Die verschwundenen Absätze – Ludwig von Mises‘ Gedanken über die Logik der ‚Sozialen Marktwirtschaft‘

10. September 2021 – von Andreas Tiedtke

Andreas Tiedtke

Ein Leser der Seite des Ludwig von Mises Instituts Deutschlands machte mich anlässlich des Beitrages „Ludwig Erhard versus Alfred Müller-Armack“ darauf aufmerksam, dass in einigen Fassungen von Human Action (Menschliches Handeln), also Ludwig von Mises‘ Hauptwerk, zwei Absätze fehlen, in denen Mises der Logik der „Sozialen Marktwirtschaft“, wie wir sie heute verstehen, auf den Grund geht. Die beiden Absätze sind weder in meiner Softcover-Ausgabe aus 2012 (Erscheinungsort Mansfield Center, Connecticut, USA) enthalten noch in meiner Kindle-Ausgabe „The Scholar’s Edition“ der Bettina Bien Greaves Edition mit einer Einleitung des Mises Instituts Auburn, Alabama (USA). Auch in der deutschen Übersetzung Menschliches Handeln von Rahim Taghizadegan fehlen die betreffenden Stellen.

Der Leser verwies mich auf die Seite von „The Library of Economics and Liberty“, econlib.org, wo die beiden Absätze aus Human Action hier zu finden waren. Gemeint sind die letzten beiden Absätze von Teil 6 von Human Action, Kapitel 27, Abschnitt 3, „The Delimitation of Governmental Functions“. Ich überprüfte dies noch an einer anderen Stelle, und zwar bei der HTML-Version von Human Action des Mises Instituts, Auburn. Und siehe da, die beiden Absätze sind dort ebenfalls vorhanden, und zwar hier.

Warum die Absätze in manchen Ausgaben fehlen, wird sich wohl nicht ergründen lassen. Sollte jemand dennoch einen Hinweis für mich haben, wieso oder warum die Stelle teilweise fehlt, freue ich mich darüber!

Hier aber nun, was Mises geschrieben hat, auf Deutsch:

„Die Vertreter der interventionistischen Doktrin wiederholen immer wieder, dass sie weder die Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln planen noch von unternehmerischer Tätigkeit oder von Märkten. Ebenso betonen die Verfechter der jüngsten Variante des Interventionismus, der Deutschen ‚Sozialen Marktwirtschaft‘, dass sie die Marktwirtschaft für das bestmögliche und am meisten wünschenswerte System der ökonomischen Organisation der Gesellschaft halten und dass sie gegen einen totalitären Staat oder Sozialismus sind. Aber selbstverständlich betonen diese Advokaten einer Politik des Dritten Weges, dass sie mit demselben Nachdruck gegen Manchester-Kapitalismus oder Laissez-Faire-Liberalismus sind. Sie sagen, es sei notwendig, dass der Staat in das Marktgeschehen eingreift, wann immer und wo immer das ‚freie Spiel der Marktkräfte‘ zu Ergebnissen führen, die ‚sozial‘ unerwünscht sind. Mit dieser Beteuerung sehen sie es als selbstverständlich an, dass der Staat dazu aufgerufen ist, in jedem einzelnen Fall zu entscheiden, ob eine bestimmte ökonomische Faktenlage von einem ‚sozialen‘ Standpunkt aus als verwerflich zu betrachten ist oder nicht, und – in der Konsequenz – ob der Zustand des Marktes einen staatlichen Eingriff erfordert oder nicht.

All diese Verfechter des Interventionismus begreifen nicht, dass ihr Programm folglich die Errichtung einer vollständigen Oberhoheit des Staates in allen wirtschaftlichen Angelegenheiten bedeutet und letztlich zu einem Zustand führt, der sich nicht unterscheidet von der sogenannten Deutschen oder Hindenburg Version des Sozialismus. Wenn es dem Urteil des Staates obliegt, ob bestimmte wirtschaftliche Zustände seinen zwangsweisen Eingriff erfordern oder nicht, dann gibt es keinen Raum mehr, in dem sich Märkte entfalten könnten. Dann sind es nicht länger die Konsumenten, die letztlich bestimmen, was hergestellt werden soll, in welchen Mengen, in welcher Qualität, von wem, wo und wie – sondern die Regierung bestimmt das. Denn sobald der Zustand, der sich bei freien Märkten ergibt, von dem Zustand abweicht, den die Machthaber für ‚sozial‘ wünschenswert halten, wird der Staat intervenieren. Das bedeutet, dass der Markt nur insoweit frei ist, soweit er genau so funktioniert, wie die Regierung das wünscht. Er ist ‚frei‘ so zu funktionieren, wie es die Machthaber für ‚richtig‘ halten, aber nicht zu solchen Ergebnissen zu gelangen, die sie als ‚falsch‘ erachten; die Entscheidung, was richtig und was falsch ist, liegt beim Staat. Deshalb führen die Doktrin und die Praxis des Interventionismus letztlich dazu, dasjenige abzuschaffen, was den Interventionismus ursprünglich von einem absoluten Sozialismus unterschieden hat, und am Ende vollständig die Prinzipien einer totalitären, all-umfassenden Planung zu übernehmen.“

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Dieser Beitrag könnte Sie auch interessieren. Ein Vortrag von Professor Dr. Thorsten Polleit im Rahmen der 6. Jahreskonferenz des Ludwig von Mises Institut Deutschland am 15. September 2018. Der Titel des Vortrages lautet: „Die Utopie der sozialen Marktwirtschaft“.

 

Dr. Andreas Tiedtke ist Rechtsanwalt und Unternehmer.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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