Marktes könnte hier Abhilfe schaffen und niedrigere Preise ermöglichen.

Dating-Apps zur Lösung des Partnerproblems sind nicht so effektiv, wie sie sein könnten, weil Antidiskriminierungsgesetze die Algorithmen fesseln. Die präzise Vermittlung wird so verhindert.

Das neue KI-Gesetz der EU wird dabei von Anfang an auch die Möglichkeiten beschränken, von einer KI verkuppelt zu werden, da dafür ein auf persönlichen Daten beruhendes Profiling notwendig wäre, was ein Dating-Startup sofort in die hochregulierte Kategorie 3 („Hohes Risiko“) befördern und damit schon vor dem Start in Europa verunmöglichen würde.

Das Kinderproblem von homosexuellen Paaren unterscheidet sich je nach Geschlecht.

Für lesbische Paare ist der Kinderwunsch durch eine Samenspende erfüllbar. In Deutschland steht allerdings der Staat im Weg. Anders als in den USA darf eine Samenspende hierzulande nicht marktwirtschaftlich honoriert werden. Der Spender erhält lediglich eine Aufwandsentschädigung, was keinerlei Anreize schafft, dass sich besonders attraktive, große und intelligente Männer als Spender zur Verfügung stellen.

Schwule Paare benötigen eine Leihmutter. Solche Verträge sind in den USA möglich, in Deutschland jedoch nicht. Es ist interessant, dass gerade konservative Kreise den Kindermangel beklagen, gleichzeitig aber freiwillige Marktverträge wie die Leihmutterschaft ablehnen und blockieren, selbst wenn die Frau freiwillig dem Vertrag zustimmt.

Selbstverständlich gibt es auch bei Leihmutterschaften schwierige ethische Fragen, aber die libertäre Position wäre hier ja gerade, dass solche ethischen Dilemmata zugelassen werden und Leute selber entscheiden können, wie sie damit umgehen.

Baby? Vielleicht später

Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung hat gegenwärtig jedoch keinen Grenzbabywunsch. Auch hier lassen sich rasch die Gründe erkennen:

– Lange Adoleszenz aufgrund des Fokus‘ auf Titel, Abschlüsse und Zertifikate.

– Hohe Kosten durch ein fehlerhaftes Geldsystem, das Immobilien für junge Käufer unerschwinglich macht.

– Die Finanzierung der Rentner durch junge Familien.

– Die erwartete Einschränkung des gewohnten Lebens.

– Das fehlende Gefühl der Dringlichkeit.

In Bezug auf die finanziellen Gründe wie Immobilienkosten oder Rentnerfinanzierung stellt sich jedoch die berechtigte Frage, warum der offensichtliche Fehlanreiz des Sozialstaats, der manchen eingewanderten Großfamilien ein genüssliches, arbeitsfreies Leben auf Kosten anderer ermöglicht, nicht auch von Einheimischen mehr ausgenutzt wird? Warum gibt es nicht – oder scheinbar wesentlich seltener – die deutsche Bürgergeldfamilie mit zehn Kindern?

Offensichtlich bekommen Leute auch dann keine Kinder, wenn sie es sich leisten könnten, weil sie andere dafür bezahlen lassen können.

Der heutige Fokus auf Titel und Zertifikate führt zur langen Adoleszenz, dem wohl signifikantesten Grund für den parallelen globalen Geburtenrückgang. Junge Menschen verbringen heute viel längere Zeit im Bildungssystem, bevor sie in den Arbeitsmarkt eintreten. Ein Baby kommt für die meisten vor dem Berufseinstieg – oder gar vor der ersten Beförderung – nicht infrage.

Die Umkehrung dieses Trends wäre eine radikale Systemreform. Unser System hängt derart stark an Abschlüssen und Lizenzen bzw. Berufszulassungen, dass eine Änderung die komplette Grundlage infrage stellen würde, für die ganze Generationen ihre Jugend geopfert haben. John D. Rockefeller (1839 – 1937) begann seine Karriere als Assistent in der Buchhaltung mit 16 Jahren, Thomas Edison (1847 – 1931) wurde mit 15 Telegrafist. Heute würden sie erst Abitur und Masterabschluss machen, vielleicht sogar einen Doktor und dann mit Mitte / Ende Zwanzig in den Arbeitsmarkt eintreten.

Das meiste Wissen aus staatlichen Lehranstalten ist sowieso nicht am Markt anwendbar; das wirkliche Lernen findet seit jeher “on the job” statt. Der Abschluss signalisiert lediglich, dass eine Person bereit ist, sich einem System und seinen Ritualen zu unterwerfen und einen gewissen Fleiß mitbringt. Intelligenz könnte auch einfach per IQ-Test ermittelt werden, doch da dies verboten ist, muss auf schlechtere Methoden wie Abschlussnoten ausgewichen werden. Die Aussagekraft von Lebensläufen und Bewerbungsschreiben nimmt zudem durch deren mittlerweile mögliche KI-Generierung rapide ab.

… many who are self-taught far excel the doctors, masters, and bachelors of the most renowned universities

Ludwig von Mises, „Theory & History”, 1957 (2007 Mises Institute), S. 263

Der marxistische Reflex gegen Kinderarbeit steckt tief in unseren Institutionen. Erst nach fast zwei Jahrzehnten staatlich beglaubigter Bildung sind wir „bereit“. Die Infragestellung dessen entlarvt das so gern genannte „Bildung ist unsere wichtigste Ressource“-Mantra als Illusion. Das gefällt natürlich nicht allen.

Künstliche Intelligenz könnte diesen Trend allerdings komplett umkehren. Wenn ein talentierter Zwölfjähriger künftig mithilfe von KI die Arbeit von tausend Beamten erledigen könnte (falls ihm denn danach sein sollte), wird die gewohnte Forderung nach zehn weiteren Jahren Schulbankdrücken für ihn zur Farce.

Eine österreichische Lösung

Was, wenn der wirksame Anreiz zur Erhöhung der Geburtenrate nicht in Subventionen, sondern in der „Privatisierung der künftigen Kindereinkommen“ läge?

Ironischerweise könnte die Lösung darin bestehen, die staatlichen Eigentumsansprüche an künftigen Einkommen der Kinder (Steuern, Abgaben) nicht abzuschaffen, sondern an die Eltern zu übertragen. Das Modell:

– Eltern bestimmen zur Geburt, welchen Anteil zwischen 0 bis 50 % am künftigen Einkommen des Kindes sie als Anspruch erhalten – beginnend ab einem festgelegten Alter (z.B. ab 30).

– Dieser Anspruch gilt weltweit, unabhängig von Wohnsitz oder Staatsbürgerschaft, um eine Entwertung durch Auswanderung zu verhindern.

– Die Eltern erhalten je die Hälfte dieses Anspruchs als vererbbares und handelbares persönliches Eigentum („Personenaktien“).

– Eltern könnten einen Teil dieser lebenslangen Einkommensansprüche sofort am Markt versteigern. Der Auktionspreis (und damit das sofort verfügbare Kapital für z.B. eine Immobilienanzahlung) hinge von den Einkommenserwartungen ab: 5 % des Lebenslohns für das zehnte Kind der Bürgergeldfamilie brächten bei Investoren vielleicht weniger ein als für den Sprössling eines Arztpaares.

Das schafft Anreize für:

Quantität: Mehr Kinder bedeuten mehr Eigentum.

Qualität: Künftige Einkommen der Kinder intelligenter und talentierter Eltern wären am Markt – je nach Erwartung der Marktteilnehmer – unter Umständen mehr wert.

Dringlichkeit: Je früher die Eltern die Kinder bekommen, desto früher können sie auch an deren Einkommen partizipieren.

Marktorientierte Erziehung: Eltern signalisieren Investoren eine frühe Förderung von unternehmerischem Denken, um den Auktionspreis zu steigern.

Mentoring: Investoren könnten junge Menschen in ihrer Karriere unterstützen, weil dadurch ihr erworbener Aktienwert steigt. Dadurch werden neue, wertvolle Interaktionen in der Gesellschaft befördert.

Ein solches System würde das Problem lösen, dass Eltern wertvolles „Eigentum“ (die künftige, durch Steuern ausbeutbare Arbeitskraft) für den maroden Staat zeugen sollen, ohne selbst Besitzansprüche zu erhalten, sondern nur die Freuden elterlicher Gefühle. Es würde Kinder zu einer marktgängigen Investition machen. Nur die Oberschicht würde es wohl zu einem Statussymbol werden lassen, ein solches Vorgehen nicht nötig zu haben und ihre eigenen Kinder mit 0 % belasten.

Im Übrigen könnten junge Menschen über diesen Markt selbst Anteile ihres künftigen Lebenseinkommens verkaufen – Eigenkapital statt Fremdkapital. Einen kleinen Teil des Lebenseinkommens versteigern statt einen Studienkredit aufnehmen. Risikokapitalgeber würden sozusagen direkt in Gründer investieren, nicht in deren Projekte.

Ist das nicht eine Art Sklaverei?

Nun, zunächst einmal haben wir ja bereits heute ein ähnliches System, nur dass hier nicht die Eltern die „Miteigentümer“ des Einkommens ihrer Kinder sind, sondern fremde Menschen, der Staat dieses Miteigentum exklusiv für sich beansprucht, jederzeit in der Höhe änderbar nach eigenem Ermessen. Dadurch fallen allerdings alle oben genannten positiven Anreize zum Grenzbabywunsch weg.

Sich selbst sozusagen zur „Aktiengesellschaft“ zu machen, wäre für junge Leute ein attraktives Mittel, um kurzfristig an Kapital zu kommen. Anders als bei der Sklaverei hätten die Aktionäre kein Stimmrecht und könnten niemanden zu bestimmter Arbeit zwingen.

Um die Geburtenrate zu heben, würde ein solches System wohl funktionieren, rein praxeologisch gesehen. Ob man das will, ist eine ganz andere Frage.

Robert Bernhardt

Robert Bernhardt ist Unternehmer, Autor und studierter Betriebswirt. Er ist spezialisiert auf die Errichtung von Plattformmärkten und KI-Workflows. Darüber hinaus interessiert er sich auch für die Errichtung von Privatstädten, für welche er erste unternehmerische Ansätze in seinem Buch „Städte der Zukunft“ (2024) (*) zusammengestellt hat.

[(*) Mit * gekennzeichnete Links sind Partner-Links. Kommt über einen solchen Link ein Einkauf zustande, unterstützen Sie das Ludwig von Mises Institut Deutschland, das mit einer Provision beteiligt wird. Für Sie entstehen dabei keine Mehrkosten.]

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Das Ludwig von Mises Institut Deutschland e.V. setzt sich seit Jahren für die Verbreitung der Lehre der Österreichischen Schule der Nationalökonomie ein. Freiheit gibt es nicht geschenkt, sie muss stets neu errungen und erhalten werden. Bitte unterstützen Sie daher das Ludwig von Mises Institut Deutschland mit einer Spende, damit wir uns weiterhin für unser aller Freiheit einsetzen können!

Spendenkonto:

Ludwig von Mises Institut Deutschland e. V.

IBAN: DE68 7003 0400 0000 1061 78

BIC: MEFIDEMM

Merck Finck A Quintet Private Bank (Europe) S.A. branch

Verwendungszweck: Spende

Titelfoto: Adobe Stock Fotos (bearbeitet)

Soziale Medien:
Kontaktieren Sie uns

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Beginnen Sie mit der Eingabe und drücken Sie Enter, um zu suchen