In einer liberalen Gesellschaft gilt die Freiheitsvermutung – Interview mit Anthony de Jasay

10. Dezember 2021 – Interview mit Anthony de Jasay

von Aschwin de Wolf [1]

Anthony de Jasay

Anlässlich des in in deutscher Übersetzung erscheinenden Buches von Anthony de Jasay, Der indische Seiltrick und die soziale Gerechtigkeit, veröffentlicht das Ludwig von Mises Institut Deutschland eine Übersetzung eines Interviews von Aschwin de Wolf mit Anthony de Jasay aus dem Jahr 2010.

*****

1. Wieder einmal sind wir in eine Ära eingetreten, in der die (unbeabsichtigten) Konsequenzen von staatlicher Regulierung und Zentralbankwesen dem „Kapitalismus“ zugeschrieben werden. Was motiviert Sie als Autor?

Die kurze Antwort lautet: Allergie. Ich weiß gut genug, dass es wenig oder gar keinen Sinn macht, gegen populistische Politiker und Experten zu argumentieren, die den gierigen Kapitalismus und die unzureichend kontrollierten Märkte anprangern, die, wie sie behaupten, zur Katastrophe geführt haben und wieder zu einer Katastrophe führen werden. Meine Allergie gegen diesen modischen Klatsch lässt mich notgedrungen reagieren. Eine „unzureichend“ regulierte Wirtschaft ist tautologisch gesehen eine schlechte Sache. Sie ist das Schlechteste von zwei Welten, auf halbem Weg zwischen zwei hypothetischen Weltzuständen. Der eine ist eine Reihe reiner Märkte, die spontan ihre Standardfunktionsweise erzeugen. Die andere ist eine Reihe umfassender Kontrollen, die Funktionsweisen erzwingen, die Märkte auf weitgehend unvorhersehbare Weise transformieren und sterilisieren. Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass der zweite dieser Weltzustände dem ersten vernünftigerweise vorzuziehen ist oder dass die Hypothese, auf der der Zustand beruht, intellektuell respektabler ist. Da die hybride Lösung zwischen den beiden Weltzuständen 1929 und nochmals 2008 zu schlechten Ergebnisse geführt hat, ist es absurd, so zu reden, als hätte die Geschichte ein „empirisches Urteil“ über den Kapitalismus gefällt, und einen imperativen Ruf nach einer „neuen [Welt-]Ordnung“ ausgesprochen und ein „neues Paradigma“ zu deren Klärung.

2. Eine kleine, aber lautstarke Tradition in der politischen Philosophie argumentiert gegen den Staat aus vertragstheoretischer Sicht. Der amerikanische individualistische Anarchist Benjamin Tucker und zuletzt der Philosoph Jan Narveson sind Vertreter dieser Denkschule. Glauben Sie, dass der vertragstheoretische Rahmen gegen den Staat verwendet werden kann, oder sind Sie der Meinung, dass vertragstheoretisches Denken von Natur aus zu antiliberalen Schlussfolgerungen tendiert?

… angenehme Regeln würden verhindern, dass die Mehrheit sich durchsetzt und der Minderheit Ressourcen entzieht.

Jede Version der Vertragstheorie, von der grausamen hobbesschen Variante bis hin zu den beschwichtigenden Varianten des 20. Jahrhunderts, hat in ihrem Kern einen Vertrag. Durch diesen Vertrag verpflichten sich die Menschen sich selbst und ihre Nachkommen einstimmig, kollektive Wahlen zu akzeptieren, was auch immer diese sein mögen, wenn sie in Übereinstimmung mit einer Wahlregel getroffen werden (was Kenneth Arrow zu Recht als „Verfassung“ bezeichnet hat). Dieses Arrangement legt das fest, was ich das „Prinzip der Unterwerfung“ nenne, und legitimiert den politischen Gehorsam. Dieses Arrangement ist in der Tat die Akzeptanz einer Regel der Regelsetzung. Die harte Regel der Regelsetzung erlaubt einen größeren Ermessensspielraum („der Diktator entscheidet, was er diktiert“) als eine angenehmere („die Mehrheit kann sich nur für pareto-verbessernde Alternativen entscheiden“). Die vertragstheoretische Behauptung ist, dass eine klare Kluft zwischen der harten und der angenehmen Regel besteht. Die Regel der Regelsetzung ist jedoch ipso facto auch eine Regel der Regeländerung. Durch Änderung und Auslegung wird die angenehme Regel nicht lange angenehm bleiben. Der Mechanismus der Mehrheitsabstimmung arbeitet gegen sie, denn angenehme Regeln würden verhindern, dass die Mehrheit sich durchsetzt und der Minderheit Ressourcen entzieht.

3. In der Anthony de Jasay Festschrift Ordered Anarchy schreibt der Nobelpreisträger James Buchanan, dass einige Ihrer Arbeiten sogar als Wissenschaftsphilosophie eingestuft werden könnten. Findet diese Bemerkung Widerhall bei Ihnen, und fühlen Sie sich einer bestimmten Tradition in der Wissenschaftsphilosophie verbunden?

James Buchanan überschätzt meine Reichweite, wenn er behauptet, sie reiche bis zur Wissenschaftsphilosophie. Mein einziger Berührungspunkt mit der Wissenschaftsphilosophie besteht darin, dass ich die Asymmetrie zwischen Verifikation und Falsifikation verwende, um die Beweislast in vertragstheoretischen Situationen aufzuerlegen und damit das solide epistemologische Fundament aufzuzeigen, dass die großen und in der Tat entscheidenden Annahmen einer gesunden, liberalen Gesellschaft stützt: die Freiheitsvermutung, die Unschuldsvermutung und die Besitzstandsvermutung.

Wenn ich eine Affinität vorgeben könnte, die auf der Bekanntschaft mit einer Schule des epistemologischen Denkens beruht, dann wäre es wahrscheinlich der kritische Rationalismus von [Karl] Popper. Ich würde jedoch auf Induktion und subjektive Wahrscheinlichkeit setzen, wenn ich die Bedingungen darlege, die eine Handlung mit unbekannten zukünftigen Konsequenzen rational machen würden. Das Kriterium der kritischen Rationalität – d. h. die Verwendung einer Hypothese, die in der Vergangenheit am besten der Kritik standgehalten hat – ist wenig hilfreich bei der Maximierung des erwarteten „Nutzes“ einer Handlung.

4. In dem Kapitel „Ist eine beschränkte Regierung möglich?” in Ihrem Buch Gegen Politik schreiben Sie, dass „eine dauerhafte beschränkte Regierung nur in Verbindung mit einer unvernünftigen Billigung bestimmter metaphysischer Aussagen durch bedeutende Teile der Gesellschaft möglich ist“, (S. 114). Aber leitet der Staat nicht den größten Teil seiner Legitimität aus dem unkritischen Glauben an Dinge wie „Menschenrechte“, „das Gemeinwohl“ und andere nicht beobachtbare Entitäten ab?

Einige unvernünftige metaphysische Sätze funktionieren als Tabus und Verbote, aber offensichtlich funktionieren nicht alle so. Das klassische Beispiel für das Tabu, das dazu neigt, die Regierung zu beschränken, ist das gegen ein staatliches Haushaltsdefizit, das vom Ende der Napoleonischen Kriege bis zum Ersten Weltkrieg als Todsünde gefürchtet war. Menschenrechte sind metaphysische Sätze, aber sie funktionieren nicht wirklich als Tabus. Wenn sie die „Freiheit von Not“ einschließen, wie sie die Vereinten Nationen 1948 in einer Resolution verkündeten, tragen sie sicherlich nicht dazu bei, die Regierung zu beschränken. Der Glaube an die Existenz eines Gemeinwohls verbietet fast nichts und erlaubt fast alles.

5. Der Wissenschaftsphilosoph Gerard Radnitzky hatte eine sehr hohe Meinung von Ihrem Argument zugunsten der Freiheitsvermutung. Halten Sie dieses Argument für zentral in Ihrem Werk?

Ja, es ist das gleiche Argument wie das, das der Unschuldsvermutung und dem Besitztitel zugrunde liegt. Ich hatte lange Briefwechsel über die Herleitung der Freiheitsvermutung mit dem verstorbenen Gerard Radnitzky, der mir sehr geholfen hat, sie zu glätten und zu vereinfachen.

6. Klassische Liberale waren in der Vergangenheit starke Befürworter des Abbaus der Staatsschulden. Einige zeitgenössische libertäre Anarchisten glauben jedoch, dass wir die Staatsschulden nicht als „unsere“ betrachten sollten, und sie argumentieren gegen deren Rückzahlung. Wäre eine solche Perspektive nicht wirksamer, als zu versuchen, die finanzielle Gesundheit des Staates zu stärken?

Zu erklären, dass wir nicht für unsere Staatsschulden haftbar sind, ist schieres Gerede, es sei denn, wir können die Gerichte dazu bringen, die Steuergesetze nicht anzuwenden, und die Polizei dazu bringen, dem Staat nicht zu gehorchen. Um dieses Ergebnis zu erreichen, müsste der Staat abgeschafft werden. Wenn uns das gelingt, schön und gut, aber warum sollten wir uns dann die Mühe machen, die Schulden des Staates abzulehnen?

7. Sie scheinen pessimistisch zu sein, was die Aussichten auf eine beschränkte Regierung betrifft, solange die praktische Politik von Eigeninteresse ohne deontologische Zurückhaltung dominiert wird. Aber hängt der Fortbestand der Politik nicht davon ab, dass die Menschen ihr Eigeninteresse nicht erkennen, wenn sie die irrationale Handlung der Stimmabgabe vollziehen?

Dies ist eine zusammengesetzte Frage, die zwei Komponenten zu haben scheint. Die eine ist, dass die Stimmabgabe irrational ist (weil sie keinen Einfluss auf das Ergebnis hat), und die andere ist, dass die Stimmabgabe, selbst wenn sie das Ergebnis beeinflussen würde, sie nicht dem Interesse des Wählers dienen würde. In der Tat ist die Meinung weit verbreitet, dass kein Wähler rational erwarten kann, das Ergebnis zu beeinflussen, weil Millionen von Wählern abstimmen. Trotzdem gehen immer noch Millionen zur Wahl, was ein wenig merkwürdig aussieht. Es sind viele parapsychologische Geschichten geschrieben worden, um zu erklären, warum sie das tun. Ich bin mir nicht sicher, ob wir sie brauchen. In einer gut geschmierten Demokratie ergibt das perfekte Wahlergebnis eine hauchdünne Mehrheit, denn dieses Ergebnis maximiert die Größe der Verliererkoalition, die ausgebeutet werden kann, und minimiert die Größe der Gewinnerkoalition, deren Mitglieder die Beute teilen. Diese Idee ist natürlich das bekannte Medianwählertheorem. Wenn die Mehrheit buchstäblich hauchdünn ist, verwandelt die Verschiebung einer einzigen Stimme die Mehrheit in eine Minderheit und andersherum. Daher führt der perfekt geschmierte demokratische Mechanismus zu Ergebnissen mit einer Mehrheit von einer Stimme; eine einzige Stimme ist entscheidend; und daher ist der Wähler ziemlich rational, sie abzugeben. In einer weniger perfekt geschmierten Demokratie, in der die Mehrheit dicker ist als eine Oblate, ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine einzelne Stimme ausschlaggebend ist, geringer als Eins (das Medianwählertheorem gilt nicht ganz), aber sie muss nicht vernachlässigbar sein. Da die Stimmabgabe nicht sehr kostspielig ist, ist die Behauptung, es sei irrational, abzustimmen, eine viel zu starke Behauptung.

Der zweite Teil des zusammengesetzten Satzes – dass die Stimmabgabe nicht dem Eigeninteresse des Wählers dient – scheint mir zwischen den Zeilen zu suggerieren, dass die Politik verschwinden würde, wenn wir nicht für irgendeine Partei und irgendeinem Programm stimmen würden, was unseren Interessen am besten dienen würde. Ich kann dem zweiten Teil dieses Satzes zustimmen, aber dem ersten jedoch nicht: Die Politik würde nicht verschwinden. Ich denke, dass die Wähler ihrem Eigeninteresse sowohl dadurch dienen können, indem sie sich Vorteile auf Kosten anderer verschaffen, als auch dadurch, dass sie andere daran hindern, sich Vorteile auf ihre Kosten zu verschaffen. Solch ein umverteilendes Ping-Pong ist mit ziemlicher Sicherheit ein Negativsummenspiel, das kein Spieler, der seine Auszahlung maximiert, einseitig beenden würde. Ein einseitiges Beenden (d. h. keine Stimmabgabe in seinem Eigeninteresse) würde seine negative Auszahlung erhöhen oder seine positive Auszahlung in eine negative verwandeln.

Der demokratische Mechanismus könnte dieses Ergebnis (das ich „Umrühren“ in meinem Buch Der Staat getauft habe) nicht mehr hervorbringen, wenn der Mechanismus am Ende seiner Kräfte ist, die Menschen Angst vor dem drohenden Totalzusammenbruch bekommen, und sie gegen die Negativsummenspiele stimmen. Großbritannien im Jahr 1979, das zu den Thatcher-Jahren führte, ist das klassische Beispiel.

8. Während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die klassisch-liberale Wissenschaft anarchistischer und kritischer gegenüber der politischen Demokratie geworden. Einige mögen argumentieren, dass diese Veränderung den Liberalismus kohärenter und empirischer, aber weniger einflussreich machen wird. Stimmen Sie dem zu?

Diese Kräfte werden die Verfassungen so lange verdrehen und verändern … bis sie … zur Bedeutungslosigkeit reduziert werden. 

Eine der Schwächen des klassischen Liberalismus, den ich schon immer für unglaubhaft hielt, war und bleibt meines Erachtens, dass er sich einem uneingeschränkten Wunschdenken hingibt. Er arbeitet schöne Verfassungen aus, die auf so liberalen Werten wie Freiheit, Eigentum, der Herrschaft des Gesetzes [rule of law], Unabhängigkeit der Justiz usw. basieren, erklärt die moralische Überlegenheit und die praktischen Vorteile der liberalen Ordnung, die eine solche Verfassung hervorbringen würde, und zeigt ein fast schon erbärmlich naives Vertrauen, dass die Traumverfassung tatsächlich dieses Traumergebnis hervorbringen würde. Diese Art von Argumentation wurde unter feiner Missachtung der lebendigen Kräfte der Politik der realen Welt vorgebracht, die mit solchen Verfassungen unvereinbar sind. Diese Kräfte werden die Verfassungen so lange verdrehen und verändern und in wesentlichen Teilen umgestalten, bis sie in Bezug auf die Kontrolle über so wichtige kollektive Entscheidungen wie Steuern, Produktion öffentlicher Güter und Einkommensverteilung zur Bedeutungslosigkeit reduziert werden. Es ist traurig zu sehen, wie ein solch großer Ökonom wie Friedrich August von Hayek einen verblüffend naiven Text [wie die] Verfassung der Freiheit verfasst hat, und noch trauriger ist es zu sehen, dass zwei Generationen von guten Männern und Frauen diesen Text aufschlecken.

9. In Ihrer Rezension von Ken Binmore’s Natural Justice schreiben Sie, dass Sie sich freuen würden, zu einem „post-Robbins[2] hartnäckigen Neoklassiker“ gezählt zu werden. Gibt es neben der Ablehnung von interpersonellen Nutzenvergleichen noch andere Entwicklungen in der modernen Wirtschafswissenschaft, die Sie für ermutigend halten?

Ich bleibe sicherlich ein eingefleischter Neoklassiker, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich mich noch als Ökonom bezeichnen darf. Ich bin nie über John Hicks hinausgekommen, dem ich, als ich in Oxford lehrte, ziemlich nahestand, und die anschließende fast vollständige Abkehr der Wirtschaftswissenschaft von der beschreibenden Sprache zugunsten der Algebra hat mich nicht dazu angespornt, mit den späteren Fortschritten, wenn überhaupt, der ökonomischen Theorie Schritt zu halten. Ich vermute, dass einige der jüngsten Fortschritte, wie z. B. die Informationsasymmetrie und die „Verhaltensökonomie“, nicht die Bedeutung haben, die die Öffentlichkeit ihnen zubilligt. Natürlich ist eine Studienrichtung – die Spieltheorie – tief in die Wirtschaftswissenschaft und in auch mehrere andere Disziplinen eingedrungen. Ich glaube, dass sie von großer Bedeutung ist, und ich persönlich fühle mich besser gerüstet über Gesellschaft und Politik nachzudenken, weil ich ein elementares Verständnis von ihr gewonnen habe. Meine Schriften der letzten zehn Jahre verdanken viel der neuen Denkweise, die ich unter dem Einfluss der Spieltheorie allmählich angenommen habe. Damit möchte ich jedoch zum Ausdruck bringen, dass ich mich nicht einen Augenblick lang berechtigt fühle, als Spieltheoretiker bezeichnet zu werden, sondern nur höchstens als Zuschauer und Nutznießer dieser Disziplin.

10. In Ihrer jüngsten Arbeit ist Ihre grundsätzliche Übereinstimmung mit David Humes Denken über Konventionen deutlicher geworden. Man könnte meinen, dass eine solche Perspektive auch eine Präferenz für Geldformen beinhalten würde, die sich durch Konventionen entwickelt haben, aber Ihre Arbeit schweigt meistens in Geldfragen. Ist dieses Schweigen eine bewusste Entscheidung, oder haben Sie ein Interesse an diesem Thema?

Sie haben völlig Recht, dass ich in den letzten Jahren ein ziemlich treuer Anhänger von David Hume geworden bin; in der Tat war es die Erlangung eines minimalen „Gespürs“ für die Spieltheorie, das mir David Humes wahre Bedeutung und die entscheidende Rolle von Konventionen offenbarte, die er als erster erkannt hat. Dennoch haben Sie auch Recht, dass ich in meinen Schriften dem Geld selten viel Aufmerksamkeit geschenkt habe, obwohl es das Potential für eine Konvention besitzt. Ein Grund für diese Vernachlässigung liegt darin, dass metallisches Geld nicht wirklich konventionell war, während Papiergeld nicht von einer Konvention abhing, weil es als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt und somit „von oben“ und nicht durch Konvention „von unten“ akzeptabel gemacht wurde. Ein weiterer Grund ist, dass ich nie dachte, dass ich etwas Originelles über Geld zu sagen hätte.

11. Sie haben geschrieben, dass „[eine] liberale Ordnung nicht darauf ausgerichtet ist, das maximale Erreichen festgelegter Ziele, der ‚Freiheit’ oder eines wünschenswerten Ziels zu fördern.“ Die Gesellschaft aus teleologischer Perspektive zu betrachten, scheint jedoch in der menschlichen Natur fest verdrahtet zu sein und ist vielleicht ein Überbleibsel aus der Zeit, als unser individuelles Schicksal stark mit dem Schicksal des Stammes verbunden waren. Glauben Sie, dass ein deutlicheres Bekenntnis zu diesem Wesenszug eine mehr ernüchternde Wirkung auf den politischen Fanatismus haben wird als das Reden über „Rechte“, „Freiheit“ und „beschränkter Regierung“?

Ich bin nicht davon überzeugt, dass die Vorstellung, die Gesellschaft diene einem teleologischen Zweck, in unserem Erbgut wirklich „fest verdrahtet“ ist. Ich stimme zu, dass wir geborene Gelackmeierte dafür sind, vermeintliche gemeinsame Ziele zu „kaufen“, die uns von Inhabern politischer Macht oder um die Macht konkurriere Aspiranten „verkauft“ werden. Mal waren Aufklärung und Fortschritt solche Ziele, mal nationale Größe und mal der Sozialismus als Vektor des materiellen Überflusses in Verbindung mit Gleichheit. Ich bezweifle, dass solche flüchtigen Phantasien wirklich „fest verdrahtet“ sein können, obwohl ich mich natürlich irren könnte, und Sie könnten im subtileren Sinne Recht haben, dass das, was „fest verdrahtet“ ist, keine bestimmte Phantasie ist, sondern das Haben einer Phantasie überhaupt, was auch immer sie sein mag. Wenn das so ist, ist es Pech. Was ich jedoch wirklich für „fest verdrahtet“ halte, sind Verhaltensweisen, einschließlich der gesellschaftlichen Arrangements, die geeignet sind, das Überleben des „egoistischen Gens“ zu sichern. Es müsste eine evolutionäre Selektion des Verhaltens geben, die geeignet ist, dieses Ziel zu fördern. Als der Jäger und Sammler umherzog und nicht wirklich überschüssige Nahrungsvorräte auf dem Rücken tragen konnte, selbst wenn er wusste, wie man sie konserviert, war „gleichmäßiges teilen“ innerhalb des Stammes vielleicht die richtige gesellschaftliche Strategie. In den letzten zehntausend Jahren oder so wäre eine solche Strategie vermutlich obsolet gewesen, weil der Mensch sesshaft wurde, und der Fähigste und Stärkste am besten damit zurechtkam, seine Ernte für seine Familie zu lagern und aufzubewahren, anstatt sie gleichmäßig mit ärmeren und weniger gescheiten Verwandten zu teilen. Vielleicht ist eine teleologische Gesellschaft, die egalitäre Arrangements verfolgt, die alte, überholte Strategie des Teilens, die durch evolutionäre Fehler übrigblieb, aber ich vermute, dass andere Ursachen am Werk sind.

12. In Ihrer Rezension von Ken Binmores Natural Justice schreiben Sie auch, dass die zeitgenössische Gesellschaft nicht dem Egalitarismus der Jäger und Sammler oder der Gerechtigkeit als Fairness von John Rawls zu entsprechen scheint. Man könnte jedoch argumentieren, dass auch Individuen nicht mit den Postulaten der neoklassischen Wirtschafswissenschaften übereinstimmen. Würden Sie zustimmen, dass die Rational-Choice-Perspektive eine normative Theorie ist, die immer beschreibender und relevanter wird?

Meine Antwort beginnt mit dem, was ich soeben bei der Beantwortung der vorherigen Frage über die „feste Verdrahtung“ gesagt habe. Ich glaube nicht, dass die Rational-Choice Darstellung menschlichen Verhaltens der Unterstützung durch normative Prämissen bedarf oder gar, dass sie es jemals bedurfte, bevor sie einen mehr beschreibenden Charakter angenommen hatte. Ich sehe sie eher als die stark vereinfachte „Strichzeichnung“ des Individuums in der Gesellschaft, die sich aus unserer elementaren Erkenntnis seiner Natur und seiner Wünsche ableitet und mehr oder weniger an die Technologien unserer Zeit angepasst ist. In diesem Zusammenhang verstehe ich unter Rationalität die Konsistenz oder die Ordnung des Verstandes bei der Formulierung von Präferenzen und Zielen, wie auch immer diese innerhalb der durch konventionelle Regeln gesetzten Grenzen aussehen mögen, sowie die Konsistenz und Ordnungsmäßigkeit der entsprechenden Handlungen. Ich hoffe, ich kann mich auf Ihre Bemerkung verlassen, dass ich die regelsetzenden Konventionen selbst als Produkte der rationalen Wahl (Spielgleichgewichte) und nicht als exogene Daten betrachte. All dies scheint mir nicht allzu sehr mit der Auffassung übereinzustimmen, dass der Menschen „fest verdrahtet“ ist und versucht, das Beste zu geben.

13. In der modernen liberalen Politik wird der Zusammenhang zwischen Umfang und Größe des Staates kaum anerkannt. Viele, die sich als „Liberale“ bezeichnen, waren starke Befürworter der Europäischen Union, weil sie ihre kosmopolitischen Bestrebungen als die Verkörperung eines aufgeklärten Liberalismus verstehen. Können Liberale mit strikten liberalen Argumenten für einen „Alleingang“ in Bezug auf politischen Wettbewerb und Dezentralisierung plädieren?

… weil ich mir nicht ohne weiteres eine Staatsform vorstellen kann, die aufgrund ihrer Struktur tendenziell zu weniger Staat führen würde.

Liberale können entweder für ein kosmopolitisches und supranationales Europa oder für eine Sezession von diesem Europa und für einen Alleingang plädieren. Keines von beidem erscheint mir an sich liberaler als das andere. Welches von beiden ein besseres (ich meine ein weniger illiberales) Ergebnis bringt, ist eine empirische Frage, auf die ich keine Antwort habe. Europa hat bei ernsthaften Liberalen aus einer Vielzahl von Gründen sicherlich viel Enttäuschung hervorgerufen. Eine zusätzliche Ebene von Bürokratie, die zu den bereits bestehenden hinzukommt, und eingebaute Anreize für die Mitgliedsstaaten Trittbrett zu fahren und sich aus der Verantwortung zu stehlen sind zwei der Gründe, die mich davon abhalten, „an Europa zu glauben“. Jedoch haben Dezentralisierung und Alleingänge auch dysfunktionale Tendenzen, selbst wenn alle Subjekte Schweizer sind, und erst recht, wenn sie es nicht sind. Kurzum, ich habe keine Antwort, weil ich mir nicht ohne weiteres eine Staatsform vorstellen kann, die aufgrund ihrer Struktur tendenziell zu weniger Staat führen würde.

14. Wenn Sie auf Ihre bisherigen Veröffentlichungen zurückblicken, was halten Sie für Ihre originellsten Beiträge und welchen Teil Ihrer Schriften halten Sie für besonders überarbeitungsbedürftig?

Wenn ich Originalität beanspruchen kann, dann für meine Arbeit über das Problem der öffentlichen Güter (Der Gesellschaftsvertrag und die Trittbrettfahrer). Es ersetzt das binäre Konzept der Ausschließbarkeit durch das kontinuierliche Konzept der Ausschlusskosten, so dass ein Kinderspielplatz (der durch den Bau eines Zauns und die Beschäftigung eines Pförtners, der Eintrittskarten verkauft, leicht ausschließbar gemacht werden kann) zu einem öffentlichen Gut wird, das nicht ausgeschlossen ist, denn reiche Kinder hineinzulassen und arme auszuschließen, würde zu hohe Ausschlusskosten im Sinne eines schlechten gesellschaftlichen Gewissens mit sich bringen. Die Arbeit stellt auch die Dimensionalität an die Stelle der Nicht-Rivalität; ein öffentliches Gut muss groß genug sein, um der gesamten Öffentlichkeit einen nicht rationierten freien Zugang zu ermöglichen. Unter diesem Gesichtspunkt ist ein öffentliches Gut unteilbar; weniger davon ist nicht öffentlich, mehr davon ist überflüssig. Daraus ergibt sich, dass Grenzkosten und Grenznutzen nicht anwendbar sind, und dass jeder individuelle Beitrag zu den Kosten eines öffentlichen Gutes mit einer Wahrscheinlichkeit von nicht Null entscheidend dafür ist, dass das Gut verfügbar und öffentlich wird. Die Akzeptanz, ein „Gelackmeierter“ zu sein, kann vollkommen rational werden, eine Maximierung des erwarteten Nutzens. Das Trittbrettfahren folgt der gleichen Logik in umgekehrter Richtung; es könnte den freien Zugang zum öffentlichen Gut zu den wahrscheinlichkeitsbereinigten Kosten ermöglichen, da das öffentliche Gut überhaupt nicht produziert wird. Das Buch kann als das diametrale Gegenteil von Mancur Olsons Die Logik des kollektiven Handelns verstanden werden.

Was die Frage betrifft, welcher Teil meiner Arbeit überarbeitet werden muss, so gestehe ich, dass mir heute viel zu viel von dem, was ich vor dem Jahr 2000 geschrieben habe, Unbehagen bereitet. Zu oft habe ich mich darauf verlassen, dass die Freiheit ein Wert oder gar ein Trumpf unter den Werten ist und dass Zwang schlecht ist. Interessanter ist es, die Schlussfolgerungen abzuleiten, die ich präsentiere, ohne mich auf solche Behauptungen zu verlassen, die – wie das Seil, das aus dem Nichts in der Luft hängt und an dem man beim indischen Seiltrick hochklettert – zwar wunderbar gefällig sind, aber keinen „Wahrheitswert“ besitzen.

Ich möchte auch das letzte Kapitel meines Buches Der Staat von 1985 neu schreiben, in dem der falsche Eindruck erweckt wird, dass der Staat, nachdem er zu einem „Arbeitsesel“ geworden ist, der sich fortwährend die Unterstützung der Wählerschaft verdienen muss, zwangsläufig danach strebt, die nächste Stufe seiner Entwicklung zu erreichen und ein totalitärer Arbeitsesel zu werden. In Wirklichkeit denke ich, dass diese letzte Stufe nur selten erreicht wird und dass der Staat wahrscheinlich auf unbestimmte Zeit ein Arbeitsesel bleiben wird. Ich hätte diese Idee deutlicher machen sollen.

15. Was können Sie uns über Ihre aktuellen Interessen und Schreibprojekte mitteilen?

Ich habe jetzt nahezu gänzlich aufgehört zu schreiben, abgesehen von gelegentlichen kurzen Essays, denn mein Augenlicht ist fast vollständig verschwunden, und ich habe nicht die Kraft und die Geduld, das Handicap zu überwinden, nicht lesen zu können, einen Teil eines Entwurfs erneut zu lesen und die Arbeit anderer zu lesen. Ich hätte gerne ein kurzes Buch über Gleichheitsfragen geschrieben, aber da ich mich nicht in der Lage fühle, es tun zu können, oder auf jeden Fall nicht auf dem Niveau zu tun, das ich anstrebe, habe ich die Idee aufgegeben. Ich will nur sagen, um mein Territorium zu markieren, dass der indische Seiltrick in dem Buch eine Rolle gespielt hätte.

*****

[1] Aschwin de Wolf ist ein biomedizinischer Forscher in Portland, Oregon, und schreibt für den Blog Against Politics (http://www.againstpolitics.com/). Das Interview wurde im September 2010 durchgeführt.

[2] Lionel Robbins, britischer Ökonom, 1898 – 1984, Anmerkung des Übersetzers.

Veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung des Independet Institute. Der Originalbeitrag mit dem Titel Interview with Anthony de Jasay ist bei The Independent Review, Bd. 16, Nr. 2, Herbst 2011, S. 271—278 erschienen. Aus dem Englischen übersetzt von Burkhard Sievert.

Anthony de Jasay war ein einflussreicher von jeder Denkschule unabhängiger Philosoph und Ökonom, der zu einem der weltweit führenden Vertreter des klassischen Liberalismus geworden ist. Zu seinen Büchern, übersetzt in ein halbes Dutzend Sprachen, zählen The State (1985), Social Contract, Free Ride: A Study of Public Goods Problem (1980), Choice, Contract, Consent: A Restatement of Liberalism (1991), Before Resorting to Politics (1996), Against Politics: Government, Anarchy, and Order (1997), Justice and Its Surroundings (2002) und Social Justice and the Indian Rope Trick (2015). Auf Deutsch erschienen bisher Der Staat (2018), Liberalismus neu gefasst (1995 und in Neuauflage 2021), eine Sammlung seiner Essays in Liberale Vernunft, Soziale Verwirrung (2008), Der Gesellschaftsvertrag und die Trittbrettfahrer (2020) sowie Gegen Politik (2020). Der indische Seiltrick und die soziale Gerechtigkeit erscheint in Kürze ins Deutsche übersetzt.

*****

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Titel-Foto: Adobe Stock

Kontaktieren Sie uns

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Not readable? Change text. captcha txt

Start typing and press Enter to search