Eine lehrreiche Lektion über Geld

6. Dezember 2019 – von Andreas Marquart

Andreas Marquart

Kürzlich – ich hatte mir gerade die Liveübertragung einer EZB-Pressekonferenz im Internet angeschaut – stand ich mit einer Tasse Kaffee auf meiner Terrasse und blickte hinunter auf meinen Heimatort. EZB-Präsident Mario Draghi hatte einmal mehr darauf hingewiesen, die Inflation im Euroraum sei zu niedrig und deshalb sollten die Anleihekäufe wieder aufgenommen werden.

Meine Heimatgemeinde hat etwa 2.500 Einwohner, und, während mein Blick über die Häuser streifte, stellte ich mir in meiner Fantasie vor, der Ort läge völlig abgelegen, völlig abgeschnitten vom Rest der Welt und dass mein Ort in der Lage sei, komplett für sich selbst zu sorgen. Die Menschen hätten alles, was sie brauchten. Es gab Landwirte, Bäcker und Metzger, verschiedene Läden, einen metallverarbeitenden Betrieb, ja sogar einen kleinen Maschinenbauer. Woher das Metall kam? Ein kleines Stück außerhalb des Ortes gab es eine Eisenerzmine und in einer kleinen, bescheidenen Stahlhütte wurde das Erz verarbeitet.

Die Menschen waren fleißig und sparsam. Als Geld verwendeten sie Silber, das in kleinen Mengen als Beiprodukt in der Mine gewonnen wurde. Ihr Silber hatten sie aber nicht zuhause liegen oder trugen es mit sich herum. Nein, es gab im Ort eine Bank. Dorthin brachten die Menschen ihr Erspartes. Die Bank hatte einen großen Tresor, in dem das Silber verwahrt wurde. Der Bankier stellte denen, die ihr Silber brachten, Bestätigungen aus, auf ganz speziellem Papier, mit Stempel und Siegel. Diese Bestätigungen liefen im Ort als Geld um, als allgemein akzeptiertes Tauschmittel. Die Kunden des Bankiers konnten jederzeit in die Bank kommen, um bei Bedarf gegen Vorlage einer solchen Bestätigung einen Teil oder ihr ganzes Silber zu holen. Es lag ja im Tresor.

Manche Bewohner teilten dem Bankier mit, wenn sie ihr Silber für eine bestimmte Zeit nicht brauchten, wenn sie beispielsweise ausreichend Ersparnisse hatten und in nächster Zukunft auch keine Anschaffungen planten. Der Bankier vermerkte das in einer Art Vertrag. Ab und zu kamen nämlich auch Bewohner des Ortes und fragten nach, ob sie einen Kredit bekommen könnten – wenn sie beispielsweise eine Firma gründen wollten, eine gute Geschäftsidee hatten, aber keine Ersparnisse. Andere wiederum wollten ein Haus bauen, hatten aber ebenfalls nicht genug gespart. Der Bankier prüfte die Pläne der Antragsteller sehr sorgfältig. Und wenn er die Risiken für vertretbar hielt, gewährte er die Kredite. Er selbst übernahm dafür die Haftung. Er konnte sehr viel Silber sein Eigen nennen und auch mal einen Verlust verkraften, wenn – was so gut wie nie passierte – jemand seinen Kredit nicht zurückzahlen konnte.

Die Bewohner der Gemeinde erzeugten im Laufe der Zeit über sehr viele Güter, Konsum- wie auch Kapitalgüter. Die Silbergeldmenge dagegen stieg nur geringfügig an, denn der Silbergehalt in den Erzadern der Mine war sehr niedrig. Die Folge war, dass die Gütermenge schneller anstieg als die Geldmenge und die Kaufkraft des Geldes im Laufe der Zeit zunahm. Der Zins, der für Kredite zu zahlen war, schwankte. War die Nachfrage nach Krediten hoch, dann stieg der Zins an. Daraufhin ging die Nachfrage nach Krediten eher wieder zurück. Eine Sache von Angebot und Nachfrage eben.

In letzter Zeit war im Ort viel investiert worden. Die Nachfrage nach Krediten überstieg schon beinahe das Angebot, also das, was die Leute gespart und dem Bankier zum Verleihen überlassen hatten. Die Kreditzinsen waren entsprechend hoch. Die meisten Investitionen lohnten schon nicht mehr.

Der Bürgermeister im Ort war ein ganz ehrgeiziger Typ. Geduld war nicht gerade seine größte Charakterstärke. Immer wieder überlegte er, wie der Ort sich noch schneller weiterentwickeln könnte, welche Projekte man in Angriff nehmen könnte. Ein großes Gemeindezentrum, das war sein Traum, doch dafür reichte das Geld in der Gemeindekasse nicht. Und die allermeisten Bewohner im Ort waren ohnehin der Meinung, dass das eine Nummer zu groß sei für einen solch kleinen Ort und außerdem unnötig. Sie waren nicht bereit, höhere Steuern in Kauf zu nehmen, nur um den übertriebenen Ehrgeiz des Bürgermeisters zu befriedigen.

Der Bürgermeister lag dem Bankier schon längere Zeit in den Ohren, ob er der Gemeinde nicht einen größeren Kredit zur Verfügung stellen könne. Der Bankier verneinte das, so viel Silber zum Verleihen sei nicht da. Eines Tages schlug der Bürgermeister, ehrgeizig und findig wie er war, dem Bankier schließlich vor, er könne doch zusätzliche Bestätigungen, über die verwahrte Silbermenge hinaus, ausstellen – die Leute würden ihr Silber doch ohnehin nicht holen, daher würde doch auch niemand bemerken, dass mehr Geld in Umlauf käme.

Das sei doch Betrug, entgegnete der Bankier ihm. Doch der Bürgermeister wollte das nicht hören. Stattdessen rechnete er dem Bankier vor, wie viel zusätzlichen Ertrag seine Bank erwirtschaften könne. Der Bankier zögerte zunächst, doch am Ende dachte er sich: „Eigentlich hat er recht, und den Bewohnern im Ort tue ich sogar noch was Gutes. Schließlich können sie ihre Vorhaben dann früher als geplant und zu günstigeren Konditionen in Angriff nehmen.“ Gesagt, getan.

Einige Tage später hing ein großes Plakat im Schaufenster der Bank, auf dem zu lesen war: „Kredit-Sonderaktion – Zinsen für Kredite wieder gesunken!“ Die Bewohner im Ort wunderten sich, das hatte es zuvor noch nie gegeben: Kredite im Sonderangebot. Aber sie dachten nicht weiter darüber nach. Im Gegenteil, viele freuten sich sogar, konnten sie ihre Vorhaben nun doch realisieren, schneller als gedacht – und zu unerwartet günstigen Darlehensbedingungen.

Es dauerte nicht lange und das neue, aus dem Nichts geschaffene Papiergeld zeigte Wirkung. Es boomte regelrecht im Ort. Neue Häuser wurden gebaut, neue Unternehmen gegründet und bestehende Unternehmen investierten in neue Maschinen. Investitionen, die zuvor nicht rentabel waren, schienen es nun zu sein. Die Mine kam mit dem Fördern von Erz kaum mehr hinterher. Und auch das Gemeindezentrum wurde schließlich gebaut. Der Bürgermeister konnte sowohl den Bankier als auch seinen Gemeinderat überzeugen. Die zögerten zunächst zwar, aber angesichts der günstigen Darlehenskonditionen und der zu erwartenden Steuermehreinnahmen wegen der boomenden Wirtschaft im Ort gaben sie schließlich grünes Licht.

Aber nicht jeder beteiligte sich am neuen Kreditwahn. Manche wollten nicht, weil sie keine Schulden haben, sondern unabhängig sein wollten. Andere konnten es sich vom Einkommen her einfach nicht leisten, Angestellte und Arbeiter mit niedrigeren Einkommen oder auch Rentner beispielsweise. Schlimmer noch, die hatten unter dem durch den Boom ausgelösten Anstieg der Preise, sowohl für Güter des täglichen Bedarfs als auch für Dienstleistungen, sogar zu leiden. Löhne und Renten wurden, wenn überhaupt, dem allgemeinen Preisanstieg nur mit einer gewissen, zeitlichen Verzögerung angepasst.

Die Gemeinde, wie auch Unternehmer, konnten dagegen stark profieren. Bei der Gemeinde stiegen wie erwartet die Steuereinnahmen, bei den Unternehmern die Gewinne. Der Bürgermeister war der Meinung, für den Erfolg seiner Politik hätte er eine deutliche Gehaltserhöhung verdient. Der Gemeinderat stimmt dem zu. Auch für die örtlichen Beamten gab es eine satte Gehaltssteigerung. Oberprofiteur war der Bankier – er brauchte nur Zettel auszustellen und konnte dafür Zinsen einstreichen.

Im Ort herrschte aber trotz des Booms nur bedingt gute Stimmung. Anders als früher. Der Boom teilte die Gemeinde in zwei Lager, in Gewinner, aber noch mehr Verlierer. Einige verspürten sogar Neid und Missgunst. So etwas kannte man vorher nicht. Unterschiede im Ort gab es schon immer. Die einen war sehr ehrgeizig und verdienten eben mehr als andere, denen es auch wichtig war, Freizeit zu haben. Aber die Ungleichheit war nicht sehr groß. Jetzt war alles anders.

Die Nachfrage nach Krediten wollte nicht abreißen, sodass sich der Bankier bald nicht mehr wohlfühlte in seiner Haut. „Ich muss etwas tun“, dachte er sich, „die Preise steigen immer weiter.“ Außerdem grübelte er immer öfter darüber nach, was denn wohl passieren würde, wenn jemand merken würde, welch betrügerisches Spiel er trieb. Würden die Bürger in großer Zahl in die Bank stürmen und ihre Hinterlegungsscheine einlösen wollen, hätte er ein echtes Problem und ihm bliebe wohl nichts anderes übrig, als bei Nacht und Nebel das Dorf zu verlassen. Seine Befürchtungen ließen ihn nicht mehr zur Ruhe kommen. Er überlegte hin und her, wie er das Problem, das er sich im Grunde selbst geschaffen hatte, lösen konnte. Hätte er nur nicht auf den Bürgermeister gehört.

Nach langem Überlegen beschloss er, die Zinsen für Darlehen deutlich anzuheben. Und zwar so deutlich, dass er die Kreditnachfrage damit in kürzester Zeit abwürgen würde. Wenn er dann für eine gewisse Zeit keine neuen Kredite mehr vergäbe, könnte er die überzähligen, ungedeckten Hinterlegungsscheine aus dem Umlauf bringen. Darin sah er die einzige Chance, heil aus der Nummer herauszukommen.

Am nächsten Tag hängte der Bankier ein Plakat ins Schaufenster der Bank, auf dem er die neuen Kreditkonditionen mitteilte. Wieder war das Erstaunen im Ort groß, vor allem bei denen, die dauerhaft auf billiges Kreditgeld gesetzt hatten. Sie sahen plötzlich ihre Investitionen bedroht. Wenn die erwarteten Umsatzsteigerungen ausblieben, würden alle ursprünglichen Kalkulationen zur Makulatur. Und so kam es.

Die Stimmung im Ort kippte in Richtung Depression: Geplante Investitionen wurden gestrichen. Aufträge storniert. Arbeiter entlassen. Zahlreiche Firmen mussten in die Insolvenz gehen. Die Preise für fast alle Güter und Dienstleistungen fielen zurück auf das Niveau, wie es vor dem künstlichen Boom geherrscht hatte. Einige Unternehmen und auch Privatleute konnten Ihre Kredite beim Bankier nicht mehr zurückzahlen. Der verfolgte die Entwicklung mit Argusaugen. Hätte er nur nicht auf den Bürgermeister gehört, so dachte er immer wieder. Der hatte ihn seit Ausbruch der Krise schon mehrmals aufgesucht und ihn animiert, die Zinsen wieder zu senken und wieder mehr Hinterlegungsscheine auszugeben. Doch der Bankier blieb hart. Er war fest entschlossen, die überschüssigen Scheine aus dem Verkehr zu ziehen. Seine größte Angst war jedoch, dass so viele Kreditnehmer ihre Schulden nicht zurückzahlen konnten, dass es ihn am Ende seine eigene Existenz kosten würde.

Es vergingen mehrere Monate, bis sich die wirtschaftliche Situation halbwegs normalisiert hatte. Die Bewohner im Ort hatten begonnen, wieder mehr zu sparen und sich wieder auf ihre alten Tugenden besonnen. Inzwischen gingen auch keine Unternehmen mehr bankrott. Der Bankier war mit einem blauen Auge davongekommen. Dem Bürgermeister hatte er in einer ruhigen Stunde erklärt, warum er so unnachgiebig geblieben war und war überzeugt, dass es für den Bürgermeister am Ende genauso eine lehrreiche Lektion war wie für ihn selbst. „Wohlstand lässt sich nun einmal nicht aus dem Nichts erzeugen“, so der Bankier einsichtig zum Bürgermeister.

Meinen Kaffee hatte ich inzwischen ausgetrunken und war mit meinen Gedanken wieder in der Realität angekommen. Ich dachte: „Hätte es im Ort eine Zentralbank gegeben, hätte es länger gedauert und erst noch schlimmer kommen müssen, bis der Lerneffekt eingetreten wäre.“

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Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im Messemagazin der Edelmetall- und Rohstoffmesse 2019.

Andreas Marquart ist Vorstand des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Er ist Honorar-Finanzberater und orientiert sich dabei an den Erkenntnissen der Österreichischen Geld- und Konjunkturtheorie. Im Mai 2014 erschien sein gemeinsam mit Philipp Bagus geschriebenes Buch “WARUM ANDERE AUF IHRE KOSTEN IMMER REICHER WERDEN … und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen”, im März 2017, ebenfalls gemeinsam mit Philipp Bagus: Wir schaffen das – alleine! Im August neu erschienen im FinanzBuchverlag: Crashkurs Geld.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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