„Die Skrupellosigkeit des politisch-finanziellen Komplexes ist nicht zu unterschätzen“

27. April 2020 – Im Februar ist im Verlag „Frank & Frei“ das Buch „Europa 2030. Wie wir in zehn Jahren leben“ erschienen. Zwölf Autoren, darunter Andreas Tögel, versuchen Antworten zu geben auf Fragen wie „Wohin steuert Europa?“ oder „Wie werden wir, unsere Kinder und Enkelkinder in zehn Jahren leben?“. Wir haben mit unserem Autor Andreas Tögel über das Buch und sein Thema darin, einem drohenden Bargeldverbot, gesprochen. 

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Herr, Tögel, Sie haben an einem Buch mitgewirkt mit dem Titel „Europa 2030. Wie wir in zehn Jahren leben“. Wer hatte die Idee dazu und worum geht es darin?

Andreas Tögel

Die Idee zu dem Buch hatte Werner Reichel, ein freiberuflich tätiger Wiener Journalist und Erfolgsautor („Kickl muss weg“) – und einer der wenigen im deutschsprachigen Raum außerhalb der Schweiz, die unermüdlich wider den linksliberalen Zeitgeist anschreiben. Er hat den relativ kurzen Zeithorizont von zehn Jahren gewählt, weil er nicht „Science Fiction“ betreiben, sondern ein einigermaßen realistisches Bild von der nahen Zukunft Europas (nicht nur der EU!) zeichnen wollte. Dazu hat er elf weitere liberale, libertäre und konservative Autoren an Bord geholt, die ihre Visionen aus verschiedenen Perspektiven heraus entwickeln: wirtschaftliche und demographische Veränderungen, zunehmende Islamisierung, Brain Drain nach Übersee, Betreuungs- und Überwachungsstaat, etc.

Im Vorwort stellt Werner Reichel die Frage ‚Ist Europa ein Auslaufmodell …?‘ Ist es eines?

Reichel unterscheidet strikt zwischen Europa und der EU – und das tue ich auch. Als im Juni 1994 eine Volksabstimmung über den Beitritt Österreichs zur EU abgehalten wurde, gehörte auch ich zu den glühenden Beitrittsbefürwortern. Als überzeugter Freund des Freihandels dachte ich an eine vergrößerte Wirtschaftsgemeinschaft – nicht an eine Fiskal- oder Sozialunion. Ich war damals noch naiv genug zu glauben, was die politischen Eliten versprochen hatten: keine Einheitswährung, weiterhin anonyme Konten, keine Vergemeinschaftung von Staatsschulden, weitgehende Beibehaltung der staatlichen Souveränität, etc. All das hat sich als freche Lüge entpuppt.

Mit der Festlegung auf einen eine Billion teuren „Green Deal“ beschleunigt sich der Weg der EU in einen ökosozialistischen Einheitsstaat unter zentralem Kommando. Der gefühlt 763. Versuch, mit einer Planwirtschaft eine bessere Alternative zur Marktwirtschaft zu präsentieren, wird mit Sicherheit scheitern. Das ist ein Weg in die Sackgasse – und, ja, das macht die EU nach meiner Einschätzung tatsächlich zum Auslaufmodell.

Mit welchem Thema beschäftigen Sie sich im Rahmen des Buches?

Mein Beitrag ist dem Thema Bargeld, respektive dessen drohender Abschaffung gewidmet. Auf dem Weg dahin wurden und werden ja unübersehbare Initiativen gesetzt – das traditionell sozialistische Schweden (wo vielerorts überhaupt kein Bargeld mehr akzeptiert wird) liefert die Blaupause für den Rest Europas. Mit fadenscheinigen Vorwänden (Hygiene, Sicherheit, Kampf gegen die Schwarzgeldschieberei und den Drogenhandel usw.) wird ein entscheidender Pfeiler der Freiheit vom politisch-finanzindustriellen Komplex systematisch untergraben. Das und die absehbaren Folgen habe ich in meinem dystopischen Aufsatz beschrieben.

Einer Umfrage von Anfang März durch das Hamburger Datenportal Statista zufolge, also noch vor Corona, haben Münzen und Scheine mit drei Viertel aller Transaktionen im deutschen Einzelhandel weiterhin deutlich die Nase vorn (76 Prozent)‘. Sind Ihre Befürchtungen nicht etwas pessimistisch?

Auch in Österreich erfreut sich Bargeld immer noch größter Beliebtheit – besonders bei den älteren Semestern. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass es die Bargeldverwendung mit mächtigen Feinden zu tun hat: der gesamte Finanzsektor (z. B. Banken und Kreditkartenunternehmen), Einzelhandelsketten und global agierende Internetunternehmen wie Amazon oder Facebook. Ein ganz besonders starkes Interesse an der Bargeldabschaffung haben indes Regierungen und deren Symbionten, die Zentralbanken. Damit die Regierungen der hochverschuldeten Staaten ungehindert an die (Geld-)Vermögen der Bürger gelangen können, muss das Bargeld weg. Andernfalls ist es zwar nicht unmöglich, aber wesentlich umständlicher, zwecks Umverteilung zugunsten der öffentlichen Hand hohe Negativzinsen durchzusetzen. Man darf den Einfallsreichtum und die Skrupellosigkeit des politisch-finanziellen Komplexes jedenfalls nicht unterschätzen, wenn es darum geht, die Bürger zu enteignen.

Der IWF hat vor etwa einem Jahr auch schon einen Vorschlag dazu vorgelegt, nach dem man Bargeld besteuern könnte. Dem Einfallsreichtum scheinen keine Grenzen gesetzt …

Ich zweifle keine Sekunde daran, dass das nicht der letzte Vorstoß in dieser Richtung gewesen sein wird. Alles, wirklich alles was den Kontrollphantasien des politisch-geldindustriellen Komplexes dient, wird dazu genutzt werden, den Kampf gegen das Bargeld zu verschärfen.

Welche Befürchtungen haben Sie im ‚worst case‘, dass es also wirklich kein Bargeld mehr gäbe?

Tatsächlich rechne ich in den unmittelbar vor uns liegenden Jahren noch nicht mit einer vollständigen Bargeldabschaffung. Aber die scheibchenweisen Beschränkungen allein sind schon schlimm genug. Ein Beispiel: in Deutschland sind keine Goldkäufe mehr oberhalb der 2.000,- Euro-Schranke erlaubt, ohne sich zu legitimieren. In vielen Ländern der Eurozone gibt es Beschränkungen der Möglichkeit zur Barzahlung. Da leuchten die Warnlichter vor dem Kommenden schon auf. Dass diese Maßnahmen irgendwas mit Kriminalitäts- oder Terrorismusbekämpfung zu tun haben könnten, kann nur ein Witz sein. Also geht es vielmehr um die totale Überwachung und Kontrolle der Bürger. Das ist nicht nur unbequem – denn wer will sich denn schon unentwegt für seine völlig legalen und harmlosen Transaktionen rechtfertigen müssen -, sondern auch gefährlich. Denn die Hoffnung, dass wir es mit einem jederzeit wohlmeinenden und nur um unser aller Wohl besorgten Staat zu tun haben, sollten wir – angesichts all dessen, was den Bürgern gegen den Willen deren Mehrheit von den Regierungen schon alles zugemutet wurde (Stichworte Schulden- und Haftungskollektivierung oder Massenimmigration) schleunigst begraben. Aber, um auch zum „worst case“ etwas zu sagen: Man versetze sich in die Lage jüdischer Mitbürger im Deutschland am Ende der 1930-Jahre und stelle sich eine bargeldlose Welt vor. Um wieviel höher wäre die Zahl der zu beklagenden Opfer der politischen Willkür dann wohl ausgefallen?

„Die Corona-Pandemie wird damit zum Game-Changer beim Bezahlverhalten der Deutschen, hieß es dieser Tage in einem Artikel auf der Internetseite der WELT. Und weiter ist zu lesen, am Ende könne das Bargeld in immer mehr Geschäften sogar ganz verschwinden. Teilen Sie dieses Szenario?

Das kann man an vielen Supermarktkassen und in Tankstellen bereits beobachten, wo Hinweisschilder platziert werden, auf denen zur unbaren Zahlung aufgefordert wird. Die starken Kräfte, die jedes Interesse an einem Verschwinden des Bargeldes haben, nutzen eben die Gunst der Stunde. In Panik geratene Menschen (und die Politik tut im Augenblick alles, um diese Panik zu schüren) neigen dazu, sich um Autoritäten – insbesondere um ihre politischen Führer – zu scharen und ihnen alles blind zu glauben. Wenn die ihnen Märchen von einer Infektionsgefahr durch kontaminiertes Papier- oder Hartgeld erzählen, dann haben sie gegenwärtig leichtes Spiel. In Wahrheit gibt es indes keinen Hinweis darauf, dass der Kontakt mit Geldscheinen oder Münzen einer Infektion mit Corona-Viren Vorschub leisten könnte. Man sollte übrigens auch nicht vergessen, dass die Tastatur, mit der der Pincode eingegeben wird, zuvor schon von hunderten anderen Leuten betätigt wurde – ohne zwischendurch desinfiziert worden zu sein. Solange hierzulande in Euro bezahlt werden darf, werde ich mich auch entsprechend verhalten. Ich  lasse mich daher nicht unter Hinweis auf die angeblich hygienischere Zahlung mit Plastikgeld zur Kreditkartenzahlung nötigen und bestehe in jedem Fall – wie bisher – auf Barzahlung.

Möchten Sie am Ende unseres Gespräches einen Appell an die Leserinnen und Leser richten, die das alles für eine Übertreibung halten, die die Wichtigkeit des Kampfes gegen das Bargeld nicht erkennen? 

Als Einzelperson hat man es in der Hand, der Gefahr einer Bargeldabschaffung zu begegnen, indem man den Einsatz unbarer Zahlungsmittel so weit wie möglich vermeidet. Wenn es vielen Zeitgenossen auch verlockend zu sein scheint, zum „praktischen“ und „bequemen“ Plastikgeld zu greifen, sollten sie sich doch stets der Folgen bewusst sein, denen sie am Ende ausgesetzt sein werden, wenn der politisch-finanzindustrielle Komplex seine Vorstellungen umgesetzt haben wird. In Verbindung mit anderen Überwachungsmitteln, die die moderne Elektronik den Machthabern in die Hand gibt, wird es mit Freiheit und Privatsphäre dann weitgehend vorbei sein.

Vielen Dank, Herr Tögel.

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Das Interview wurde per email geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist gelernter Maschinenbauer, ausübender kaufmännischer Unternehmer und überzeugter “Austrian”.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: Adobe Stock

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