Thomas Sowell: Märkte und Wahlfreiheit verstehen

2. Juli 2021 – von Gary Galles

Der 30. Juni markiert den 90. Geburtstag von Thomas Sowell [2021 wird Sowell, Jahrgang 1930, somit 91 Jahre; Anm. d. Übersetzers]. Aber dieser Tag wird zu wenig gefeiert, nicht zuletzt auch deshalb, weil er sich seinen Geburtstag mit Frederic Bastiat teilt, einem der berühmtesten Wirtschaftswissenschaftler der Geschichte, dessen Werk damals viel Aufmerksamkeit erregte.

Das ist insofern ironisch, weil Sowell und Bastiat beide die ungewöhnliche Fähigkeit eint, verständlich über Wirtschaft zu schreiben, und zwar auf eine Weise, die „normale Menschen“ verstehen können. Insbesondere beim Aufzeigen von Fehlern, die bei der Staatstätigkeit so häufig vorkommen, ohne sich übermäßig auf Fachjargon, Diagramme oder Mathematik zu verlassen.

Aber zum Glück für heutige Leser konnten wir von Sowells viel längerem produktivem Leben profitieren, darunter etwa fünfzig Bücher, jahrzehntelange populäre Artikel als Kolumnist und fortlaufende Beiträge auf Twitter, wo er einer der wenigen ist, die in der Lage zu sein scheinen, auf engstem Raum durchweg logisch zu argumentieren. Während ich an diesem Artikel schrieb, lieferte er ein solches Beispiel, als er twitterte: „Haben wir das ultimative Stadium der Absurdität erreicht, wenn einige Menschen für Dinge verantwortlich gemacht werden, die vor ihrer Geburt passiert sind, während andere Menschen nicht verantwortlich gemacht werden für das, was sie selbst heute tun?“

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Ich gehöre zu denen, die sehr von Thomas Sowells Arbeit profitiert haben, als er während meiner wirtschaftswissenschaftlichen Promotion zeitgleich an der University of California gearbeitet hat. Ich habe die meisten seiner Bücher gelesen und einige rezensiert. Ich erwarte ein Vorabexemplar seines neuesten Buches, um auch dieses Werk zu rezensieren. Ein Dekan bat mich einmal, einen „Ersatzkurs“ für einen Master-Studenten aus dem Bereich Public Policy zu konzipieren, der nach der Aufnahme in das Programm ein ärztliches Attest vorlegte, in dem ihm bescheinigt wurde, dass er weder Diagramme noch Mathematik verarbeiten könne, so dass der Standardansatz für die wirtschaftswissenschaftliche Unterweisung nicht möglich war. Daher habe ich Lektüren (und ergänzende Aufsatzfragen) zusammengestellt, die verständliche Public Policy-Ansätze und Einsichten vermitteln, ohne sich zu sehr auf diese Methoden zu verlassen. Fünf Bücher von Sowell standen auf dieser Leseliste und wenn mich Studenten heute nach guten, nicht-technischen Analysen wirtschaftlicher Zusammenhänge fragen, empfehle ich routinemäßig diese Bücher. Tatsächlich habe ich zusammen mit einem Kollegen in den letzten drei Jahren Lesegruppen für Studenten geleitet, und in den ersten beiden Jahren waren zwei Bücher von Sowell an der Reihe (die Gruppe im letzten Jahr las Hayeks Der Weg zur Knechtschaft).

Sowells Interessen gehen weit über den Bereich Public Policy hinaus. Aber auch außerhalb meiner eigentlichen Interessensgebiete wäre es eine große Untertreibung zu sagen, dass mich seine Bücher nicht anregen und weiterbilden würden, da er nicht nur wenige, sondern viele, oft sehr verdichtete Einblicke liefert. Aber besonders für jeden, der daran interessiert ist, über Fragen aus dem Bereich Public Policy nachzudenken, ermöglichen seine Schriften ein ernsthaftes und tiefes Verständnis für eine Vielzahl von Themen (was mich froh macht, dass Sowell zwischen seinem ersten eingereichten Artikel im Alter von siebzehn und seinem ersten verkauften Artikel mit 30 Jahren nicht aufgegeben hat). Aber es gibt so viel Material, dass es unmöglich ist, seiner Arbeit in kurzer Zeit gerecht zu werden.

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Ein Beispiel, das aus seinem Gesamtwerk als ein Meilenstein heraussticht, kann in einem meiner Lieblingsbücher von Sowell gefunden werden – seinem preisgekrönten Knowledge and Decisions [keine deutsche Übersetzung; Anm. d. Übersetzers], das 2020 seinen vierzigsten Geburtstag feierte. Es ist mein Liebling, weil es eine Erweiterung von Friedrich Hayeks The Use of Knowledge in Society ist, die den Behauptungen den Zahn zog, dass eine zentrale Planung die Gesellschaft effizient organisieren könnte. Hayek legte dar, dass man nicht einfach einen Rechner mit allen relevanten Informationen füttern kann, alles miteinander in Beziehung setzt und diese Formel dann lösen lässt, um alles zentralwirtschaftlich verwalten zu lassen. Ganz einfach, weil eine riesige Menge wertvoller Informationen aus zeit- und örtlichen Besonderheiten bestehen, mit denen verschiedene Personen unter ganz verschiedenen Umständen konfrontiert werden, die für einen zentralen Planer nicht erfassbar sind. Und das Weglassen all dieser Informationen lässt auch den Reichtum (also das, dem die Menschen Wert beimessen) weg, der darauf aufbauend möglich gewesen wäre. Nur wenn es den Betroffenen möglich ist, ihren eigenen Plänen nachzugehen, die durch freiwillige Marktvereinbarungen koordiniert werden, können diese Informationen effizient genutzt werden.

Während sich Hayeks bahnbrechender Artikel auf das konzentrierte, was zentrale Planer nicht erreichen konnten, konzentrierte sich Sowell in Knowledge and Decisions mehr auf die Vorteile dessen, was Märkte erreichen können. Er bemerkte „das völlige Unwissen des Menschen in einer großen Gesellschaft über die alltäglichen Vorgänge und Abläufe, von denen er abhängt“, das heißt, wie wenig jeder von uns wissen muss, wenn Märkte es uns erlauben, das enorme komplementäre Wissen anderer zu nutzen und nicht bloß zu überleben, sondern im Wohlstand zu leben. Er schrieb, …

… jeder in Gesellschaft lebende Mensch (…) muss über sein (Fachgebiet) hinaus wenig wissen. Nahrung erreicht ihn durch Prozesse, von denen er wahrscheinlich keine Ahnung hat, wenn er nicht sogar falschen Vorstellungen darüber anhängt (…) Technische, wirtschaftliche und politische Feinheiten werden kaum vermutet, geschweige denn wahrgenommen. In seinem Haus wird es wahrscheinlich eine Vielzahl an Geräten geben, die nach mechanischen und elektrischen Prinzipien arbeiten, die er weder theoretisch versteht noch praktisch anwenden kann (…) dennoch können Märkte uns wertvolles Wissen zur Verfügung stellen, um einen Lebensstandard zu schaffen, der für frühere Generationen unvorstellbar war. Und was wir jetzt erreicht haben, nicht nur das, was wir hätten erreichen können, wird durch die Ausweitung der zentralen Planung in der Gesellschaft bedroht. Wenn die Leute nicht nur erkennen würden, was zentrale Planer alles nicht leisten können, sondern auch, was die zentrale Planung uns zum Aufgeben zwingen würde, hätten sie nur wenige Akolythen.

Sowell legte auch dar, was die meisten Kritikpunkte von staatlichen „Lösungen“ gegenüber marktwirtschaftlichen übersehen.

‘Der Markt‘ ist nichts anderes als eine Möglichkeit für jeden Einzelnen, zwischen zahlreichen bestehenden Institutionen zu wählen oder neue Regelungen zu schaffen, die seiner Situation und seinem Geschmack entsprechen. Der Staat legt (…) die Antwort auf ein gegebenes Problem fest. ‚Der Markt‘ ist einfach die Freiheit, zwischen vielen bestehenden oder noch zu schaffenden Möglichkeiten zu wählen (…). Jeder Vergleich von Markt- mit staatlichen Prozessen zum Treffen bestimmter Entscheidungen ist ein Vergleich zwischen zuvor festgelegten Institutionen und eine Option, Institutionen ad hoc auszuwählen oder zu schaffen (…). Die Vorteile marktwirtschaftlicher Institutionen gegenüber staatlichen liegen weniger in den besonderen Eigenschaften der Institutionen, sondern darin, dass Menschen in der Regel aus zahlreichen Optionen eine bessere Wahl treffen können als nach einem einzigen vorgeschriebenen Verfahren.

Sowell ging noch weiter und zeigte auf, wie die Verschiedenartigkeit unserer Fähigkeiten, Geschmäcker, Umstände usw. zu falschen Vorstellungen von Chaos und Ineffizienz auf den Märkten führen, was aber auch bedeutet, dass jede staatliche „Universalantwort“ nicht der Menschheit dienlich ist:

Verschiedenartigkeit (…) stellt sicher, dass keine einzelne Institution die Antwort auf ein menschliches Problem auf dem Markt hat (…). Die Anpassung an die individuelle Verschiedenartigkeit bedeutet, dass Marktprozesse notwendigerweise ‚chaotische‘ Ergebnisse aus der Sicht einer einzelnen festen Werteskala hervorbringen. Egal, wie Sie denken, dass die Menschen (…) [ihre Bedürfnisse erfüllen sollten], wird auf dem Markt nicht ausschließlich so gehandelt werden, weil der Markt nicht aus einer festgelegten Gruppe von Institutionen besteht. Menschen, die davon überzeugt sind, dass ihre Werte die besten sind – nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere – werden zwangsläufig von vielen Dingen beleidigt sein, die in einer Marktwirtschaft passieren.

Eine weitere entscheidende Erkenntnis ist, dass „die Verschiedenartigkeit der Geschmäcker, die ein Markt befriedigt, seine größte wirtschaftliche Errungenschaft, aber auch seine größte politische Verwundbarkeit ist.“ Mehr als deutlich wird diese Erkenntnis in „der Anprangerung von ‚Ineffizienz‘ und ‚Verschwendung‘, (die) oft nichts anderes ist als Aussagen über unterschiedliche Präferenzen“ und der Tatsache, dass „Forderungen, bestimmte Entscheidungen oder Prozesse an ‚Experten‘ zu übergeben (…) oft einfach nur der Versuch ist, es einer Gruppe von Menschen zu erlauben, anderen ihre subjektiven Vorlieben aufzuzwingen.“ Wie Sowell es zusammenfasste, …

… für diejenigen, die glauben, dass ihre Werte die einzig wahren Werte sind, stellen die weniger regulierten Ordnungen notwendigerweise ein Spektakel des ‚Chaos‘ dar, einfach weil solche Ordnungen sich an die Verschiedenartig der Werte anpassen. Je erfolgreicher solche Ordnungen auf die Verschiedenartigkeit eingehen, desto mehr ‚Chaos‘ wird es definitionsgemäß nach den Maßstäben eines bestimmten Wertesystems geben – abgesehen von so abstrakten Werten wie Verschiedenartigkeit oder Freiheit als Wert selber. Oder anders ausgedrückt: Je mehr selbstgerechte Beobachter es gibt, desto mehr ‚Chaos‘ (und Verschwendung) werden diese wahrnehmen.

Dies führt auch zu der Erkenntnis, dass „der Schrei nach einer nationalen Lösung zu diesem oder jenem Thema oft geradezu unsinnig ist (…) denn angesichts der enormen Kosten für eine einheitliche Lösung ist es unwahrscheinlich, dass sie (im Normalfall) erreicht wird.“ Tatsächlich weist uns die Freiheit in eine andere Richtung.

Wir befriedigen unsere Wünsche zu den geringsten Kosten – das heißt, wir können mehr unserer Wünsche befriedigen – indem wir so wenig wie möglich einheitliche Lösungen anstreben. Wir können uns problemlos mit Nahrung und Kleidung versorgen, gerade weil es keine einheitliche Lösung darüber geben muss, was das beste Essen oder die beste Kleidung ist. Wenn wir erst eine einheitliche Lösung finden müssten, könnten wir uns bei dem Versuch, unsere Grundbedürfnisse zu erfüllen, selbst zerstören.

Alle obigen Einsichten von Thomas Sowell sind es wert, sorgfältig durchdacht zu werden. Aber sie sind nur ein kleiner Teil dessen, was sein Buch Knowledge and Decisions zu bieten hatte und immer noch zu bieten hat. Tatsächlich stammen alle hier verwendeten Zitate von nur sechs verschiedenen Seiten (7, 41-45 und 52) aus einem über 400-seitigen Buch, was wiederum nur wieder zwei Prozent seines schriftstellerischen Schaffens in Bezug auf Bücher ausmacht und seine Millionen von Worte, die er anderswo verfasst hat, außen vorlässt. Es ist meine Hoffnung, dass dieser kurze Artikel ein Appetithappen ist, um Menschen dazu zu bewegen, ernsthaft einige seiner Werke aus seinem unglaublich produktiven Lebenswerk zu lesen. Was mich selbst betrifft, möchte ich mich nur bei Dir bedanken, Tom, für das, was ich von Dir gelernt habe.

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Aus dem Englischen übersetzt von Arno Stöcker. Der Originalbeitrag mit dem Titel Thomas Sowell: Understanding Markets and Free Choice ist am 30.6.2020 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Gary M. Galles ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Pepperdine University und Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute in Auburn. Er ist außerdem Research Fellow am Independent Institute, Mitglied des Fakultätsnetzwerks der Foundation for Economic Education und Mitglied des Heartland Institute Board of Policy Advisors. Seine Forschungsschwerpunkte sind öffentliche Finanzen, Public Choice, ökonomische Bildung, Organisation von Unternehmen, Kartellrecht, Stadtökonomie, Freiheit und die Probleme, die eine effektive öffentliche Politik untergraben. Seine wissenschaftlichen Artikel sind in The European Journal of the History of Economics Thought, The American Economist, The Journal of Libertarian Studies, The Journal of Economics and Finance Education, The American Journal of Economics and Sociology, The Atlantic Economic Review, The Journal of Social, Political and Economic Studies und The Independent Review erschienen. Außerdem hat er weit über 1.000 Artikel für ein allgemeines Publikum verfasst, die in Dutzenden von Zeitschriften veröffentlicht wurden. Neben seinem jüngsten Buch, Pathways to Policy Failures (2020), gehören zu seinen Büchern Lines of Liberty (2016), Faulty Premises, Faulty Policies (2014) und Apostle of Peace (2013).

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: youtube (Thomas Sowell)

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