BITCOIN – Geld ohne Staat

22.05.2015 – Interview mit Aaron Koenig zu seinem Buch „BITCOIN – Geld ohne Staat“.

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Herr Koenig, lassen uns bitte mit einer Definition starten. Wie erkläre ich jemandem „Bitcoin“, der sich bisher nicht damit beschäftigt hat?

Aaron Koenig

Bitcoin ist zweierlei: einerseits eine neue Art von Geld, das viele der Qualitäten hat, durch die Gold über Jahrtausende zum bevorzugten Tauschmittel der Menschheit wurde. Wie Gold ist auch Bitcoin knapp, gut teilbar, unverwüstlich und nicht zu fälschen. Andererseits ist Bitcoin ein weltweites Zahlungssystem, das ohne Banken auskommt und sehr schnell, sicher und kostengünstig ist. Es ist ähnlich einfach zu bedienen wie Email, nur dass nicht Informationen, sondern Werte über das Bitcoin-System verschickt werden.

Wo kann man denn schon überall mit Bitcoins bezahlen?

Es gibt zur Zeit rund 100.000 Online-Shops, bei denen man mit Bitcoins bezahlen kann, und diese Zahl steigt schnell. Auch mehr und mehr Geschäfte, Cafés und Restaurants in der realen Welt akzeptieren Bitcoin, man findet sie auf coinmap.org. Den größten Nutzen bietet Bitcoin im internationalen Zahlungsverkehr. Geld in die USA, nach China oder nach Indien zu überweisen, ist mit Banken sehr teuer. Mit Bitcoin kostet es Bruchteile von Cents.

Könnten Sie mir auch Euros gegen Bitcoins tauschen, wenn wir uns auf der Straße treffen?

Ja, alles was Sie dafür benötigen, ist ein Smartphone mit Internet-Zugang. Dann können sie sich eine kostenlose App herunterladen, die Wallet („Brieftasche“) genannt wird. Ich kann Ihnen direkt Bitcoins aus meiner Wallet an Ihre überweisen. Man braucht keine Banken oder sonstige Mittelsmänner dafür. Binnen weniger Sekunden zeigt ihre Wallet an, dass das Geld zu Ihnen unterwegs ist. Nach ungefähr 10 Minuten wird die Überweisung vom weltweiten Bitcoin-Netzwerk bestätigt und ist damit unwiderruflich. Sie geben mir dann die entsprechende Menge an Scheingeld zum aktuellen Tageskurs.

In Ihrem Buch betrachten Sie „Bitcoin“ aus Sicht der Österreichischen Schule. Wie ist die digitale Währung im Hinblick auf Ludwig von Mises‘ Regressionstheorem zu sehen, nämlich dass Geld aus einem Sachgut heraus entstanden sein muss?

Thorsten Polleit hat in einem Artikel sehr gut beschrieben, warum Mises‘ Regressionstheorem auch den Wert von Bitcoin erklärt. Wäre Bitcoin das erste Geld, das Menschen nutzten, könnte man seinen Wert in der Tat nicht auf ein Sachgut zurückverfolgen. Aber das träfe ebenso auf staatliche Scheingeldwährungen zu. Auch sie haben nur deshalb heute noch einen Wert, weil sie ursprünglich einmal durch Gold gedeckt waren. Die Menschen sind heute bereit, ihre Dollars oder Euros gegen Bitcoins einzutauschen, so dass sich dieser Wert auf den Bitcoin überträgt.

In dem Artikel, den Sie ansprechen, hat Thorsten Polleit aber auch zu bedenken gegeben, dass Bitcoins theoretisch wertlos werden können, weil sie keinen intrinsischen Wert besitzen, also nur Tauschmittel sind und im Worst Case keinen Wert aus einer nicht-monetären Verwendung heraus haben ….

Das kann in der Tat passieren, trifft aber ebenso auf staatliche Währungen zu. Das weltweite Zahlungssystem „Bitcoin“ hat einen sehr großen Nutzen. Um an diesem sehr effizienten System teilzunehmen, benötigt man die von Natur aus knappen „Bitcoins“. Wenn etwas nützlich und knapp ist, werden die Menschen ihm auch einen Wert beimessen. Einen „intrinsischen“ Wert gibt es nicht, der Wert entsteht immer aus dem subjektiven Nutzen für die Menschen.

Sie sollten an dieser Stelle einmal die Vorzüge von Bitcoin gegenüber staatlichen Währungen aufzeigen, die da sind?

Das Geld, das wir zur Zeit nutzen, kann von der Zentralbank und von den Geschäftsbanken aus dem Nichts geschaffen werden. Daher verliert es ständig an Wert. Noch ist die Inflation nicht so offensichtlich, aber die Verbraucherpreise müssten durch die steigende Produktivität und die globale Arbeitsteilung eigentlich fallen. Deutlich wird der preistreibende Effekt der Gelddinflation bei Immobilien, Aktien und Kunstwerken. Die Erzeugung neuer Bitcoins ist hingegen streng reglementiert. Die Menge neu hinzukommender Bitcoins nimmt mit der Zeit ab, die Gesamtmenge ist auf 21 Millionen limitiert. Bitcoin-Zahlungen können von niemandem gestoppt werden, ein „Einfrieren“ von Konten ist unmöglich. Das nimmt den Regierungen die Macht, in die Eigentumsrechte der Menschen einzugreifen.

Was muss passieren, dass Bitcoin sich wirklich durchsetzt?

Es entstehen gerade sehr viele nützliche Dinge, die den Umgang mit Bitcoins sicherer und benutzerfreundlicher machen – zum Beispiel der Dienst Netki, der die bisher eher abschreckenden Bitcoin-Adressen in eine für Menschen erfassbare Form bringt. Aus 1k8QbuVBmactnpzcKGJFCgcpwQFFV8kJH wird dann zum Beispiel aaron.bitfilm.com. Oder praktische kleine Geräte wie Trezor, mit denen man seine Bitcoins sicher und einfach speichern kann. Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis das herkömmliche Geldsystem wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Bis dahin wird Bitcoin aus den Kinderschuhen heraus und so reif sein, dass es ganz normale Menschen im Alltag anwenden können. Bitcoin steht in seiner Entwicklung etwa dort, wo das Internet Anfang der Neunziger Jahre stand. Damals war es noch ein umständlich zu bedienendes Spielzeug für Computernerds, heute kann sich wohl kaum noch jemand ein Leben ohne Internet vorstellen.

Das Thema „Bitcoin“ steht eng in Zusammenhang mit der Blockchain-Technologie. Vielleicht erst wieder eine Erklärung … was ist unter „Blockchain“ zu verstehen?

Die Blockchain ist eine Art weltweites Kassenbuch, in dem alle Bitcoin-Transaktionen aufgezeichnet werden. Sie ist auf mehreren Tausend Computern gespeichert und wird etwa alle zehn Minuten aktualisiert. Im Nachhinein lassen sich die Einträge nicht mehr manipulieren. Wenn ich einen Bitcoin an Sie überweise, wird dies in der Blockchain gespeichert. Ich kann den Bitcoin also nicht noch einmal an jemand anderes überweisen. Wofür man früher Banken brauchte, wird jetzt von diesem dezentralisierten System erledigt, an dem im Prinzip jeder teilnehmen kann. Man braucht heute jedoch sehr leistungsstarke Computer dafür, denn es sind aufwändige Berechnungen nötig, um jede Transaktion auf ihre Korrektheit zu überprüfen. Als Ausgleich für die eingesetzte Rechenleistung werden unter den Teilnehmern dieses Systems die neu hinzukommenden Bitcoins vergeben.

Wie ließe sich mit der Blockchain-Technologie der Staat an einer weiteren Ausbreitung hindern oder sogar zurückdrängen?

Dieses Verfahren lässt sich nicht nur für die Überweisung von Geld nutzen, sondern für viele Dinge, in denen ein öffentlich zugängliches Register benötigt wird, das von niemandem manipuliert werden kann. Denken Sie an Grundbücher, Handelsregister, Führerscheine oder standesamtliche Daten. Vieles, wofür man bisher eine zentrale Autorität benötigte, lässt sich durch dezentrale Technologie schneller, billiger und sicherer abbilden. Da stellt sich natürlich die Frage, wofür man staatliche Institutionen überhaupt noch braucht. Eventuell für die Landesverteidigung und die Verfolgung von Verbrechern – wobei auch dafür miteinander im Wettbewerb stehende Organisationen besser geeignet sein könnten. Die Zeit der widerspruchslos akzeptierten Staatsmonopole ist jedenfalls vorbei.

Am 25. Mai soll mit „HayekCoin“ die erste digitale Währung mit Golddeckung starten. Ist das ein weiterer Schritt in Richtung Währungswettbewerb?

Der Währungswettbewerb ist bereits im vollen Gange: neben Bitcoin gibt es viele hundert digitale Währungen, die nach ähnlichen Prinzipien funktionieren, wie z.B. Litecoin, Peercoin, Dogecoin oder Neucoin. Ein goldgedeckte digitale Währung, die auch noch nach dem geistigen Vater der Entstaatlichung des Geldes benannt ist, begrüße ich natürlich sehr. Die Golddeckung hat jedoch auch Nachteile: im Unterschied zum rein dezentralen Bitcoin braucht eine goldgedeckte Währung eine Firma, die das Gold verwahrt und die Deckung garantiert. Eine solche Firma kann verboten werden, man kann ihre Geschäftsführer verhaften und ihre Goldbestände beschlagnahmen. Wir haben das im Fall der sehr erfolgreichen Firma E-Gold gesehen. Mit Bitcoin kann dies nicht geschehen: es ist nur ein Software-Protokoll, das niemandem gehört und von jedermann genutzt und weiterentwickelt werden kann. Daher ist Bitcoin viel schwerer zu stoppen. Ich war anfangs auch skeptisch gegenüber Bitcoin, weil es „durch nichts gedeckt“ ist. Aber dann habe ich verstanden: auch Gold ist durch nichts „gedeckt“. Es ist wegen seiner besonderen Qualitäten zum Geld der Wahl geworden. Bitcoin hat die gleichen Qualitäten wie Gold, und noch ein paar mehr: man kann Bitcoins sehr gut für alltägliche Zahlungen verwenden, und das weltweit über das Internet, ohne nennenswerte Kosten. Auch die Tatsache, dass Bitcoin keinen zentralen Angriffspunkt hat, halte ich für sehr wichtig. Daher denke ich, dass sich eine rein dezentrale Währung wie Bitcoin im Währungswettbewerb durchsetzen wird.

Vielen Dank, Herr Koenig.

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Das Interview wurde im Mai 2015 per e-mail geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

Das Buch „BITCOIN – Geld ohne Staat“ ist im FinanzBuch Verlag erschienen. Hier finden Sie weitere Informationen.

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Aaron Koenig ist seit 2011 in der Bitcoin-Wirtschaft engagiert. Er hat mit seiner Firma Bitfilm zahlreiche Filme für Bitcoin-Start-ups produziert. Er organisiert ein Bitcoin-Filmfestival sowie eine monatliche Bitcoin-Tauschbörse in Berlin. Er ist Diplom-Kommunikationswirt und seit 1994 in der kreativen Internetbranche tätig.

 

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