Sozialismus bedeutet Diktatur

7. Dezember 2020 – von Richard M. Ebeling

Richard M. Ebeling

Die Idee des Kommunismus – das gemeinschaftliche Eigentum von Produktionsgütern und ihren Produkten – ist so alt wie die alten Griechen und Platons Vorstellung von der idealen Republik, in der die Wächter alle gemeinsam leben und arbeiten. Platon geht davon aus, dass eine radikale Veränderung des sozialen, institutionellen Umfelds die Menschen von eigennützigen Wesen in altruistische Diener für einige definierte Bedürfnisse der Gesellschaft als Ganzes verwandeln würde.

Daran erkennt man einen grundlegenden Unterschied im Menschenbild der klassischen Liberalen im Gegensatz zur sozialistischen Weltanschauung. Hat der Mensch eine grundlegende und unveränderliche Natur, die vielschichtig und komplex sein mag, aber trotzdem bestimmte unveränderbare Eigenschaften und Merkmale? Oder ist die menschliche Natur eine formbare Substanz, die sich in den Händen des Bildhauers wie Lehm modellieren lässt, indem der Mensch extrem unterschiedlichen, sozialen Einflüssen ausgesetzt wird?

Klassische Liberale halten ersteres für richtig: Menschen sind ziemlich vernünftige, eigennützige Wesen, die sich selbst und ihre Umstände verbessern wollen, so wie sie selbst es für richtig halten. Das soziale Dilemma einer humanen, gerechten und weitgehend wohlhabenden Gesellschaft besteht darin, eine politische und wirtschaftliche Ordnung und Institutionen zu schaffen, die am besten mit dieser unveränderlichen Qualität der menschlichen Natur harmonieren, so dass sie die Verbesserung des Menschen fördern und nicht zu einem Werkzeug der Ausbeutung werden. Die klassische liberale Antwort ist im Grunde das System der natürlichen Freiheit von Adam Smith mit seiner offenen, wettbewerbsorientierten, marktwirtschaftlichen Ordnung.

Mitglieder dessen, was sich im späten achtzehnten bis hinein ins neunzehnte Jahrhundert zur sozialistischen Bewegung entwickelte, waren anderer Meinung. Sie bestanden darauf, dass es auf die Institution des Privateigentums und das damit verbundene marktbasierte System zurückzuführen sei, dass Menschen egoistisch, gierig, gefühllos und unsensibel gegenüber den Verhältnissen ihrer Mitmenschen seien. Sie wollten deshalb die institutionelle Ordnung ändern, in der Menschen leben und arbeiten, um den „neuen Menschen“ zu schaffen.

In der Tat erhoben sie eine Welt zum höchsten gesellschaftlichen Ideal, in der der Einzelne für das Kollektiv, die Gesellschaft als Ganzes, leben und arbeiten würde, und nicht nur für die eigene Verbesserung, die mutmaßlich auf Kosten der anderen in der Gesellschaft gehen würde. Der Sozialismus war der Wegbereiter der Ethik des Altruismus.

Es gibt ein riesiges Angebot an sozialistischer Literatur von einer Vielzahl von Verfechtern des Kollektivismus. Einige sehnten sich nach einem bäuerlichen Paradies; andere stellten sich eine industrielle Zukunft für die Menschheit vor, in der die Produktivität den Punkt erreicht, an dem Maschinen praktisch die gesamte Arbeit verrichten. Wie Karl Marx sagte: Die Menschheit würde frei sein, um morgens zu jagen, nachmittags zu angeln und abends am Kamin zu sitzen und mit den Genossen, alle durch den kommunistischen Post-Knappheits-Himmel auf Erden von Arbeit und Sorgen befreit, über sozialistische Philosophie zu diskutieren. (Siehe meinen Artikel „Marx‘ Flucht vor der Realität“).

Um die menschliche Natur zu verändern ist eine Diktatur des Proletariats nötig

Aber das Wesen des kommenden Paradieses auf Erden ist, dass die Natur des Menschen verändert werden kann und auch sollte. Es gibt nur wenige Stellen in den Schriften von Karl Marx, an denen er tatsächlich von den Institutionen und Funktionsweisen der sozialistischen Gesellschaft spricht, die nach dem Untergang des Kapitalismus kommen werden. Eine davon findet sich in seinem Werk „Kritik des Gothaer Programms“ von 1875 – der politischen Agenda einer rivalisierenden sozialistischen Gruppe, der Marx stark widersprach.

Das Dilemma, erklärt Marx, besteht darin, dass selbst nach dem Sturz des kapitalistischen Systems Reste des bisherigen Systems in der neuen sozialistischen Gesellschaft vorhanden sein würden. Erstens gäbe es übriggebliebene Menschen des nun untergegangenen kapitalistischen Systems. Zu ihnen würden diejenigen gehören, die das System der Ausbeutung der Arbeiter für ihre eigenen unrechtmäßigen Profite wiederherstellen wollen. Ebenso problematisch wäre die Tatsache, dass die „Arbeiterklasse“ – obwohl sie vom „falschen Bewusstsein“ befreit wäre, dass das kapitalistische System, unter dem sie ausgebeutet wurden, gerecht war – immer noch die kapitalistische Psychologie des Eigeninteresses und des persönlichen Gewinns in sich tragen würde.

Es musste also eine „revolutionäre Vorhut“ engagierter und klarsichtiger Sozialisten an der Macht sein, die „die Massen“ in die strahlende, schöne Zukunft des Kommunismus führen würde. Das institutionelle Mittel dazu, so Marx, sei die „Diktatur des Proletariats“.

Mit anderen Worten: Solange die Massen, die Arbeiter, noch nicht von der individualistischen und kapitalistischen Denkweise befreit sind, in die sie hineingeboren wurden und in der sie zu agieren gelernt haben, mussten sie von einer selbsternannten politischen Elite „umerzogen“ werden, die sich bereits vom kapitalistischen falschen Bewusstsein der Vergangenheit befreit hat. Im Namen der Freiheit der neuen sozialistischen Ära muss eine Diktatur herrschen, die aus denen besteht, die wissen, wie die Menschheit denken, handeln und sich zusammenschließen sollte, um sie auf den wahren Kommunismus vorzubereiten.

Außerdem ist die Diktatur nicht nur notwendig, um alle Versuche der ehemaligen kapitalistischen Ausbeuter zu vereiteln, ihre Macht über ihr früheres, nun sozialisiertes Eigentum wiederzuerlangen. Diese Stimmen aus der kapitalistischen Vergangenheit müssen auch daran gehindert werden, ihre eigennützigen Lügen und Täuschungen zu verbreiten, warum die individuelle Freiheit moralisch richtig ist oder dass Privateigentum dem Wohlergehen aller in der Gesellschaft einschließlich der Arbeiter dient oder dass Freiheit jene „bürgerlichen“ Freiheiten wie Pressefreiheit, Rede- oder Religionsfreiheit oder demokratische Wahlen einschließt. Die Massen müssen zu dem „wahren“ Bewusstsein gebracht und darin indoktriniert werden, dass Freiheit das kollektive Eigentum und die kollektive Führung der Produktionsmittel und den selbstlosen Dienst an der Gesellschaft bedeutet, von denen die verantwortliche sozialistische revolutionäre Vorhut weiß, dass sie wahr sind.

Dies erklärt auch, warum die sozialistische Phase der „Diktatur des Proletariats“ in keinem der marxistisch inspirierten revolutionären Regime der letzten hundert Jahre enden konnte. Die menschliche Natur wartet nicht darauf, wie Wachs in eine neue menschliche Form gepresst zu werden. Menschen scheinen im Allgemeinen nicht fest darauf programmiert zu sein, altruistische, selbstlose Eunuchen zu sein. So tritt das Eigeninteresse im Verhalten der Menschen immer wieder hervor, und wenn es als ethisches Negativ hingestellt werden soll, muss es mit politischer Macht immer wieder aufs Neue unterdrückt werden.

Darüber hinaus musste die Diktatur des Proletariats in den sozialistischen Ländern solange aufrechterhalten werden, wie es überall auf der Welt kapitalistische Feinde gab, um sicherzustellen, dass die umgebildeten Köpfe der Arbeiter, die bereits das Glück hatten, im Sozialismus zu leben, nicht erneut von kapitalistischen Ideen infiziert wurden, die von außerhalb des kollektivistischen Volksparadieses kamen. Daher der „Eiserne Vorhang“ der Zensur und Gedankenkontrolle in den marxistischen Teilen der Welt, im Namen des Volkes, über das die revolutionäre Vorhut herrschte.

Sozialistische Wirtschaftsplanung ist nichts anderes als das Herumkommandieren von Menschen

Nachdem das Privatunternehmertum durch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel abgeschafft und unter die Kontrolle der sozialistischen Regierung gebracht worden war, war ein zentraler Wirtschaftsplan nun unerlässlich. Wenn nicht die gewinnorientierten Einzelunternehmer ihre privaten Unternehmen zur Befriedigung der vom Wettbewerbspreissystem geleiteten Verbraucherwünsche lenken, dann muss jemand bestimmen, was wo, wann und zu welchem Zweck produziert wird.

Die Steuerung der kollektivierten Produktionsmittel „des Volkes“ erfordert einen zentralisierten Plan, der sie zum Wohl der Gesellschaft als Ganzes einsetzen soll. Das bedeutet, dass nicht nur Holz und Stahl, sondern auch die Menschen an einem bestimmten Ort in der sozialistischen Gesellschaft eine Verwendung zugewiesen bekommen müssen. Daher legten in den kommunistischen Volkswirtschaften des zwanzigsten Jahrhunderts die zentralen Planungsbehörden des Staates fest, wer für welche Fertigkeiten oder Fachkenntnisse ausgebildet werden sollte, wo sie beschäftigt werden sollten und welche Arbeit sie verrichten sollten.

Da der Staat Sie ausbildete, Ihnen Arbeit zuwies und Ihr einziger Arbeitgeber war, legte er auch fest, wo die Menschen wohnen würden; nicht nur, in welcher Stadt oder in welchem Dorf, sondern auch, in welcher Wohnung in einem staatlichen Wohngebäude sie wohnen würden. Erholungseinrichtungen, Ruhe- und Urlaubsorte, die Arten von Konsumgütern, die wo und für wen produziert und verteilt werden sollten: Auch dies alles wurde zentral von den sozialistischen Planungsbehörden auf Befehl der Diktatur des Proletariats festgelegt.

Auch nicht der kleinste Teil des Alltagslebens war frei von der Kontrolle des allmächtigen und allumfassenden sozialistischen Staates. Sein Entwurf und die versuchte Umsetzung waren wahrhaft „totalitär“. Möglicherweise war es Benito Mussolini, der Vater des Faschismus, der den Begriff „Totalitarismus“ im Sinne von „alles im Staat, nichts gegen den Staat, nichts außerhalb des Staates“ prägte. Aber nirgendwo im letzten Jahrhundert wurde dies nachdrücklicher, durchdringender und zwingender durchgesetzt als in den kommunistischen Ländern, die nach dem Vorbild der Sowjetunion, wie sie von Wladimir Lenin geschaffen und auf erschreckende Weise von Josef Stalin und ihren Nachfolgern institutionalisiert wurde, geformt wurden.

[Dieser Beitrag basiert auf einer Präsentation, die am 1. März 2017 bei der John W. Pope Lecture gehalten wurde, unterstützt vom Clemson Institute for the Study of Capitalism an der Clemson University.]

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel Socialism Requires a Dictator ist am 12.3.2017 auf der website der Foundation of Economic Education erschienen.

Richard M. Ebeling lehrt Volkswirtschaft an der Northwood Universtity. Er war Präsident der Foundation for Economic Education und ist Adjunct Scholar des Mises Institut, Auburn, US Alabama.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: Adobe Stock Foto

 

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