„Große Leistungen werden von großen Einzelpersönlichkeiten erbracht und nicht von anonymen Kollektiven“

23. Juli 2021 – In seinem Buch „Ich will“ schreibt Rainer Zitelmann über erfolgreiche Menschen, die trotz Behinderung geradezu Übermenschliches geleistet haben. Das Interview mit Rainer Zitelmann führte Andreas Marquart.

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Herr Zitelmann, Sie haben ein Buch über erfolgreiche Menschen mit Behinderung geschrieben, es trägt den Titel „Ich will“. Was hat Sie dazu bewogen?

Ich habe selbst eine Augenerkrankung, die im schlimmsten Fall dazu führen könnte, dass ich irgendwann gar nicht mehr lesen kann. Inzwischen hatte ich eine erste Operation, die gut verlaufen ist. Aber ich habe mich durch diese Krankheit mit dem Thema Sehbehinderung befasst. Und mich haben Bücher wie etwa die Biografie von Ray Charles oder das Buch von Saliya Kahawatte „Blind Date mit dem Leben“ fasziniert. Ich wollte ein Buch schreiben, das Menschen ermutigt und motiviert. Und die ersten Reaktionen der Menschen, die es gelesen haben, sagen mir: Es ist auch ein Buch geworden, das vielen Menschen Kraft und Mut gibt.

Im Vorwort schreiben Sie, dass das Buch Menschen mit Behinderung und deren Eltern ermutigen soll, aber vor allem richten Sie sich an Menschen ohne Behinderung …

Das Buch kann jeden ermutigen, der vor schwierige Herausforderungen gestellt ist. Und es kann jeden ermutigen, der sich in einer vermeintlich ausweglosen Situation befindet. Denn vielleicht haben wir nicht alle die gleiche Kraft wie die Menschen, die ich in diesem Buch porträtiere, doch ich bin sicher, dass wir alle Kraftreserven haben, die wir noch nicht angezapft haben – und die es sich zu entdecken lohnt.

Gleich vorweg, gibt es eine Art Hauptfazit, dass Sie – letztlich gültig für jeden Menschen – ziehen können?

Äußere Bedingungen sind nicht so wichtig. Selbst die Gesundheit ist nicht das Wichtigste. Was wirklich zählt, ist nur die innere Einstellung. Wir haben nicht die Wahl, welche Schicksalsschläge uns vielleicht erwischen, aber wir haben immer die Wahl, wie wir darauf reagieren.

Dazu muss aber die innere Einstellung geändert werden und das ist zweifellos leichter gesagt als getan. Diese Erfahrung machen viele, wenn sie sich etwas für das neue Jahr vornehmen und es wieder einmal nichts wird …

Was Sie erwähnen, die Neujahrsvorsätze, sind ein gutes Beispiel: Laut einer wissenschaftlichen Studie an der University of Scranton erreichen nur acht Prozent der Menschen Ziele, die sie sich für das neue Jahr gesetzt haben. Der Ratschlag, den viele „Experten“ geben, lautet daher: Die Menschen sollten sich besser gar keine Ziele setzen, um nicht frustriert zu werden, oder sie sollten sich kleinere Ziele setzen. Viele Menschen verwenden die Begriffe „kleine“ und „realistische“ Ziele als Synonyme. Für sie sind nur kleine Ziele realistisch, große Ziele sind dagegen ihrer Meinung nach unrealistisch. Ich vermute jedoch, dass die Menschen, die ihre großen Ziele nicht erreichen auch bei kleineren Zielen scheitern würden, weil sie die falsche Einstellung haben und vor allem keine Ernsthaftigkeit bei der Zielsetzung an den Tag legen. In gewisser Hinsicht ist es sogar einfacher, größere Ziele zu erreichen als kleine, da größere Ziele eine viel größere Motivationskraft entfalten als kleine Ziele. Allerdings sollten die Ziele konkret und spezifisch formuliert werden. Die wissenschaftliche Goal-Setting-Theorie hat durch zahlreiche Studien nachgewiesen, dass anspruchsvolle und spezifisch formulierte Ziele zu besseren Resultaten führen als leichte Zielvorstellungen, und dass Personen, die sich spezifische Ziele setzen, erfolgreicher sind als solche, die sich keine oder nur vage formulierte Ziele setzten.

Lassen Sie uns noch bei den inneren Einstellungen bleiben und die Politik und oder Interessensgruppen mit einbeziehen. Wird hier genug getan für Menschen mit Behinderungen oder zu wenig? Oder vielleicht das falsche?

Allgemein gesagt: Vermutlich ist es so, dass in manchen Bereichen zu wenig getan wird, in anderen das falsche. Der besondere Kündigungsschutz zum Beispiel ist gut gemeint, aber schadet eher, als dass er nutzt, weil deshalb viele Arbeitgeber zurückhaltend sind, Menschen mit Behinderung einzustellen. Die meisten Menschen, die ich in dem Buch porträtiere, haben sich von den staatlichen Institutionen, Förderungen usw. eher ferngehalten, was natürlich nicht heißt, dass es da nicht auch Gutes und Sinnvolles gibt. Da bin ich jedoch kein Experte, das können Betroffene sicher sehr viel besser beurteilen.

Inwiefern spielt Identitätspolitik hier eine Rolle?

Rainer Zitelmann

Heute ist Identitätspolitik Mode. Ihre Anhänger definieren Menschen über bestimmte Merkmale, die fest mit diesen Menschen verbunden sind: Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Behinderung, Herkunft, Geschlecht. Menschen werden als Kollektiv gesehen – und als Opfer. Die Botschaft der Identitätspolitiker lautet gerade nicht: „Du bist der Herr deines Lebens, mach das Beste daraus!“ Sondern sie lautet: „Hier in dieser Gesellschaft, hast du, Opfer, keine Chance. Schließe dich uns an und führe einen politischen Kampf zur radikalen Veränderung der Verhältnisse, erst dann wird es dir besser gehen.“ Damit werden Menschen hilflos gemacht und instrumentalisiert. Ich habe auch Zweifel, ob es Leuten, die das predigen, wirklich um den einzelnen Menschen geht oder doch nur um ihr politisches Programm.

Das erinnert mich an Ludwig Erhard, der sagte, der Ruf dürfe nicht lauten: ‚Du, Staat, komm mir zu Hilfe, schütze mich und helfe mir‘ und ich höre aus Ihrer Antwort heraus, dass es hier wie in vielen anderen Bereichen mehr um Kollektivismus als um Individualismus geht …

Ich sehe den Menschen vor allem in seiner ganz individuellen Persönlichkeit und mit einer Verantwortlichkeit für das eigene Leben, nicht vor allem als Mitglied eines Kollektivs. Mich nerven Menschen, die immer „wir“ statt „ich“ sagen, die sich hinter einem Kollektiv verstecken oder die die Verantwortung für ihr Leben an ein Kollektiv delegieren. Für mich sind das schwache Menschen – ganz anders als die starken Menschen, die ich in dem Buch porträtiere. Große Leistungen werden von großen Einzelpersönlichkeiten erbracht und nicht von anonymen Kollektiven. Kein Kollektiv hat die 9. Symphonie komponiert, kein Kollektiv hat die „Sternennacht“ gemalt. Ludwig van Beethoven komponierte seine 9. Symphonie, als er schon fast taub (und im Übrigen auch halb blind) war. Seinem Freund Nikolaus Zmeskall hatte er geschrieben: „Kraft ist die Moral der Menschen, die sich vor anderen auszeichnen, und sie ist auch die meinige.“

Was schlagen Sie vor? Wie kann man Menschen mit Behinderung helfen, aus der Opferrolle herauszukommen?

Ich denke gar nicht, dass sich Behinderte selbst in der Opferrolle sehen. Solche Menschen mag es auch geben, unter Behinderten wie unter Nicht-Behinderten …

… vielleicht sage ich besser ‚aus der Opferrolle herauszukommen, in die man sie hineindrängen will‘ …

Ja, genau, denn ich denke, dass es das größere Problem ist, dass man Behinderte oder Angehörige anderer Minderheiten in eine Opferrolle drängen will. Die Menschen, über die ich gelesen und mit denen ich gesprochen habe, wollten nicht nur kein Mitleid, für sie war auch die Behinderung nicht das zentrale Thema. Wenn Sie mein Buch lesen, werden Sie feststellen, dass in vielen Porträts die Behinderung nur ein Randthema ist: Stevie Wonder ist zuallererst ein toller Sänger und Künstler. Dass er blind ist, war für ihn nie ein Thema. Er kannte es ja nicht anders. Und jemand wie Felix Klieser, der Hornist ohne Arme, will nicht vor allem als Behinderter wahrgenommen werden, sondern als erstklassiger Hornist. Der Galerist Johann König, der blind war, als er seine Galerie eröffnete, will mit Ihnen nicht über seine Augenerkrankung sprechen, sondern über Kunst.

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Sie haben sich in Ihren bisherigen Büchern bereits intensiv mit erfolgreichen Menschen beschäftigt. Was unterscheidet diese von Menschen mit eher mäßigen oder vielleicht gar keinem Erfolg?

Die meisten Menschen sind mit einer Durchschnittsexistenz zufrieden. Erfolgreiche Menschen stellen höhere Ansprüche an ihr Leben. Nehmen Sie Arnold Schwarzenegger, der sagte: „Der Sinn des Lebens ist nicht, einfach zu existieren, zu überleben, sondern sich voranzubringen, aufzusteigen, zu leisten, zu erobern.“ Schon in seiner Jugend habe er sich große Ziele gesetzt: „Mit meinen Träumen und meinem Ehrgeiz“, so Schwarzenegger, „war ich definitiv nicht normal. Normale Menschen können mit einem normalen Leben glücklich sein. Ich war da anders. Ich fühlte, dass das Leben mehr für mich vorgesehen hatte, als mir nur eine Durchschnittsexistenz zu bescheren.“

Der Unternehmer Richard Branson sagt: „Die Lektion, die ich bei all dem gelernt habe, ist, dass kein Ziel außerhalb der eigenen Reichweite liegt, und selbst das Unmögliche kann möglich werden für Menschen mit Visionen und dem Glauben an sich selbst.“ Er hat sich viele Träume erfüllt, doch ein Traum, den er von dem Moment an träumte, als er 1969 die erste Mondlandung im Fernsehen gesehen hatte, war es, selbst in den Weltraum zu fliegen. Neulich, etwa 50 Jahre später, ist er an Bord des Raumflugzeugs „VSS Unity“ seines Unternehmens Virgin Galactic in den Weltraum geflogen.

Mich faszinieren Menschen, die so denken. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, für eine Gesellschaft einzutreten, in der alle so denken und fühlen sollten. Die Menschen haben sehr verschiedene Träume und Vorstellungen von dem, was ein erfülltes Leben für sie ist. Eine freiheitliche Gesellschaft gibt Menschen wie Schwarzenegger, der aus einem kleinen Dorf in Österreich kam und dann in den USA zum bekanntesten Bodybuilder der Welt und einem der bestbezahlten Actiondarsteller in Hollywood wurde (und der zwei Mal zum Gouverneur von Kalifornien gewählt wurde) mehr Möglichkeiten als andere Gesellschaften, ihre ganz individuellen Träume zu verwirklichen. Aber sie verpflichtet niemanden, einen bestimmten Traum zu träumen oder überhaupt vom Leben etwas Besonderes zu verlangen. Auch das gehört zur freien Entscheidung eines jeden Menschen.

Welchen Stellenwert räumen dabei Sie der ‚Eigenverantwortung‘ ein?

Wenn ich die Verantwortung für mein Leben übernehme, dann heißt dies, dass ich nicht der Gesellschaft, meinen Eltern oder anderen Menschen die Schuld gebe, wenn etwas bei mir nicht so klappt oder im Leben nicht so läuft, wie ich es mir wünsche. Sondern dass ich die Ursache bei mir sehe, in meiner Einstellung. Das ist vielleicht unbequem im ersten Moment, aber es gibt einem das Gefühl der Macht über das eigene Leben: Wenn die Ursache in mir liegt und nicht in äußeren Bedingungen, dann habe ich die Macht, mein Leben so zu kreieren, wie ich es mir vorstelle.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren – und die ausufernden Sozialausgaben sind sicher auch ein Indiz dafür –, dass die Menschen nur allzu gern bereit sind, die Verantwortung für das eigene Leben mehr und mehr an die Politik respektive den Staat abzugeben. Jetzt könnte man die ‚Henne-Ei-Diskussion‘ führen … aber muss sich nicht erst der Staat zurückziehen, damit die Menschen wieder mehr Eigenverantwortung übernehmen?

Nein! Jeder kann sofort, heute damit beginnen, seine Einstellung zu ändern. Wer damit wartet, bis der Staat sich ändert, der denkt am Ende wie die Sozialisten – und wird genauso enttäuscht sein wie die Sozialisten. Für mich sind das alles nur Ausreden von Menschen. Franklin D. Roosevelt erkrankte schwer im Alter von 39 Jahren. Es handelte sich dabei entweder um Polio oder das Guillain-Barré-Syndrom. Die Erkrankung führte zum vollständigen Mobilitätsverlust in beiden Beinen und zu einer Schwächung seiner Kraft in der rechten Hand. Doch 1932 gewann er die Präsidentschaftswahl und wurde zum ersten Präsidenten mit einer schweren physischen Behinderung in der Geschichte der USA. Auch wenn ich sonst ganz und gar nicht mit seinen politischen Meinungen konform gehe, so ist es aber richtig, was er zu diesem Thema sagte: „Der Mensch ist nicht Gefangener des Schicksals, sondern einzig und allein seines eigenen Geistes.“ Genauso ist es. Die Grenzen, die uns daran hindern, Größeres in unserem Leben zu erreichen, haben wir selbst errichtet – sie sind in unserem Kopf. Gelingt es uns, diese Grenzen einzureißen, dann ist uns vieles möglich, von dem wir heute nicht einmal zu träumen wagen. Jede Veränderung in unserem Leben beginnt daher nicht mit der Änderung der äußeren Umstände, sondern mit der Änderung in unserem Kopf.

Vielen Dank, Herr Zitelmann!

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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.

Dr. Dr. Rainer Zitelmann ist promovierter Historiker und Soziologe. Er war zunächst Wissenschaftlicher Assistent am Zentralinsitut für sozialwissenschaftliche Forschung der FU Berlin. Danach war er Cheflektor des Ullstein-Propyläen Verlages und Ressortleiter bei der Tageszeitung „Die Welt“. Im Jahr 2000 gründete er sein eigenes Unternehmen, das er zu führenden Kommunikationsagentur der Immobilienbranche machte. Vermögend wurde er als Immobilieninvestor. Heute lebt er als Autor in Berlin. Zitelmann hat 24 Bücher geschrieben und herausgegeben, u.a. „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“. Er schreibt regelmäßig für Medien wie Neue Zürcher Zeitung, Welt, Focus, Le Loint, Linkiesta, Washington Examiner und National Interest. Zitelmanns Bücher sind in zahlreichen Sprachen erschienen und er ist ein gefragter Vortragsredner in Asien, den USA und Europa. Mehr Informationen: www.rainer-zitelmann.de

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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