Carl Menger: Gütertausch (Teil 4)

1. September 2021 – Dies ist der vierte Teil der Reihe über die 1871, vor 150 Jahren, erschienenen „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“ von Carl Menger. Der erste Teil behandelte den Begriff des „Gutes“, der zweite Teil stellte Mengers Begriff der Wirtschaft vor und der dritte Teil dieser Reihe behandelte den Begriff „Wert“. Im vierten Teil beschäftigen wir uns mit den Prinzipien, die dem Tausch von Gütern zugrunde liegen.

Antony P. Mueller

von Antony P. Mueller

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Gütertausch

Anders als Adam Smith (1723-1790), der in seinem Werk über den „Wohlstand der Nationen“ (1776) annahm, dass die Arbeitsteilung durch die Neigung zum Tausch von Gütern als Teil der menschlichen Natur zu verstehen sei, erklärt Carl Menger den Warenaustausch als Ergebnis seiner Nützlichkeit für die menschliche Wohlfahrt. Da Adam Smith aufgrund seiner Arbeitswertlehre annahm, auf dem Mark kämen Äquivalente zum Austausch, musste er der Handelstätigkeit noch den zusätzlichen Aspekt des Lustgewinns hinzufügen.

Mit seiner These der instinktiven „Neigung zum Tausch“ legte Adam Smith die falsche Spur, wonach die Grundlage des Gütertauschs nicht der vernünftigen Interessenverfolgung zuzuschreiben ist, sondern gleichsam irrational in der Natur des Menschen verankert sei. Der Freude am Tausch ist es nach Adam Smith zuzuschreiben, dass Güter äquivalenter Werte getauscht werden. Indem Smith den Güterwert objektivierte und auf die für die Güter notwendige „Arbeit“ zurückführte, bereitete er der Ausbeutungslehre von Karl Marx den Weg. Wie entsteht Profit, wenn auf dem Markt gleichwertige Güter getauscht werden, fragt Karl Marx und findet die Antwort darin, dass der Arbeiter, der das Gut produziert weniger an Lohn erhält, als er an Wert schafft.

Seit dem Erscheinen von Carl Mengers „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“ sind die Thesen von Adam Smith und Karl Marx nicht länger aufrecht zu erhalten. Wie Carl Menger erklärt, werden auf dem Markt Güter getauscht, weil die Bewertungen unterschiedlich sind. Der Grund des Gütertausches ist nicht die Gleichwertigkeit, sondern im Gegenteil die jeweils unterschiedliche Wertschätzung, die die Tauschpartner demselben Gut entgegenbringen. Auf dem Markt treffen sich Personen, weil sie hinsichtlich der Güter, die sie zum Verkauf anbieten, andere Wertvorstellungen haben, als über die Waren, welche sie erwerben wollen.

Tausch ist kein Selbstzweck. Vielmehr ist es so, dass die Menschen nicht selten mühselige und mit Gefahren verbundene Opfer bringen, um Handel zu treiben, also Güter zu tauschen. Es ist auch nicht so, dass die Menschen unbegrenzt mit dem Tausch fortfahren, was sie vielleicht tun würden, wenn der Tausch selbst den Lustgewinn erbrächte.

Grundlage der Theorie des Gütertausches ist die Einsicht, dass dasselbe Gut in objektiver Betrachtung unterschiedliche subjektive Werte für jeden Einzelnen besitzt. Der freiwillige Transfer eines Gutes X, das A dem B im Tausch übergibt, um ein anderes Gut Y von B zu erhalten, ergibt sich aus der Absicht, die individuellen Grade der Befriedigung, die jeder Teilnehmer durch den Tausch gewinnt, zu erhöhen. (S. 156)

In allgemeiner Fassung besagt der Grundsatz der Tauschtätigkeit, dass der wechselseitige Tausch bestimmter Güter die Bedürfnisse der Marktteilnehmer besser befriedigt, als es ohne den Austausch der Fall gewesen wäre.

Die Situation ist dadurch gekennzeichnet, dass ein

wirtschaftendes Subjekt A über konkrete Quantitäten eines Gutes (verfügt), welche für dasselbe einen geringeren Wert haben, als gewisse Quantitäten eines anderen Gutes, die sich in der Verfügung eines anderen wirtschaftenden Subjektes B befinden, während bei diesem letzteren in Rücksicht auf die Wertschätzung derselben Güterquantitäten das umgekehrte Verhältnis eintritt, so zwar, dass die gleiche Quantität des zweiten Gutes für ihn einen geringeren Wert hat, als jene des ersteren in der Verfügung des A befindlichen Gutes. (S. 157)

Als weitere Bedingungen für das Zustandekommen eines Tausches müssen noch hinzutreten, dass beide der am Tauschhandel beteiligten Wirtschaftssubjekte diese Sachlage erkennen und imstande sind, die Güterübertragung zu bewerkstelligen. (S. 158)

Der Gütertausch ist Folge desselben Prinzips, das die Menschen bei allen ihren wirtschaftlichen Tätigkeiten leitet. Der Versuch, die wirtschaftliche Situation zu verbessern, führt dazu, dass Menschen Vermögensübertragungen vornehmen. Der Warenaustausch schafft somit für die Beteiligten zusätzliche Werte. Das Prinzip des Tauschhandels ist dasselbe, welches alle wirtschaftlichen Aktivitäten leitet, nämlich die Suche nach der maximalen Befriedigung der Wünsche. Darin besteht der Zweck des kommerziellen Warenhandels.

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Nicht der Tausch selbst ist mit Lust verbunden, wie Smith es nahelegte, sondern das Ergebnis. Dass der Tausch Genuss hervorruft, liegt daran, dass durch den Güteraustausch für die beteiligten Handelspartner eine Wertsteigerung eintritt und die Tauschpartner in Folge wohlhabender geworden sind.

Zusammenfassend ergibt sich

dass das Prinzip, welches die Menschen zum Tausche führt, kein anderes ist als dasjenige, dass sie bei ihrer gesamten ökonomischen Tätigkeit überhaupt leitet, d. i. das Streben nach der möglichst vollständigen Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Die Lust, welche die Menschen bei dem ökonomischen Austausche von Gütern empfinden, ist aber jenes allgemeine Gefühl der Freude, welches die Menschen empfinden, wofern durch irgendein Ereignis für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse besser vorgesorgt wird, als dies ohne den Eintritt desselben der Fall gewesen wäre. (S. 159)

Man tauscht Wertunterschiede mit dem Ergebnis aus, dass es im Vergleich zur Situation vor dem Tausch jedem der Tauschpartner nach dem Tausch besser geht. Wenn der Nutzen, der sich aus dem Austausch ergibt, erschöpft ist, stößt der Austausch dementsprechend an seine Grenzen. Es findet kein weiterer Handel statt.

Dies ist der Fall,

wenn sich keine Güterquantität mehr in dem Besitze des einen der beiden Kontrahenten befindet, die für ihn einen geringeren Werth hätte als eine Quantität eines andern in der Verfügung des zweiten Kontrahenten befindlichen Gutes, während zugleich bei dieser letzteren Person das umgekehrte Verhältnis der Werthschätzung stattfindet. (S. 168)

In dem Maße, wie Menschen nach neuen nützlichen Gütern suchen und diese herstellen, halten sie Ausschau nach Gelegenheiten, Güter auszutauschen. Der Austausch verbreitet sich auf der ganzen Welt, da er von der natürlichen menschlichen Tendenz angetrieben wird, Wege zur Verbesserung des individuellen Wohlbefindens zu finden.

Es ist falsch, anzunehmen, dass der Hauptzweck der wirtschaftlichen Tätigkeit in der Vermehrung von physischen Gütern läge. Menger betont, dass das Wesen wirtschaftlichen Handelns im Streben nach maximaler Befriedigung von Wünschen liegt. Daher üben Händler durch die Erleichterung des Austauschs eine produktive Tätigkeit aus. Wirtschaftliche Entwicklung bedeutet im Kern die Erweiterung der Austauschfähigkeiten. Dies geschieht durch Reduzierung der Transaktionskosten.

Gebrauchs- und Tauschwert

Der Leitsatz allen wirtschaftlichen Handelns des Menschen, also die möglichst vollständige Befriedigung seiner Bedürfnisse, gilt sowohl für den Gebrauchswert als auch für den Tauschwert. Das bedeutet, dass die Menschen jene Güter für sich behalten, deren persönlicher Gebrauchswert höher als ihr Tauschwert ist, und solche Güter zum Tausch anbieten, denen sie selbst einen geringeren Gebrauchswert beimessen als es ihr Tauschwert ist.

Der Gebrauchswert eines Gutes besteht in der Bedeutung, welche das Gut dadurch erlangt, dass es in direkter Weise die Bedürfnisbefriedigung des Wirtschaftssubjektes sichert. Der Tauschwert hingegen ist die Bedeutung, welche ein Gut für ein Wirtschaftssubjekt dadurch erlangt, dass die Bedürfnisbefriedigung in indirekter Weise gesichert werden kann. (S. 216)

Die Bewertung dieses Verhältnisses ist nicht immer einfach und in manchen Bereichen sogar außerordentlich schwierig. Den wirtschaftlichen Wert von Gütern richtig zu erkennen, ist eine der wichtigsten wirtschaftlichen Aufgaben. Diese Bewertung bestimmt die Entscheidung, welche Güter oder Teilmengen von einem bestimmten Gut im Besitz behalten und welche verkauft werden sollen. Als solche stellt sie eine der verwickeltsten Aufgaben der praktischen Wirtschaftstätigkeit dar. Es geht dabei nicht nur um die Feststellung der Wertverhältnisse, sondern auch um die Erfassung des Problems, dass Güter einem Wertewandel unterliegen.

Den ökonomischen Wert der Güter zu erkennen, das ist, jeweilig darüber im Klaren zu sein, ob ihr Gebrauchswert oder ihr Tauschwert der ökonomische ist, gehört zu den wichtigsten Aufgaben der wirtschaftenden Menschen. Von dieser Erkenntnis hängt nämlich die Entscheidung der Frage ab, welche Güter, beziehungsweise welche Teilquantitäten derselben, in ihrem Besitze zu behalten, und welche zur Veräußerung zu bringen in ihrem ökonomischen Interesse liegt. Die richtige Beurteilung dieses Verhältnisses gehört aber zugleich auch zu den schwierigsten Aufgaben der praktischen Wirtschaft, und zwar nicht nur deshalb, weil selbst bei verwickelteren Verkehrsverhältnissen hierzu ein Überblick über alle vorhandenen Gebrauchs- und Tauschgelegenheiten erforderlich ist, sondern vor Allem auch um dessentwillen, weil die Verhältnisse, welche die Grundlage für eine richtige Beurteilung der obigen Frage bilden, vielfachem Wechsel unterworfen sind. (S. 220)

Die Zunahme der Menge eines Guts, das der Verfügung einer Person unterliegt, verringert den Gebrauchswert jeder Teilmenge. Auf diese Weise wird der Tauschwert für den Eigentümer vorherrschend, während umgekehrt die Verringerung der einem Wirtschaftssubjekt zur Verfügung stehenden Menge eines Gutes in der Regel zu einer Erhöhung des Gebrauchswerts führt. Diese Überlegungen gelten auch für Handelswaren. Der Charakter eines Gutes als Ware ist nicht etwas, das einem Gut innewohnt, sondern eine besondere Beziehung zwischen diesem Gut und einer Person. Ein bestimmtes Gut wird aufhören, Handelsware zu sein, sobald das Wirtschaftssubjekt, dem es zur Verfügung steht, seine Verkaufsabsicht aufgibt, um das Gut selbst zu verwenden. Auch das geprägte Metall ist sofort keine Ware mehr, wenn es von seinem Besitzer nicht mehr zum Tausch, sondern zu irgendeinem Gebrauchszweck bestimmt ist.

Fazit

In einer entwickelten Wirtschaft kann die Befriedigung von Wünschen nicht nur durch Gebrauchsgüter, sondern auch durch Tauschgüter erreicht werden. Wert resultiert aus der Befriedigung von Wünschen, wobei ein Tauschgut die indirekte Art der Bedürfnisbefriedigung darstellt. Beide Güterarten, Tausch- und Gebrauchsgüter, spiegeln das Bewertungsprinzip wider: der Gebrauchswert in direkter Form, der Tauschwert in indirekter Form. Der Gütertausch kommt ins Spiel, weil Menschen unterschiedliche Schätzungen des Gebrauchswerts und des Tauschwerts vornehmen.

Auch für den Tausch gilt das allgemeine Prinzip wirtschaftlichen Handelns, dass die Menschen ihre Lage zu verbessern suchen. Deshalb geht es beim Wirtschaften nicht nur um die Herstellung der Güter. Vielmehr findet auch beim Güteraustausch Wertschöpfung statt. Der Handel, der den Güteraustausch erleichtert, übt somit eine wichtige wirtschaftliche Funktion aus, die gleichberechtigt neben der Produktion steht. Wirtschaftliche Entwicklung besteht darin, dass sich durch die Reduktion der Transaktionskosten das Potential für den Gütertausch erweitert. Dieser Prozess wirkt in gleicher Weise auf lokaler und regionaler Ebene wie im Bereich der Volkswirtschaft und im globalen Umfang.

Antony P. Mueller ist promovierter und habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor für Volkswirtschaftslehre an der brasilianischen Bundesuniversität UFS. Er unterhält das Webportal Continental Economics und eine Autorenseite bei Facebook. Soeben ist sein jüngstes Buch unter dem Titel „Kapitalismus, Sozialismus und Anarchie: Chancen einer Gesellschaftsordnung jenseits von Staat und Politik“ bei Amazon Deutschland als E-book erschienen. Eine Print Version ist voraussichtlich im September erhältlich.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Titel-Foto: Adobe Stock

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