Wie Fiat-Geld zur Verteuerung von Rindfleisch beitrug

6. Dezember 2021 – von Kristoffer Mousten Hansen

Kristoffer Mousten Hansen

In meinem Artikel zum Goldstandard, der im Mai[1] im Journal of Libertarian Studies veröffentlicht wurde, erwähnte ich die veränderten Konsumgewohnheiten in Folge des Zusammenbruchs des Goldstandards, insbesondere einen Rückgang des Rindfleischkonsums. Der angesehene Ökonom George Selgin sah darin ein neues Argument, obwohl ich in meinem Essay lediglich en passant einen möglichen Zusammenhang zwischen Fiatgeld und veränderten Konsumgewohnheiten andeutete, ohne dabei auf Kausalzusammenhänge einzugehen. Daher soll die These neu formuliert und erweitert werden.

Verändertes Konsumverhalten bei Lebensmitteln im 20. Jahrhundert

Der veränderte Fleischkonsum war ein globales Phänomen des 20. Jahrhunderts. Dennoch beschränke ich mich an dieser Stelle auf die USA, obwohl für die übrige Welt dieselben Einflussfaktoren angeführt werden können, zum Teil sogar in größerem Maße. Der Economic Research Service (ERS) des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums erstellt und veröffentlicht umfangreiches Datenmaterial zur Lebensmittelverfügbarkeit, jenen Mengen an einzelnen Nahrungsmitteln, die den US-Konsumenten zur Verfügung stehen. Dabei stellen die verschiedenen Fleischarten untereinander unvollständige Substitute dar, ebenso kann Fleisch durch andere Lebensmittel substituierbar sein. Es erscheint plausibel, dass Konsumenten im Allgemeinen Rind, Schwein und Geflügel – die drei wichtigsten Fleischarten – als besonders enge Substitute ansehen. Nur in seltenen Fällen dürften Ausweichprodukte, beispielsweise Soja, als akzeptabler Ersatz für schmackhaftes Rindfleisch gelten.

Der ERS-Datensatz misst die Verfügbarkeit von Fleisch in Pfund pro Kopf und deckt den Zeitraum von 1909 bis 2019 ab. Im Jahr 1909 waren pro Kopf 51,1 Pfund Rind, 41,2 Pfund Schwein und 10,4 Pfund Huhn verfügbar, insgesamt also 102,7 Pfund Fleisch für jeden Konsumenten. Im Jahr 2019 waren es 55,4; 48,8 bzw. 67,0 Pfund pro Kopf und damit in Summe 171,2 Pfund Fleisch pro Person. Wenngleich der Fleischkonsum gestiegen ist, hat sich die Zusammensetzung der Ernährung doch drastisch verändert. Zieht man außerdem in Betracht, dass Kalbfleisch und Lammfleisch, die 1909 mit 5 bzw. 4,4 Pfund pro Kopf immerhin noch eine untergeordnete Rolle spielten, 2019 praktisch aus der Ernährung verschwunden sind, wird der Wandel noch deutlicher.

Das folgende Schaubild zeigt die veränderte Zusammensetzung des Fleischangebots im Laufe des 20. Jahrhunderts (1971=100). Klar erkennbar ist der stetige und drastische Anstieg bei Hühnerfleisch etwa ab den frühen 1950er Jahren, während die Zunahme der Verfügbarkeit von Rindfleisch 1976 ihren Höhepunkt erreicht und dann stetig bis auf das Niveau von 1909 zurückfällt. Die Verfügbarkeit aller Fleischsorten nimmt circa bis 1970 zu, stagniert danach jedoch.

Quelle: USDA ERS, Hansen 2020.

Betrachtet man die langfristige Entwicklung der relativen Preise der verschiedenen Nahrungsmittel, so ergibt sich ein ähnliches Bild. Die Preise für Rindfleisch sind seit Mitte des 20. Jahrhunderts gestiegen, während andere Preise im selben Zeitraum gesunken sind.

Quelle: Jacks, D.S., “Data on real commodity prices, 1850 – present”

Leider sind die Geflügelpreise nicht im Datensatz aufgeführt. Wir können uns ihnen jedoch annähern, indem wir die Preise für Getreide betrachten, da Getreide einer der wichtigsten Inputs für die Hühnerzucht ist.

Quelle: Jacks, D.S., “Data on real commodity prices, 1850 – present”

Damit liegt der relative Preis von Rindfleisch weit über dem anderer Fleischarten, sodass sich die Nachfrage wenig überraschend auf günstigere Alternativen verlagert hat: Schweinefleisch und, vor allem, Hühnerfleisch.

Die Preisverläufe von Mais und Gerste zeigen, trotz einiger Schwankungen in den 1970er Jahren, einen klaren Abwärtstrend seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Diese Tendenz ist bei anderen Getreidesorten ähnlich, die heutigen Preise liegen weit unter dem Niveau, auf dem sie sich jahrzehntelang hielten. Die Rindfleischpreise sind hingegen deutlich gestiegen und waren 2020 etwa doppelt so hoch wie im Jahr 1850 oder 1900. Damit liegt der relative Preis von Rindfleisch weit über dem anderer Fleischarten, sodass sich die Nachfrage wenig überraschend auf günstigere Alternativen verlagert hat: Schweinefleisch und, vor allem, Hühnerfleisch. Es steht außer Frage, dass sich die moderne Lebensmittelproduktion grundlegend verändert hat.

Die monetären Ursachen der veränderten Nahrungsmittelproduktion[2]

Die eben dargestellten Preisdaten liefern einen ersten Hinweis darauf, dass diese Veränderung ihren Ursprung in der Währungsordnung haben könnte. Bis zum zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts waren die Preise insgesamt recht stabil: Zwar gab es von Jahr zu Jahr Schwankungen, allerdings begründeten diese keine langfristigen Veränderungen, wie sie danach auftraten. Dies fällt mit der Ära des soliden Geldes zusammen, als Geld eine Ware war (Silber oder, ab 1870 fast ausschließlich, Gold) und wie jede andere Ware produziert werden musste. War eine Ausweitung der Geldmenge gewollt, so musste eine andere Ware dafür aufgegeben werden. Dabei spielte es keine Rolle, ob dieses zusätzliche Geld durch die Produktion anderer Güter und den Tausch dieser gegen Geld, oder durch Einsatz der eigenen Arbeitskraft oder des eigenen Kapitals in Goldminen erworben wurde – die wirtschaftlichen Folgen waren dieselben.

Dies änderte sich bekanntlich mit der Abschaffung des Goldstandards im Jahr 1914 und der Einführung zunehmend inflationärer Währungssysteme nach den Weltkriegen. Jedoch kann die Inflation allein die Veränderungen in der Nahrungsmittelproduktion nicht erklären. Inflation führt zu einer Umverteilung von Vermögen, zu kurzzeitigen Verwerfungen und zu Fehlinvestitionen – langfristig aber führt sie vor allem zu höheren Preisen für alle Güter. Das größere Angebot und der zeitgleich niedrigere Preis für Huhn, insbesondere im Vergleich zu Rindfleisch, kann daher nicht mit dem Auftauchen der Inflation erklärt werden.

Eine weitere, mögliche Erklärung dieser Veränderung ist die Entwicklung hin zu größeren Produktivitäts­steigerungen und geringeren Kosten bei der Produktion von Getreide und Hühnerfleisch im Vergleich zu Rindfleisch. Da es sich bei der einfachen Inflation um ein nachfrageseitiges Phänomen handelt – mehr Geld für weniger Güter, wie Friedmaniac es ausdrückt – könnte man meinen, dass die Betrachtung der Angebotsseite die Möglichkeit monetärer Ursachen ausschließt. Wie Mises jedoch klar darlegte, ist die Geldschöpfung im modernen Fiatsystem eng mit der Kreditvergabe verbunden. Obwohl auch unter dem Goldstandard eine Kreditausweitung möglich war, begrenzte die Goldeinlöseplicht diesen Vorgang unweigerlich nach einigen Jahren. Dadurch wurde die Kreditvergabe stets in engen Grenzen gehalten. In dem nach dem zweiten Weltkrieg geschaffenen Währungssystem gibt es jedoch keine derartigen Begrenzungen. Geschäftsbanken haben nunmehr einen wesentlich größeren Spielraum für die Kreditvergabe, da die Zentralbank bereit ist, ihnen bei Bedarf Reserven zur Verfügung zu stellen und Bankenrettungen durchzuführen, wenn der unvermeidliche – mittlerweile weit hinausgeschobene – Zusammenbruch eintritt. Die Kreditvergabe wird, anstatt einer Vermittlung vorhandener Spareinlagen, über die Geldschöpfung der Geschäftsbanken ermöglicht. Die Banken erzielen somit nicht aus der Kreditvermittlung, sondern aus der Geldschöpfung Gewinne und können dadurch Kredite zu Konditionen vermitteln, die durchweg unter dem natürlichen Zinssatz liegen.

Dies führt zwangsläufig zu einer Veränderung des Investitionsverhaltens, da Bankkredite in zunehmendem Maße dominieren. Einige Kapitalquellen, wie beispielsweise Bargeldersparnisse, sind aufgrund des inhärent inflationären Charakters des Systems praktisch unmöglich geworden. Von der Finanzierung durch Eigenkapital wird generell abgeraten, da Bankkredite zu niedrigen Zinssätzen sehr viel attraktiver sind. Nicht nur die Kapitalquelle, auch die Art der Investitionen verändert sich: Unternehmen werden sozusagen „kapitalistischer“, sie investieren in Anlagegüter und neue Produktionsprozesse, um die Produktivität ihrer Fertigungsanlagen zu erhöhen. Die gegenwärtige Steigerung der Produktivität geht jedoch zu Lasten langfristiger Pläne, die möglicherweise eine stärkere wertsteigernde Wirkung entfaltet hätten.

Allerdings sind derartige Produktivitätssteigerungen im Falle der Rinderhaltung und Rindfleischproduktion nicht möglich. Eine Kuh benötigt in der Haltung eine Mindestfläche Land und eine grasbasierte Fütterung, so dass ausgedehnte Heuwiesen und Weiden erforderlich sind.

Dieser Zusammenhang gilt auch für den Agrarsektor, wie der enorme Anstieg der Faktorproduktivität von (materiellen) Wirtschaftsgütern in der Landwirtschaft seit Ende der 1940er Jahre beweist. Allerdings sind derartige Produktivitätssteigerungen im Falle der Rinderhaltung und Rindfleischproduktion nicht möglich. Eine Kuh benötigt in der Haltung eine Mindestfläche Land und eine grasbasierte Fütterung, so dass ausgedehnte Heuwiesen und Weiden erforderlich sind.  Zwar ist eine Ergänzung durch andere Futtermittel möglich, ebenso wie eine intensivere Bewirtschaftung der Flächen. Die dadurch erreichte Produktivitätssteigerung ist jedoch nicht mit den Entwicklungen in der Produktion anderer Güter zu vergleichen: Eine bestimmte Fläche Land, die früher für die Aufzucht einer Rinderherde oder die Erzeugung einer bestimmten Menge Getreide genutzt werden konnte, kann nach zehn oder zwanzig Jahren für die Aufzucht einer Rinderherde derselben Größe genutzt werden – oder für die Erzeugung der zwei- oder dreifachen Menge an Getreide. Die Opportunitätskosten der Viehzucht steigen also beständig an.

Betrachtet man die Geflügel- und Schweinefleischproduktion im engeren Sinne, so sind auch hier enorme Produktivitätssteigerungen zu verzeichnen, die sich auf bankengetriebene Investitionen zurückführen lassen. Neue Produktionsmethoden und Investitionen in moderne Anlagen haben die natürlichen Abläufe in der Schweine- und Hühnerhaltung gleichermaßen gebändigt und sie fast vollständig unter menschliche Kontrolle gebracht, was den Weg zur Massenproduktion eröffnet hat. Bei der Rinderzucht ist dies, zumindest bisher, nicht gelungen (Allen und Lueck 2002)[3]. Trotz viel beachteter Berichte über Mastanlagen für Rinder ist der moderne Massentierhaltungsbetrieb lediglich in der Schweine- und Hühneraufzucht weit verbreitet. Diese Betriebe und Anlagen haben einen viel größeren Spielraum für Investitionen, die aus Bankensicht attraktiv erscheinen. Daher wird ihre Produktion weiter ausgeweitet werden und der Produktivitätsvorsprung zur Rindfleischproduktion stetig zunehmen.

Fazit

Sobald die enge Verbindung zwischen der Ausweitung der Kreditvergabe und der Geldschöpfung im modernen Finanzsystem betrachtet wird, zeigt sich, wie sehr das Fiatgeld und ein privilegiertes Bankwesen die Wirtschaftsordnung verzerren. Geschäftsbanken generieren Seignorage, den Gewinn aus der Geldschöpfung, indem sie Kredite vergeben. Durch die so ermöglichten, niedrigen Kreditzinsen sind die Banken konkurrierenden Finanzierungsquellen, seien es private Ersparnisse oder unabhängige Kreditgeber, überlegen. Infolgedessen ist die Kreditvergabe im System der kreditausweitenden Banken zentralisiert und Investitionsentscheidungen werden von der kurzfristigen Logik dieses Systems diktiert. Die veränderten Ernährungsgewohnheiten sind eine Folge der daraus resultierenden Verzerrungen, wenn auch eine, die bisher von niemandem, auch nicht von Selgin, untersucht wurde.

Hätte der Goldstandard fortbestanden, wäre es nicht zu dieser Verzerrung der Produktions- und Ernährungsgewohnheiten gekommen.

Da vornehmlich in die Produktion von Getreide, Schwein und Geflügel investiert wird, steigt die Produktivität in diesen Bereichen stärker an als in der Rindfleischproduktion. Das Angebot an diesen Lebensmitteln steigt, während die Preise im Vergleich zum Angebot und Preis von Rindfleisch sinken.  Im Allgemeinen ist das Budget der Verbraucher für Lebensmittel relativ starr, so dass zusätzliches Einkommen für den Kauf anderer Konsumgüter, aber nicht für den Kauf von Nahrungsmitteln verwendet wird. Diese Verallgemeinerung ist als Engelsches Gesetz[4] bekannt. Rindfleisch wird daher immer mehr zu einem Luxusgut, das nur von den Wohlhabenden regelmäßig konsumiert wird und das von der Arbeiter- und unteren Mittelschicht nur zu besonderen Anlässen genossen wird. Hätte der Goldstandard fortbestanden, wäre es nicht zu dieser Verzerrung der Produktions- und Ernährungsgewohnheiten gekommen. Wir hätten dann vielleicht auf die Restaurants von Kentucky Fried Chicken und Chick-fil-a verzichten müssen, aber Chick-fil-a ist ohnehin nur ein schwacher Trost, wenn man gezwungen ist, sich hauptsächlich von Huhn – dem Brokkoli unter den Fleischsorten – zu ernähren.

[1] Hansen, Kristoffer Mousten, “The Populist Case for the Gold Standard,” Journal of Libertarian Studies 24, Nr. 2 (2020): 323-361.

[2] Die folgenden Ausführungen beruhen auf Untersuchungen im Rahmen meiner Dissertation Monetary Systems and Industrial Organization: The Case of Agriculture, die im Dezember verteidigt werden soll.

[3] Allen, Douglas W. und Dean Lueck (2002). The nature of the farm: Contracts, risk, and organization in agriculture, Cambridge, Mass.: MIT Press.

[4] Das Engelsche Gesetz ist in Wirklichkeit eine notwendige Folge des Gesetzes des abnehmenden Grenznutzens, eine Schlussfolgerung, die erstmals 1967 von dem italienischen Ökonomen Paolo Leon gezogen wurde und die ich in meiner Dissertation nachweise.

Kristoffer Mousten Hansen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftspolitik der Universität Leipzig und Doktorand an der Universität von Angers. Er ist außerdem Research Fellow des Mises Institute, Auburn, Alabama.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Titel-Foto: Adobe Stock

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