Der indische Seiltrick – die Entzauberung sprachlicher Tricks

16.02.2022 – von Burkhard Sievert

Welche Moraltheorie kann jemals irgendeinem nützlichen Zweck dienen, außer wenn sie im Einzelnen zeigen kann, dass alle Pflichten, die sie empfiehlt, auch die wahren Interessen eines jeden Individuums sind?” David Hume

Anthony de Jasays Schriftensammlung Der indische Seiltrick konzentriert sich auf den unvorsichtigen Gebrauch, den Missbrauch und sogar die Vergiftung der Sprache im modernen politischen Denken. Die „Entzauberung“ linguistischer Tricks ist ein zentrales Buchanliegen. Die Begriffe „Recht“, „Gerechtigkeit“, „Gleichheit“ usw. werden in der politischen Polemik oftmals zweideutig verwendet, so dass subtile Bedeutungsverschiebungen für das Publikum unbemerkt, ja unvermutet bleiben können. Die Sprache lenkt das Denken. Mit unscharfem Denken lässt sich die Freiheit weder verteidigen, geschweige denn wiedererlangen. Der korrekte Gebrauch der Begriffe Freiheit und Recht bildet ein stabiles Fundament für eine widerspruchsfreie Argumentation; dies ist der liberale Ansatz zur Beurteilung von Sachverhalten.

Anthony de Jasay unterscheidet zwischen Freiheit und Recht. Beide Prototypen drücken Beziehungen zwischen Personen und Handlungen aus. Besteht Freiheit, kann eine Person wählen, eine bestimmte für sie realisierbare Handlung auszuführen, es sei denn, sie ist unzulässig durch eine ihr entgegenstehende Konvention. Unzulässig wäre beispielsweise die Verletzung der körperlichen Unversehrtheit. Im Fall eines Rechts kann eine Person wählen, von einer anderen Person eine bestimmte Handlung zu verlangen, woraufhin die andere Person zur Ausführung der Handlung verpflichtet ist. Verträge führen Rechte und Verpflichtungen herbei. Wenn Eigentum durch Vertrag erworben wird, so erlöschen nach vollständiger Erfüllung der gegenseitigen Verpflichtungen auch die gegenseitigen Rechte und das Eigentum ist somit unbelastet und frei.

Das logische Argument für die Freiheit ist die Freiheitsvermutung. Demnach muss der Einsprechende gegen eine Handlung einen Beweis dafür zeigen, dass der Handelnde die Freiheit zu einer Handlung nicht besitzt. Wenn eine Person A eine Handlung ausführen möchte, kann es unendlich viele Gründe unendlich vieler Einsprechenden geben, die gegen die Handlung sprechen. Das Argument funktioniert nach der Regel Sollen-impliziert-Können. A könnte niemals beweisen, dass es keine weiteren Gründe gegen die Handlung gibt, da die Widerlegung einer unendlichen Anzahl von Gründen logisch unmöglich ist. Deswegen kann A die Beweislast für die Legitimität der geplanten Handlung nicht tragen. Im Gegensatz dazu ist jeder konkrete Grund beweisbar, den Einsprechende gegen die fragliche Handlung vorbringen können. Ihre Anzahl von Gründen ist abzählbar endlich. Wenn Einsprechende solche Gründe haben, tragen sie die Beweislast. Sie können zeigen, ob zumindest einer dieser Gründe tatsächlich hinreichend für einen gerechtfertigten Eingriff in die Handlung ist.

Von der Freiheitsvermutung als archimedischen Punkt ausgehend, ist die strikte Analytik die Waffe des Liberalismus.

Die Freiheitsvermutung beruht auf reiner Logik und ermöglicht eine tatsachenbasierte Legitimitätsüberprüfung einer Handlung. Das Argument ist unwiderlegbar. Denken und Logik sind nicht ohne Selbstwiderspruch bestreitbar, d. h., auch der Widerspruch erfordert logisches Denken. Das Argument greift auf kein Werturteil als Begründung zurück, dann wäre es subjektiv. Es setzt keine Freiheitspräferenz voraus, dann wäre es voreingenommen. Das Argument wird nicht aus Tatsachen abgeleitet, denn ein solcher Übergang von Fakten zu einem Wert, also die Ableitung eines Sollens aus einem Sein, wäre logisch nicht gültig. Es benötigt keinen Rückgriff auf das Naturrecht. Es ist nicht utilitaristisch, denn sonst würde es an der logischen Unmöglichkeit interpersoneller Nutzenvergleiche scheitern. Von der Freiheitsvermutung als archimedischen Punkt ausgehend, ist die strikte Analytik die Waffe des Liberalismus. Die Geschichte Davids gegen Goliath lehrt, dass auch der anscheinend Unterlegene gegen den scheinbar Übermächtigen gewinnen kann, wenn David seine Stärke ausspielt und damit die schwache Stelle Goliaths trifft. Der „liberale David“ kann gewinnen, wenn er die Spielregeln in seinem Sinn ändern kann und damit den „etatistischen Goliath“ in die eine unterlegene Position drängt. Den Status quo kritisch hinterfragend, zeigt der Liberalismus Davids die fehlerhafte Logik Goliaths auf und seine neidisch motivierten moralischen Unverschämtheiten, die den Forderungen nach „Rechtsansprüchen“, „Solidarität“ und „sozialer Gerechtigkeit“ zugrunde liegen. Davids Fragen decken Goliaths widersprüchliche Argumentationen auf und führen letzteren in Sackgassen. So kann man – praktisch angewandt – durch kühles analytisches Schlussfolgern jene wachsende Zahl von Menschen gewinnen, die die Problemursache in der Parteipolitik erkennen. Ihr Multiplikatoreffekt wird entscheidend sein, um den Zeitgeist der allgemeinen Öffentlichkeit der Zukunft zu formen.

Die Unterwerfung einiger unter den Willen anderer kann moralisch akzeptabel sein, wenn sie freiwillig erfolgt. Erfolgt sie unfreiwillig, dann erweist sich die Legitimität der Machthaber als moralisch unvertretbar.

Das moralische Argument für die Freiheit ist die Ablehnung der Unterwerfungsregel, der unfreiwilligen Unterwerfung der einen unter den Willen anderer. Der Mensch ist frei geboren. Im Gegensatz zum alltäglichen Sprachgebrauch unterscheidet die Philosophie zwischen Ethik beziehungsweise Moraltheorie und Moral. Ethik operiert theorieorientiert auf einer Metaebene. Moral dagegen bewertet unter Referenz auf die konkrete Moraltheorie ausschließlich menschliches Handeln, indem sie das Handeln billigt oder missbilligt. Der Liberalismus gehört in die Kategorie der deontologischen Ethik, bei der konkrete Handlungen moralisch beurteilt werden. Handlungsmotive besitzen keine feststellbaren Tatsachen, sie sind endgültige Daten, die für den Beobachter nicht zugänglich sind. Sie sind folglich für die moralische Handlungsbeurteilung von untergeordneter Relevanz. Der Liberalismus ruht folglich auf den Begriffen Freiheit und Gerechtigkeit, wobei Freiheit sein oberstes Ziel ist und eine Handlung entweder gerecht oder ungerecht ist. Moralisches Handeln erfordert Freiwilligkeit. Indem „jeder seine Freiheiten wahrnimmt und seinen Verpflichtungen nachkommt“, so Anthony de Jasay, verteilen sich Vorteile und Lasten. „Ein gerechter Zustand herrscht, solange er nicht durch eine ungerechte Handlung verletzt wird.“ Die Unterwerfung einiger unter den Willen anderer kann moralisch akzeptabel sein, wenn sie freiwillig erfolgt. Erfolgt sie unfreiwillig, dann erweist sich die Legitimität der Machthaber als moralisch unvertretbar. Der Liberalismus sieht nur freiwillige Verteilungen als moralisch gerechtfertigt an.

Die einflussreichsten Argumente zur Legitimierung von Staat und Regierung, d. h. die Vorstellungen von „Gesellschaftsverträgen“, enthalten einen fundamentalen Widerspruch: Wenn es stimmen würde, dass ohne den Staat keine Leistung aus einem Vertrag erzwungen werden könnte, wie könnte dann erwartet werden, dass der Staat sich an den Vertrag halten wird, an dem er selbst beteiligt ist? Als Lösung dieses infiniten Regresses bietet sich eine Verfassung an. Der Versuch staatlicher Machtbegrenzung durch eine Verfassung missachtet jedoch die lebendigen Kräfte der Politik, die mit einer Verfassung unvereinbar sind. Edmund Burke würde ausrufen: „Die Sache! Die Sache selbst ist der Missbrauch!“ In einem Zirkelargument beruft die Mehrheit sich auf die Methode der kollektiven Wahl, um diese zu legitimieren.

Gesellschaftsverträge besitzen keinen „Wahrheitswert“. Sie entsprechen den normativen Ansichten ihrer Erfinder …

Anthony de Jasay überprüft Aussagen mit der Methode der Epistemologie, d. h. durch Falsifizierung und Verifizierung, und grenzt so (subjektive) Meinungen von (objektiver) Erkenntnis ab. Tatsachen besitzen einen „Wahrheitswert“. Tatsachen sind entweder wahr oder unwahr. Aussagen ohne „Wahrheitswert“ sind Meinungen. Da die Zukunft nicht Gegenwart ist, besitzen auch die Zukunft betreffende Aussagen über menschliche Handlungen keinen „Wahrheitswert“. Menschen können nicht festgelegt und vorhergesagt werden wie Objekte ohne Verstand und ohne die Fähigkeit zu lernen und zu wählen. Die Aussage „Da steht ein Pferd auf dem Flur“ besitzt einen „Wahrheitswert“ und lässt sich relativ leicht widerlegen (falsifizieren) bzw. bestätigen (verifizieren). Auch Aussagen über menschliche Handlungen, also Fragen der Freiheit oder der Gerechtigkeit, sind letztendlich feststellbare Tatsachenfragen. Gemäß der Freiheitsvermutung liegt nach der Regel „Sollen impliziert Können“ die Beweislast für die Unzulässigkeit einer Handlung bei dem Einsprechenden. Gesellschaftsverträge besitzen keinen „Wahrheitswert“. Sie entsprechen den normativen Ansichten ihrer Erfinder, sei es Thomas Hobbes, John Rawls, Jean-Jacques Rousseau oder Amartya Sen, und werden von Anthony de Jasay als unlogisch zurückgewiesen. Nur bei echten Verträgen, dem System von freiwilligen Tauschhandlungen, die von echten Menschen mit echten Interessen abgeschlossen werden, geben alle Parteien den sichtbaren, objektiven Beweis durch ihre Handlungen. Ein fiktiver Vertrag dagegen ist kein Vertrag, keine Verpflichtung kann aus ihm abgeleitet werden.

Einen breiten Raum in diesem Buch nimmt die Entschlüsselung des Begriffs der „sozialen Gerechtigkeit“ ein. Der Ausdruck „soziale Gerechtigkeit“ wurde erstmals in der christlichen Soziallehre sowie in der Gerechtigkeitsdistinktion John Stuart Mills verwendet. Die Bedeutung von Wortkombinationen kann ermittelt werden, indem jedes einzelne Wort auf seine Bedeutung hin untersucht wird. Das Adjektiv „sozial“ ist gleichbedeutend mit dem Wort „gesellschaftlich“. Aufbauend auf der Bedeutung jener Wörter, auf die es bezogen wird, wird die Wortkombination zu einem Ausdruck mit beliebiger Bedeutung. Es ist wie ein Wiesel, dass das Ei aussaugt, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Friedrich August von Hayek zufolge ist es ein „Wieselwort“. Das Wort Gerechtigkeit drückt ein moralisches Werturteil aus. Gerechtigkeit ist selbstverständlich Ungerechtigkeit überlegen. Gerechtigkeit erfordert Regeln, nach denen die Handlungen als gerecht oder ungerecht beurteilt werden. Eine Handlung ist gerecht, wenn sie im Einklang mit den anerkannten einschlägigen Normen steht, sie also nicht gegen Konventionen verstößt. Eine Norm kann auch durch Beschluss herbeigeführt werden, wie es bei einem Vertrag der Fall ist. Verträge führen Rechte herbei. Die Vertragserfüllung ist gerecht, der Vertragsverstoß ist ungerecht. Wenn eine Handlung gerecht ist, dann sind auch die Handlungsfolgen gerecht.

Jede von Dritten auferlegte Regelsetzung führt per Saldo zu Wohlstands- und Freiheitsverlusten. Um dies zu demonstrieren, verwendet Antony de Jasay die Metapher vom Backen eines Kuchens. Der Trugschluss, dass Produktion und Verteilung voneinander getrennt seien, geht auf John Stuart Mill zurück. In Wirklichkeit sind Produktion und Verteilung zwei Aspekte eines einheitlichen Phänomens und sind voneinander abhängig. Wer welchen Teil des Kuchens bekommt, entscheidet sich, während er produziert wird (und zum Teil schon vorher). Der Grund, warum jeder Produktionsfaktor am Backen des Kuchens beteiligt ist, liegt darin, dass ihm ausdrücklich oder stillschweigend versprochen wurde, ein bestimmtes Stück davon zu bekommen. Dieses Versprechen wird gebrochen, wenn die Regierung die Verteilung, die den Kuchen zum Backen veranlasst hatte, durch eine Umverteilung nach dem Backen außer Kraft setzt. „Sollte man nun aber glauben, dass dieses Verändern nicht auch das gleichzeitige ‚Backen des Kuchens‘ beeinträchtigt, so ist man einfach gutgläubig,“ so Anthony de Jasay. Weil bei der Verteilung kein Rest verbleibt, erhält durch eine Umverteilung irgendjemand nicht das, was ihm zusteht.

Da die „Gesellschaft“ an der Produktion und Verteilung des Kuchens nicht beteiligt ist und nach der Vertragserfüllung alle Rechte und Verpflichtungen am Kuchen erlöschen, verliert die Wortkombination „soziale Gerechtigkeit“ ihre Plausibilität. Für Anthony de Jasay verbirgt sich hinter diesem Begriff etwas anderes, er nennt es „den indischen Seiltrick“, also jenen Trick, bei dem der Zauberlehrling an dem senkrechtstehenden Seil hochklettert. Die Umherstehenden haben nun die Möglichkeit des ungläubigen Staunens oder der Entzauberung dieser Scharlatanerie.

Die Wortkombination „soziale Gerechtigkeit“ behauptet, dass der aktuelle Verteilungszustand „sozial ungerecht“ sei, d. h., sie fordert eine korrigierende Umverteilung. Wenn der aktuelle Zustand ungerecht ist, dann kann nur die Handlung, die zu diesem Zustand geführt hat, ungerecht gewesen sein. Wer genau hat sich ungerecht verhalten? In unserer Kuchenmetapher wurden alle Verträge erfüllt. Weil kein Vertrag gebrochen wurde, hat auch niemand sich ungerecht verhalten.

Durch jeden ausgeführten Vertrag entsteht eine neue Verteilung. Es gibt keinen Grund für Gleichheit, der alle Gründe für Ungleichheit aufheben würde.

Die Antithese zur Freiheit ist die die menschliche Autonomie außer Kraft setzende Gleichheit. Die Gleichheit entstammt nicht der moralischen Sphäre und verfügt im Gegensatz zur Gerechtigkeit über keine Regeln. Sonst könnte es zumindest theoretisch einen sozial gerechten Gesellschaftszustand geben, weil die Regeln alle befolgt wurden, oder einen ungerechten, weil eine bestimmte Regel nicht befolgt wurde. Wegen der Regellosigkeit ist der Begriff in seiner Bedeutung unbestimmt. Daher wird der Zustand der sozialen Gerechtigkeit niemals erreicht und es kann immer behauptet werden, dass sie nicht vorhanden ist. Folglich muss die „soziale Gerechtigkeit“ etwas mit Gleichheit zu tun haben. Der zu entzaubernde Begriff hinter der „sozialen Gerechtigkeit“ nennt sich Gleichheit. Es ist ein schwer durchschaubarer Zaubertrick, mit dem „gleich“ durch „sozial gerecht“ eine grundlegende Bedeutungsverschiebung widerfährt und dabei den Moralbezug von gerecht übernimmt. Gleichheit und Gerechtigkeit sind jedoch keine Synonyme, sie sind grundverschieden. Es ist diskutabel, ob „gleich“ besser als „ungleich“ ist, aber „ungerecht“ ist zweifelsfrei „gerecht“ unterlegen. Wäre „ungerecht“ „gerecht“ überlegen, könnte und würde dessen moralisches Werturteil nicht „gerecht“ genannt. In der realen Welt gibt es jedoch unendlich viele Gründe für Ungleichheiten. Es fängt mit der Verschiedenheit im menschlichen Denken und in deren Lebensweisen an. Ihre Vielfalt an unbefriedigten Wünschen lässt sie nach Bedürfnisbefriedigung streben. Diese selbst gesetzten Ziele und Zwecke können sie in Kooperation über Verträge verwirklichen. Durch jeden ausgeführten Vertrag entsteht eine neue Verteilung. Es gibt keinen Grund für Gleichheit, der alle Gründe für Ungleichheit aufheben würde. Deshalb wäre es unsinnig, die Beweislast dafür auf die Seite der Ungleichheit zu legen. Die logisch-epistemologische Schlussfolgerung ist, dass die Beweislast für die geforderte Gleichheit dem Gleichheitsbefürworter obliegt. Wer die Beweislast trägt, muss es im Einzelnen zeigen können.

Burkhard Sievert engagiert sich in der Fachgruppe Liberalismus der Atlas Initiative, hat von Anthony de Jasay die Bücher Gegen Politik: Über die Regierung und die geordnete Anarchie sowie Der Gesellschaftsvertrag und die Trittbrettfahrer: Abhandlung über öffentliche Güter übersetzt und das Buch Liberalismus neu gefasst: Für eine entpolitisierte Gesellschaft wiederaufgelegt.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Titel-Foto: Adobe Stock

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