Eine kurze Praxeologie der Politik in 7 Punkten

4. Oktober 2021 – von Andreas Tiedtke

[Nachstehend die Vorstellung des Buches „Der Kompass zum lebendigen Leben“, vorgetragen am 11. September 2021 beim Bundesparteitag der PDV in Grevenbroich.]

Einleitung

Andreas Tiedtke

In meinem Buch „Der Kompass zum lebendigen Leben“ geht es um die von Ludwig von Mises entwickelte Methode der Praxeologie, mit der wir von Vornherein gültige Aussagen (A-priori-Aussagen) über das Handeln machen können und Interpretationen der Geschichte und Mutmaßungen betreffend die Zukunft daraufhin abprüfen können, ob sie gegen logische Denkgesetze verstoßen, die aus dem Handeln folgen. Dabei gehen wir in der Praxeologie von der selbstevidenten Tatsache aus, dass der Mensch handelt, also Mittel einsetzt, um Ziele zu erreichen. Alle Schlussfolgerungen der Praxeologie sind hieraus abgleitet und bereits in dem Satz „der Mensch handelt“ enthalten, also zum Beispiel der abnehmende Grenznutzen, die Vorläufigkeit der Gegenwart, die positive Zeitpräferenz des Handelnden und der Urzins, dass Bewerten stets subjektiv ist – und so weiter.

Ich werde im Folgenden verschiedene Punkte ansprechen, die mit der Praxeologie des politischen Handelns zu tun haben, beginnend mit der Abgrenzung zu ökonomischem Handeln über den Unterschied zwischen Abstimmen und Wählen bis hin zu den – oft unbewussten – Haltungen der Menschen zu sich und der Welt, aus denen folgt, was sie wollen, also welche politischen, ökonomischen, sozialen oder ganz individuellen Ziele sie verfolgen.

1. Was unterscheidet politisches Handeln von ökonomischem?

Politik, wie wir sie heute kennen, ist das Bewirtschaften des Menschen mit dem politischen Mittel Zwang, definierte der Ökonom, Soziologe und Arzt Franz Oppenheimer (1864 – 1943), der übrigens der Doktorvater Ludwig Erhards war und von Ludwig Erhard sehr geschätzt wurde. Als das ökonomische Mittel bezeichnete Oppenheimer den freiwilligen Austausch.

Natürlich ist es möglich, manches, was heute politische Unternehmer tun, auch friedlich und freundlich zu tun, zum Beispiel Straßen zu bauen oder gegen Verbrecher vorzugehen, aber das wäre dann nicht Politik, wie wir sie heute kennen. Denn die Mittel, die die politischen Unternehmer für ihren Unterhalt und ihre Produktion verwenden, erhalten sie, indem sie den Überschussproduzenten ein Übel für den Fall androhen, dass diese nicht wie gefordert abliefern. Und beispielsweise im Falle eines Militärzwanges oder Schulzwanges drohen sie ein Übel für den Fall an, dass der Gezwungene sich weigert.

Freundliches Handeln bedeutet, dass einer ablehnbare Angebote macht oder Bitten ausspricht. In Folge dessen ergeben sich stets Win-win-Situationen, wenn Angebote oder Bitten angenommen werden; alle Beteiligten gewinnen aus ihrer Sicht, sonst käme der Austausch nicht zu Stande. Das kann etwas so Triviales sein, wie wenn ich Sie bitte, mit mir ins Kino zu gehen. Stimmen Sie zu, dann macht dies auch Ihr Leben annehmbarer, sonst würden Sie es nicht tun. Wir gewinnen also beide.

Feindliches Handeln ist hingegen, den anderen durch die Androhung oder Zufügung eines Übels zu einem Austausch zu zwingen oder durch Täuschung einen Austausch zu erschleichen. Kein ablehnbares Angebot, sondern das Androhen eines Übels sichert ab, dass auch derjenige, der nicht auf die Täuschung eingeht, trotzdem tut, was gefordert wird. Und zwar indem der politische Unternehmer sich erhofft, dass der Gezwungene das angedrohte Übel als noch schlechter bewertet, als zu gehorchen.

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Die Täuschungen im ganz großen Stile heißen Indoktrination und Propaganda. In den Menschen sollen gewisse Fehlvorstellungen erweckt werden, sodass Sie zum Beispiel zu der handlungslogischen Fehlannahme gelangen, dass sie anderen etwas schuldig wären, auch wenn sie sich zu nichts verpflichtet haben, oder dass Wirtschaften ein Nullsummenspiel sei, dass es so etwas wie eine normative Wissenschaft geben könne, also eine Wissenschaft von etwas, das zwar nicht ist, aber sein sollte – und so weiter. Nehmen die Menschen diese Fehlhaltungen zu sich und zur Welt an, dann stimmen ihre Überzeugungen zwar nicht mit der Lebenswirklichkeit handelnder Menschen überein, aber sie lassen sich leichter beeinflussen. Sie tun das, was die politischen Unternehmer von ihnen fordern, aus eigener Überzeugung.

In seinem Buch „Humanethologie“, Biologie des menschlichen Verhaltens, beschrieb der österreichische Verhaltensbiologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt (1928 – 2018) Propaganda und Indoktrination wie folgt: es ginge darum, im Denken des Gegners „Überzeugungen und Denkweisen aufzubauen, die den Gegner schließlich überzeugt das tun lassen, was man von ihm gerne will. Diesem Zweck dient die ideo­logische Kriegsführung, von der offenen Propaganda bis zu den subtilen Formen der Überredung und Beeinflussung. Meist kombiniert man diese Methode mit psychologi­schen Methoden des Hofierens, der Einschüchterung und des Angsterweckens.“[1]

2. Aus der Praxeologie folgt kein Imperativ zum freundlichen Handeln

Im Übrigen ist auch die Praxeologie keine Wissenschaft vom Sollen, sondern lediglich beschreibend. Es ist kein Werturteil damit verbunden, wenn in der Praxeologie von politischem Unternehmertum oder feindlichem Handeln gesprochen wird. Wir kennen aus der Verhaltensbiologie die kooperative Symbiose, aber ebenso gibt es Raubtiere oder parasitäre „Kooperation“. Kein Biologe kritisiert einen Löwen dafür, dass er ein Gnu erbeutet. Und ebenso wenig kritisiert er den Kuckuck dafür, dass er die Fehlvorstellungen des Zaunkönigs ausnutzt. Allerdings ist sich das Gnu durchaus der Gefahr durch den Löwen bewusst und rennt weg, wenn ein hungriger Löwe zu nah kommt, wohingegen der Zaunkönig das Kuckucksei als sein größtes Ei im Gelege auch noch stolz bewundert. Was übrigens der „Propaganda“ des Kuckucks geschuldet ist, der das Aussehen seiner Eier an das Aussehen der Eier der Wirtsvögel anpassen kann.

Wir beobachten also in der Biologie, dass eine ökologische Nische, die sich beispielsweise durch die Wehrlosigkeit oder die Anfälligkeit für Täuschungen ergibt, von anderen Tieren genutzt wird, um ihre Ziele zu erreichen. Wir können Pflanzenfresser von Raubtieren unterscheiden oder Symbionten von Parasiten, aber als Wissenschaftler verbindet der Biologe hiermit kein Werturteil.

Ebenso kann der Praxeologe beim menschlichen Handeln beschreiben, dass Mittel der Täuschung und des Zwanges eingesetzt werden von bestimmten Gruppen und sich – infolgedessen und von Vornherein – sogenannte Pareto-Verschlechterungen ergeben. Das bedeutet, dass es aus der Sicht aller Beteiligten zu Win-lose-Situationen kommt. Die einen gewinnen etwas auf Kosten und zu Lasten der anderen. Ohne den Zwang oder die Täuschung hätten diejenigen, die verlieren, ihre Handlungen nicht vorgenommen.

3. Rechte und Pflichten

Praxeologisch gesehen ist Recht subjektiv. Es ist die Wirkung einer Verpflichtung, die jemand freiwillig eingeht, weil er sich dadurch besserstellen möchte. Wenn ich mich beispielsweise freiwillig verpflichte, Ihnen ein Auto zu liefern und Sie verpflichten sich, mir dafür 20.000 Euro zu geben, dann sind mir die 20.000 Euro lieber und Ihnen das Auto. Jeder erhält also mit seinem Recht, das Auto oder die 20.000 Euro zu fordern, aus seiner subjektiven Sicht mehr, als er durch die Verpflichtung, zu liefern beziehungsweise zu bezahlen aufgibt. Rechte und Pflichten entstehen also aus Verträgen, aus Vereinbarungen. Deshalb führen Rechte und Pflichten stets zu Win-win-Situationen aus der Sicht der Beteiligten.

Ich kann aber keinen Dritten in diesem Sinne verpflichten. Wenn ich Sie „verpflichte“, mir 1.000 Euro zu geben, und ich drohe Ihnen an, Sie einzusperren, falls Sie mir das Geld nicht geben, dann verpflichte ich Sie in Wirklichkeit nicht, sondern ich zwinge Sie. Das ist etwas grundlegend anderes als eine subjektive Pflicht und führt stets zu Win-lose-Situationen. Denn in erster Linie möchten Sie ja beides nicht, weder mir das Geld geben, noch eingesperrt werden. Für Sie sind beides Übel und keine Güter.

Es führt zu einer großen Sprachverwirrung, wenn man Rechte und Pflichten einerseits, und Zwang andererseits gleichsetzt. Es handelt sich handlungslogisch bei Wehrpflicht, Schulpflicht oder Maskenpflicht eben um Militärzwang, Schulzwang und Maskenzwang. Derjenige, der ohne die Androhung des Übels anders gehandelt hätte, verliert, und der Zwingende gewinnt auf dessen Kosten und zu dessen Lasten. In der Praxeologie müssen diese Begriffe also streng getrennt werden, wenn sie sinnvoll bleiben sollen, da sie aus der Sicht der Beteiligten etwas grundlegend Verschiedenes sind und zu entgegengesetzten Ergebnissen führen.

4. Konzertiertes Handeln – das Auftreten als organisierte Gruppe

Ein gewichtiger Gesichtspunkt der Praxeologie ist neben dem Prinzip des Mehrertrags der Spezialisierung oder Arbeitsteilung, das den meisten bekannt sein dürfte, das Prinzip des Mehrertrags des konzertierten Handelns, also des Handelns unter Anleitung. Eine Gruppe von 10 Maurerlehrlingen kann ohne Koordination und Anleitung kein Haus bauen. Mit einem Maurermeister, der sie anlernt und anleitet, schaffen sie es. Es kann also nicht nur mehr durch mehrere hergestellt werden, sondern auch Andersartiges geleistet werden.

Konzertiertes Handeln kann praxeologisch anhand von zwei gegensätzlichen Prinzipien beschrieben werden. Einmal zentripetal und einmal zentrifugal. Bei der zentripetalen Organisation bewegt sich die Peripherie auf ein Zentrum zu und die Menschen versprechen sich von der Angliederung an das Zentrum, also den oder die Anleitenden, eine Verminderung der Unzufriedenheit. Dies sind freiwillige Eingliederungen in friedliche Hierarchien, wie im genannten Beispiel mit den Maurer-Lehrlingen, wie allgemein bei der Mitarbeit in einem Unternehmen oder etwa als Orchestermusiker.

Zentrifugal bedeutet, dass es sich um eine feindliche Hierarchie handelt, also die Peripherie sich nicht auf das Zentrum zubewegt, sondern vom Zentrum weg und in erster Linie mit dem Zentrum oder dessen hierarchischer Organisation nichts zu tun haben möchte. Aber das Zentrum lässt die Peripherie nicht in Ruhe. Die Mittel sind Zwang und Täuschung, und schon eine relativ kleine Gruppe kann so eine große Masse von Menschen in eine Hierarchie zwingen, wenn sich in der Peripherie kein konzertierter Widerstand organisiert. Denn als nicht in Gruppen verbundene Einzelne können sie in der Peripherie isoliert werden. So können – im extremen Beispiel – einige Dutzend im Zentrum Tausende in der Peripherie dominieren, wenn Letztere sich nicht ihrerseits organisieren. Deshalb konnte man beobachten, dass es zentrifugal operierenden Akteuren wichtig war, zu erfahren, wer sich widerstandsrelevant organisiert, und dies frühzeitig zu unterbinden.

5. Abstimmen ist nicht Wählen

Sind wir beim konzertierten Handeln und bei der Hierarchie angekommen, ob nun freiwillig arrangiert oder erzwungen, kommen wir zu der Frage, wie über die Richtung entschieden wird, in der organisiert gehandelt wird. Wenn ich vorhin den kategorischen Unterschied zwischen Pflicht und Zwang erläutert habe, möchte ich an dieser Stelle den kategorischen Unterschied zwischen Wählen und Abstimmen erläutern.

Praxeologisch handeln keine Kollektive, sondern Einzelne. Diese können in Gruppen handeln, aber das Individuum, das, was Unteilbar ist, ist die körperlich-psychische Struktur des Einzelnen. Der Einzelne kann sein Wollen, sein Bewusstsein, nicht von seinem Körper ablösen.

Wählen bedeutet vorziehen und ist ordinal, also Präferenzen in einer Rangfolge ordnend. Für das geistige Hilfsmittel der Präferenzskala verwendet man in der Praxeologie Ordnungszahlen, also erstens, zweitens, drittens und so weiter. Mit diesen lassen sich keine algebraischen Rechenoperationen durchführen. Erstens plus zweitens ist nicht drittens und Ordnungszahlen enthalten auch keine quantitativen Informationen, also wie sehr erstens gegenüber zweitens vorgezogen wird. Was man messen und zählen kann, das wird mit Größenzahlen, den sogenannten Kardinalzahlen beschrieben. Mit diesen kann man rechnen.

Abstimmen ist das Zählen von Wählen, also etwas anderes als Wählen. Wenn 51 Leute A wählen und 49 B, dann stehen am Ende zwei Größenzahlen einander gegenüber. Das Zählen von Wahlakten ist selbst kein Wahlakt. Zwar können Menschen einvernehmlich etwas wählen, dann ist das Zählen allerdings überflüssig. Aber wenn unterschiedliche Menschen Unterschiedliches Wählen, dann sagt uns die Größenzahl nur, wie viele das eine oder andere gewählt haben. Quantitative Informationen darüber, wie sehr den jeweils Wählenden A lieber war als B, kann man aus der Information nicht ableiten, die man aus dem Zählen von Wählen erhält. Damit das Ergebnis einer Abstimmung ein Wahlakt würde, müssten alle an der Abstimmung Teilnehmenden zuerst einvernehmlich gewählt haben, dass über eine Frage mit dem Mittel der Abstimmung entschieden werden soll.

Sie wählen zum Beispiel Ihr Essen oder Ihren Partner oder Ihren Beruf. Nun stellen Sie sich vor, Sie wählten dies nicht, sondern es würde darüber abgestimmt, was Sie Essen, mit wem Sie sich niederlegen oder welcher Berufung Sie nachgehen. Und bei der Abstimmung hätte Ihre Stimme – für alle praktischen Belange – kein Gewicht. Das macht den Unterschied recht deutlich.

Oder nehmen wir das Beispiel, dass vier Menschen einen Fünften misshandeln. Es wäre absurd, zu behaupten, das „Kollektiv“ wolle diese Misshandlung zu 80 Prozent. Ein Kollektiv, eine Gesellschaft, das sind Begriffe, die als geistige Hilfsmittel dienen. Ihnen eine reale Existenz zuzuschreiben wie dem handelnden Individuum, bedeutet, dem Denkfehler der Hypostasierung zu erliegen, also einem geistigen Gebilde eine unmittelbare Realität zuzuschreiben, die es so nicht hat. Nicht für alles, wofür es ein Wort gibt, gibt es eine unmittelbare Entsprechung in der Realität. Was wir wissen, ist, dass vier die Misshandlung wollen und dass einer nicht misshandelt werden will. Das lässt sich in Größenzahlen ausdrücken, ändert aber nichts daran, dass die vier gegenüber dem Fünften eine feindliche Handlung begehen und auf seine Kosten und zu seinen Lasten die Verminderung Ihrer Unzufriedenheit erhalten, die sie von der Misshandlung erwarten.

6. Einstellungen und Überzeugungen: wie friedliebend oder freundlich denken Sie von sich und Ihren Mitmenschen?

Was ein Mensch wählt, das hängt von seinen physischen und psychischen Einstellungen und Überzeugungen ab, die letztlich bestimmen, was er denkt und fühlt und damit, was seine Unzufriedenheit vermindert. Das sind seine Haltungen zu sich und zur Welt.

Wer nun ungünstige Haltungen zu sich und der Welt hat, der wird entsprechend diesen ungünstigen Haltungen handeln. Ungünstig hier zunächst in dem Sinne verstanden, dass die Einstellungen und Überzeugungen nicht mit der Lebenswelt handelnder Menschen übereinstimmen.

Beispielsweise meinen manche Menschen, dass sie nicht genügen oder anderen etwas schuldig wären, selbst wenn sie sich anderen gegenüber zu nichts verpflichtet haben. Dieses gewähnte Ungenügen und die gewähnte Schuld kommen oft aus der frühen Kindheit. Ein Kind, das zum Gehorsam erzogen wurde, von den eigenen Eltern oder von politischen Akteuren in Kindergärten, Schulen oder dergleichen, verinnerlicht, dass es Gehorsam schuldig ist. Selbst liebevolle Eltern werden ihr Kind mit dem Mittel Zwang davon abhalten, auf eine befahrene Straße zu rennen.

Und ein Kind, dem man vorschreibt, wohin es sich zu entwickeln habe, damit es ein „vollwertiges Mitglied der Gesellschaft“ werden könne, verinnerlicht, dass es nicht genügt, so wie es hier und heute ist.

Werden diese kindlichen Haltungen zu sich und zur Welt nicht später korrigiert, bleiben diese Gefühle des Ungenügens und des Schuldig-Seins verinnerlicht und aus diesen Haltungen heraus entscheidet dann der kindliche Erwachsene, was er vorzieht. Der kindliche Erwachsene wird dann das Ungenügen und die Schuld überall sehen. Auch andere Menschen sind in diesem Sinne für ihn ungenügend und können ihm oder „der Gesellschaft“ auch dann etwas schulden, so bildet er sich ein, wenn sie sich ihm gegenüber zu nichts verpflichtet haben.

Eine weitere verbreitete Haltung zu sich und der Welt ist die der Ego-Illusion. Wer meint, ein getrenntes „Ich“ zu sein, das in diese Welt gesetzt wurde, und „draußen“ sind die anderen und „drinnen“ bin ich, der irrt nicht nur doppelt, sondern er wird auch weniger friedliebende und freundliche Haltungen zur Welt haben, als jemand, der die Ego-Illusion aufgegeben hat. Er irrt doppelt, weil erstens unsere Haut zwar unsere Grenze zu unserer ökologischen Nische und unseren Mitmenschen ist, aber als Grenze ist sie eben auch durchlässig und ermöglicht uns den ständigen Austausch. Wir erhalten unsere physische und psychische Struktur aufrecht im ständigen Austausch mit unserer Umwelt. Nicht nur übernehmen wir Sprache und Ideen von anderen, auch unsere körperliche Substanz verändert und erneuert sich ständig. Es ist eben ein Aspekt des Mensch-Seins, dass er als Individuum hinsichtlich seines Wollens und seiner physischen Struktur nicht „teilbar“ ist, und ein anderer Aspekt ist die integrale Verbundenheit mit seiner Umgebung. Wenn wir den Einzelnen betrachten, betrachten wir ihn als Vordergrund vor einem Hintergrund.

In der Praxeologie ist der Handelnde der Einzelne, nicht die ökologische Nische, die „Menschheit“ oder etwa die Gesamtheit der Ökologie, etwa Mutter Erde „Gaia“. Aber ein anderer Aspekt ist eben auch, dass der Mensch nicht als isolierter Einzelner „in“ diese Welt gesetzt wurde, sondern er „aus“ dieser Welt selbst stammt, ein integraler Teil dieser Welt, der Natur, der Umwelt ist. Das ist eine biologische und physische Tatsache. Wer aber nur oder hauptsächlich den Aspekt der Getrenntheit von den anderen sieht und nicht auch den Aspekt der vielfältigen Verbundenheit, der hat unter Umständen eine feindlichere Haltung zu seiner Lebenswelt, als er sie ansonsten hätte.

Letztlich gehen viele Einzelne heute von zwei überzeichneten und sich widersprechenden Haltungen zu ihrem Ego und ihrer Umwelt aus. Einerseits sehen sie sich selbst als Ego an, dass einsam in diese Welt gesetzt wurde, und andererseits als unselbständigen Teil eines Kollektivs, das einen eigenen Willen haben soll. Dass sich die Haltungen der Menschen zu sich und der Welt widersprechen, ist im Übrigen nicht nur möglich, sondern üblich.

Und die dritte verbreitete Haltung zu sich und der Welt ist die Verdrängung der Gewalt. Wer sich nicht bewegt, spürt seine Ketten nicht, und wenn sich die Menschen aus den Gefühlen der Ohnmacht und des Schuldig-Seins heraus quasi mit eingeschriebenen Briefen und halbstündigen Radio-Ansagen zu einem bestimmten Handeln zwingen lassen, weil sie Widerstand für zwecklos halten, dann bleiben der Zwang und die Gewalt in der Gesellschaft unsichtbar. Ludwig von Mises schrieb:

Der Staat unterwirft, kerkert ein und tötet. Die Menschen sind geneigt, das zu vergessen, weil der gesetzestreue Bürger sich der Ordnung der Obrigkeit klaglos unterordnet, um Bestrafung zu vermeiden. Aber die Juristen sind re­alistischer und nennen ein Gesetz, das nicht mit Zwang durchsetzbar ist, ein unvollkommenes Gesetz. Die Autorität der menschengemachten Gesetze beruht vollständig auf den Waffen der Polizisten, die für deren Vorschriften Gehorsam erzwingen. Keine Reform kann die Arbeit einer Einrichtung zu­friedenstellend verändern, deren wesentliche Aktivität darin besteht, Leid zuzufügen. Jeder Mensch strebt danach, die Gründe zu vermeiden, die ihm Leid zufügen; die Aktivitäten des Staates beruhen letztlich in der Zufügung von Leid.[2]

Diese – oft unbewussten – Haltungen zu sich und der Welt, also das Ungenügen und Schuldig-Sein, die Ego-Illusion und die Verdrängung der Gewalt führen nun dazu, dass die Menschen erstens feindliche Haltungen zu sich und/oder den anderen entwickeln und sie die Gewalt, die in jeder Androhung und jedem Zwang steckt, verdrängen und sich ohnmächtig fühlen.

Die Haltungen sind zudem ungünstig, weil sie mit der Wirklichkeit handelnder Wesen nicht übereinstimmen. In der Handlungslogik gehen wir notwendig von Kausalität aus, also dass Wirkungen Ursachen zu Grunde liegen, denn ohne Kausalität ist Handeln nicht denkbar. Wer meint, nichts bewirken zu können, der kommt nicht auf die Idee, zu handeln, um seine Unzufriedenheit zu vermindern.

Eine Schlussfolgerung der Praxeologie, die sich aus der Kategorie der Kausalität ergibt, ist, dass alles Existierende notwendigerweise so ist, wie es ist. Alles, was geschah, geschah unvermeidlich. Was hier und jetzt geschieht, musste im Gestern als Potenzial angelegt sein. Deswegen ist jeder zu jeder Zeit in dem Sinne vollkommen, als er das einzigartige und unvermeidliche Ergebnis seiner Ontogenese (Lebensgeschichte) ist. Dass andere die oder jene Personen besser und schlechter finden, steht dem nicht entgegen, sondern sagt uns nur etwas über deren Vorlieben und Abneigungen. Es gibt keinen objektiven Maßstab für besser und schlechter, nur viele subjektive.

Weitere praxeologisch informierte Einstellungen und Überzeugungen sind zum Beispiel:

Die Welt schuldet mir nichts, nicht einmal Gerechtigkeit.

Die Dinge an sich sind weder gut noch schlecht, erst meine Bewertung macht sie dazu.

Oder: Ich muss die Regeln anderer nicht befolgen, nur weil sie mich dazu zwingen wollen.

Um hier nur drei Beispiele zu nennen. In meinem Buch „Der Kompass zum lebendigen Leben“ finden Sie zahlreiche weitere Einstellungen und Überzeugungen, die mit der Lebenswirklichkeit handelnder Wesen übereinstimmen.

Menschen, die aus dem Ungenügen heraus agieren, aus dem Mangel und der Schuld heraus, und die sich entsprechende psycho-soziale Kompensationstechniken zugelegt haben, brauchen unter Umständen Schuldnarrative, um ihr Schuldig-Fühlen, ihr Ungenügen, ihre Ego-Illusion und ihre Ohnmacht auszuagieren und abzuleiten.

Narrative wie etwa Überbevölkerung (Du bist zu viel!), Klimaveränderungen (Du verbrauchst zu viel!) oder die Begründung staatlicher Zwangsmaßnahmen bei Krankheitswellen (Du machst andere krank, wenn du nicht gehorchst!) fallen bei solchen Menschen auf fruchtbaren Boden. Diskussionen auf der Handlungsebene über die mangelnde Objektivität und die Unsicherheit der wissenschaftlichen Methoden, die bei solchen Experten-Mutmaßungen angewendet werden, oder Diskussionen darüber, dass aus der nur beschreibenden Wissenschaft nie folgen kann, was sein sollte, weil es keine normative Wissenschaft gibt von etwas, das sein sollte – solche Diskussionen sind nicht möglich, da sie ein Mensch mit den vorbeschriebenen Haltungen von seinem Fühlen und Denken her nicht annehmen kann.

7. Erst werden sich die Haltungen ändern, dann „die Gesellschaft“

Da das Handeln aus dem Denken und Fühlen folgt und das wiederum aus den Haltungen zu sich und der Welt, wird sich eine friedliebendere und freundlichere Gesellschaft erst ergeben, wenn sich die Haltungen zumindest einer Minderheit hin zu friedlichen und freundlichen Einstellungen geändert hat. Das erfordert jedoch eine gewisse emotionale Spannung, denn um an die Einstellungsebene zu gelangen, muss man – bildlich gesprochen – durch die Denken-und-Fühlen-Ebene hindurch gehen.

Aus der Psychologie wissen wir, dass man selbst Menschen, die zum Beispiel des kritischen Denkens bereits fähig sind, wieder zurück in eine frühere, kindlichere Haltung bringen kann, wenn man sie emotional in die Unruhe bringt, Angst oder Schuldgefühle bei ihnen auslöst. Ein etwa Vier- bis Achtjähriger zum Beispiel wird sich den Glauben an den Weihnachtsmann nicht ausreden lassen. Seine Fähigkeit zum kritischen Denken ist noch nicht weit genug entwickelt, als dass er sich darüber wundern könnte, wie denn der Weihnachtsmann in so kurzer Zeit so viele Geschenke ausliefern könnte und was seine Motivation sein könnte.

Ein etwa Zwölfjähriger hingegen ist bereits des kritischen Denkens fähig, auch wenn er die Illusionen des Ungenügens, Schuldig- und Getrennt-Seins weiter hegen wird. Er glaubt nicht mehr an den Weihnachtsmann, aber er glaubt zum Beispiel, dass er ein besserer Mensch sei als sein kleiner Bruder, weil er selbst schon schlauer ist und besser Fußball spielt. Er agiert also noch aus dem Ungenügen heraus, weil er noch nicht begriffen hat, dass in Wirklichkeit niemand ein Ei dafür kritisiert, dass es kein Huhn ist.

Wenn ich nun einen Erwachsenen mit den geistigen Haltungen eines etwa Zwölfjährigen beschäme, anstatt mit ihm auf der Sachebene kritisch zu diskutieren, dann kann es sein, dass er auf seine noch früheren Einstellungen des Vier- bis Achtjährigen zurückgreift und wieder lieber an ein „Dogma“ glaubt, statt kritisch zu denken, weil ihm das die Sicherheit gibt, die er vermeintlich braucht. Und auch jemand, dessen erwachsene Einstellungen noch nicht gefestigt sind, kann in Zeiten der Krise auf frühere Haltungen zurückgreifen.

Das ist aber zugleich eine Zwickmühle für diejenigen, die versuchen, andere psychologisch zu manipulieren. Denn es kann zu einem Kipp-Punkt kommen, an welchem Angst und Hilflosigkeit so groß geworden sind, dass sie in ihr Gegenteil umschlagen. Der Mensch zieht sich in der Krise nicht mehr zurück in frühere kindlichere Haltungen, sondern er hält nach neuen Einstellungen und Überzeugungen Ausschau. Um solche Anpassungen zu verhindern, werden verschiedene Methoden der psychologischen Lenkung kombiniert: Verschärfungen wechseln sich ab mit gelegentlichen Lockerungen, es gibt Zuckerbrot und Peitsche, die Krisen-Narrative können verändert werden und so weiter.

Schluss und Ausblick:

Es kommt also auf die Geisteshaltung an, ob die Menschen die Erkenntnisse der Praxeologie und ihres bislang am besten ausgearbeiteten Teilbereichs, der Ökonomie, annehmen können. Nicht nur kognitive Fähigkeiten sind vonnöten, sondern auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Ideen und unbewussten Haltungen.

Was kann der Einzelne alleine oder in Gruppen also tun?

Einerseits die Logik des Handelns und Wirtschaftens gemäß der Österreichischen Schule weiterhin als Wissen bewahren und zeitgemäß verbreiten und Kommunikationsangebote machen.

Zweitens, seine Kräfte nicht vergeuden, indem man sich in Diskussionen aufreibt, die wegen der Haltung des Gegenübers erfolglos bleiben werden.

Und drittens, seine eigenen Einstellungen zu sich und der Welt überprüfen und gegebenenfalls ändern, wenn er das möchte und falls er dies nicht schon getan hat. Die großen historischen Geschehensabläufe hat der Einzelne für alle praktischen Erwägungen nicht in seiner Hand. Was er aber in der seiner Hand hat, ist die Haltung zu sich und zur Welt.

Ludwig von Mises sagte:

Aller Fortschritt der Menschheit vollzog sich stets in der Weise, dass eine kleine Minderheit von den Ideen und Gebräuchen der Mehrheit abzuweichen begann, bis schließlich ihr Beispiel die anderen zur Übernahme der Neuerung bewog.[3]

Wenn die Menschen erkennen, dass sie mit ihrem emotional-kognitiven Instrumentarium von einer Krise in die andere schlittern, dann interessieren sie sich unter Umständen für neue Einstellungen und Überzeugungen. Treffen sie dann auf Menschen, die praxeologisch informierte Haltungen verinnerlicht haben, sind sie vielleicht aufgeschlossen dafür.

Wir können andere nicht unmittelbar ändern, aber wenn wir uns ändern, ändern sich auch die Beziehungen zu unseren Mitmenschen.

Kein Regelwerk, kein Programm, kein Vertrag kann so detailliert sein, dass im Vornherein alles geklärt werden kann, was in der realen Welt bedeutsam sein kann.

Nichts ist in der Welt historischer Ereignisse so eindeutig, dass es nicht umgedeutet werden könnte – oder gar ins Gegenteil verdreht. Deshalb kommt es auf die Haltungen an. Wer seinen Mitmenschen gegenüber nicht wohlwollend denkt und fühlt, der wird sich ihnen gegenüber auch nicht friedlich und freundlich verhalten wollen, egal was auf dem Papier steht.

[1] Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Humanethologie, 5. Auflage 2004, S. 582.
[2] Ludwig von Mises, Letztbegründung der Ökonomik, 2016, S. 139 f.
[3] Ludwig von Mises, Liberalismus (1927), S. 48.

Dr. Andreas Tiedtke ist Rechtsanwalt und Unternehmer.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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