Finanzielle Kriegsführung

Ryan McMaken

13.5.2015 – von Ryan McMaken.

Mit den Gründungen einer BRICS-Bank und nun auch der Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) hoffen wichtige Länder, die Grundlage für ein multipolares Weltfinanzsystem jenseits dem einer unilateralen Kontrolle durch die USA zu legen. Die enorme Größe der US-Wirtschaft in Verbindung mit dem Status einer Reservewährung des Dollars ermöglichten es der Regierung der USA lange Zeit, ihre strategischen und militärischen Ziele durch Einsatz ihrer finanziellen Macht zu erreichen. Diese Macht erlaubte es den USA, sich ausländische Freunde und Alliierte zu kaufen, Stellvertreterkriege zu finanzieren sowie die Wachstumsmöglichkeiten anderer Wirtschaften zu bedrohen, wann immer dies in den Augen der US-Regierung erforderlich erschien.

Ganz anders heute. Angesichts einer riesigen Verschuldung und eines rapide inflationierenden Angebots an US-Dollars sind die USA verwundbar geworden hinsichtlich einer finanziellen Kriegsführung, die darauf abzielt, die Schuldenfinanzierungsfähigkeit der US-Regierung zu unterbinden und ihr die Möglichkeit der Inflationskontrolle zu nehmen. Es überrascht nicht, dass viele Regime im Ausland einschließlich der BRICS-Länder Brasilien, Russland, China und Südafrika zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Chance sehen, an der globalen Finanzhegemonie zu rütteln.

Militärische und finanzielle Macht

Die USA waren seit dem zweiten Weltkrieg in der glücklichen Lage, ihre Macht ohne Einschränkung sowohl mit militärischen als auch mit finanziellen Mittel zu entfalten.

Der militärische Aspekt dieser Macht war immer offensichtlich angesichts der konkreten Natur ballistischer Interkontinentalraketen, Nuklearsprengköpfen, Langstreckenbombern und dem, was man heute „boots on the ground“ nennt. Aufgrund ihres leistungsschwachen, sozialistischen Wirtschaftssystems vermochte nicht einmal die Sowjetunion mit den USA gleichzuziehen, in der Fähigkeit zum Erstschlag oder hinsichtlich der Möglichkeiten, große Truppenteile außerhalb der Landesgrenzen zu stationieren. Während die Sowjetunion sich auf grenznahe Gebiete beschränken musste und nur nach Nachbarregionen wie Afghanistan oder Osteuropa expandieren konnte, vermochten die USA auch in der anderen Hälfte des Globus wie Indochina oder Korea zu intervenieren.

Eine wichtige Voraussetzung dafür bestand natürlich in der Tatsache, dass die kapitalistische Wirtschaft der USA die Finanzierung langer Nachschublinien, Auslandsbasen und Kriege fern der Heimat ermöglichte. Die Sowjets mögen die Rote Armee gehabt haben, die USA aber hatten finanzielle Macht.

Diese Finanzmacht konnte zur Subventionierung militärischer Verbündeter genutzt werden, aber auch dazu, Regime der Dritten Welt von der Sowjetunion weg und in den amerikanischen Einflussbereich zu locken. Sie konnte aber darüber hinaus auch eingesetzt werden, um andere Regimes zu bedrohen oder zu ruinieren, ohne einen einzigen Schuss abzufeuern.

Finanzielle Kriegsführung und die Suez-Krise

Großbritannien war in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ein besonders großer Nutznießer der amerikanischen Finanzmacht. In beiden Weltkriegen unterstützten die USA Großbritannien bei der Kriegsfinanzierung und bei der Inflationierung des Geldangebots zur Kostendeckung. Dies erfolgte durch den Ankauf von britischen Pfund (genauer: Anleihen in Sterling) und dem Halten dieser als Währungsreserve.

Dies wurde für die Briten während der Suez-Krise aber zum Problem, als die britische Verschuldung und das schwache Pfund das Schicksal Großbritanniens als Macht zweiter Klasse besiegelten.

In den 1950ern versuchten die USA, Ägypten aus dem sowjetischen Einflussbereich herauszuziehen, indem sie dem Land Finanzhilfen für den Bau eines riesigen Staudamm in Assuan anboten. Hinter der Abmachung stand John Foster Dulles, der diese Ende 1955 der Weltöffentlichkeit mitteilte. Aber bereits 1956 entschloss sich Dulles, möglicherweise wegen lächerlicher persönlicher Gründe, dieses Angebot zurückzuziehen und damit den ägyptischen Führer Gamal Nasser zu demütigen. In Reaktion darauf entschloss sich Nasser, sein Prestige wieder herzustellen, indem er den Suezkanal, der bis dahin von den Briten kontrolliert wurde, an sich zu reißen und zu verstaatlichen. Briten, Franzosen und Israelis begannen daraufhin militärische Operationen gegen Ägypten zur Rückeroberung des Suezkanals.

Präsident Eisenhower lehnte aus einer Reihe strategischer Gründe, sowie als Gegner eines europäischen Kolonialismus den Einsatz militärischer Mittel gegen Ägypten ab und entschied sich dabei für eine nichtmilitärische Lösung:

Mit diplomatischen Mitteln waren die Briten und Franzosen nicht zum Rückzug aus Ägypten zu bewegen. Die USA zögerten, gegen NATO-Alliierte mit militärischen Mitteln vorzugehen. Als Alternative setzte Eisenhower finanzielle Kriegsführung ein. Mit nur drei offensiven Schlägen erreichten die USA ihre unmittelbaren Ziele, nämlich die Engländer und Franzosen zum Rückzug vom Suezkanal zu zwingen. Diese drei Schläge bestanden darin, erstens einen Stand-by-Kredit des IWF an Großbritannien in Höhe 561 Mio. USD zu blockieren, zweitens auch einen 600 Mio. USD der US Import-Export Bank an Großbritannien zu stoppen und drittens in der Drohung, die amerikanischen Bestände an britischen Staatsanleihen auf den Markt zu werfen, wenn das Land sich nicht vom Suezkanal zurückzog. Die Kreditblockade ließ Großbritannien seine negative Zahlungsbilanz spüren und hätte das Land zahlungsunfähig gemacht. Die Drohung mit dem Anleiheverkauf erhöhte signifikant das Risiko im Sterling-Handel. Wenn diese Drohung wahrgemacht worden wäre, hatte das die Teilnahme Großbritanniens am internationalen Handel stark beeinträchtigt.

Die Welt hofft auf den „Suez-Krise-Moment“ der USA

Der Status Großbritanniens als Weltmacht endete mit der Suez-Krise von 1956, weil für alle offensichtlich wurde, dass die Briten auf globaler Ebene nicht ohne die Zustimmung der USA handeln konnten. Die USA waren in der Lage, die britische Wirtschaft zu ruinieren, ohne einen Schuss abzugeben.

Die Gegner einer globalen Hegemonie der USA sind sich heute der Suez-Episode wohl bewusst, ebenso wie der Tatsache der immensen Verschuldung der USA ähnlich der Großbritanniens im Jahr 1956 und zumindest ihrer teilweisen Abhängigkeit von der Bereitschaft des Auslands, US-Dollar und US-Schuldtitel zu halten. Ohne die ausländische Nachfrage nach Dollar und Staatsanleihen müsste die US-Regierung höhere Zinsen auf ihre Schulden zahlen und käme wohl in Zahlungsschwierigkeiten. In der Folge wäre mit einem baldigen Staatsbankrott oder einem massiven Gelddrucken durch die FED zu rechen.

Sind die USA heute so verwundbar wie Großbritannien 1956? Ganz eindeutig ist es nicht. Das Pfund war 1956 bereits starkem Wettbewerb durch andere Währungen ausgesetzt. Der Dollar war durch die Vereinbarungen von Bretton Woods von 1944 als Weltreservewährung inthronisiert. Folglich waren die Briten hinsichtlich ihrer Möglichkeiten einer Inflationspolitik beschränkt und mussten sich stattdessen an Organisationen wie den IWF wenden.

Noch ist der Dollar keinem vergleichbaren Währungswettbewerb ausgesetzt. Ron Holland machte aber 2011 darauf aufmerksam, dass sich dies schnell ändern könnte, wenn die Öl-Verbündeten sich vom Petro-Dollar abwendeten. Andererseits werden sowohl der Yen wie auch der Euro von ihren jeweiligen Zentralbanken heftig inflationiert.

Hier kommen nun die BRICS Bank und die AIIB ins Spiel. Die Geschichte der Nationalstaaten lässt es sehr wahrscheinlich scheinen, dass die BRICS-Länder – insbesondere Russland und China – hoffen, mit Hilfe dieser Institutionen selbst finanzielle Kriegsführung betreiben zu können.

Genau wie die USA ihre Kontrolle über den IWF zum finanziellen Druck auf Großbritannien nutzte, könnte eine erfolgreiche BRICS Bank oder AIIB – indem sie verschuldeten Regierungen Kredite anböte – in der Zukunft genutzt werden, ähnlichen Druck in vergleichbaren Situationen auszuüben. Darüber hinaus könnten diese Institutionen ihre Kredite in anderen Währungen als dem Dollar vergeben und so den Dollar als Reservewährung erster Wahl schwächen.

Wenn diese Institutionen erst einmal den Wert ihrer Dollarbeständen geschmälert haben, werden ausländische Halter großer Dollarreserven und -schulden (wie z.B. China) in die Lage versetzt, deutlich aggressiver ihre Dollarbestände auf den Markt zu werfen, ganz wie es die Amerikaner den Briten 1956 mit den Sterling-Bonds androhten.

Ganz unabhängig davon lassen sich die BRICS Bank und die AIIB natürlich auch strategisch nutzen,  Entwicklungsländer aus dem US-Einflussbereich heraus und in Allianzen mit China, Russland oder welchen Staat auch immer zu locken, der die attraktivsten Bedingungen für Auslandshilfe bietet (und Gefälligkeitsgeschäfte für Politiker).

Man kann den genauen Zeitablauf derartiger Ereignisse nicht vorhersehen. Kürzlich demütigte die chinesische Regierung die der USA, indem sie mehrere europäische Partner gegen den Willen der USA für eine Beteiligung an der AIIB gewann. Aber selbst mit breiter Unterstützung durch europäische Regierungen verfügt die AIIB nur über ein Kapital von fünfzig Milliarden USD. Allein bringt die AIIB also nur geringfügigen Wettbewerb.

Sind aber einmal mehrere Institutionen dieser Art installiert, können sich die Spielregeln schnell ändern. Schicksalhafte Veränderungen großen Stils haben nun mal die Eigenschaft des plötzlichen Auftretens, wie die Briten 1956 und die Sowjets 1989 erfahren haben.

Viele hoffen auf die Gelegenheit, Eisenhowers Suez-Strategie nachzuahmen. Wenn sich in Washington nicht Grundlegendes ändert, wird die Welt ihre Chance auch erhalten.

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Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Bernhard Pieper. Der Originalbeitrag mit dem Titel Financial Warfare and the Declining Dollar ist am 7.5.2015 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Foto-Startseite: © Lizard – Fotolia.com

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Ryan McMaken ist Editor von Mises Daily und The Free Man.

 

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