Wenn es eine Sezession in den USA gibt, marschiert China nicht ein

3. Februar 2021 – von Ryan McMaken

Ryan McMaken

Wenn politische Sezession beginnt, mehr und mehr zu einem realistischen, politischen Ziel zu werden, anstatt ein theoretisches Ideal für die Zukunft zu bleiben, dann ist spätestens an diesem Zeitpunkt zu erwarten, dass die Opposition sich am meisten echauffieren und panisch reagieren wird. Im Moment verhalten sich die Kritiker sehr vorsichtig, um den Anschein zu erwecken, dass sie die Idee nur mit abweisender Verachtung betrachten. Die wütenden Drohungen und Untergangsprognosen der Sezessionskritiker werden später kommen.

Dann werden die Gegner viele verschiedene Gründe präsentieren, warum eine Abspaltung niemals in Betracht gezogen werden darf. Befürworter der Abspaltung werden als Verräter bezeichnet und ihnen wird unpatriotisches Verhalten vorgeworfen werden. Man wird ihnen sagen, dass eine Sezession Armut bringen wird. Tatsächlich haben wir einiges davon vor ein paar Jahren, während der Auseinandersetzung um die schottischen Sezession, schon einmal gehört.

Vieles in der Debatte wird sich aber auch um Außenpolitik drehen. In Schottland zum Beispiel warnten einige außenpolitische Falken eindringlich, die schottische Unabhängigkeit würde zur nuklearen Abrüstung des Vereinigten Königreichs führen. Die Folge ist natürlich, dass das Vereinigte Königreich dann nicht mehr in der Lage wäre, sich gegen ausländische Feinde zu verteidigen.

Ähnliches würden wir in den USA angesichts einer wachsenden Sezessionsbewegung hören. Wir würden immer wieder hören, dass jede Schwächung des US-amerikanischen Regierung durch eine Abspaltung, wie Andrew Longman es in der konservativen Zeitschrift American Thinker ausdrückte, „ein Geschenk an die [chinesischen] Kommunisten“ wäre und bald zur Eroberung Nordamerikas durch China führen würde. Longmans Artikel ist grenzwertig hysterisch, aber er ist lediglich seiner Zeit voraus. Wir werden etwas sehr Ähnliches sehr regelmäßig von der Regierung und ihren Verbündeten hören, sobald jedweder Sezessionsgedanke mehr und mehr zum Mainstream wird.

Aber wie plausibel ist das?

Um diese Frage zu beantworten, können wir sie auf zwei Arten betrachten. Erstens können wir die wahrscheinlichen Verteidigungsfähigkeiten der neuen amerikanischen Staaten untersuchen, falls die derzeitigen USA entlang der blau-roten Linien zerbrechen würden. Da alle Nachfolgestaaten der USA eine gemeinsame Sprache und ähnliche außenpolitische Bedürfnisse haben werden, müssen wir uns außerdem ansehen, wie Nationen mit ähnlichem Hintergrund miteinander interagieren.

Wie wir sehen werden, ist die Behauptung, eine Dezentralisierung der US-Regierung durch Abspaltungen würde sie zu einer leichten Beute für ausländische Mächte machen, nicht sehr überzeugend.

Was wäre, wenn sich die roten und blauen Staaten trennen würden?

China ist sicherlich nicht das einzige Land, das für die internationalen Beziehungen der USA von Bedeutung ist. Aber es wird wahrscheinlich als der große Buhmann hingestellt, um einen Grund vorweisen zu können, warum man Sezessionisten niemals ihren Erfolg gewähren darf.

Vergleichen wir also China mit dem Status quo der USA.

Als zusammengefasste Einheit kann die US-Wirtschaft eine enorme Militärmaschinerie unterstützen. Alles zusammengenommen (nach Angaben der Weltbank) erwirtschaften die USA ein nationales Bruttoinlandsprodukt von etwa 21,4 Billionen Dollar. Im Vergleich dazu liegt das BIP Chinas bei 23,4 Billionen Dollar. In beiden Fällen ist das eine enorme Menge an Produktion. Aber vielleicht noch aussagekräftiger ist das Pro-Kopf-BIP in jedem Land. Chinas Pro-Kopf-BIP beträgt lediglich 16.800 Dollar, während das der Vereinigten Staaten fast das Vierfache beträgt, nämlich 63.000 Dollar[1]. Hier liegt also der Knackpunkt für China: Die USA produzieren ihr gigantisches BIP mit nur 328 Millionen Menschen. China hingegen benötigt mehr als 1,3 Milliarden Menschen, um einen ähnlichen Output zu produzieren.

Das bedeutet, dass die amerikanische Wirtschaft pro Person weitaus produktiver ist als die chinesische.

Wie der Politikwissenschaftler Michael Beckley aufzeigt, verschafft dieser Wohlstandsvorsprung den Vereinigten Staaten einen enormen Vorteil in Bezug auf die verfügbaren militärischen Ressourcen. Ja, eine Milliarde Menschen kann ein sehr großes BIP produzieren, aber diese Milliarde muss mit einem beträchtlichen Teil dieses BIPs ernährt und untergebracht werden. In den Vereinigten Staaten hingegen lebt der größte Teil der Bevölkerung soweit über dem Existenzminimum und produziert so viel mehr, als zur Befriedigung der Grundbedürfnisse notwendig ist, dass die militärische Verteidigungsfähigkeit die von viel größeren Ländern bei weitem übersteigt. Diese Realität spiegelt sich teilweise im Pro-Kopf-BIP wider.

Es ist wichtig, den militärischen Nutzen von überschüssigem Wohlstand, im Gegensatz zur schieren Gesamtgröße, nicht zu ignorieren. Politikwissenschaftler und Historiker haben eine Reihe von Methoden entwickelt, um „militärische Effektivität“ zu messen. Eine Vielzahl dieser Methoden neigen aber dazu, die militärischen Fähigkeiten großer – jedoch relativ armer – Staaten zu überschätzen. Diese Methoden, die Größe zu sehr gewichten, können oft nicht erklären, warum kleinere Staaten wie Großbritannien so oft größere Staaten wie China besiegt haben, so wie es im neunzehnten Jahrhundert wiederholt geschah.

Eine realistischere Sicht auf die Bedeutung des wirtschaftlichen Wohlstands bietet ein von Beckley und Paul Bairoch entwickelter Index. Diese Methode kombiniert sowohl das BIP als auch das BIP pro Kopf und verhindert, dass wir die Macht bevölkerungsreicher, aber relativ unterentwickelter Nationen übertreiben[2].

Wenn man die Vorteile des Pro-Kopf-BIP berücksichtigt, stellt man fest, dass selbst bei Chinas enormem BIP die militärischen Fähigkeiten der USA erheblich größer sind.

Wie sähe es nun aus, wenn wir davon ausgehen, dass die Vereinigten Staaten in kleinere Teile zerfallen würden?

Wir könnten natürlich viele verschiedene Szenarien durchspielen, aber nehmen wir nur einmal an, als eines von vielen möglichen Gedankenexperimenten, dass die Vereinigten Staaten in nur zwei neue Länder zerfallen: die Blauen Staaten von Amerika (BSA) und die Roten Staaten von Amerika (RSA).

Diese beiden neuen Länder würden sich dann aus den folgenden Staaten zusammensetzen:

Rot (27 Staaten): Alabama, Alaska, Arizona, Arkansas, Florida, Georgia, Idaho, Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Ohio, Oklahoma, North Carolina, North Dakota, South Carolina, South Dakota, Tennessee, Texas, Utah, West Virginia und Wyoming.

Blau (23 Staaten, plus DC): Kalifornien, Colorado, Connecticut, Delaware, District of Columbia, Hawaii, Illinois, Maine, Maryland, Massachusetts, Michigan, Minnesota, Nevada, New Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, Vermont, Virginia, Washington, Wisconsin.

Wie amerikanische Linke gerne betonen, ist das blaue Amerika – zumindest in der Summe – reicher als das rote Amerika. Das liegt vor allem daran, dass es in den blauen Staaten viele große, produktive Städte gibt. Infolgedessen fällt den BSA der größte Teil des aktuellen BIP der USA von 21 Billionen Dollar zu, nämlich 12,3 Billionen Dollar. In den BSA leben 170 Millionen Einwohner, was einem Pro-Kopf-BIP von 73.000 Dollar entspricht.

In den RSA sind diese Zahlen niedriger. In den 27 Staaten beträgt das Gesamt-BIP 8,9 Billionen Dollar, verteilt auf eine Bevölkerung von 158 Millionen. Das Pro-Kopf-BIP liegt bei 56.000 Dollar.

In Bezug auf die Wirtschaftskraft stehen diese beiden neuen Länder weiterhin an der Weltspitze. Die BSA haben natürlich ein Pro-Kopf-BIP, das zu den höchsten der Welt gehört, direkt hinter Irland und vor der Schweiz. Das Gesamt-BIP der BSA liegt nur hinter der EU und China und ist größer als das von Indien, Japan und Deutschland.

Beim Pro-Kopf-BIP befinden sich die RSA ebenso in der Gesellschaft der wohlhabenden Nationen. Mit 56.000 Dollar liegt es genau zwischen Österreich und den Niederlanden. Das Gesamt-BIP liegt zwar hinter dem der BSA, ist aber in etwa so hoch wie das von Indien und bleibt größer als das von Japan, Deutschland und allen anderen Ländern.

Unter Verwendung des Beckley-Bairoch-Ansatzes stellen wir fest, dass die relative militärische Macht sowohl in BSA als auch in RSA immer noch größer ist als die der chinesischen Regierung. Natürlich verfügen beide nicht über die gesamten militärischen Ressourcen der Vereinigten Staaten, aber großer Reichtum ist in beiden Fällen von wichtiger Bedeutung.

Dies ist natürlich eine sehr einfache Berechnung, aber es ist leicht zu erkennen, wie die Nachfolgestaaten der USA ihre Vorteile gegenüber China behalten, selbst wenn die USA in kleinere Teile zerfallen würden. China hätte immer noch die üblichen Probleme in seinem „eigenen Hinterhof“. Egal, in wie viele neue Teile die USA zerfallen würden, die Tatsache bleibt, dass Nordamerika durch zwei Ozeane von Asien und Europa isoliert ist. In China hingegen widmet die Regierung

nicht alle, und vielleicht nicht einmal einen Großteil seiner militärischen Ressourcen für Eventualitäten, die die Vereinigten Staaten selbst betreffen. China teilt sich See- oder Landgrenzen mit neunzehn Ländern, von denen fünf innerhalb des letzten Jahrhunderts Kriege gegen China geführt haben; seine nördlichen und westlichen Grenzen sind durchlässig und werden von unzufriedenen Minderheiten bevölkert; und seine Regierung sieht sich einer ständigen Bedrohung durch innere Rebellion ausgesetzt. Infolgedessen wendet die Volksbefreiungsarmee (PLA) beträchtliche Ressourcen für die innere Sicherheit auf und benötigt 300.000 Soldaten allein für die Überwachung von Chinas Grenzen…. In einer separaten Studie habe ich herausgefunden, dass Entwicklungsländer unabhängig von der Größe ihrer Verteidigungsbudgets systematisch bei der Kriegsführung versagen, weil ihnen die wirtschaftliche Kapazität fehlt, einzelne Technologien zu erhalten, zu modernisieren und in zusammenhängende Militärsysteme zu integrieren.

Souveräne Staaten, aber auch Verbündete

Bisher sind wir allerdings davon ausgegangen, dass diese Nachfolgestaaten Nordamerikas im Falle eines Zusammenstoßes jeweils unabhängig voneinander China gegenüberstehen würden. Dies ist jedoch keine gute Annahme. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass diese unabhängigen Staaten die Idee der gegenseitigen Verteidigung scheuen würden. Im Gegenteil, die Erfahrung zeigt das Gegenteil. Das ist selbst für diejenigen offensichtlich, die nicht gerade eingefleischte Befürworter der Sezession sind. Wie Eric Sammons im konservativen Crisis Magazine bemerkt:

Die Außenpolitik stellt eine weitere Herausforderung für eine amerikanische Sezessionsbewegung dar. Sezessionsgegner befürchten eine Schwächung der amerikanischen Hegemonie in der Welt. Würde ein geteiltes Amerika zu einem größeren globalen Einfluss für China oder Russland führen? Würde es zu einer möglichen Invasion durch diese Länder führen?

Es ist unmöglich, das mit Sicherheit zu sagen, aber es gibt keinen Grund, warum ein geteiltes Amerika nicht eine Konföderation von Verbündeten bleiben könnte, wenn es um die militärische Verteidigung geht. Ein Angriff auf einen der neuen amerikanischen Nationalstaaten könnte als Angriff auf alle Nationalstaaten betrachtet werden.

Diese Beobachtung, dass eine NATO-ähnliche Institution für Nordamerika leicht entstehen könnte, sollte jedem einleuchten, der bemerkt hat, dass Länder mit ähnlichem Hintergrund – man denke an Kanada, die USA, Australien und Großbritannien – in der Regel seit weit über einem Jahrhundert in der Außenpolitik geeint sind.

Trotzdem ist es nicht ungewöhnlich, Behauptungen zu hören, dass benachbarte Staaten jeden Moment bereit sind, gegeneinander Krieg zu führen. Dies, so wird uns gesagt, wäre das natürliche Ergebnis, wenn die Vereinigten Staaten irgendeinem Teil der Nation erlauben würden, unabhängig zu werden. Diese Antisezessionisten verweisen oft auf Beispiele wie die Jugoslawienkriege und behaupten, dass ethnische Säuberungen bevorstehen. Aber Nordamerika ist nicht Südosteuropa. Im Falle Nordamerikas hätten wir es mit Ländern zu tun, die eine gemeinsame Sprache haben, einen hohen Lebensstandard – und damit viel durch einem internen Krieg zu verlieren haben – und tiefe und umfangreiche Handelsbeziehungen miteinander pflegen.

Wenn man außerdem behauptet, dass zwei Nationen mit einem so ähnlichen Hintergrund zwangsläufig in den Krieg ziehen müssen, muss man auch erklären, warum Kanada seit 205 Jahren mit den Vereinigten Staaten in Frieden lebt. Ein Argument könnte sein, dass dies nur daran liegt, dass Kanada zu klein war, um die USA herauszufordern, was aber die Tatsache ignoriert, dass die kanadische Außenpolitik bis 1931 von Großbritannien bestimmt wurde – einer Weltmacht und ebenbürtig mit den USA. Doch in all den Jahren nach dem Krieg von 1812, in denen der britische Staat über sein britisch-kanadisches Territorium sowohl ausgedehnte Land- als auch Seegrenzen mit den USA teilte, war London offenbar nicht an einem Krieg mit den USA interessiert.

Man erwartet jedoch von uns zu glauben, dass, würden die Vereinigten Staaten in kleinere unabhängige Staaten zerfallen, die „Blauen Staaten von Amerika“ eine chinesische Invasion der Tampa Bay begrüßen würden, nur um es den roten Staaten heimzuzahlen. Dies mag paranoiden Anti-China bzw. Kalten Kriegern plausibel erscheinen, die, so scheint es, glauben, dass jeder linksgerichtete Amerikaner ein Agent Pekings ist. Aber das Tampa Bay-Szenario ist ungefähr so wahrscheinlich, wie wenn Kanada die Volksbefreiungsarmee bittet, in Boston einzumarschieren.

[1] BIP und BIP pro Kopf (kaufkraftbereinigt) Zahlen sind beim Internationalen Währungsfonds abrufbar.

[2] Beckley erklärt: Die Division des BIP durch die Bevölkerung kontrolliert einige der Kosten, die den Unterschied zwischen den Brutto- und Nettoressourcen eines Staates ausmachen. Kombiniert man das BIP mit dem Pro-Kopf-BIP, so erhält man einen Indikator, der Größe und Effizienz, die beiden Hauptdimensionen der Nettoressourcen, berücksichtigt. Um einen groben Näherungswert für die Nettoressourcen zu schaffen, folge ich dem Rat von Bairoch, indem ich einfach das BIP mit dem BIP pro Kopf multipliziere und so einen Index erzeuge, der die Bruttoproduktion eines Landes und die Produktion pro Person gleich gewichtet. Dieser Zwei-Variablen-Index misst natürlich nicht direkt die Nettoressourcen und behebt auch nicht alle Unzulänglichkeiten von BIP und dem Sammelindex nationaler Kapazität (CINC). Durch die Benachteiligung der Bevölkerung liefert er jedoch einen besseren Eindruck von den Nettoressourcen einer Nation als das BIP, CINC oder andere Bruttoindikatoren allein.

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Der Originalbeitrag mit dem Titel No, the Chinese Won’t Invade America If Secessionists Succeed ist am 22.01.2021 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Ryan McMaken ist Editor von Mises Daily und The Free Man. Er studierte Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft an der University of Colorado.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: Adobe Stock / Mises Institute

 

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