Wenn andere dein Leben planen

29. September 2021 – Heute vor 140 Jahren, am 29. September 1881, wurde Ludwig von Mises in Lemberg geboren, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte.

Wir nutzen diesen Anlass, um zwei Abschnitte aus einem seiner Hauptwerke, Theory and History, vorzustellen, die sich mit dem Planen der Zukunft der anderen beschäftigen. Theory and History erschien erstmals 1957. Die nachfolgenden Zitate sind der deutschen Übersetzung Theorie und Geschichte entnommen, die 2014 in München erschienen ist.

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Individuen handeln, um bestimmte Ergebnisse zustande zu bringen. Ob sie erfolgreich sind oder nicht, hängt von der Brauchbarkeit der angewandten Mittel ab und der Reaktion, die ihre Handlungen auf Seiten der Zeitgenossen auslöst. Sehr oft unterscheidet sich der Ausgang einer Handlung beträchtlich von dem, worauf der Handelnde erpicht war. Der Spielraum, innerhalb dessen ein Mensch, auch ein bedeutender, erfolgreich handeln kann, ist schmal. Kein Mensch kann durch seine Handlungen den Lauf der Geschehnisse länger als eine vergleichsweise kurze Zeitspanne der Zukunft steuern, noch weniger für alle künftige Zeit.

Doch fügt jede Handlung der Geschichte etwas hinzu, beeinflusst den Lauf zukünftiger Geschehnisse, und ist in diesem Sinn eine historischeTatsache. Die trivialsten täglichen Routineverrichtungen von dumpfen Leuten sind nicht weniger ein geschichtliches Datum als die verblüffendsten Neuerungen eines Genies. Die Anhäufung unveränderter Wiederholungen von traditionellen Handlungsweisen, wie Gewohnheiten, Sitten und anderes, bestimmen den Lauf der Geschehnisse. Die historische Rolle des gemeinen Mannes besteht darin, ein Teilchen zur Struktur der gewaltigen Macht der Gewohnheit beizutragen.

Die Geschichte wird von Menschen gemacht. Die bewussten, intentionalen Handlungen der Individuen, von bedeutenden und unbedeutenden, bestimmen den Lauf der Geschehnisse insoweit, als sie das Resultat des Zusammenwirkens aller Menschen sind. Aber der geschichtliche Prozess wird nicht von Menschen konstruiert. Es sind die gebündelten Folgen der intentionalen Handlungen aller Individuen. Niemand kann Geschichte planen. Alles, was der Mensch planen kann und was er versuchen kann, zur Wirkung zu bringen, sind seine eigenen Handlungen, die verbunden mit den Handlungen anderer Menschen den geschichtlichen Prozess bilden. Die Pilgerväter planten nicht die Gründung der Vereinigten Staaten.

Natürlich gab es immer Menschen, die für die Ewigkeit planten. Für den größeren Teil zeigte sich die Fehlerhaftigkeit ihrer Pläne sehr bald. Manchmal dauerten ihre Konstruktionen eine ganze Weile, aber ihre Wirkung war nicht diejenige, die die Baumeister geplant hatten. Die monumentalen Grabstätten der ägyptischen Könige existieren noch, aber es war nicht die Absicht ihrer Erbauer, das moderne Ägypten für Touristen attraktiv zu machen und die heutigen Museen mit Mumien zu versorgen. Nichts demonstriert nachdrücklicher die zeitlichen Grenzen menschlicher Planung als die ehrwürdigen Ruinen, die über das Antlitz der Erde verstreut sind.

Ideen leben länger als Mauern und andere materielle Produkte. Wir erfreuen uns noch immer der Meisterwerke der Poesie und Philosophie des alten Indien und Griechenlands. Wir fragen uns, ob Plato und Aristoteles dem Gebrauch ihrer Gedanken durch spätere Zeitalter zustimmen würden.

Planen für die Ewigkeit, um die geschichtliche Entwicklung durch ein immerwährendes Stadium der Stabilität, Starrheit und Unveränderlichkeit zu ersetzen, ist das Thema einer speziellen Klasse von Literatur. Der utopische Schriftsteller will die zukünftigen Lebensbedingungen in Übereinstimmung mit seinen eigenen Ideen so ordnen, dass der Rest der Menschheit ein für alle Mal der Möglichkeit zu wählen und zu handeln beraubt ist. Ein einziger Plan, nämlich der Plan des Schriftstellers, soll ausgeführt werden und alle anderen Leute sollen still sein. Der Schriftsteller, und nach seinem Tod sein Nachfolger, wird fortan alleine den Lauf der Geschehnisse bestimmen. Es wird nicht länger eine Geschichte geben, da Geschichte die zusammengesetzte Wirkung des Zusammenspiels aller Menschen ist. Der übermenschliche Diktator wird das Universum beherrschen und alle anderen Leute zu „Bauern“ in seinen Plänen herabsetzen. Er wird sie behandeln wie der Ingenieur das Rohmaterial behandelt, mit dem er schafft, eine Methode die passenderweise Sozialtechnik [social engineering] genannt wird.

Solche Projekte sind heutzutage sehr populär. Sie entzücken die Intellektuellen. Einige wenige Skeptiker beobachten, dass ihre Ausführung der menschlichen Natur widerspricht. Aber ihre Verteidiger vertrauen darauf, dass sie durch die Unterdrückung aller Abweichler die menschliche Natur verändern können. Dann werden die Leute so glücklich sein, wie es die Ameisen in ihren Hügeln vermutlich sind.

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Die grundlegende Frage ist: Werden alle Menschen bereit sein, sich dem Diktator zu ergeben? Wird niemand den Ehrgeiz haben, seine Überlegenheit zu überprüfen? Wird niemand Ideen abweichend von denen entwickeln, die den Plänen des Diktators zugrunde liegen? Werden alle Menschen, nach Tausenden von Jahren der „Anarchie“ im Denken und Handeln, sich stillschweigend der Tyrannei eines oder einiger weniger Despoten unterwerfen?

Es ist möglich, dass in einigen Jahren alle Nationen das System der allseitigen Planung und der totalitären Reglementierung übernommen haben. Die Zahl der Opponenten ist

Ludwig von Mises

sehr klein, und ihr direkter Einfluss fast nichts. Aber sogar ein Sieg des Planens wird nicht das Ende der Geschichte bedeuten. Grauenhafte Kriege unter den Kandidaten für das oberste Amt werden ausbrechen. Der Totalitarismus könnte die Zivilisation auslöschen, sogar die ganze menschliche Rasse. Dann wird die Geschichte natürlich auch zu ihrem Ende gekommen sein.

[Auszug aus Kapitel 9, 4. Geschichte planen]

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[Es] unterstützen Millionen begeistert die Politik, die danach strebt, das selbstbestimmte Planen eines jeden Individuums durch die Planung einer Staatsmacht zu ersetzen. Sie sehnen sich nach Versklavung.

Natürlich werfen die Verfechter des Totalitarismus ein, dass das, was sie abschaffen wollen, nur die „wirtschaftliche Freiheit“ sei, und dass alle „anderen Freiheiten“ davon unberührt blieben. Aber Freiheit ist unteilbar. Die Unterscheidung zwischen einer wirtschaftlichen Sphäre des menschlichen Lebens und Handelns und einer nichtwirtschaftlichen Sphäre ist der übelste ihrer Irrtümer. Wenn eine allmächtige Autorität die Macht hat, jedem Individuum die Aufgaben, die es zu erfüllen hat, vorzuschreiben, kann nichts von dem, was übrig bleibt, Freiheit genannt werden. Er hat nur die Wahl zwischen strengem Gehorsam und Hungertod.

Expertenkomitees können einberufen werden, um zu beraten, ob einem jungen Mann die Möglichkeit gegeben werden sollte, sich auf ein intellektuelles oder künstlerisches Gebiet vorzubereiten und darin zu arbeiten. Aber solch eine Absprache kann bloß Schüler heranziehen, die einer papageiengleichen Wiederholung der Ideen der vorhergehenden Generation fähig sind. Es wäre keine Neuerung jemals vollbracht worden, wenn ihr Urheber von einer Autorität abhängig gewesen wäre, von deren Lehren und Methoden er abweichen wollte. Hegel hätte Schopenhauer oder Feuerbach nicht ordiniert, noch hätte Professor Rau Marx oder Carl Menger ordiniert. Wenn die oberste Planungsbehörde letztlich bestimmen kann, welche Bücher gedruckt werden, wer in den Laboren experimentieren soll und wer malen und Skulpturen fertigen, und welche Veränderungen in den technologischen Methoden vorgenommen werden sollen, gäbe es weder eine Verbesserung noch einen Fortschritt. Individuelle Menschen würden zum Pfand in der Hand der Herrscher, die sie mit ihrem „social engineering“ behandeln, wie Ingenieure den Stoff behandeln, aus dem sie Gebäude, Brücken und Maschinen bauen. In jedem Bereich menschlicher Aktivität ist eine Neuerung eine Herausforderung, nicht nur für alle Routiniers und alle Experten und Praktiker der traditionellen Methoden, sondern sogar noch mehr für all jene, die in der Vergangenheit selbst Neuerer gewesen waren.

Ihm begegnet hauptsächlich am Anfang hartnäckiger Widerstand. Solche Hindernisse können in einer Gesellschaft überwunden werden, in der es Wirtschaftsfreiheit gibt. Sie sind in einem sozialistischen System unüberwindlich.

Das Wesen der Freiheit eines Individuums ist die Möglichkeit, von den traditionellen Denkweisen und Handlungsweisen abzuweichen. Planung einer bestehenden Autorität schließt Planung der Individuen aus.

[Auszug aus Kapitel 16, 5. Die Unterdrückung der wirtschaftlichen Freiheit]

 

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

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