Wie Sie von amtlichen Wirtschaftsstatistiken verwirrt und getäuscht werden

17.6.2015 – Christopher P. Casey.

Christopher P. Casey

Mit der Berechnung des Bruttoinlandproduktes (BIP) will man zwar die wirtschaftliche Aktivität messen, entfernt sich dabei aber weitgehend von der Qualität, Profitabilität, Produktionstiefe und -breite, Verbesserungen, dem Fortschritt, und der Rationalisierung bei der Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen.

Beispielsweise würde sogar ein sehr teuer hergestelltes Schiff, das ohne Passagiere fährt, das ohne Erfolg Fangnetze auswirft oder ohne Fracht um die Welt kreist, zum BIP beitragen. Sei es für Investoren profitabel oder im Sand gestrandet, das Schiff ist Teil des BIP. Gleich ob es auf den Meeren unterwegs ist oder an einem Strand vor sich hinrostet: das BIP der Nation ist gestiegen.

Kurzum: das BIP ist ungeeignet, den Wert der bereitgestellten Güter und Dienstleistungen genau zu messen oder den Lebensstandard in einer Gesellschaft einzuschätzen. Es ist ein Zollstock mit unregelmäßigen Abstandsmarkierungen, eine Uhr ohne Taktgefühl.

Ein Beweis hierfür ist die folgende Absurdität: Laut dem CIA Factbook von 1991 betrug das sowjetische BIP von 1990 die Hälfte des US-amerikanischen BIP. Niemand, der sich 1990 in der Sowjetunion aufhielt, würde glauben, dass die russische Wirtschaft auch nur ansatzweise an 50 Prozent der Qualität und der Menge der in Amerika produzierten Güter und Dienstleistungen herankam. Die vom BIP definierte Produktion selbst war vielleicht solide, aber Straßen ins nirgendwo zu pflastern, unbenutzbaren Stahl zu schmelzen und kaum genießbares Brot zu backen ist eben nur ansatzweise „produktiv“. Und es beschreibt nur die Güter, die tatsächlich produziert worden sind. Die Opportunitätskosten der nicht produzierten, notwendigen Güter und Dienstleistungen finden sich nicht in dieser Berechnung.

Wie kann das sein? Warum ist das BIP so ungeeignet, die Größe und Vitalität einer Volkswirtschaft widerzuspiegeln? Größtenteils liegt das an drei falschen „Messgrößen“ bei der Berechnung des BIP:

(1) Zwischenprodukte (z.B. Stahl) müssen eliminiert werden, um nicht doppelt zu zählen;
(2) Staatsausgaben setzen sich aus wirtschaftlich tragfähigen Maßnahmen zusammen; und
(3) Importe müssen gegen Exporte verrechnet werden.

Die Überbewertung des Konsums

Welche Transaktionen sollte das BIP beinhalten? Da die meisten Produkte jeweils aus anderen Produkten bestehen, versuchen die Architekten des BIP es zu vermeiden, Transaktionen zweimal Wirkung tragen zu lassen, indem sie zum größten Teil nur die produzierten Endgüter und Dienstleistungen mit einbeziehen. Mit dieser Methode wird die Produktion eines Autos (als Erhöhung des Inventars) gezählt, nicht aber das Blech, das Gummi und der Kunststoff, die für dessen Herstellung notwendig waren. Die Regeln jedoch, was eine Transaktion „endgültig“ macht, sind willkürlich. Die Logik könnte genauso gut dazu führen, dass man nur den Verkauf des Automobils an den Kunden berechnet und nicht etwa dessen vorherige Produktion. Zusätzlich beinhaltet jede „endgültige“ Transaktion nicht notwendigerweise die Zwischengüter, die zur gleichen Zeit herstellt werden: Blech, Gummi, und Plastik, die heute eingekauft werden, werden wahrscheinlich zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Auto verarbeitet oder verkauft.

Selbst ohne die willkürliche Art, endgültige Transaktionen zu messen, und ohne das Problem, die zeitweilig gleichgestellten Zwischengüter mit ihren endgültigen Verkäufen zu vergleichen, führt der Ausschluss bestimmter „Zwischen“transaktionen dazu, dass gigantische Mengen wirtschaftlicher Aktivität schlichtweg ausgeschlossen werden. So unterschätzt das BIP die Wirtschaft als Ganzes, indem es den Konsum im Vergleich zu betrieblichen Investitionen zu wichtig nimmt. Im Jahr 2014 schuf man ein besseres Maß der Gesamtproduktion, als nämlich das US-amerikanische Department of Commerce damit begann, das Bruttoprodukt (Gross Output) zu veröffentlichen, welches Zwischentransaktionen beinhaltet. Verwendet man diese Berechnungsmethode, verringert sich im Vergleich zur herkömmlichen Statistik der Anteil des Konsums an den wirtschaftlichen Aktivitäten von siebzig auf vierzig Prozent.

Die Behandlung von Staatsausgaben als Investitionen

Wenn das BIP behauptet, die wirtschaftliche Aktivität zu messen, die der Gesellschaft etwas nützt, ist die Beinhaltung von Regierungsausgaben dubios. Das in der Sowjetunion „produzierte“ BIP ist kein bisschen anders als das BIP, das von jeder anderen Regierung „produziert“ wurde – der einzige Unterschied liegt im jeweiligen Ausmaß. So wie es Murray Rothbard beschrieb, sind alle Regierungsausgaben zu einem gewissen Teil Fehlinvestitionen:

Nur in der Privatwirtschaft messen Ausgaben den Wert des Outputs, da diese Ausgaben für die bereitgestellten Dienste freiwillig sind. In der Regierung ist die Situation gänzlich anders […] ihre Ausgaben haben keinen notwendigen Bezug zu den Diensten, die sie dem privaten Sektor möglicherweise anbietet. Es gibt tatsächlich kein Mittel, mit dem man diese Dienste beurteilen könnte.

Ohne freiwilliges Handeln sind Preise bedeutungslos, und ohne eine wahre Preisbildung kann der Nutzen nicht ermittelt werden. Das heißt nicht, dass alle Güter und Dienstleistungen, die von der Regierung gestellt werden, aufhören würden, zu existieren. Viel eher würde ein Teil dieser Produktion (z.B. Krankenhäuser, Schulen, Straßen, etc.) zum privaten Sektor zurückkehren. Soweit die Regierungsausgaben für Güter und Dienstleistungen vom freien Markt produziert würden, könnte der wirkliche Beitrag der Regierung zum BIP positiv, aber zu hoch beziffert sein (momentan liegt sie in den USA bei zwanzig Prozent des BIP). Eine genauere Kennziffer der wirtschaftlichen Aktivität würde den Anteil der Staatsausgaben verringern, wenn nicht sogar eliminieren. Oder vielleicht sollten die Staatseinnahmen oder -ausgaben, je nachdem welcher Betrag höher ist, so wie Rothbard es darlegte, tatsächlich vom BIP abgezogen werden, da „alle Regierungsausgaben für die Wirtschaft eher Verwüstungen als Ergänzungen sind“.

Das Problem, Importe von Exporten zu subtrahieren

Wie Robert Murphy es mehrmals ansprach, führt das Subtrahieren der Importe von den Exporten beim Erfassen des BIP dazu, dass der Beitrag des Außenhandels für die Wirtschaft drastisch unterbewertet wird. Beispielsweise wird eine Wirtschaft, die 1 Euro importiert und 1 Euro exportiert, den gleichen Beitrag zum BIP haben (null) wie eine Wirtschaft, die 1 Milliarde Euro exportiert und 1 Milliarde Euro importiert. Offensichtlich wäre die letztere Wirtschaft sehr viel schlechter gestellt, falls der Handel plötzlich abbräche.

Ein wesentlicher Bestandteil des BIP ist die merkantilistische Mentalität, Exporte positiv und Importe negativ zu behandeln. Warum werden die Exporte zum BIP addiert und die Importe subtrahiert? Wenn es das Ziel des BIP ist, die Güter und Dienstleistungen zu messen, die den Menschen innerhalb einer geographischen Region bereitgestellt werden, dann sind Importe – nicht Exporte – die Mittel zum Zweck. Exporte sind nur die Bezahlung für Importe. Das Problem und die Verwirrung kommen auf, da die BIP-Berechnung andere Bezahlungsformen unrealistischerweise ausschließt: Es sollte einen Unterschied machen, ob Importe mit zusätzlichen Schulden finanziert werden oder ob die Mittel aus vielen Jahren kompensierter Exporte stammen. Würde China über 1 Billion Dollar ihrer US-Schuldeninstrumente in Importe amerikanischer Güter und Dienstleistungen umwandeln, würde es den chinesischen Staatsbürgern heute nützen, aber mit der BIP-Rechnung würden die negativen Auswirkungen der Importe den gestiegenen Konsum und/oder die gestiegenen Staatsausgaben übersteigen (der Zuwachs des BIP erfolgte in den Jahren, in denen die Exporte einen Handelsüberschuss bewirkten).

Das BIP ist dazu geschaffen, um die keynesianische Agenda nach vorne zu treiben

Simon Kuznets (1901-1985) revolutionierte die Ökonometrik und standardisierte die Messung des BIP. Seine Forschungen mündeten in seinem 1941 erschienen Buch National Income and Its Composition, 1919-1938. Obwohl er per se kein Keynesianer war, bestärkten das Wesen und das Timing seiner Recherche die keynesianische Revolution, da Zentralplanung wirtschaftliche Statistiken voraussetzt. Wie es Murray Rothbard beschrieb:

Statistiken sind die Augen und Ohren des Bürokraten, des Politikers, des sozialistischen Reformators. Nur durch Statistiken können sie wissen, oder zumindest irgendeine Ahnung davon haben, was in der Wirtschaft vor sich geht. Nur durch Statistiken können sie herausfinden […] wer in einer Wirtschaft was „braucht“, und wie viele Steuergelder in welche Richtungen fließen sollten.

Die fehlerhaften theoretischen Grundlagen des BIP und dessen politisch motivierte Akzeptanz verzerren die Performance und das Wesen einer Volkswirtschaft und dabei misslingt es dem BIP, den Lebensstandard einer Gesellschaft ausreichend einzuschätzen. Tatsächlich hat Kuznets das teilweise verstanden. In seinem allerersten Bericht für den US-amerikanischen Kongress sagte Kuznets:

„Die Wohlfahrt einer Nation [kann] kaum von einer Messung des nationalen Einkommens hergeleitet werden.“

Und trotzdem herrscht die blinde Verwendung des BIP vor. Es sollte daher nicht unbedingt Zufall sein, dass dessen Permanenz und Langlebigkeit nur der keynesianischen Politik höherer Konsumausgaben, höherer Staatsausgaben, und höherer Exporte durch Währungsabschwächung dient. Unglücklicherweise sind die daraus folgende wirtschaftliche Stagnation, Schuldenanstiege, und Preisinflation so unvermeidbar, wie sie vorhersehbar sind.

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Aus dem Englischen übersetzt von Vincent Steinberg. Der Originalbeitrag mit dem Titel How GDP Metrics Distort Our View of the Economy ist am 15.5.2015 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Foto-Startseite: © Robert Kneschke – Fotolia.com

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Christopher P. Casey, CFA®, CPA ist Managing Director bei WindRock Wealth Management.

 

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