Ludwig Erhard versus Alfred Müller-Armack

26. Juli 2021 – von Hubert Milz

[Auszug aus dem im Juni erschienenen Buch Soziale Marktwirtschaft – das gescheiterte deutsche neoliberale Projekt?

Der selbständige Mensch – Ludwig Erhard

„Keiner wird je mit Hilfe des Staates zu etwas kommen.
Jeder muss es aus eigener Kraft und eigenem Verstand
und nach eigenem Gesetz machen.“
– CHARLES BUKOWSKI

Hubert Milz

Für den Bundeswirtschaftsminister Erhard war es einsichtig, dass ein paar wenige Gesetze genügen, um den Rahmen eines Regelwerks für eine Marktwirtschaft so zu setzen, dass diese es den handelnden und tätigen Menschen ermöglichen, frei und ohne Zwang ihren jeweiligen ökonomischen Interessen zum eigenen und aller Nutzen und Vorteil zu verfolgen.

Dies demonstrierte Erhard im Juli 1948 – zur „Geburtsstunde der Marktwirtschaft“ – selbst. Nur wenige Gesetze genügten, um die wohlfahrtssteigernden Kräfte des Marktes freizusetzen. Innerhalb kurzer Zeit war die planwirtschaftliche Verwaltung des Mangels von gestern, der Wiederaufbau und das so genannte „Wirtschaftswunder“ nahmen Fahrt auf[1].

Für Erhard galt,

  • dass die Marktwirtschaft sozial an sich ist, je freier die Wirtschaft, desto sozialer ist sie;
  • ein vernünftiges, allgemein gestaltetes rechtliches Regelwerk genüge vollauf;
  • innerhalb eines solchen Handlungsrahmens können Menschen frei und selbständig zum Wohle aller ihren Interessen nachgehen[2];
  • das Heranwachsen, das Heranbilden, das Züchten eines „sozialen Untertans“[3] wollte Erhard verhindern, derartige Vorstellungen waren für Erhard ein Gräuel[4].

 

Der betreute Mensch – Alfred Müller-Armack

„Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“
– MARIE VON EBNER-ESCHENBACH

Müller-Armack, damals Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, war in diesem wichtigen und entscheidenden Punkt anderer Ansicht als Erhard. Müller-Armack meinte, dass die Marktwirtschaft ‚sozial gerecht‘ feingesteuert werden müsse, man könne diese sich nicht selbst überlassen[5]. Feinsteuern bedingte für Müller-Armack, dass, falls der Markt das politisch Gewünschte nicht liefert, die Politik bei der Preisbildung, den Betriebsstrukturen, dem Wohnungsbau, der Infrastruktur, dem Außenhandel, der Kreditpolitik und beim Wettbewerb die Ergebnisse des Marktes zu korrigieren habe[6].

Müller-Armacks angedachte Liste der Interventionen öffnete die Tür für ‚gut dosierte Interventionen‘ keineswegs nur einen kleinen Spalt, wie Horn fälschlich anmerkte[7]. Vielmehr standen dadurch Tor und Tür für Interventionen jedweder Wunschvorstellung weit offen. Müller-Armacks interventionistischer Katalog bedingte sich für Zinn aufgrund Müller-Armacks sozial- und moralphilosophischen Ansichten, so dass der Katalog ziemlich deckungsgleich mit den Forderungen und Positionen der damals tonangebenden kirchlichen Sozialethiker war[8]. Insbesondere war dies die einflussreiche Gruppe um Oswald von Nell-Breuning, welche die Konzepte zur „sozialen Marktwirtschaft“ ablehnte, egal, ob das Konzept das Adjektiv mit kleinem „s“ oder großem „S“ umfasste[9].

Die Bedeutung der gerade angesprochenen Frage der Schreibweise – „soziale Marktwirtschaft“ oder „Soziale Marktwirtschaft“ – ist nicht zu unterschätzen.

  • Das Adjektiv mit kleinem „s“ deutet meist an, dass das Schwergewicht der Sichtweise auf der ökonomischen Komponente zu verorten ist.
  • Während das Adjektiv mit großem „S“ allgemein für die gesellschaftspolitische Richtung steht.

Folglich konnten unter Müller-Armacks an und für sich genialem Slogan, der den Kompromiss schon durch die Wortschöpfung vermittelt, die unterschiedlichen politischen Flügel (Arbeiter und Unternehmer, Konservative und Liberale) seiner Partei – der CDU – gesammelt werden[10]. Trotz dessen, auch wenn die Meinungen in der Literatur ausgesprochen heterogen sind, lässt sich als Fazit festhalten, dass Müller-Armack letztlich doch hin zum Bild der ‚sozial-moralisch zu betreuenden Menschen‘ tendierte – und dadurch interessierten Gruppenspielern das Tor öffnete, um unter dem Label „soziale Marktwirtschaft“ die Menschen ‚von der Wiege bis zur Bahre‘ rundherum einer bürokratischen Betreuung zu unterwerfen[11].

Während Erhard, wie das schon weiter oben angeführte Zitat[12]:

Die stärkste Stütze einer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ist der Wille der Individuen, sich die Freiheit ihrer Lebensführung zu bewahren und sich nicht in allen Lebensäußerungen schablonisieren, uniformieren und kollektivieren zu lassen.

eindeutig klar macht, den ‚selbständigen Menschen‘ präferierte und auf diesen seine Hoffnungen setzte[13].

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[1] Siehe Erhard, Ludwig: Wohlstand für Alle. Düsseldorf 1964, 8. Auflage. Erhard stimmte Carlo Mötteli zu, dass das „Wirtschaftswunder“ nur die „Wirtschaft ohne Wunder“ illustriert, wenn die Politik den Markt nur einfach gewähren lässt. Das System der Zwangsbewirtschaftung des Mangels wurde von Willgerodt prägnant und treffend beschrieben, siehe Willgerodt, Hans: Alfred Müller-Armack – der Schöpfer des Begriffs „Soziale Marktwirtschaft“; Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, Heft 3, 2001, S. 253-277.
[2] Siehe Mierzejewski, Alfred C.: Ludwig Erhard. Der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft. Berlin 2005. Mierzejewski zitierte aus einem Brief Erhards an Hayek.
[3] Roland Baader bebildert den „sozialen Untertan“ treffend als „Sozialmenschen“, siehe Baader, Roland: Fauler Zauber. Schein und Wirklichkeit des Sozialstaats. Gräfelfing 1998, 2. Auflage.
[4] Siehe Erhard, Ludwig: Wohlstand für Alle. Düsseldorf 1964, 8. Auflage.
[5] Siehe Horn, Karen Ilse: Soziale Marktwirtschaft. Frankfurt/M. 2010. Die Artikel Müller-Armacks, auf welche Horn sich offensichtlich bezieht, werden in der Literatur auch anders interpretiert. Müller-Armack, Alfred: Ausgewählte Werke, Bern 1976 – Band: Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik.
[6] Siehe Zinn, Karl Georg: Soziale Marktwirtschaft. Idee, Entwicklung und Politik der bundesdeutschen Wirtschaftsordnung. Mannheim 1992.
[7] Siehe Horn, Karen Ilse: Soziale Marktwirtschaft. Frankfurt/M. 2010.
[8] Siehe Zinn, Karl Georg: Soziale Marktwirtschaft. Idee, Entwicklung und Politik der bundesdeutschen Wirtschaftsordnung. Mannheim 1992.
[9] Siehe Nawroth, Egon Edgar: Die Sozial- und Wirtschaftsphilosophie des Neoliberalismus. Heidelberg 1963, 2. Auflage.
[10] Siehe Zinn, Karl Georg: Soziale Marktwirtschaft. Idee, Entwicklung und Politik der bundesdeutschen Wirtschaftsordnung. Mannheim 1992. Kurt Rothschild äußerte sich ähnlich wie Zinn, siehe Starbatty, Joachim: Soziale Marktwirtschaft als Forschungsgegenstand: Ein Literaturbericht. Tübinger Diskussionsbeitrag Nr. 79, Tübingen 1996, PDF-Manuskript. Starbatty verweist darauf, dass Rothschild sich bei seiner Bewertung auf ein falsches Zitat des ‚Handwörterbuchs der Wirtschaftswissenschaft‘ stützte.
Für eine gute Zusammenfassung und feine Differenzierung zu Müller-Armacks Konzepten und Motiven siehe Willgerodt, Hans: Alfred Müller-Armack – der Schöpfer des Begriffs „Soziale Marktwirtschaft“; Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, Heft 3, 2001 , S. 253-277 und Gutmann, Gernot: Soziale Marktwirtschaft als Gesellschaftsidee. Zur anthropologischen und ethischen Grundlegung einer ordnungspolitischen Konzeption; in: Gauger, Jörn-Dieter/Weigelt, Klaus (Hg.): Soziales Denken in Deutschland zwischen Tradition und Innovation. Bonn 1990, S. 171-191.
[11] Dies bezieht sich zwar hier an dieser Stelle auf Müller-Armack, aber nicht nur auf ihn. Derartiges können die interessierten Gruppenspieler ebenfalls aus den Werken Wilhelm Röpkes und Alexander Rüstows ableiten. Man lese dazu bspw. die Interpretationen von Gutmann, Hotze oder Schumann und achte beim Lesen auf die Feinheiten und Nuancen, siehe Gutmann, Gernot: Soziale Marktwirtschaft als Gesellschaftsidee. Zur anthropologischen und ethischen Grundlegung einer ordnungspolitischen Konzeption; in: Gauger, Jörn-Dieter/Weigelt, Klaus (Hg.): Soziales Denken in Deutschland zwischen Tradition und Innovation. Bonn 1990, S. 171-191; Hotze, Andrea: Menschenbild und Ordnung der Sozialen Marktwirtschaft. A. Rüstow, W. Röpke, A. Müller-Armack und ihre Konzeption einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nach dem „Maße des Menschen“. Hamburg 2008 und Schumann, Rosemarie: Wertgrundlagen der Sozialen Marktwirtschaft: Eine genealogische Analyse. Marburg 2007.
[12] Siehe Erhard, Ludwig: Dreißig Jahre Konjunkturpolitik 1929-1959. Via Aperta Nr. 12, Dezember 1959/Januar 1960; in: ders.: Gedanken aus fünf Jahrzehnten. Reden und Schriften. Düsseldorf 1988, S. 596-602.
[13] Zum Bild des „betreuten und selbständigen Menschen“ sei verwiesen auf Schelskys politisch-soziologische Kommentare, die – trotz ihres Alters – nach wie vor heranzuziehen sind; siehe Schelsky, Helmut: Der selbstständige und der betreute Mensch. Politische Schriften und Kommentare. Berlin 1978.

Hubert Milz durchlief eine kaufmännische Lehre, studierte Wirtschaftswissenschaften [Diplom-Betriebswirt (FH), Diplom-Ökonom (Fernuniversität)] und arbeitete rund 35 Jahre in der Energiewirtschaft. Von ihm erschienen bisher die Bücher „Freiheit – ein fragiles Kulturideal“ (2019), Geld: Eine kleine Ideengeschichte (2020) und „Soziale Marktwirtschaft – das gescheiterte deutsche neoliberale Projekt?“. Außerdem veröffentlichte er eine stattliche Zahl an Kommentaren zu Büchern und Veranstaltungen.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: www.ludwig-erhard.de

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