Die wichtigste Manipulationstechnik ist das Verschweigen von Informationen

7.11.2014 – Interview mit Oliver Janich zu seinem Buch „Die Vereinigten Staaten von Europa“.

Winston Churchill soll einmal gesagt haben, Demokratie sei die schlechteste Regierungsform – außer all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind. Kommentieren Sie doch bitte für uns diese Aussage…

Oliver Janich

Damit fasst er wohl die Meinung der meisten Menschen zusammen. Jeder regt sich über Politiker auf und fast jeder denkt, zur Demokratie gäbe es keine Alternative. Doch die Antwort steckt schon in dieser Aussage: Es handelt sich bei der Demokratie um eine Regierungsform. Die Alternative ist natürlich gar keine Regierung. Doch eine Regierung wäre ja reichlich dämlich, wenn sie das ihren Schäfchen in den Schulen, Universitäten und Medien beibringen würde.

Bei den Medien darf nicht vergessen werden, dass hier vor allem das Fernsehen den Ton angibt. Das öffentlich-rechtliche Staats-Fernsehen setzt dabei mit unzähligen Zwangsmilliarden die Agenda. Selbst private Sender brauchen eine staatliche Lizenz. Und auch die großen Verlage wurden nach dem Krieg von den alliierten Staaten lizensiert. Allerdings muss man dabei berücksichtigen, dass es zunächst das Ziel der Amerikaner war, den Deutschen freiheitliche Grundwerte beizubringen. Der Staat selbst wurde aber natürlich nie in Frage gestellt.

Insgesamt ist der Anarchismus aber noch eine recht junge Bewegung, so dass es keiner groß angelegten Verschwörung bedarf, um diese Ideen aus dem Mainstream zu verbannen. Ohne das Internet wiederum würde der Libertarismus nicht annähernd denselben Aufschwung erfahren wie derzeit. Man muss es der Bewegung schon als riesigen Erfolg anrechnen, dass Cem Özdemir die Grünen als libertär bezeichnet. Das ist zwar der großartigste Unsinn, den man von sich geben kann, aber allein, dass er dieses Wort benutzt, das vor dem Zeitalter des Internets kaum jemand kannte, ist schon bezeichnend.

Gleich zu Beginn Ihres Buches wird der eine oder andere Leser sicher gehörig erschrocken sein. Sie schreiben „Herzlich willkommen in der Hölle. Sie heißt Demokratie.“ Wieso Hölle?

Nun, das ist nahezu wörtlich zu nehmen. Das christliche Gebot der Nächstenliebe ist in einer Demokratie – oder jedem Staatswesen – nämlich nicht verwirklicht. Dieser einfache Grundsatz, den es in verschiedenen Varianten, in der Philosophie und in spirituellen Lehren gibt, besagt, dass man andere Menschen so behandeln sollte, wie man selbst behandelt werden möchte, also dass man anderen Menschen keinen Schaden zufügen – sie etwa berauben – soll. Das Prinzip ist auch als die goldene Regel bekannt, die mir schon mein Vater beigebracht hat. Eine Demokratie ist aber per Definition darauf angelegt, dass eine Mehrheit eine Minderheit – über Steuern – berauben kann, ohne dass diese Minderheit irgendjemandem etwas zu leide getan hat. In der Praxis ist es zwar selten eine Mehrheit, die da wirklich entscheidet, sondern es sind letztlich die Geldgeber der Politiker und die Medien, die die Massenmeinungen steuern. Aber wie auch immer demokratische Entscheidungen in der Realität zustande kommen, ein unbestreitbarer Fakt bleibt: Eine bestimmte Klasse von Menschen, die für den Staat arbeiten oder von ihm profitieren, darf rauben, stehlen und morden und eine andere Klasse darf es nicht.

Wer bibelfest ist, erinnert sich vielleicht daran, was Satan in der Wüste Jesus angeboten hat: Alle irdischen Reiche, also alle Staaten, denn er, Satan, herrsche über sie. Jesus lehnte selbstverständlich ab. Er war der prominenteste Anarchist der Welt, wenngleich Amtskirche und Staat dies seit zwei Jahrtausenden schön zu vertuschen wissen. Natürlich muss man nicht an Bibelworte oder Jesus als real existierende Person glauben, um zu erkennen, dass jeder Staat die goldene Regel verletzt. Aber Sie sehen schon, das Wort „Hölle“ habe ich durchaus mit Bedacht gewählt.

Viele Menschen, selbst staatskritisch eingestellte, werden Sie mit der Vorstellung einer Privatrechtsgesellschaft, die Sie favorisieren, abschrecken …

Ja, tatsächlich ist es so, dass dieser Teil am meisten kritisiert, besser gesagt angefeindet wird, denn logisch argumentiert wird dabei natürlich nicht. So mancher verstieg sich sogar zu der kuriosen Behauptung, ich wollte mit dem Buch Menschen für eine nicht vorhandene „Ancap-Sekte“ rekrutieren. Klar, ich habe über tausend Quellen studiert sowie zitiert und die 400 Seiten des zweiten Teils nur deshalb geschrieben… Nun hätte man die Thematik vielleicht auch behandeln können, ohne auf das Modell einer Privatrechtsordnung einzugehen. Aber man kann meiner Meinung nach die Geschichte der Europäischen Union nicht begreifen, wenn man nicht versteht, was der Staat im Grunde ist: Eine riesige Mafia-Organisation, die einfach versucht, ihr Territorium auszuweiten.

Es gibt eine Konstante im menschlichen Leben, die man mit einem Naturgesetz gleichsetzen kann: Der Mensch strebt nach seinem eigenen Vorteil. In einer wettbewerblichen Ordnung führt das dazu, dass ein Unternehmen die besten Produkte anbieten muss, um zu überleben. Bei einem Gewaltmonopol führt es dazu, dass die handelnden Personen ihre Macht auf Kosten der Allgemeinheit ausdehnen. Das ist unvermeidbar. Da die Menschen von Kindesbeinen an den Staat gewöhnt werden ist es allerdings verständlich, dass sie sich nicht vorstellen können, wie eine Ordnung ohne Staat funktioniert. In Wirklichkeit bedeutet aber der Staat Chaos und der Markt Ordnung. Dies kann ja überall beobachtet werden, wo der Staat nicht eingreift. Sicher gibt es in der Nähe jedes Lesers dieses Interviews einen Supermarkt, ohne dass es dazu einen staatlichen Befehl gegeben hätte. Und genauso würden Unternehmen entstehen, die Sicherheit als Dienstleistung bereit stellen. Schließlich ist Sicherheit ein Grundbedürfnis der Menschen. Natürlich wäre das wettbewerbliche Ergebnis viel billiger und qualitativ besser. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Verbrechens zu werden, wäre zwingend deutlich geringer. Ich werde in einem nächsten Buch ausführlicher darauf eingehen, wie eine privatrechtliche Ordnung in der Praxis aussehen könnte.

Woran liegt es eigentlich, dass ein Staat seinen Einflussbereich, seine Macht immer weiter ausdehnt?

Das ist durchaus eine komplexe Gemengelage. Rein theoretisch wäre ein Minimalstaat möglich, wenn man einmal außer Acht lässt, dass auch Minimalstaatler die Frage nicht beantworten können, wie hoch denn die Ausgaben für Sicherheit sein müssten, um Verbrechen effizient zu bekämpfen. Die zu einem bestimmten Zeitpunkt vorhandenen Beamten hätten ja ihr Auskommen und auch ein Präsident oder Kanzler könnte sich theoretisch mit seiner vorhandenen Machtfülle zufrieden geben. Die Geschichte zeigt aber, dass dies nicht der Fall ist. Wir haben es hier also mit einer grundsätzlichen menschlichen Schwäche zu tun.

Besondern anfällig für die Ausdehnung von Macht sind kurioserweise die Demokratien. Wie Hans-Hermann Hoppe dargelegt hat, versuchen demokratische Politiker ihren kurzfristigen Nutzen zu maximieren, da sie ja nur auf Zeit gewählt sind. Hinzu kommt die von Thorsten Polleit konstatierte kollektive Korruption derer, die vom System profitieren. Das klingt vielen zu theoretisch, daher versuche ich, es an einem Beispiel zu erklären. Politikern bleibt häufig nämlich gar keine andere Wahl, als leere Versprechungen abzugeben. Denn im Wettbewerb der Gauner wird immer irgendeiner daher kommen, der den Menschen das Paradies auf Erden verspricht. Er sucht sich einen Sündenbock, meistens die Reichen oder die Spekulanten, bei den Nazis waren es die Juden. Man müsste ihnen nur das Geld abnehmen und alles wird gut. Es ist also nicht nur so, dass Politiker kurzfristig denken, weil sie nur kurz an der Macht sind. Sie müssen den Wähler täuschen, um überhaupt erst einmal an die Macht zu kommen.

Letztendlich handeln die Wähler dann aber gegen ihre eigenen Interessen. Wie ist das zu erklären?

Das ist die entscheidende Frage. Ich will daher einmal auf die – neben der ständigen Wiederholung falscher Behauptungen – wichtigste Methode zur Irreführung der Masse zu sprechen kommen. Die wichtigste Manipulationstechnik ist das Verschweigen von Informationen. Beispielsweise wird die Österreichische Schule an staatlichen Bildungseinrichtungen einfach nicht gelehrt. Glücklicherweise wird in den Medien zunehmend von ihr Notiz genommen. Der Erfolg des von Ihnen und Phillip Bagus veröffentlichten hervorragenden Buches „Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden“ ist dafür ein Beispiel. Letztendlich erreicht das aber auch nur einen winzigen Anteil der Bevölkerung solange Bild, BamS und Glotze nicht täglich darüber berichten, wie Gerd Schröder ganz richtig erkannt hat.

Was kann man dagegen tun?

Das ist sehr schwierig, weil sich nicht nur die Massenmedien, sondern auch einige alternative Medien dieser Manipulationstechnik bedienen. Innerhalb der sogenannten Wahrheitsbewegung, zu der ich mich auch zähle, also bei den Systemkritikern sollten solche Manipulationsversuche ins Leere laufen, könnte man meinen. Denn diese Menschen haben ja bereits erkannt, dass sie manipuliert werden und interessieren sich aktiv für politische und gesellschaftliche Fragen. Aber nein, sie lassen sich zum Teil viel leichter manipulieren. Dazu werden zwei ganz einfache Tricks verwendet. Die Gurus in diesem Bereich erklären ganz richtig, dass an diesem System etwas nicht stimmt. Der unbedarfte Zuhörer denkt also, da ist einer, der ist so mutig, dass er sich gegen das System stellt. Also fassen sie auch Vertrauen zu der Lösung, die der jeweilige Guru anbietet.

Und dann kommt der zweite Trick: Das Verschweigen von Informationen. Kaum einer dieser Gurus traut sich, mit mir in der Öffentlichkeit seine Thesen zu diskutieren. So lernen deren Anhänger also die logisch einfach nachzuvollziehenden Gegenargumente gar nicht kennen. Sie agieren also wie die Massenmedien. So haben beispielsweise die Regierungskommissionen zum Kennedy-Attentat oder auch zum 11. September wichtige Zeugen gar nicht vernommen und beweisbare Tatsachen einfach ignoriert. Und der politisch-mediale Komplex spielt dabei mit.

Wenn selbst die alternativen Medien ihrer Aufgabe nicht nachkommen – wie Sie sagen – klingt die Lage hoffnungslos…

Nun, dieser Weg wird kein leichter sein, wie Xavier Naidoo so schön gesungen hat.  Aber es gibt schon eine Gegenstrategie. Ich werde wohl demnächst ein Video erstellen mit dem Titel „Teste Deinen Guru!“. Dieses Interview ist ein Vorgeschmack darauf. Darin fordere ich die Zuschauer und jetzt Ihre Leser auf, dass Sie den Plan ihres Gurus bei mir testen lassen können. Wenn sich der jeweilige Guru weigert, mit mir zu debattieren, obwohl ich einer der meistgelesenen Autoren in diesem Bereich bin, dann weiß der politisch interessierte Bürger, dass er manipuliert wird. Manche erdreisten sich sogar, abfällige Bemerkungen über die Österreichische Schule von sich zu geben, weigern sich aber trotzdem, ihre haltlosen Thesen öffentlich zu debattieren. Wie ich höre, gehen diese Gurus zum Teil inzwischen dazu über, zu behaupten, es gäbe persönliche Gründe, mit mir nicht zu debattieren. Das ist natürlich die denkbar billigste Ausrede. Bei Günther Jauch sitzen auch nicht nur Leute, die sich lieb haben. Abgesehen davon, dass ich mit keinem dieser Gurus ein persönliches Problem habe, müsste es ihnen ja ein Fest sein, meine Argumentation öffentlich auseinanderzunehmen, wenn sie mich nicht mögen. Weigert sich der Guru, könnten seine Anhänger einen besonders versierten Fan des jeweiligen Menschheitsplans an Stelle des Gurus ins Rennen schicken. Ich bin bereit, mit jedem zu debattieren. Mal ganz unter uns: Ich wäre viel zu stolz mir nachsagen zu lassen, ich hätte nicht den Mut mich einer ehrlichen Debatte zu stellen. Aber Stolz, Mut, Aufrichtigkeit und die ehrliche Suche nach der Wahrheit scheinen keine Werte für diese Gurus zu sein. Ganz im Gegensatz zu jedem Libertären. Ich kenne keinen, der sich je einer Debatte verweigert hätte. Ganz einfach, weil wir wissen, dass wir die Wahrheit, die Vernunft und die Logik auf unserer Seite haben.

Vielen Dank, Herr Janich.

Das Interview wurde im November 2014 per email geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

Mehr Informationen zum Buch „Die Vereinigten Staaten von Europa“ finden Sie hier.

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Oliver Janich ist Buchautor (“Das Kapitalismus-Komplott” und “Die Vereinigten Staaten von Europa“) sowie freier Journalist, u.a. für Focus, Financial Times Deutschland, Süddeutsche Zeitung, Euro/Finanzen, Euro am Sonntag, Focus Money, Compact Magazin. Er ist Gründer der Partei der Vernunft. Seine website ist www.oliverjanich.de

 

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