„Mir kann keiner etwas von Preisstabilität erzählen.“

Frank Meyer

5.2.2014 – Interview mit Frank Meyer, Moderator der Wirtschaftsformate „Märkte am Morgen“ und die „Telebörse“ auf n-tv,  zu seinem Buch ‚Meyer’s MONEY-FEST‘.

Herr Meyer, Ihr Buch handelt vom „Wahn und Sinn“ an den Kapitalmärkten. Wird man da nicht selbst wahnsinnig, wenn man täglich über diese Märkte berichtet?

Nein, wenn man weiß, womit man es heute zu tun hat. Und ja, wenn man sich emotional komplett hineinbegibt. Ich berichte also über Wahnsinn und stehe mitten in ihm. Das bedeutet nicht, dass ich den Wahnsinn gut heiße wie die meisten aus der Finanzbranche. Wobei der Wahnsinn für die meisten ja als Normalität daher kommt. Hier sehe ich mich als eine der wenigen kritischen bzw. warnenden Stimmen.

Oft wird die Börse als Ort des Wahnsinns bezeichnet. Die Quelle des Wahns wäre in erster Linie bei den Notenbanken zu suchen und in weiterer Hinsicht bei den Geschäftsbanken, die mit dem Privileg der Geldschöpfung ausgestattet sind. Wer am nächsten an der Geldquelle sitzt, kann die größten Räder drehen, die größten Spekulationen eingehen, wohl wissend, dass im Notfall andere das Risiko tragen werden. An den Börsen sieht man nur die Folgen. Hinzu kommt staatlicher Eingriff und Lobbyismus.

Nach 14 Jahren auf dem Börsenparkett hat sich vieles getan. Aus einem Sinn wurde inzwischen eine Art von Wahn, der mehrheitlich von Computerprogrammen und Billiggeld befeuert wird. Natürlich sind die Handelsprogramme von Menschen gemacht und ebenso die „Liquidität“. Dazu kommt die etwas wahnsinnige Idee, Ökonomien und das Verhalten von Menschen anhand von Modellen berechenbar zu machen. Das mag eine Zeit lang funktionieren, aber nicht immer. Jeder Unfall als Folge unseres Geldsystems wird mit einem Mehr vom Alten, also mehr Kredit und damit Schulden bekämpft. Und dann gibt es eines Tages ein böses Erwachen. Es wäre sogar unterhaltsam, dem Ganzen zuzuschauen, allerdings hängt an diesen Finanzmärkten das Wohl oder Wehe von Millionen Menschen.

Kann man also sagen, dass es die Schöpfung von Geld aus dem Nichts ist, die den Wahnsinn erzeugt?

So kann man es bezeichnen. So muss man es bezeichnen. Wenn man die Entwicklung der großen Börsen nach 1971 anschaut, und diese Kurve mit der Geldmenge vergleicht, dann gibt es doch erstaunliche Parallelen. Das Jahr 1971 ist deshalb wichtig, weil seitdem keine Währung mehr an Gold gekoppelt ist, weder direkt und seit dem Ende der Eintauschbarkeit des US-Dollars in Gold durch Zentralbanken in den USA auch nicht mehr indirekt. Seitdem ist die Geldmenge explodiert. Und auch Preise an den Börsen. Nicht nur das – auch die Preise im normalen Leben haben sich mit unterschiedlich schneller Intensität dieser Geldmenge angepasst.

Apropos ‚Preise im normalen Leben’, da wären wir im ‚Leben des Normalbürgers’ angekommen. Wie viel Glauben schenken Sie der offiziellen Teuerungsrate?

Ich glaube das, was ich sehe und zahle. Mir kann keiner etwas von Preisstabilität erzählen. Offiziell hat der Euro seit seiner Einführung 30 Prozent an Kaufkraft eingebüßt. Diese Teuerungsrate ist mehr Propaganda statt Realität. Ein paar Stellschrauben in der Statistik, und schon sieht alles ganz harmlos aus. Quittungen und Rechnungen aus früherer Zeit zeigen eine andere Wirklichkeit. Mit 2.000 D-Mark kam man in Frankfurt locker über die Runden, aber nicht mehr mit 1.000 Euro ohne gewaltige Einschränkungen. Das Alltägliche wird teurer, der Spaß billiger. Wenn ich mehr elektronischen Schnickschnack kaufen würde, dann könnte ich dem statistischen Durchschnitt genügen. Außerdem müsste man in die Teuerung die gestiegenen Preise der  Anlageklassen wie Aktien, Immobilien, Grund und Boden mit einbeziehen. Die steigenden Preise sind ebenfalls das Ergebnis wachsender Geldmengen. Was für ein Witz: Die Notenbanker geben vor, die Teuerung im Zaume zu halten, dabei schaffen sie diese erst über steigende Geldmengen.

‚Notenbanker‘ ordnen Sie in Ihrem Buch ja der Spezies der ‚Zombifizierer‘ zu … erklären Sie den Begriff doch bitte kurz …

Die Notenbanken sorgen letztlich dafür, dass jede Krise mit dem gleichen Rezept bekämpft wird, das die Krise ausgelöst hat. Mit einem künstlich, nicht marktgerechten Zins bevorteilen sie die Marktteilnehmer, die am nächsten am Geldtopf stehen und zugleich verhindern sie Bereinigungen im Markt. Dadurch entstehen Zombies. Der Finanz – und Autosektor ist ein anschauliches Beispiel. Statt Unternehmen pleitegehen zu lassen, werden diese künstlich am Leben gehalten. Es entstehen systemrelevante Marktteilnehmer, deren Scheitern systemrelevant wäre. Ein Markt voller Zombies wird irgendwann selbst zum Zombie.

Was Sie als ‚Zombifizierung‘ bezeichnen, bezeichnet die Österreichische Schule als Fehlleitung und Verschwendung von Ressourcen. Sie sind ein überzeugter ‚Austrian‘, Herr Meyer, stimmt’s?

Ich mag den Begriff „überzeugt“ nicht. Das hat so etwas von „Gesinnung“. Ich weiß nur, dass es bislang nichts „besseres“ gibt zur Erklärung von Wirtschaft, Märkten und ihre Wechselwirkungen – auch auf die Gesellschaft. Solange das so ist, finde ich Orientierung bei den „Austrians“.

Mit den Theorien der Österreicher lässt sich aber auch sehr gut der Ausgang des gegenwärtigen Papiergeldexperimentes skizzieren. Glauben Sie die Sorge darüber ist Teil des Treibsatzes für die ’starke Teuerung‘ der Anlageklasse Aktien?

Ich sehe im Preisanstieg der Aktien mehrere Gründe. Seine Ersparnisse in „Eigentum“ zu stecken ist inzwischen zu einem doch relevanteren Thema geworden, statt Ersparnisse in „Geldforderungen“ zu parken. Das Thema ist inzwischen an der Börse angekommen. Selbst die „Experten“ reden davon. Zu beobachten ist, sagen wir mal eine Art von „negativem Sentiment“ gegenüber Geldforderungen. Zudem ist der weltweite Aktienmarkt trotz seiner Preisanstiege mit 62 Billionen US-Dollar nicht größer als vor der „Krise“. Grund dafür waren Aktienrückkaufprogramme von Unternehmen, die offenbar lieber Geld ins eigene Unternehmen investieren, statt es in neue Geschäftsfelder zu stecken. Ja, das mag ein Grund sein, weil man zwischen Forderungen und Eigentum inzwischen besser zu unterscheiden weiß.

Die ‚Familie Ahnungslos‘, der Sie in Ihrem Buch ein Kapitel widmen, ist sicher nicht am Aktienmarkt investiert und wie Geld entsteht und funktioniert weiß sie auch nicht …

Die Otto Normal-Familie handhabt ihre geldlichen Dinge wie in früheren Zeiten, ohne zu wissen bzw. sich dafür zu interessieren, dass sich die Bedingungen für ihr Geld grundlegend geändert haben. Es reicht heute nicht mehr, Überschüsse zu erwirtschaften und diese anderen zu überlassen in der Hoffnung, sie werden „vermehrt“. Finanzielle Repression sorgt dafür, dass diese Hoffnung zu einer Enttäuschung wird, denn Zinsen auf Erspartes gibt es nicht mehr – im Gegensatz zu früher. Das dicke Ende kommt erst noch für die herkömmlichen Sparformen, die auf Anleihen basieren. Das Wissen im Umgang mit Spargeld wurde konsequent weg gelehrt und wer weiß heute schon, was Geld überhaupt ist. Mein Buch soll ein Achtungszeichen setzen – Achtung, da kommt was auf Euch zu, nämlich Enttäuschung (das Ende der Täuschung) und auch die Schwierigkeit, später überhaupt noch Überschüsse erwirtschaften zu können.

Vor allem für ‚Familie Ahnungslos‘ werden wohl die Worte Roland Baaders gelten ‚Was wir vorausgefressen haben, werden wir nachhungern müssen‘. Wird den Möchtegern-Zauberern Draghi und Yellen das ‚Nachhungern‘ in Form der finanziellen Repression Ihrer Einschätzung nach gelingen? Oder droht die Radikalkur? Es könnte ja von irgendwoher ein schwarzer Schwan auftauchen…

Schwarze Schwäne haben die unangenehme Eigenschaft, ganz unangemeldet aufzutauchen. Wenn man aber heute genau hinschaut, dann laufen diese als Küken bereits herum. Geschichte reimt sich immer wieder. Die finanzielle Repression ist eines der vielen Werkzeuge der Geldzauberer und Regierungen, die Leute auf die kalte Tour zu enteignen und die Schuldentragfähigkeit eines Staates auf der Zeitachse zu verlängern. Viel offensichtlicher geworden ist auch das Marketing, um die größer werdenden finanziellen Schieflagen mit sich aufblähenden und platzenden Blasen zu kaschieren. Solange das Vertrauen in die Geldzauberer und deren Marketingassistenzen groß genug ist, wird sich wenig ändern, denn auch wenn im Hintergrund die Problematik größer wird. Erst wenn sie sichtbar und spürbarer wird, rennen die schwarzen Schwäne dann durch die Gegend. Man hätte ihre Ankunft sehen können, wenn man denn gewollt hätte.

Haben Sie vielen Dank, Herr Meyer.

Das Interview wurde im Januar 2014 per e-mail geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

Erfahren Sie mehr über und von Frank Meyer:

www.frank-meyer.tv

www.rottmeyer.de

 

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