Papst Franziskus‘ hartnäckiger Pessimismus befeuert seinen Glauben an die Politik

26.6.2015 – von Ryan McMaken.

Ryan McMaken

Papst Franziskus‘ neue Enzyklika „Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ hat nach ihrer Veröffentlichung viel Zuspruch in den Medien erfahren. Die Deutsche Welle kommentiert: „Die päpstliche Enzyklika könnte den Stillstand beim Klimaschutz überwinden.“ „Papst Franziskus‘ Ansichten zum Klimawandel stellen ein moralisches Problem für viele der republikanischen Kandidaten für 2016 dar“, kommentiert US News and World Report. Seit Jahrzehnten war kein päpstliches Dokument so politik- und wahlkampftauglich.

Allerdings würden wir normalerweise ein päpstliches Dokument auf mises.org überhaupt nicht besprechen. Benedicts „Caritas in Veritate“ wurde beispielsweise veröffentlicht, ohne in marktwirtschaftlichen Kreisen Erwähnung zu finden.

Andererseits ist dieser Papst weitaus politischer als die meisten neuzeitlichen Päpste. Diese neue Enzyklika enthält zusammen mit seiner ersten „Evangelii Gaudium“ zahlreiche Behauptungen zur Staatstätigkeit, die aus einer bestimmten geschichtlichen und politischen Weltanschauung stammen.

Worin besteht nun die Weltanschauung dieses Papstes? Es handelt sich um eine durch und durch pessimistische Sicht. Franziskus zufolge steht die Welt am Rande des Zusammenbruchs. Die Armen würden ärmer. Umweltverschmutzung mache uns kränker als je zuvor. Und die Grundvoraussetzungen zum Erhalt menschlichen Lebens gerieten stärker außer Reichweite als je zuvor. Diese Behauptungen dienen dem einen Zweck, zu veranschaulichen, dass der Aufstieg von Industrialisierung und Marktwirtschaft (ein neuzeitliches Phänomen) Ursache dieser gesellschaftlichen und ökologischen Übel sei.

Franziskus‘ Weltanschauung passt nicht zu den Tatsachen

Beim Zeichnen einer Welt, welche Franziskus zufolge einer „unermesslichen Mülldeponie“ gleicht, lässt er eine Fülle von empirischen Daten außer Acht, mit denen seine Behauptungen schlicht und einfach widerlegt werden können.

Beispielsweise entdeckten viele, als Franziskus „Evangelii Gaudium“ herausgab, dass das Dokument auf einer Weltsicht beruht, der zufolge der weltweite Lebensstandard stetig abgenommen hat, wogegen die empirischen Daten das glatte Gegenteil nahelegen. Marian Tupy von The Atlantic schrieb damals:

Doch hier zeigt sich ein Problem: Die trostlose Welt, welche Franziskus ohne Verweis auf einen einzigen statistischen Beleg zeichnet, steht nicht im Einklang mit der Realität. Während der Papst an unsere Ängste und unseren Pessimismus appelliert, versäumt er, den Umfang und die Schnelligkeit menschlichen Fortschritts einzuräumen – ob man ihn nun im Rückgang der weltweiten Ungleichverteilung und Gewalt misst oder in wachsendem Wohlstand und steigender Lebenserwartung.

Anschließend zitiert Tupy folgende Zeilen von Franziskus:

Wir dürfen … nicht vergessen, dass der größte Teil der Männer und Frauen unserer Zeit in täglicher Unsicherheit lebt, mit unheilvollen Konsequenzen. Einige Pathologien nehmen zu. Angst und Verzweiflung ergreifen das Herz vieler Menschen, sogar in den sogenannten reichen Ländern. Häufig erlischt die Lebensfreude, nehmen Respektlosigkeit und Gewalt zu, die soziale Ungleichheit tritt immer klarer zutage. Man muss kämpfen, um zu leben – und oft wenig würdevoll zu leben.

Unglücklicherweise könnte dieser Absatz, der sicher recht rührselig ist, auf jeden Zeitpunkt der menschlichen Geschichte zutreffen, und doch trifft er heute weniger zu als in der Vergangenheit. Franziskus scheint das nicht zu begreifen. Es ist eine Sache, als guter christlicher Geistlicher anzumerken, dass die Not der Armen unsere Aufmerksamkeit und Mildtätigkeit erfordert. Es ist etwas völlig anderes, unhaltbare Behauptungen aufzustellen, denen zufolge sich die Lage verschlechtert.

Mit seiner neuen Enzyklika geht Franziskus Umweltprobleme in ähnlicher Weise an und arbeitet sich durch eine lange Liste von Risiken für das menschliche Leben und Wohlergehen, die er als neuzeitliche Erscheinungen hinstellt, welche sich immer schneller verschlechtern. Diese Ansicht kommt besonders an folgender Stelle zum Vorschein:

Aus diesem Grund ist es möglich, dass die Menschheit heute nicht den Ernst der Herausforderungen, die sich ihr stellen, wahrnimmt. „Die Möglichkeit, der Mensch werde die Macht falsch gebrauchen, [wächst] beständig“ … er [ist] seiner eigenen Macht, die weiter wächst, ungeschützt ausgesetzt, ohne die Mittel zu haben, sie zu kontrollieren.

Die Gesundheit des Menschen werde jeden Tag schlimmer von der Umweltverschmutzung angegriffen, legt Franziskus nahe. Und doch bezweifelt derjenige, der den wahren Entwicklungsstand der Weltwirtschaft kennt, diese Behauptungen.

In einem Leitartikel des Catholic Herald schreibt Philip Booth:

Zunächst ist Papst Franziskus‘ Analyse der wirtschaftlichen Lage, wie es bei ihm oft der Fall ist, übermäßig pessimistisch. Es stimmt, dass Umweltverschmutzung zu vorzeitigen Todesfällen führt. Gewiss würden viele behaupten, der Klimawandel führe künftig dazu, und manche, dass er es bereits getan habe. Doch es gilt abzuwägen. Und das eigentliche Bild zeigt einen enormen Anstieg von Lebenserwartung und Gesundheit aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung, die stattfindet. Tatsächlich verbessert sich die Umweltsituation in vielen Teilen der Welt sprunghaft.

Gehen wir die echten Fakten durch:

Wie Booth anmerkt, führt Umweltverschmutzung zu echten Gesundheitsproblemen. Doch um diesen Mechanismus zu sehen, sollte man sein Augenmerk nicht auf reiche Länder richten, sondern auf solche, welche die Marktwirtschaft lange gemieden haben. Beispielsweise ist China – das niemand zu den besonders freiheitlichen Ländern zählt – führend bei der Einleitung von Schadstoffen in Wasser und Luft. Vergleichbar damit fand man die schlimmste Umweltverschmutzung über den Großteil des zwanzigsten Jahrhunderts in der kommunistischen Welt, welche ihre rauchenden Schlote noch lange in Betrieb ließ, während die kapitalistische Welt ihre Luft schon sauber hielt. Mit anderen Worten gibt es für diese Probleme eine Lösung, und die eher marktwirtschaftlichen Teile der Welt sind auf sie gestoßen.

Unterdessen meldet die Weltbank „einen bemerkenswerten Rückgang der Armut in der Welt“, und die UN melden „Die Armut in der Welt nimmt rasch ab.“ Die Amerikanische Vereinigung für den wissenschaftlichen Fortschritt (American Association for the Advancement of Science) berichtet, dass die Lebenserwartung weltweit über fast 200 Jahre stetig zugenommen hat. Das Institut für Gesundheitserfassung und -bewertung (The Institute for Health Metrics and Evaluation) berichtet, dass die Lebenserwartung zugenommen hat, während die Zahl der krankheitsbedingten Todesfälle weiter abnimmt. Die Bevölkerungsexplosion, vor der wir gewarnt wurden, ist nie richtig in Fahrt gekommen.

Außerdem finden wir, wenn wir Wirtschaftsdaten für echte Vergleiche zwischen marktwirtschaftlicheren Ländern und weniger Marktwirtschaftlichen heranziehen, heraus, dass es die Marktwirtschaften sind, die den Armen bessere und säubere Bedingungen bieten. Um dies zu Verdeutlichen, müssen wir bloß die Frage stellen: „Wären Sie lieber ein armer Mensch in den Vereinigten Staaten oder in Indien? Wären Sie lieber in Schweden oder in Bolivien arm?“ Trotz seines Rufs als sozialistisches Paradies ist Schweden tatsächlich weitaus kapitalistischer und marktwirtschaftlicher als die weniger kapitalistischen Länder, welche Franziskus wohl näher am Ideal wähnt. Und die Vereinigten Staaten sind trotz ihrer Mängel ein Land, in dem die Armen über Fernseher und Klimaanlage verfügen.

Bedauerlicherweise besteht für Franziskus die Notwendigkeit, am Pessimismus festzuhalten, um seine Hauptthese voranzubringen, die weltweite Ausbreitung der Marktwirtschaft habe die Welt zum Schlechteren gewandelt.

Industrialisierung und Marktwirtschaft brachten Wohlstand und höhere Lebenserwartung

Doch mit dem weltweiten Anstieg der Lebenserwartung der Menschen in den letzten 200 Jahren gingen auch Industrialisierung und Freihandel einher sowie ein Wandel von Autarkie und Kommandowirtschaft zur Marktwirtschaft.

Dabei handelt es sich für eine unbequeme Wahrheit für Franziskus und die Linken. Doch man muss keine Haarspalterei an den Daten betreiben, um zu merken, dass mehr Menschen länger leben und ihnen mehr Nahrung und medizinische Versorgung zugänglich ist als je zuvor. Die „Grüne Revolution“, ein Export der reichen Länder, hat die Welt ernährt, und medizinische Versorgung aus den reichen Ländern hat die Welt von vielen Krankheiten befreit.

Unterdessen steckt die Welt inmitten einer Völkerwanderung von ländlichen Gebieten in die Städte, nicht weil Städte so schrecklich und schmutzig sind, sondern weil die Industrialisierung (im Vergleich zur elenden Plackerei auf dem Reisfeld) ein höheres Einkommen verspricht, sowie ein verlässlicheres Einkommen und das Vergnügen, erstmals im Leben einen Überschuss zu genießen.

Franziskus schaut sich in der Welt um und sieht immer noch viele Menschen in bitterer Armut und mit dem kärglichen Los, das über den größten Teil der Menschheitsgeschichte vorherrschte. Niemand bestreitet ernsthaft, dass es dies gibt. Franziskus schlägt nun jedoch vor, die Institutionen lahmzulegen, die Abhilfe schaffen.

Und letzten Endes führt Franziskus‘ Pessimismus ihn dazu, sich an Politik und Staat zu wenden. Wenn man glaubt, wir befänden uns inmitten einer nie dagewesenen Krise, dann ergibt es eher Sinn, den Panikknopf zu drücken und die Welt in die Hände der „Experten“ zu legen, welche anschließend das Ruder herumreißen. Wir finden also in Franziskus‘ Werk einen Aufruf an die Regierungen, gewaltsam die Umweltverschmutzung in der Welt zu beenden und die Armen reich zu machen und die Schwachen stark.

Religion gegen Politik

Welch ein Unterschied zu Franziskus‘ Vorgänger Johannes Paul II. (der für seinen Optimismus bekannt war)! Franziskus wendet sich an menschengemachte Institutionen und neue menschengemachte Programme, neue menschengemachte Expertisen und neue menschengemachte Initiativen, um die Probleme der Welt zu lösen. Doch Johannes Paul II. nahm eine ganz andere Haltung ein, als er in einem Dokument im Jahr 2001 schrieb:

»Was sollen wir tun?«

Wir stellen uns diese Frage mit zuversichtlichem Optimismus, ohne dabei die Probleme zu unterschätzen. Das verleitet uns sicher nicht zu der naiven Ansicht, im Hinblick auf die großen Herausforderungen unserer Zeit könnte es für uns eine »Zauberformel« geben. Nein, keine Formel wird uns retten, sondern eine Person, … [also Jesus].

Es geht also nicht darum, ein »neues Programm« zu erfinden. Das Programm liegt schon vor: Seit jeher besteht es, zusammengestellt vom Evangelium und von der lebendigen Tradition.

Beachten Sie das Vorherrschen religiöser Sprache; man muss kein Christ sein, um hier den Unterschied zu sehen. Johannes Paul II. ermuntert als Religionsführer sein Publikum (als wiederkehrendes Thema seiner Schriften), persönliche Tugenden zu pflegen als Lösung für die Übel der Welt. Im Unterschied dazu hält Franziskus in seinen beiden großen Schriften nach politischen Institutionen Ausschau.

Franziskus folgt einem speziellen säkularen Narrativ, in welchem sogenannter „Neoliberalismus“ die Welt ihres angeblichen natürlichen Überflusses und ihrer Milde beraubt hat. In dieser fehlgeleiteten pessimistischen Nostalgie wendet er sich einer staatlichen Rückabwicklung der materiellen Errungenschaften der jüngsten Jahrhunderte zu. Dies ist ein bedauerlicher Standpunkt, welcher einem Religionsführer nicht gut zu Gesicht steht.

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Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Leske. Der Originalbeitrag mit dem Titel Pope Francis’s Relentless Pessimism Fuels His Faith in Politics ist am 19.6.2015 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Foto-Startseite: NBC News

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Ryan McMaken ist Editor von Mises Daily und The Free Man.

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