Mises lesen lohnt sich immer

4. Dezember 2019 – von Jeff Deist

[Dieser Beitrag ist ein Auszug aus einem Vortrag von Jeff Deist auf der Konferenz des US-amerikanischen Mises Institutes in Los Angeles]

Jeff Deist

Wer gerne Ludwig von Mises liest, der so viel über so viele Dinge geschrieben hat, mag sich fragen, was er wohl vom Zustand Amerikas und des Westens im Jahr 2019 halten würde. Schließlich war er nicht nur Ökonom, sondern auch Soziologe, Philosoph und politischer Theoretiker. Seine Einsichten könnten uns heute sicher von Nutzen sein, da viele seiner Schriften von großer Voraussicht zeugen und heute immer noch aktuell sind.

Natürlich ist es stets gewagt, sich vorzustellen, wie ein verstorbener Intellektueller oder Denker über die heutige Welt und heutige Ereignisse denken würde, und das gilt sicher auch für Mises. Trotzdem stellen wir es uns gerne vor. Wir alle möchten Mises nutzen, um zu beliebigen aktuellen Themen zu argumentieren und unsere Vorurteile zu bestätigen – und warum auch nicht? Ich wundere mich immer über oberflächliche Einwände gegen Autoritätsargumente. Ich weiß zwar, dass Mises unrecht haben kann und Sie, geschätzter Facebook-Diskutant, recht haben können – allerdings bezweifle ich es sehr.

Wir stehen nun vor zwei Problemen. Erstens wissen wir, wie schwierig es ist, unterschiedliche Epochen im Sport zu vergleichen. Wie vergleichen wir Babe Ruth und Mickey Mantle mit Barry Bonds oder Mike Trout? Mises war ein Mann des alten Europa, geboren vor dem Ersten Weltkrieg und dem Untergang des Habsburgerreiches. Selbst das Amerika von 1973, dem Jahr seines Todes, unterscheidet sich gewaltig vom Woke America des Jahres 2019.

Zweitens, wenn wir Gelehrte wie Künstler oder Musiker betrachten, wie bewerten wir dann ihr Gesamtwerk? Legen wir mehr Gewicht auf Mises‘ Spätwerk, mit seiner reiferen Weltsicht? Oder sehen wir sein Werk eher wie das einer Rockband, mit The Theory of Money and Credit als das vielversprechende Erstlingsalbum, und Human Action als den Bestseller? Was waren seine größten Hits?

Dies ist eine schwierige Frage, wenn man bedenkt, dass er fast 20 Bücher und hunderte Artikel und Monographien – insgesamt Millionen Wörter – in über sechs Dekaden geschrieben hat. Es ist nicht einfach, aus so einem vielschichtigen Werk einfache Schlüsse zu ziehen, da sich die Menschen im Lauf der Zeit ändern. Natürlich sollten wir geniale und produktive Denker als Autoritäten anerkennen – und Mises war sicher eine Autorität zum Thema Sozialismus -, aber trotzdem kennt kein Sterblicher die letzte Wahrheit zu irgendeinem Thema.

Dennoch sollten wir den Rat von Mises auf die heutige Welt anwenden. Darin besteht schließlich der Sinn, etwas von ihm zu lernen. Mises kann man ein Leben lang lesen und stets neues von ihm lernen, und man hat nie das Gefühl, seine Arbeit sei veraltet oder irrelevant. Mit ihm können wir uns immer noch beschäftigen.

Also fragen wir uns, was Mises von allen möglichen Dingen halten würde, wie zum Beispiel dem Nobelpreis, den sein Protegé Hayek kurz nach seinem Tod gewonnen hat. Oder vom heutigen Österreich, von dessen Glorie des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr viel übrig ist. Oder vom Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks. Oder vom Projekt der Europäischen Union, insbesondere der Eurozone, der Europäischen Zentralbank und des Euro, und der politischen Situation des heutigen Europa. Von der Einwanderung nach Europa und vom Schengener Abkommen. Von Negativzinsen und Quantitative Easing, und von der verrückten Zentralbankpolitik in den Jahrzehnten seit seinem Tod. Von den Wirtschaftskrisen von 1987, 2000 und 2008. Von Gold und Kryptowährungen. Von Trump und den Demokraten von heute, und vom Brexit und Merkel und Mario Draghi. Von Demokratie als einem Mechanismus des friedlichen Transfers politischer Macht. Von erneuten Rufen nach Sozialismus im Westen. Vom Zustand der Österreichischen Schule. Und wir fragen uns insbesondere, was Mises vom gegenwärtigen Zustand des liberalen Projektes halten würde, das er vor 100 Jahren angestoßen hat.

Mises der Neoliberale?

Ist der Liberalismus von Mises im Westen auf dem Rückzug, oder hat er triumphiert? Ich vermute er wäre geschockt, dass er als zentrale Figur des heute doch überall dominierenden Neoliberalismus betrachtet wird, der, so wird uns versichert, ja alles übernommen hat. Es handelt sich zwar um eine Form des Pseudoliberalismus, für den niemand eine klare Definition hat. Lassen Sie es uns trotzdem versuchen:

Neoliberalismus ist grob gesagt das Grundprogramm der westlichen Regierungen des späten zwanzigsten Jahrhunderts (Sozialdemokratie, staatliche Erziehung, Bürgerrechte, Anspruchsdenken, öffentliche Wohlfahrt, Feminismus, LGBT-Rechte und zu einem gewissen Grad eine Weltregierung durch überstaatliche Organisationen), zusammen mit einer wenn auch wiederwilligen Anerkennung der Rolle der Märkte bei der Verbesserung des menschlichen Lebens. Der westliche Interventionismus auf der ganzen Welt (militärisch, diplomatisch und wirtschaftlich) gehört natürlich auch dazu, stets unter Führung der USA. Neoliberale sind Linksliberale, die die Rolle der Märkte und die Notwendigkeit wirtschaftlicher Entwicklung als Teil ihres großen linken Programms akzeptiert haben, zusammen mit dem bedingungslosen Glauben an neokonservative Außenpolitik. Denken Sie an Bono von U2 oder Hillary Clinton.

Mit anderen Worten handelt es sich bei Neoliberalismus um eine bunte Mischung. Privateigentum – laut Mises die Basis des gesamten liberalen Programms – spielt sicher keine belebende Kraft in der neoliberalen Welt. Aber lassen Sie uns die zögerliche Anerkennung der Neoliberalen, dass Märkte funktionieren, nicht vollständig beiseite wischen. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war das längst nicht selbstverständlich; damals wollten uns westliche Akademiker erzählen, der Sozialismus sei sowohl wissenschaftlich als auch unvermeidlich. Dies ist schon für sich genommen eine große Leistung. Und wer im zwanzigsten Jahrhundert hat sich mehr um die Märkte verdient gemacht als Ludwig von Mises?

Selbst bei einer oberflächlichen Suche in der The New York Times und der Washington Post seit 2015 (jemand müsste ihm erklären, wie Google funktioniert) taucht sein Name in zahlreichen Artikeln auf. Er wird üblicherweise erwähnt, wenn darüber berichtet wird, dass die Ökonomen die Politik übernommen haben und diese nun vollständig in der Hand der Marktradikalen sei, die ihre verrückten Ideen von Mises hätten. So hat dieses Jahr ein Geschichtsprofessor der Universität von Alabama ein Buch mit dem Titel The Marginal Revolutionaries: How Austrian Economists Fought the War of Ideas veröffentlicht – einer linken Betrachtung des weiter bestehenden Einflusses der Österreichischen Schule auf die (angeblich) antisozialistischen Eliten aus Staat und Wirtschaft – mit Mises als ihrem Anführer.

Mises ist heute genau wie Hayek für die Linken eines der Lieblingssinnbilder für Marktliberalismus. Sein Name ist heute weit bekannter, und seine Werke werden mehr gelesen als zu seinen Lebzeiten. Kann ein Intellektueller mehr verlangen? Und die meisten der großen Namen der Ökonomie des zwanzigsten Jahrhunderts – Männer wie Arthur Burns, der komfortable Positionen an der Columbia-Universität innehatte und später US-Zentralbankvorsitzender war – sind heute nichts weiter als Fußnoten der Geschichte. Mises‘ Name und Andenken dagegen werden immer bekannter. Selbst seine schärfsten Kritiker sehen ihn nicht nur als eine Größe der Ökonomie, sondern auch als eine Persönlichkeit mit gewaltigem Einfluss auf den westlichen Kapitalismus. Zu seinem Tod 1973 war das nicht so.

Die Gesundheit der Österreichischen Schule

Mises‘ Aufstieg nach seinem Tod spiegelt einen allgemeinen Aufstieg der Österreichischen Schule wieder. Es ist einfach, nur auf die Zentralbanker der Welt zu schauen und zu dem Schluss zu kommen, die Ökonomie von heute sei hoffnungslos verloren. Dabei würde man allerdings eine sehr starke Unterströmung des Berufszweiges übersehen.

Vor einigen Jahren gab es einen Email-Wechsel zwischen Professor Walter Block und dem inzwischen verstorbenen Dr. Gary Becker, dem Nobelpreisträger an der Universität von Chicago. Block, ein ehemaliger Student Beckers, beschwerte sich über die Behandlung der Österreichischen Schule in gewissen akademischen Zeitschriften. Becker entgegnete darauf, dass vieles vom Guten und Bahnbrechenden der Österreichischen Theorie bereits von der Hauptstromökonomie übernommen worden sei.

Becker erinnerte Walter daran, dass die Österreicher bereits gewaltige Fortschritte gemacht hätten, in dem sie die Unmöglichkeit der Wirtschaftsrechnung im Sozialismus erklärt hätten, eine Theorie des Unternehmertums geliefert hätten und als Erste auf die Rolle der Zeit für die Kapital- und Zinstheorie hingewiesen hätten. All dies kam von einem berühmten Ökonomen, der die Österreichische Schule unparteiisch und eher skeptisch betrachtete. Becker erwähnte nicht (obwohl es kaum nötig war), dass das Erdbeben namens Grenznutzen-Revolution zu einem guten Teil der Verdienst Carl Mengers war. Worauf ich hinaus will, ist, dass wir oft den Einfluss der Österreicher auf sowohl Ökonomie als auch Gesellschaft unterschätzen. Ihr Anteil gehört heute mit dazu, und so betrachten wir ihn als selbstverständlich.

Stellen wir uns Mises‘ Reaktion darauf vor, jede bedeutende Österreichische Abhandlung, jedes Buch und jeden Artikel umsonst und sofort online verfügbar zu haben, oft dazu noch übersetzt in unterschiedliche Sprachen. Stellen wir uns seine Reaktion auf die Zahl an Österreichischen und österreicherfreundlichen Professoren vor, die heute an ökonomischen Fakultäten und Wirtschaftsschulen auf der ganzen Welt unterrichten. Und stellen wir uns seine Reaktion auf Organisationen wie das Mises-Institut vor, dessen Ziel es ist, seine Arbeiten zu verbreiten. Die Österreichische Schule ist in weit besserer Verfassung, als er es sich jemals hätte vorstellen können, trotz des allgemeinen Niedergangs der akademischen Welt.

Das heißt allerdings nicht, dass er allgemein eine hohe Meinung von der heutigen Ökonomie hätte. Er würde sich vermutlich fragen, wieso Leute wie Thomas Piketty, Paul Krugman, Binyamin Appelbaum und Noah Smith bei Bloomberg überhaupt als Ökonomen behandelt werden, in Anbetracht ihres völligen Mangels an bedeutender Arbeit. Er würde sich über die extreme Aufsplitterung der Ökonomie in Spezialgebiete beschweren, von denen keines in der Lage ist, allgemeine Abhandlungen zu schreiben. Und er würde sich mit Sicherheit über die Vernachlässigung der theoretischen Arbeit zugunsten von mathematischen und statistischen Modellen beschweren, und über die Vermischung von Modedisziplinen wie Verhaltensökonomie mit echter akademischer Arbeit.

Zentralbanken und Geld

Wie sähe es bei der Geldwirtschaft aus? Ich glaube er wäre beeindruckt von der schieren Gewalt des Gelddruckens der Zentralbanken in den 1980er, 1990er 2000er und 2010er Jahren. Er erlebte die 20%-Zinssätze von Paul Volcker nicht mehr, und er würde die heutigen Null- und Negativzinsen mit Sicherheit als unökonomische Arten der monetären Alchemie betrachten – eine Zentralbankversion des Geisterglaubens. Es steht außer Frage, dass er Personen wie Greenspan, Bernanke und Draghi als entfesselte Radikale betrachten würde, die sich die Dinge aus dem Stehgreif ausgedacht haben. Er würde Programme wie Quantitative Easing nicht einmal als Bankwesen betrachten, sondern als rein politische Machenschaften.

Unsere Zentralbankwelt wäre für Mises vollkommen irrational; er hat vermutlich nie vorausgesehen, wie lange FIAT-Währungen als rein politisches Geld überleben können, wenn die Regierungen, die sie stützen, nur mächtig genug sind. Ich vermute, er würde auch glauben, dass die Wirtschaftszyklus-Theorie, bei deren Entwicklung er mithalf, von den Ökonomen nicht weiterentwickelt worden ist, die sich über deren Allgemeinheit und Detailarmut beschweren. Ja, Inflation ist ein monetäres Phänomen, und ja, Zentralbanken schaffen Boom- und Krisenzyklen und Investitionsblasen – Mises würde aber erwarten, dass die Österreicher von heute die Dauer und das Timing in den Fokus ihrer Forschungen stellen würden.

Die akademische Welt und der Sozialismus

Aber jenseits von Ökonomie und Bankwesen wäre er vermutlich entsetzt darüber, dass die Universitäten heute noch viel mehr zu dem geworden sind, was er als „Brutstätten des Sozialismus“ bezeichnete, als zu seiner Zeit. Sozialisten organisieren sich heute nicht mehr in Gewerkschaftsgebäuden und Verladehäfen, sondern in den sozialwissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten. Die Arbeiterklasse hat ihnen die Gefolgschaft verweigert, also betrachten sie heute die intersektionale akademische Welt als ihre Speerspitze. Die treibenden Kräfte von Bernie Sanders, Elizabeth Warren und der Antifa sind auf dem Campus zu finden, und ich glaube Mises würde dies sicher sehr verabscheuen. Er würde sicher über die steigende Zustimmung zum Sozialismus unter jungen Leuten besonders den Kopf schütteln, hundert Jahre nachdem er dessen ultimative Widerlegung geschrieben hat – des Sozialismus und des allgemeinen kollektivistischen Versagens des zwanzigsten Jahrhunderts. Es wäre sicher schwer für jemanden, der so sehr an die Macht der Argumente im Gegensatz zu der der Gewehre geglaubt hat, zu sehen, wie der Westen politisch wieder zu Kollektivismus und Blutvergießen zurückkehrt.

Einwanderung und Nationalismus

In Bezug auf Einwanderung und das schon erwähnte Schengener Abkommen würde sich Mises sicher fragen, was die ganze Aufregung soll. Lew Rockwell weist darauf hin, dass zu Mises‘ Jugendzeiten ein Geschäftsmann einen Zug von Wien nach London nehmen konnte, ohne auch nur einmal seinen Pass vorzeigen zu müssen. Aber natürlich war das Österreich der frühen 1900er Jahre ein vollkommen anderer Ort, und es war eine vollkommen andere Zeit, noch vor den zwei Weltkriegen mit all ihren Vertreibungen, Masseneinwanderung nach und innerhalb Europas, und zentralen bürokratischen Wohlfahrtsstaaten.

Wir können mit Sicherheit sagen, dass er sich über die Vorstellung polyglotter Länder Sorgen machte, und über das Schicksal ethnischer oder linguistischer Minderheiten. Deshalb hatten sowohl Liberalismus als auch Nation, Staat und Wirtschaft einen radikal dezentralistischen Ansatz, und vertraten einen liberalen Nationalismus, gegründet auf Privateigentum, Selbstbestimmung und Laissez-faire in der Heimat; friedlicher Noninterventionismus in anderen Ländern; und freier internationaler Handel, um dem kriegerischen Expansionismus der Autarkie zuvorzukommen.

In unserer heutigen Welt gibt es nicht gerade viele liberale Staaten nach Mises’schem Muster – ganz im Gegenteil. Und in der Tat machte sich Mises auch Sorgen über Einwanderung in illiberale Staaten, wo die Neuankömmlinge die bestehenden Institutionen zu vereinnahmen suchen. Aber glauben Sie nicht meinem Wort alleine: Professor Ben Powell von der Texas Tech University, ein wortgewaltiger Verfechter offener Grenzen, verfasste vor kurzem einen Text mit dem Titel „Die Lösung des Mises’schen Einwanderungsdilemmas“.

Ich zitiere Powell:

Für Mises bestand das Problem darin, dass Staaten nicht liberal sind, was sowohl zu seiner als auch zu unserer Zeit gilt. Sie sind interventionistisch. Sobald Staaten in das Wirtschaftsleben eingreifen, schaffen es einige Menschen, dies zu ihrem wirtschaftlichen Vorteil einzusetzen, zum Nachteil anderer, die im selben Staat leben. Sobald verschiedene Völker im selben Staat leben, gibt es Konflikte zwischen ihnen, oder, wie Mises formuliert: ‚Durch Einwanderung gelangen Angehörige einiger Völker in die Gebiete anderer Völker. Das führt zu ganz besonderen Konflikten zwischen ihnen.‘

Freiheitliche Institutionen sind jedoch nicht gottgegeben. Sie hängen unter anderem auch von den Ideologien, politischen Überzeugungen und der Kultur der Bevölkerung ab, die den Staat kontrolliert. Einwanderer kommen oft aus Ländern mit nicht funktionierenden Institutionen und ohne wirtschaftliche Freiheit. Wenn die Überzeugungen der Einwanderer zumindest teilweise für die nicht funktionierenden Institutionen verantwortlich sind, und sie ihre Überzeugungen in zu großer Zahl in das neue Land mitnehmen, und zu schnell, um sich an die Überzeugungen des neuen Landes anzupassen, so besteht die Gefahr, dass sie genau die Institutionen, die für die hohe Produktivität sorgen, die sie zur Einwanderung bewogen hat, zerstören. So kann alleine durch Einwanderung ein relativ freies Land, in dem Mises Einwanderung nicht als Problem sehen würde, zu einem interventionistischeren Land werden, wo Einwanderung zu den Problemen führt, die Mises fürchtet.

Obwohl Mises also Einwanderungsbeschränkungen genau so verstand, wie er Handelsbeschränkungen verstand, ist es also ein Fehler, und nicht nur eine Vereinfachung, zu behaupten, er würde heute Masseneinwanderung nach Europa befürworten.

Fazit

Es gäbe noch so viel mehr zu sagen über Mises‘ Meinungen zu heutigen Themen. Ganz sicher bin ich jedoch, dass er begeistert wäre von der heutigen Veranstaltung zu seinen Ehren. Natürlich kannte er Lew Rockwell aus gemeinsamen Arlington House Zeiten, aber ein Mises Institut hätte er sich nie vorstellen können. Er hätte sich nie vorstellen können, dass eine Universität im amerikanischen Süden zu einem Mekka für Studenten seiner Werke und der Österreichischen Schule im Allgemeinen werden würde. Er stellte sich nie eine digitale Welt vor, in der der größte Teil seiner Schriften und seines Lebenswerkes online jedem auf der Welt verfügbar wäre, sofort und gratis. Und, wie schon erwähnt, hätte er sich nie vorstellen können, dass seine Werke verbreiteter wären und er berühmter als zu seinen Lebzeiten.

Ja, der Liberalismus – der echte Liberalismus – ist entgleist. Er hat es nicht geschafft. Darüber sollten wir uns nicht belügen. Der Westen ist heute politisch illiberal, und es wir eher noch schlimmer. Aber darüber sollten wir nicht verzweifeln. Ob wir nun gewinnen oder Boden verlieren kommt allein auf die Perspektive an. Mises gab sich manchmal dem Pessimismus hin, wie wir aus seinen Memoiren erfahren. Jedem, der den Großen Krieg erlebt hat und der zweimal vor dem Autoritarismus fliehen musste, mag man dies verzeihen. Wir haben diese Ausrede nicht. Wir haben Mises‘ Gesamtwerk zur Verfügung, um uns zu bilden und zu leiten. Und wir sollten uns ein Beispiel an seiner Lebensfreude nehmen, dem „unbändigen Verlangen“, wie er es nannte, das uns dazu zwingt, nach dem Glück zu streben, Unbill zu minimieren, und unser Leben „im zielgerichteten Kampf gegen die Kräfte, die sich gegen uns richten“ zu verbringen.

Was würde Mises von dieser Versammlung in diesem Raum heute halten? Ich denke, er wäre begeistert, zu wissen, dass 75 Jahre nach seiner Rede hier eine Hörerschaft seine Ideen immer noch attraktiv findet.

Vielen Dank!

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel What Would Mises Think about the West Today? ist am 30.10.2019 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Jeff Deist ist Präsident des Mises-Institute, Auburn, US Alabama. Er war mehrere Jahre Berater von Ron Paul, sowie Fachanwalt für Steuerrecht, spezialisiert im Bereich „Mergers and Acquistions“. Er war Paul’s Stabschef während der Wahl im Jahr 2012 und dessen Kongress-Pressesekretär in den Jahren 2000 bis 2006.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

 

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