General Andrew Jackson: „Nationale Schulden sind ein Fluch. Und wenn ich Präsident wäre, würde ich sie zurückzahlen.“

21. Mai 2021 – Geschichte(n) aus der Wirtschaft

von Stephan Ring

Am 8. Januar 1835 gibt es in Washington ab 18 Uhr Grund zum Feiern. 250 Honoratioren haben sich im Festsaal von Brown’s Hotel versammelt, darunter der Vizepräsident der USA, sämtliche Kabinettsmitglieder, der Sprecher des Repräsentantenhauses, Senatoren und Parlamentarier. Eine große Kapelle macht sich bereit, patriotische Musik zu spielen. Man legt gleich mal mit „Hail to the Chief“ los, um die Gesellschaft in Stimmung zu bringen. Die eine Saalseite ziert ein lebensgroßes Gemälde des renommiertesten US-Präsidenten George Washington (1732-1799). Und genau gegenüber hängt ein ebenso großes Portrait des gerade amtierenden Präsidenten, dessen Leistung jetzt gefeiert werden soll: General Andrew Jackson (1767-1845).[1]

Außenansicht Brown’s Hotel, später Brown’s Marble Hotel (Grafik: Thomas J. Carrier, Washington D.C. A Historical Walking Tour, Charleston/Chicago/Portmouth/San Francisco 2005, Seite 47).

Nach einem einleitenden Gebet eines Kaplans, das ist damals so üblich, erhebt sich Thomas Hart Benton (1782-1858), der ehrenwerte Senator von Missouri. Sein Gesicht glüht vor Stolz, als er zu einer Rede anhebt. Und schnell kommt er zum für ihn wichtigsten Punkt. „Die nationale Schuld“, ruft er in den Saal und hebt die Stimme noch mehr, „ist bezahlt.“ „Huzza“, schreit der Saal zurück.

Und Benton versucht die Euphorie noch zu steigern: „In diesem Monat Januar 1835, im 58. Jahr unserer Republik, unter der Präsidentschaft von Andrew Jackson, sind die nationalen Schulden bezahlt! Und dieses Ereignis, so lange auf der Welt nicht gesehen, eine große Nation ohne Staatsschulden, offenbart die erstaunliche Vision einer wundervollen Welt.“ Dann bringt Benton einen Toast auf Jackson aus. Alle Zuhörer springen von ihren Stühlen und brechen in tosenden Applaus aus.[2]

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Dass ausgerechnet Benton sich für Jacksons Leistung so begeistert, ist beileibe nicht selbstverständlich. Denn 22 Jahre zuvor ist der spätere Präsident in einem heftigen Streit in Nashville mit der Reitpeitsche auf den späteren Senator und seinen Bruder losgegangen. Jackson hat dabei einen schmerzhaften Schuss in den Oberarm abbekommen. Um ein Haar wäre ihm der Arm amputiert worden, immerhin blutet er zwei Matratzen durch.[3]

Diese endgültige Schuldenrückzahlung der Bundesregierung ist der krönende Höhepunkt von zwei Jahrzehnten Bemühungen. Denn in kriegerischen Jahren vor und nach der Gründung der jungen Vereinigten Staaten ist an zu große Sparsamkeit einst nicht zu denken gewesen.

Schließlich hat man das damals stärkste Imperium des Planeten, das British Empire, als Feind gegen sich gehabt. Allein zwischen 1812 und 1815 sind für Army und Navy für damalige Zeiten üppige 93 Millionen Dollar ausgegeben werden. Das entspricht immerhin den gesamten Einnahmen der Washingtoner Bundesregierung von sechs Jahren.[4]

Im Fiskaljahr 1815/16 erreicht dadurch die Staatsschuld mit 127 Millionen Dollar einen ersten historischen Höhepunkt. Den wird sie nach Jacksons endgültiger Tilgung 1835 als Betrag erst ein Vierteljahrhundert später wieder übertreffen. Aber selbst 1860 entspricht diese Verschuldung nur eher bescheidenen 1,5 Prozent der jährlichen US-Wirtschaftsleistung.[5]

Jackson hat auch Glück gehabt, dass bereits seine Vorgänger – James Monroe und John Quincy Adams – bis zu seiner Amtseinführung 1829 kräftig Schulden getilgt haben und er das Werk sozusagen vollenden kann. Aber dieses Vorhaben ist bei ihm kein plötzlicher Gedankenblitz oder politisches Kalkül gewesen. Denn bereits 1824, also ein halbes Jahrzehnt vor seiner Wahl, hatte er geschrieben: „Nationale Schulden sind ein Fluch. Und wenn ich Präsident wäre, würde ich sie zurückzahlen.“[6]

Als er Vollzug melden kann, nimmt Präsident Jackson an der eingangs geschilderten ehrenden Veranstaltung übrigens selbst nicht teil, weil ihm Lobhudelei als altem Militär eher zuwider war. Vielleicht wäre er sentimentaler gewesen, hätte er eine in Kürze drohende Gefahr für sein Leben erahnt. 22 Tage nach dem Fest in Brown’s Hotel schießt der arbeitslose Häusermaler Richard Lawrence (1800-1861) gleich mit zwei Pistolen im Capitol auf den Präsidenten.

Doch wie durch ein Wunder zündet zwar das Pulver in den Waffen, jedoch kommt aus beiden Läufen keine Kugel heraus. Jackson haut wütend mit dem Spazierstock auf den geistig verwirrten Attentäter ein, der anschließend in einer Irrenanstalt verschwindet. Der zähe Politiker stirbt erst ein Jahrzehnt später in Nashville, Tennessee, an Herzversagen.[7]

[1] Political. Procedings at the Republican Celebration of the Extinguishment of the National Debt and the
Victory of New Orleans, (From the Washington Globe), Richmond Enquirer, 01-17-1835, Seite 1, Nationallizenzen,
http://phw01.newsbank.com.proxy.nationallizenzen.de/cache/ean/fullsize/pl_011162017_1340_25995_625.pdf
[2] Robert V. Remini, Andrew Jackson. The Course of American Democracy 1833-1845, Seite 223-224,
[3] Jon Meacham, American Lion. Andrew Jackson in the White House, New York 2009, Seite 29-30
[4] diese und folgende Budget- und Schuldenzahlen: Bureau of the Census (Editor), Historical Statistics of the
United States. Colonial Times to 1970, Bicentennial Edition, Washington September 1975, Band 2, Seite 1106-1118
[5] James Macdonald, A Free Nation Deep in Debt. The Financial Roots of Democracy, Princeton/Oxford 2006, Seite 385
[6] Robert V. Remini, Andrew Jackson, Great Generals Series, New York 2009, Seite 180
[7] Jon Meacham, a.a.O., Seite 298

Dr. Stephan Ring ist Jurist und Vorstand des Ludwig von Mises Institut Deutschland.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto Andrew Jackson: wikipedia

 

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