‚Freie Märkte‘ statt ‚Great Reset‘

23. November 2020 – von Antony P. Mueller  

Antony P. Mueller

Nimmt man die Veröffentlichungen des Weltwirtschaftsforums als Hinweis darauf, wie die „Vierte Industrielle Revolution“ die Gesellschaft verändern wird, steht die Welt vor einem massiven Angriff auf die individuelle Freiheit und das Privateigentum. Eine neue Art von Kollektivismus steht bevor. Wie der Kommunismus der Vergangenheit verspricht das neue Projekt Fortschritt und soziale Gleichheit. Diesmal kommen noch ökologische Nachhaltigkeit und das Versprechen von Langlebigkeit oder sogar Unsterblichkeit hinzu, um die Massen zu locken. In Wirklichkeit sind diese Versprechungen jedoch zutiefst dystopisch.

Die vierte industrielle Revolution

Laut Klaus Schwab, dem Gründer und Vorstand des World Economic Forum (WEF), stellt die „Vierte Industrielle Revolution“ (2016) eine neue Etappe des disruptiven technologischen Fortschritts dar, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit der Textilindustrie und dem Einsatz von Dampfkraft begann. Die Zweite industrielle Revolution fand in den Jahrzehnten vor und nach 1900 statt. Sie schuf eine Fülle neuer Konsumgüter und Produktionstechnologien und beflügelte den Massenkonsum. Die dritte industrielle Revolution begann um 1950 mit den Durchbrüchen in den digitalen Technologien. Nun, so Klaus Schwab, bedeutet die vierte industrielle Revolution, dass sich die Welt auf eine „wahre globale Zivilisation“ zubewegt.

Die vierte industrielle Revolution bietet das Potenzial, „die Menschheit zu robotisieren und damit unsere traditionellen Bedeutungsquellen – Arbeit, Gemeinschaft, Familie, Identität – zu gefährden.“ Schwab prophezeit, dass die vierte industrielle Revolution „die Menschheit in ein neues kollektives und moralisches Bewusstsein heben“ werde.

Transhumanismus ist Teil der Transformation, die mit der vierten industriellen Revolution einhergeht, da künstliche Intelligenz (KI) selbst die besten menschlichen Leistungen bei bestimmten Aufgaben übertreffen wird. Die neuen Technologien „werden nicht aufhören, Teil der physischen Welt um uns herum zu werden – sie werden Teil von uns werden“, erklärt Schwab.

Im Vorwort zu Schwabs Buch „Shaping the Future of the Fourth Industrial Revolution“ (2018) erklärt der CEO von Microsoft, Satya Nadella, dass die Entwicklung der neuen Technologien „ganz in unserer Macht liegt“. Microsoft und die anderen Hightech-Unternehmen „wetten auf die Konvergenz mehrerer wichtiger Technologieverschiebungen – Mixed Reality, künstliche Intelligenz und Quantencomputer“.

Satya Nadella informiert in seinem Vorwort den Leser, dass Microsoft, Amazon, Google, Facebook und IBM zusammen daran arbeiten werden, die neuen Technologien zu nutzen, um das Verkehrs- und Gesundheitswesen und das Zusammenwirken von Künstlicher Intelligenz und Mensch umzugestalten. Es soll erforscht und getestet werden, wie die Fortschritte bei der Künstlichen Intelligenz für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruch zum „sozialen Wohl“ genutzt werden können.

Allumfassende Transformation

Im Vorwort seines neuen Buches über „Die Zukunft der Vierten Industriellen Revolution“ (2019) prophezeit Klaus Schwab, dass die vierte industrielle Revolution die bestehenden Wege des Begreifens, Rechnens, Organisierens, Handelns und Lieferns auf den Kopf stellen wird. Er stellt fest, dass die negativen externen Effekte der gegenwärtigen Weltwirtschaft schädlich für Umwelt und gefährdete Bevölkerungsgruppen seien.

Für Schwab werden die Veränderungen, die mit den neuen Technologien kommen, umfassend sein und die Art und Weise, wie Waren und Dienstleistungen produziert und transportiert werden, zunichtemachen. Die Vierte Industrielle Revolution wird auf die Weise, wie man kommuniziert, zusammenarbeitet und die Welt erlebt, umwälzende Auswirkungen haben. Der Wandel wird so tiefgreifend sein, dass die Fortschritte bei der Neurotechnologie und Biotechnologie die Menschen zwingen werden, zu hinterfragen, was es bedeutet, Mensch zu sein.

Wie von Satya Nadella bereits ausgeführt, wiederholt Schwab in seinem Vorwort ausdrücklich die Behauptung, dass der Entwicklungsgang der vierten industriellen Revolution völlig in unserer Macht stehe, wenn „wir“ das „Fenster der Möglichkeiten“ nutzen und danach streben, die Oberhoheit über die Entwicklung zu ergreifen.

Wer aber ist hier das „Wir“, von dem beide Autoren sprechen? In wessen Namen spricht das Weltwirtschaftsforum? Es ist die globale technokratische Elite, die die Übernahme der Kontrolle über die technische, wirtschaftliche und soziale Zukunftsentwicklung fordert. Es wird ein neues System angepeilt, das durch eine intime Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Regierung oder, genauer gesagt, zwischen einer kleinen Gruppe von Hightech-Unternehmen und einer Handvoll Schlüsselländer, gekennzeichnet ist.

Die Webseite des Weltwirtschaftsforums über den „Great Reset“ verkündet, dass die Covid-19-Krise „ein einzigartiges Zeitfenster bietet“, um den „Großen Neustart“ voranzutreiben.  An dem gegenwärtigen „historischen Scheideweg“ müssen sich die Staats- und Regierungschefs der Welt mit „den Ungereimtheiten, Unzulänglichkeiten und Widersprüchen“ auseinandersetzen, die die gegenwärtigen Systeme der Gesundheitsversorgung und Bildung bis hin zu Finanzen und Energie kennzeichnen.

Das Forum definiert eine „nachhaltige Entwicklung“ („sustainability“) als das Hauptziel der globalen Maßnahmen. Der Neustart fordert eine globale Zusammenarbeit, um die vierte industrielle Revolution dazu zu nutzen, „die Gesundheit der Umwelt“ wiederherzustellen, „soziale Verträge, Fähigkeiten und Arbeitsplätze“ neu zu gestalten und „die wirtschaftliche Erholung“ herbeizuführen.

Wie auf dem vom 20. bis 23. Oktober 2020 abgehaltenen „Jobs Reset Summit“ angekündigt, verspricht das Forum eine „grüne Erholung“ von der Covid-19-Krise und einen „grünen Horizont“. Der kommende WEF-Gipfel im Januar 2021 soll sich speziell mit den anstehenden Veränderungen befassen. Zu den Hauptthemen gehören „stabiles Klima“, „nachhaltige Entwicklung“, eine „Null-Kohlenstoff“-Wirtschaft und eine landwirtschaftliche Produktion, die im „Einklang mit der weltweiten Reduzierung des Fleischverbrauchs“ stehen würde.

Die Alternative

Der Anstieg des Lebensstandards, zusammen mit dem Wachstum der Weltbevölkerung, wurde durch die erste industrielle Revolution möglich. Diejenigen, die nun angesichts der vierten industriellen Revolution die kapitalistische Gesellschaft zu Fall bringen wollen, müssen sich notwendigerweise für sinkenden Lebensstandard und Entvölkerung entscheiden. Diejenigen, die eine neue Weltordnung mit Hilfe der Staatsmacht schaffen wollen, negieren, dass der radikale Kapitalismus viel wirksamer die Mittel bereitstellt, um in eine bessere Welt zu gehen, so wie es seit Beginn der ersten industriellen Revolution der Fall war.

Was die industriellen Umbrüche in der Vergangenheit herbeiführte, waren freie Märkte und individuelle Wahlmöglichkeiten. Wie Ludwig von Mises erklärt, war es die Laissez-faire-Ideologie, die die Erste Industrielle Revolution hervorbrachte. Es gab zunächst eine spirituelle Revolution, die „der gesellschaftlichen Ordnung ein Ende setzte, in der eine ständig wachsende Zahl von Menschen zu bitterer Not und Elend verdammt war“ und in der die Produktionstätigkeit „fast ausschließlich den Wünschen der Wohlhabenden entsprach“. Vor der ersten industriellen Revolution standen nicht die Bedürfnisse der Mehrheit im Vordergrund, sondern die Ausdehnung der Wirtschaftstätigkeit war begrenzt „durch die Menge an Luxus, die sich die wohlhabenderen Schichten der Bevölkerung leisten konnten“.

Die Ideologie des Weltwirtschaftsforums ist die der vorindustriellen Ära. Während es auf der Website des Forums (WEF) von Begriffen wie „Macht“, „Organisation“ und kontrollierter „nachhaltiger Entwicklung“ wimmelt, fehlen in eklatanter Weise die Begriffe „Freiheit“, „Marktkoordination“ und „individuelle Wahl“. Das Forum verbirgt die Tatsache, dass die Zukunft der Menschheit – anstelle des menschlichen Fortschritts – eine weltweite Verarmung und Unterdrückung wäre, sollten sich die Ideen des Weltwirtschaftsforums durchsetzen. Die Einrichtung der geplanten „ökologischen Wirtschaft“ wird notwendigerweise mit einem drastischen Rückgang der Weltbevölkerung einhergehen. Es bleibt dabei offen, wer die Betroffenen, die verschwinden müssen, sein werden.

Mit der Abschaffung der Märkte und der Unterdrückung der individuellen Wahl, die die kollektivistischen Pläne des WEF propagieren, würde ein neues dunkles Zeitalter kommen. Anders als von den Planern vermutet, würde der technologische Fortschritt selbst zum Stillstand kommen. Ohne die menschliche Kreativität, die aus der Denkweise des Individualismus entspringt, ist noch nie ein wirtschaftlicher Fortschritt möglich gewesen.

Schlussfolgerung

Die neuen Technologien, die die vierte industrielle Revolution hervorbringt, können für die Menschheit von immensem Nutzen sein. Die Technologien an sich sind nicht das Problem, sondern wie sie eingesetzt werden. Eine dystopische Zukunft erwartet uns, wenn die globale Elite des Weltwirtschaftsforums das Sagen hat. Das Ergebnis wäre ein technokratisches Terrorregime, das sich als wohlwollende Weltregierung maskiert. Dennoch gibt es eine Alternative. Wie in den letzten zweihundert Jahren allgemein bewiesen wurde, sind freie Märkte und individuelle Wahlmöglichkeiten die Quellen des technologischen Fortschritts und des wirtschaftlichen Wohlstands. Es gibt keine rationalen Gründe anzunehmen, dass die vierte industrielle Revolution Kollektivismus erfordern würde. Freie Märkte sind der beste Weg, um die Herausforderungen zu bewältigen, die mit den neuen Technologien kommen. Nicht weniger, sondern mehr Kapitalismus ist die Antwort auf die Herausforderungen der Zeit.

Dr. Antony P. Mueller (antonymueller@gmail.com) ist habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor der Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS (www.ufs.br), wo er am Zentrum für angewandte Wirtschaftsforschung und an deren Konjunkturbericht mitarbeitet und im Doktoratsprogramm für Wirtschaftssoziologie mitwirkt. Er ist Mitglied des Ludwig von Mises Institut USA, des Mises Institut Brasilien und Senior Fellow des American Institute of Economic Research (AIER). Außerdem leitet er das Webportal Continental Economics (www.continentaleconomics.com).

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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