Läuft Stakeholder-Kapitalismus auf Wirtschaftsfaschismus hinaus?

15. Februar 2021 – Die von der „Great Reset“-Bewegung favorisierten Veränderungen würden die Unternehmen zwingen, den Interessen der herrschenden Eliten zu dienen, und die wahren Stakeholder im Regen stehen lassen.

von Mark Hornshaw

Mark Hornshaw

Die Verantwortlichen des Weltwirtschaftsforums streben einen „Great Reset“ des Kapitalismus an, bei dem „globale Akteure“ zusammenarbeiten, um „gemeinsame Ziele“ zu erreichen. Ganz im Sinne von „keine Krise ungenutzt lassen“ sehen sie in der COVID-19-Pandemie eine einzigartige Gelegenheit, ihre Agenda voranzutreiben.

„Dies erfordert ein beispielloses Ausmaß an Zusammenarbeit und Ehrgeiz. Aber es ist kein unmöglicher Traum“, sagte Klaus Schwab, Vorstandsvorsitzender des Weltwirtschaftsforums, kürzlich. „Ein Silberstreif am Horizont ist, dass die Pandemie gezeigt hat, wie schnell wir unseren Lebensstil radikal ändern können.“

Wenn sie „unsere Lebensstile“ sagen, meinen sie natürlich Ihren Lebensstil, nicht ihren eigenen. Ihr bevorzugtes Vehikel, um ihre Ziele zu erreichen, sind die Unternehmen anderer Leute. Kurz gesagt: Was sie wollen, ist, dass private Unternehmen den Interessen ihrer selbst ausgewählten Liste von Interessenvertretern dienen, anstatt sich (wie sie es sehen) darauf zu konzentrieren, Gewinne an die Geschäftsinhaber zurückzugeben. Sie wollen, dass die Regierungen Gesetze und Steuersysteme erlassen, um die Unternehmen zu drängen, sich in Richtung ihrer Ziele zu bewegen, anstatt in die der Eigentümer. Da dieses Arrangement immer noch ein gewisses Maß an Privateigentum an den Produktionsmitteln beinhaltet, nennen sie es „Stakeholder-Kapitalismus“.

Es ist wichtig, hier den subversiven Gebrauch der Sprache zu erkennen. In einem solchen System geht es darum, die wahren Stakeholder zu verdrängen und den Kapitalismus zu untergraben. Das ist Orwellscher Neusprech vom Feinsten, denn es missbraucht das Wort „Stakeholder“ und ist eigentlich näher am Wirtschaftsfaschismus als am Kapitalismus.

‚Stakeholder-Kapitalismus‘ versus echte Stakeholder

Es gibt einen zuverlässigen Weg, um festzustellen, ob ein Unternehmen die Bedürfnisse der Stakeholder erfüllt: Gewinn und Verlust. Ohne staatliche Rettungsaktionen oder Monopolprivilegien gilt: Je höher der Gewinn, desto besser werden die Bedürfnisse der Stakeholder erfüllt.

Gewinn bedeutet, dass ein Wert für alle Beteiligten geschaffen wurde, indem Ressourcen in fertige Waren umgewandelt wurden, die von den Menschen mehr geschätzt werden als die Ressourcen, die zu ihrer Herstellung verwendet wurden. Verluste bedeuten, dass knappe Ressourcen verschwendet und Werte vernichtet wurden, indem fertige Waren produziert wurden, die weniger wert sind als die Ressourcen, die in sie investiert wurden.

Um in einer Welt der Ungewissheit Kunden zufrieden zu stellen und Gewinne zu erwirtschaften, brauchen Unternehmer geschäftlichen Weitblick, um zu entscheiden, was sie in welchen Mengen und Sorten produzieren wollen. Außerdem müssen sie gute Mitarbeiter, Zulieferer, ein gutes Managementteam und finanzielle Ressourcen zu günstigen Konditionen gewinnen. Jedes Scheitern führt zu Verlusten. Unter diesem Arrangement – das man als ungehinderten Kapitalismus bezeichnen könnte – muss einem Unternehmen nicht von irgendeinem externen Experten gesagt werden, wer seine „Stakeholder“ sind.

Das Gewinn- und Verlustsystem bietet ihnen die Informationen, die sie benötigen, und deckt eventuelle Fehler auf. Wie Ludwig von Mises (1881 – 1973) erklärte:

Gewinne verschaffen denen die Kontrolle über die Produktionsfaktoren, die sie zur bestmöglichen Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse der Verbraucher einsetzen, und Verluste entziehen sie der Kontrolle der unfähigen Geschäftsleute. In einer Marktwirtschaft, die nicht von der Regierung sabotiert wird, sind die Eigentümer Mandatare [Diener] der Konsumenten.

Wenn diejenigen, die den Kapitalismus modifizieren wollen, von „Stakeholdern“ sprechen, werden sie oft Kunden, Mitarbeiter, Lieferanten und Aktionäre in ihre Liste aufnehmen, um zumindest einen gewissen Kontext zu schaffen. Aber immer ist es das Ziel dieser Reformer, die Liste zu erweitern, um nebulöse kollektive Einheiten wie „Gesellschaften“ und „Gemeinschaften“ oder sogar „globale“ Stakeholder einzubeziehen. Da diese Kollektive nicht mit einer Stimme sprechen können, sind diese Sozialreformer nur allzu gerne bereit, in ihrem Namen zu sprechen und die Forderungen zu formulieren.

Stellen Sie sich ein Pizzarestaurant vor, Joe’s Pizza. Sie existieren in einer Gesellschaft, die umfasst:

A: Menschen, die gerne Joes Pizzen essen

B: Menschen, die für die Lieferung der Pizzen verantwortlich sind (auf allen Ebenen der Lieferkette)

C: alle anderen

Es ist leicht zu erkennen, wer die Stakeholder sind. Gruppe A profitiert in Form von Pizza, die sie dem dafür gebotenen Geld vorziehen; Gruppe B profitiert durch Vergütung, die sie ebenfalls vorziehen. Der Unternehmer profitiert nur, wenn die Kunden es tun. In der Zwischenzeit ist die Gruppe C nicht betroffen, sie wird in Ruhe gelassen, um andere Dinge zu tun, die sie lieber tut, als Pizza zu den angebotenen Preisen zu essen oder zu produzieren.

Es ist möglich, dass es eine vierte Gruppe gibt:

D: diejenigen, die einen negativen externen Effekte erleiden, wie z. B. Nachbarn, die schlechte Gerüche oder Ratten aus Joes Mülltonnen ertragen müssen.

Diese vierte Gruppe sollte ein gesetzliches Recht haben, Joe’s zu zwingen, ihren Abfall ordnungsgemäß zu entsorgen. Angenommen, diese Gruppe hat ihre Eigentumsrechte geschützt (und schließt sich damit Gruppe C an), ist die „Gesellschaft als Ganzes“ definitv besser dran, da alle beteiligten Handlungen freiwillig waren. Die Menschen haben entweder von Joe’s profitiert oder sind nicht schlechter dran. Es ist die Aufgabe von Unternehmern, diesen gesellschaftlich nützlichen Prozess zu koordinieren, und Gewinne oder Verluste zeigen Erfolg oder Misserfolg an.

Niemand dient „allen Mitgliedern der Gesellschaft“ direkt. Doch alle Mitglieder der Gesellschaft, einschließlich der Gruppe C, profitieren indirekt durch diesen Prozess, auch diejenigen, die sich die Produkte der Firma nicht leisten können.

Eine hochprofitable Aktivität weist auf ein dringend empfundenes Bedürfnis der Verbraucher hin, das unterversorgt ist. Der unternehmerische Prozess veranlasst andere Unternehmer, die diesen Gewinnwegweiser sehen, zusätzliche Ressourcen in diesen Bereich zu verlagern. Alternativ wird die Meldung von Verlusten zu einem Wegweiser, um weitere Wertvernichtung zu vermeiden und Ressourcen für ein dringenderes Bedürfnis freizusetzen.

Durch diesen Prozess werden Konsumgüter immer erschwinglicher und verbrauchen dabei weniger Ressourcen, und die produktive Arbeit der Menschen wird zunehmend geschätzt.

Warum Stakeholder-Kapitalismus sozial destruktiv ist

Wenn die Globalisierungsbefürworter darauf bestehen, dass „alle“ Stakeholder vertreten sein sollten, meinen sie in Wirklichkeit: „Ich esse weder Pizza noch helfe ich bei der Produktion von Pizza… aber WAS TUT DER PIZZA-LADEN FÜR MICH?!“

Es ist ein dreister Versuch, die Interessen der Nicht-Stakeholder an die Stelle der Interessen der Stakeholder zu setzen und dabei eine verlogene Ausdrucksweise zu verwenden, um die Grenzen zu verwischen.

„Die Gesellschaft als Ganzes“ hat kein einheitliches Ziel, und wenn sie es hätte, gäbe es keine Möglichkeit, festzustellen, was es wäre. Diejenigen, die versuchen, „die Gesellschaft“ als Stakeholder in die Aktivitäten von Unternehmen einzubauen, sind also eifrig dabei, ihre eigenen Ziele und Interessen einzufügen.

Murray Rothbard (1926 – 1995) drückt es gut aus:

Eine gute Regel, wann immer jemand anfängt, davon zu sprechen, dass „die Gesellschaft“ oder „die Interessen der Gesellschaft“ vor „bloßen Individuen und ihren Interessen“ kommen, lautet: Hüte deine Brieftasche. Und hüte dich selbst! Denn hinter der Fassade der „Gesellschaft“ verbirgt sich immer eine Gruppe von machthungrigen Betonköpfen und Ausbeutern, die bereit sind, Ihr Geld zu nehmen und Ihr Handeln und Ihr Leben zu bestimmen. Denn irgendwie „sind“ sie die Gesellschaft!

Eine bessere Definition der Gesellschaft lautet: Die Summe aller freiwilligen Interaktionen zwischen einzelnen Menschen. Freiwillige Aktivität ist pro-sozial, während die Anwendung von Zwangsgewalt antisozial ist. Diejenigen, die den Kapitalismus mit einem Bindestrich versehen wollen, bevorzugen ausnahmslos die Anwendung von staatlicher Gewalt gegenüber freiwilliger Interaktion.

Es ist wichtig zu verstehen, wie diejenigen, die vorgeben, die Interessen von Nicht-Stakeholdern zu vertreten (und dafür selbstverständlich ein Stück vom Kuchen verlangen), tatsächlich sozialen Schaden anrichten. Wenn Unternehmen am Ende ihre Profitabilität verschleiern, um „ethischer“ zu erscheinen und den Mob zu beschwichtigen, wird der Prozess der Marktanpassung behindert, der indirekt allen zugutekommt. Ressourcen, die in einen unterversorgten Bereich der Produktion verlagert werden sollten, werden nicht eingesetzt, da das „Gewinnsignal“ verschleiert wurde.

Andernorts werden weitere Ressourcen verschwendet, da das „Verlustsignal“ durch Rettungsaktionen verschleiert wird.

„Kritiker mögen in der Eliminierung des Gewinnmotivs das gleiche sehen, wie dem Zinnmann aus Oz ein Herz zu geben; in Wirklichkeit ist es viel eher so, als würde Ödipus sich selbst die Augen ausstechen“, wie Professor Steve Horwitz es ziemlich brillant formulierte.

Wie dieser Artikel des Wall Street Journal erklärt, halten Gewinne und Verluste die Unternehmensführer ehrlich, während eine sogenannte Stakeholder-Sicht ihnen erlaubt, undurchsichtig oder sogar korrupt zu sein. Um ihre eigenen Interessen an die Stelle der Interessen anderer zu setzen, müssen unsere „Great Resetter“ also das Gewinn- und Verlustsystem zerstören, so dass nur noch ihr eigener Wille, unterstützt durch Gewalt, die produktiven Bemühungen leitet.

Stakeholder-Kapitalismus als neumodischer Faschismus

Wenden wir uns nun dem zweiten Unwort in „Stakeholder-Kapitalismus“ zu. Wenn Sie darüber verwirrt sind, ob der Nationalsozialismus tatsächlich eine Form des Sozialismus ist, sollten Sie diesen Artikel und diesen und diesen lesen.

Sozialismus bedeutet die Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln zugunsten eines mythischen „kollektiven Eigentums“, aber die brutale Realität ist, dass es sich um ein System der gewaltsamen zentralisierten Kontrolle handelt.

In gleicher Weise gilt: „Für den Faschismus ist der Staat absolut, Individuen und Konzerne [sind] relativ“, sagte Mussolini. So oder so kontrollieren die Inhaber der zentralisierten Macht, indem sie die Produktion kontrollieren, Ihr Leben. Sie werden zum alleinigen „Stakeholder“ bei allen Entscheidungen, die materielle Ressourcen betreffen.

Wie Ludwig von Mises gezeigt hat, gibt es ohne echtes Privateigentum kein Kaufen und Verkaufen und damit kein Marktpreissystem, so dass die Planer keine Möglichkeit haben, zu wissen, was die Menschen schätzen. Sie fliegen im Blindflug und schaffen Chaos anstelle von wirtschaftlicher Koordination. Für seine vernichtenden, aber unausweichlichen Einsichten hatte Mises die Ehre, intellektueller Feind Nummer eins sowohl der Nationalsozialisten als auch der Sowjets zu sein.

Im Sozialismus russischer Prägung, wie Mises ihn nannte, würde der Besitzer der Gimmickfabrik erschossen oder in den Gulag geschickt werden, um durch einen Parteiapparatschik ersetzt zu werden, der oft überhaupt keinen Hintergrund in der Gimmick-Produktion hat. Es gäbe nicht nur keine Möglichkeit zu wissen, ob Gimmicks sozial nützlich sind, sondern man würde auch keine sehr guten Gimmicks bekommen.

Unter dem, was Mises den Sozialismus deutscher Prägung nannte, würde der frühere Besitzer der Gimmickfabrik nominell in der Verantwortung belassen, aber zu einem Parteiapparatschik gemacht, auf den so viel Druck ausgeübt wird wie nötig, um ihn zu zwingen, den Interessen des Staates zu dienen. Dieses Eigentum nur dem Namen nach ist der Grund, warum Menschen manchmal den nationalen Sozialismus mit dem Kapitalismus verwechseln, anstatt ihn korrekt als einen anderen Weg zum Sozialismus zu identifizieren. Ressourcen werden de facto mit verschiedenen Mitteln verstaatlicht.

Unter diesem System gibt es auch keine Möglichkeit herauszufinden, ob die Produktion von Gimmicks sozial vorteilhaft ist, da die Gimmickfabrik eher staatlichen Befehlen folgt als auf die Verbraucher zu reagieren. Aber nichtsdestotrotz würden durch das Beibehalten von Wissen aus der Vergangenheit immer noch Dinge produziert werden, egal ob es sich um Güter oder „Schlechter“ handelt. Das ist der Grund, warum Deutschland in der Lage war, im Zweiten Weltkrieg reichlich Flugzeuge und andere Kriegsmaschinen zu produzieren – durch die Nutzung von privatem Fachwissen für staatliche Zwecke; durch die „Fusion von staatlicher und unternehmerischer Macht“.

Unter dem Sozialismus deutscher Prägung, erklärte Mises, wurden die ehemaligen Kapitalisten schon vor dem Ausbruch des Krieges auf den Status von „Shopmanagern“ reduziert, und

Kein deutscher Kapitalist oder Unternehmer (Shopmanager) oder sonst jemand ist frei, für seinen Konsum mehr Geld auszugeben, als die Regierung für seinen Rang und seine Stellung im Dienst der Nation für angemessen hält… Niemand ist frei, mehr Lebensmittel und Kleidung zu kaufen als die zugeteilte Ration. Mieten sind eingefroren; Möbel und alle anderen Güter sind unerreichbar… Reisen ins Ausland sind nur im Auftrag der Regierung erlaubt… Deutsche Aktiengesellschaften sind nicht frei, ihre Gewinne an die Aktionäre auszuschütten. Die Höhe der Dividenden ist nach einer hochkomplizierten Gesetzestechnik streng begrenzt… Die deutsche Wirtschaft ist seit vielen Jahren nicht in der Lage, ihre Anlagen zu ersetzen… Das kriegerische Deutschland lebt von seinem Grundkapital, d.h. von dem Kapital, das nominell und scheinbar seinen Kapitalisten gehört.

Dies ist ein Bild des gelebten „Stakeholder-Kapitalismus“. In unterschiedlichem Ausmaß wenden alle Regierungen diese Art von Politik während Kriegen oder Pandemien an, indem sie das nutzen, was Robert Higgs den Ratscheneffekt nennt. Das ist der Grund, warum Gruppen wie das Weltwirtschaftsforum die COVID-19-Krise als eine große Chance sehen.

Ich behaupte nicht, dass Klaus Schwab und Konsorten das Ziel haben, Messerschmitts und Senfgas zu produzieren. Aber was auch immer ihre Ziele sind, wenn sie gesellschaftlich vorteilhaft wären, dann wäre keine Gewalt und kein „Great Reset“ nötig, um sie zu erreichen – die Menschen würden freiwillig für diese Ziele zusammenarbeiten. Im Gegensatz dazu zeigt die offensichtliche Notwendigkeit, die Marktkooperation mit Hilfe von staatlichem Zwang aufzuheben, dass ihre Agenda eine ist, die der Elite passt, zum Nachteil der freiwilligen Gesellschaft.

Ein System, das die Ziele echter Interessengruppen durch den eisernen Willen der herrschenden Eliten ersetzt, das nominelles Privateigentum beibehält, aber staatliche Gewalt einsetzt, um Firmen unter Druck zu setzen, damit sie zentral festgelegten Zielen dienen, sieht und riecht sehr nach Wirtschaftsfaschismus.

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel Is ‘Stakeholder Capitalism’ Newspeak for Economic Fascism? ist am 23.1.2021 auf der website der Foundation of Economic Education erschienen.

Mark Hornshaw ist Dozent für Wirtschaft, Entrepreneurship und Management an der University of Notre Dame Australia.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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