Mission Moskau: Die verlorenen Dokumente des Ludwig von Mises

09.10.2013 – von Richard Ebeling.

[Dieser Beitrag ist im Mai 1997 im ‚Liberty Magazin‘ erschienen.]

In einem dunklen, unscheinbaren Gebäude in Moskau liegen Tausende Seiten eines geistigen Schatzes.[1]

In den ersten Mai-Tagen im Jahr 1945 näherte sich der Krieg in Europa seinem Ende. Nach der Besetzung Ost-Deutschlands machte sich die Sowjet-Armee auch daran, Böhmen zu erobern. Als sie die kleine Stadt Halberstadt erreichte, begannen die Soldaten auszuschwärmen und besetzten den Bahnhof. Auf einem Nebengleis befanden sich 24 Güterwagons, die die Nationalsozialisten in noch von ihnen kontrolliertes Gebiet bringen wollten.

Als die Sowjets die Güterwagons öffneten, waren diese voller Dokumente, Akten, privater und geschäftlicher Unterlagen, die die Gestapo in Frankreich, Belgien, Österreich, Holland, Polen und vielen anderen Ländern, sogar in Deutschland geraubt hatten.

Unter diesen buchstäblich Millionen Seiten gestohlener Dokumente waren auch die von Ludwig von Mises.

Ein Löwe des Kapitalismus

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war Ludwig von Mises einer der berühmtesten und umstrittensten Ökonomen des europäischen Kontinents. Am 29. September 1881 im Österreichisch-Ungarischen Lemberg geboren, besuchte Mises im Jahr 1900 die Universität in Wien und erhielt 1906 die Doktorwürde. Im Jahr 1909 wurde er wirtschaftlicher Berater der Handelskammer Österreich in Wien und 1913 verlieh man ihm den Titel ‚Privatdozent‘. Das gab ihm die Möglichkeit, an der Universität in Wien zu lehren, allerdings ohne Bezahlung.

In den nächsten 25 Jahren, in denen er in Europa lebte, löste Ludwig von Mises Stürme kontroverser Diskussionen aus. Im Jahr 1912 veröffentlichte er sein Buch Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel , in dem er  – neben vielen theoretischen Erkenntnissen – nachwies, dass Inflation und Depression einer kapitalistischen Wirtschaft nicht inhärent sind, sondern das Ergebnis staatlicher Kontrolle und Misswirtschaft im Geldwesen.

Aber der Wirbelwind der Debatten, die in den Rest seines Lebens umgeben sollten, löste ein im Jahr 1920 geschriebener Aufsatz aus, dem zwei Jahre später sein Buch Die Gemeinwirtschaft folgte, ein Werk von elementarer Bedeutung. In diesem Buch wies Mises nach, dass die Planer eines sozialistischen Staates keine Möglichkeit haben, wie sie die zu ihrer Verfügung stehenden Ressourcen am effizientesten einsetzen sollen. Ohne Marktpreise fehlten die notwendigen Grundlagen für eine wirtschaftliche Kalkulation. Die Wirklichkeit sozialistischer, Utopia-gleichen Versprechungen seien Armut, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zerfall. Außerdem zeigte Mises, dass jeglicher mit Nachdruck angewandte Kollektivismus in schrecklicher Tyrannei enden würde, weil der Staat alles zur menschlichen Existenz notwendige monopolisieren würde.

Im Jahr 1927 veröffentlichte Mises sein Werk Liberalismus, in dem er die klassisch-liberale Version einer freien und prosperierenden Gesellschaft präsentierte, eine Gesellschaft, in der die individuelle Freiheit respektiert würde, die Marktwirtschaft frei wäre, offen und unreguliert, und in der die Aufgaben der Regierung auf Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum beschränkt wären. Es folgte Kritik des Interventionismus (1929). Hier argumentierte Mises, dass der interventionistische Wohlfahrtsstaat kein ‚dritter Weg’ zwischen Kapitalismus und Sozialismus sei, sondern dass eine Abfolge von widersprüchlicher Politik, uneingeschränkt angewandt, letzten Endes in den Sozialismus führen müsse – und dass Deutschland sich auf einem gefährlichen Weg befände, der zu einem Sieg der Nationalsozialisten führen würde.

Der Diebstahl und seine Folgen

Es überrascht nicht, dass Marxisten wie Nationalsozialisten Ludwig von Mises als einen ernstzunehmenden, intellektuellen Feind ansahen. Und so erschien 1926 in der Sowjetischen Zeitung Bolshewik ein Artikel, in dem Mises als ‚Theoretiker des Faschismus‘ bezeichnet wurde. Welches ‚Verbrechen‘ warf man ihm vor? Im Jahr 1925 schrieb Mises in einem Artikel, dass ein Marxistisches Russland und ein national-sozialistisches Deutschland in Osteuropa natürliche Verbündete seien – wodurch er den berüchtigten Nazi-Sowjet-Pakt von 1939 vorwegnahm. Im Jahr 1932 wusste Mises, dass der bevorstehende Sieg der Nationalsozialisten Österreich bedrohen würde. Als klassischer Liberaler und als Jude konnte er sicher sein, dass ihm die Gestapo nach einer Übernahme Österreichs durch die Nationalsozialisten nachstellen würde.

William E. Rappard, Direktor des ‚Graduate Institute of International Studies‘ in Genf, half Mises, einen Ausweg zu finden, indem er ihm eine Stelle als Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen anbot. Mises sagte zu und zog 1934 nach Genf.

Die Wohnung in Wien, in der Mises seit 1911 mit seiner Mutter lebte, behielt er. Als sie Ende 1937 starb, verkaufte er die Wohnung an den ursprünglichen Hauseigentümer, behielt aber ein Zimmer als Untermieter. Dort verwahrte er seine Papiere, Manuskripte, seine persönlichen Dokumente und die der Familie, seine Korrespondenz, Abschriften seiner eigenen Artikel und die anderer Autoren, sowie den größten Teil seiner Bibliothek, die Tausende von Publikationen umfasste.

Im März 1938 wurde Österreich von Deutschland annektiert. Innerhalb weniger Tage kam die Gestapo in Mises‘ Zimmer. Er selbst befand sich in der Schweiz in Sicherheit, aber die Nationalsozialisten transportierten alle seine Unterlagen ab. Im März 1939 informierte Mises seine Freunde in Europa in einer Art ‚Rundschreiben‘, was seinem Besitz widerfahren war. Diejenigen von ihnen, die noch in Wien waren, setzen sich dafür ein, seine Papiere und seinen Besitz wiederzubekommen. Die Gestapo aber gab vor, sie wüssten nicht, wo die Unterlagen seien. Bis zu seinem Tod 1973 in New York war Mises im Glauben, alles sei vernichtet worden – entweder durch die Nationalsozialisten oder durch das Chaos des Krieges.

Aber Mises‘ Papiere waren nicht vernichtet worden. Im Gegenteil, sie waren von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden und gelangten nach Halberstadt in der Tschechoslowakei, zusammen mit anderen Dokumenten, Unterlagen und Archiven, die die Nationalsozialisten in verschiedenen von Deutschland besetzten Ländern beschlagnahmt hatten. Die Sowjet-Armee übergab schließlich die 24 Güterwagons, in denen die Unmengen an Unterlagen aufbewahrt waren, dem KGB, der sie nach Moskau transportierte.

In den 50er Jahren wurde in Moskau eigens ein Gebäude erreichtet, um die Unterlagen aufzubewahren. Es handelte sich um 20 Millionen Dokumente, in 20 verschiedenen Ländern erbeutet. Von außen sah das Gebäude aus wie ein ganz gewöhnlicher Wohnkomplex. Es war aber kein Namensschild an der Tür, lediglich die Gitter an den Fenstern ließen erkennen, dass es sich um etwas anderes handelt, wie man auf den ersten Blick vermutete. In den darauffolgenden 45 Jahren hatten nur Mitarbeiter des KGB und des Ministeriums für polizeiliche und auswärtige Angelegenheiten Zugang zu den Dokumenten. Den Mitarbeitern dieses ‚Spezialarchivs‘ war es sogar untersagt, ihren eigenen Familienangehörigen zu erzählen, wo sie arbeiteten. Ihnen wurden Treffen mit Ausländern verboten, nicht einmal Besuche von Restaurants, in denen Ausländer verkehrten, waren erlaubt.

Jede der Archivsammlungen wurde vom KGB sorgfältig studiert und kategorisiert. Mises‘ Dokumente wurde in 196 verschiedene Ordner mit mehr als 10.000 Kategorien einsortiert. Im Jahr 1951 legte der KGB ein Verzeichnis an, mit einer Inhaltsangabe für jeden einzelnen Abschnitt. Am Ende erhielten Mises‘ Unterlagen die Bezeichnung ‚Fundus #623 – Ludwig von Mises‘.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 wurden die Unterlagen freigegeben, das Archiv wurde geöffnet und erhielt den Namen ‚Center for Historical and Documental Collections‘. Sogar Ausländer konnten nun auf Antrag Zugang zu Teilen der Sammlung erhalten.

Das Aufspüren der Unterlagen

Zum ersten Mal hörte ich im Sommer 1993 das Gerücht, Mises‘ Unterlagen könnten sich in Moskau befinden. Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt mit meiner Frau Anna in Wien, um nach Archivunterlagen über Mises‘ Leben zu suchen – für die Biographie, an der ich arbeitete. Ein Freund aus Wien erzählte mir, dass einige deutsche Diplomaten in Moskau auf der Suche nach Dokumenten über anti-faschistische Deutsche waren. Der Name ‚Mises‘ sei ihnen bei der Sichtung der Dokumente aufgefallen, die man ihnen zu durchsuchen erlaubt hatte.

1994 fand ich in Unterlagen von Friedrich A. von Hayek am Hoover Institut an der Stanford Universität Mises‘ ‚Informationsschreiben‘ aus dem Jahr 1939. Dadurch bekam ich eine klarere Vorstellung davon, was die Nationalsozialisten gestohlen hatten. Aber erst im Jahr 1996 fand ich den genauen Ort heraus, wo sich die Unterlagen Mises‘ befanden. Ich begab mich zum Holocaust Museum in Washington D.C., in der Hoffnung, die Wissenschaftler dort könnten mir mitteilen, ob irgendwelche Aufzeichnungen der Gestapo über Mises den Krieg überstanden hätten. Doch niemand wusste etwas. Ich fragte einen der wissenschaftlichen Mitarbeiter, ob man herausfinden könnte, ob sich irgendwelche der Unterlagen Mises‘ in russischer Hand befänden. Man machte mich mit Karl Modek, einem leitenden Wissenschaftler, bekannt, der auf Holocaust Unterlagen in Zusammenhang mit der Sowjetunion spezialisiert war. Er öffnete eine Mappe, die die Namen der russischen Archive enthielt, und blätterte zu den Seiten, auf denen die einzelnen Funde aufgelistet waren. Da stand es: ‚Fundus #623 – Ludwig von Mises.‘

Eine Frage blieb: wenn die Archive seit 1991 jedermann zugänglich waren, warum kam die Existenz von Mises‘ Unterlagen nicht früher ans Tageslicht? Warum hat sie niemand  genauer untersucht und Kopien davon verlangt? Noch im gleichen Monat erfuhr ich den Grund hierfür, von Dr. Kurt Leube, dem früheren persönlichen Assistenten von Friedrich A. von Hayek. Dr. Kurt Leube war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hoover Institut und Professor für Wirtschaft an der ‚California State University‘ in Hayward.

1994 hatte Dr. Leube ebenfalls davon gehört, dass Mises‘ Dokumente sich möglicherweise in Russland befinden. Er fand heraus, dass einige österreichische Forscher, darunter Gerhard Jagschitz von der Universität Wien und Stefen Karner von der Universität Graz, nach Moskau gereist waren und Einträge zu österreichischen Dokumenten fanden, welche durch die sowjetische Armee konfisziert wurden. Sie bestätigten, dass sie einen Eintrag zu Mises‘ Dokumenten gesehen haben. Dr. Leube bat sie mehrfach, die Unterlagen zu begutachten und ihren Inhalt zu beschreiben. Sie antworteten, dass sie weder Zeit noch Interesse daran hätten.

Im Zuge eines Vortrags am Hillsdale College im vergangenen Monat fasste Dr. Mansur Mukhamedjanov die Situation prägnant zusammen:

Der Ludwig von Mises Fundus war zugänglich für Forscher. Aber seit der Öffnung des Archivs hat niemand, nicht ein einziger Forscher, den Fundus durchgeschaut oder bearbeitet. Russische Ökonomen, die am Konzept der Marktreform arbeiten, haben nie ein Interesse am Mises-Fundus gezeigt. Ich glaube nicht einmal, dass sie von dessen Existenz wissen. Ausländische Forscher waren an allem interessiert, nur nicht an Mises. Einige von ihnen hatten sicherlich die Einträge gesehen und wussten um die Existenz der Sammlung, aber niemand, ich wiederhole niemand, hat je ein Interesse oder den Wunsch geäußert die Unterlagen durchzuschauen. Unsere sorgfältige Buchführung dokumentiert, dass niemand jemals die Sammlung „#623 – Ludwig von Mises“ angefordert hat.

Und so blieben die Mises Unterlagen ungeprüft, bis meine Frau und ich im letzten Oktober nach Moskau reisten. Sie ist in Russland geboren und verbrachte nahezu ihr gesamtes Leben in Moskau. Sie kontaktierte Freunde in Russland, die Einladungen und Visa für unsere Reise organisierten. In unserem Namen kontaktierten sie die Archivleiter, die den Zugang zu Mises‘ Unterlagen arrangierten.

Es war so, wie Dr. Mukhamedjanov es beschrieb: „Sie hätten die Gesichter sehen sollen, als die erste Ladung der Unterlagen aus unserem Lager zu ihnen gebracht wurde. ‚Wollen Sie Fotokopien anfertigen?‘, fragte ich. Anna und Richard schauten mich an und sagten: ‚Ja, wir müssen absolut alles kopieren!‘ “

Vom 17. Bis zum 27. Oktober verbrachten wir jeden Tag damit, die Unterlagen zu prüfen. Wir organisierten Kopien und Mikrofilmaufnahmen von praktisch der gesamten Sammlung von Papieren, Manuskripten, Artikeln, Korrespondenzen, persönlicher Unterlagen und ähnlicher Materialien. (Die Fotokopien und Mikrofilmaufnahmen befinden sich nun im Hillsdale College.)

Das Lüften des Schleiers

Was genau hatte die Gestapo 1938 an sich gerissen? Einen unglaublichen Berg von Dokumenten. Ludwig von Mises lehrte an der Universität Wien von 1913 bis 1934 (lediglich unterbrochen von den Kriegsjahren). Er organisierte ein Privatseminar für Wiener Studenten. Man traf sich zweimal im Monat in seinem Büro in der Handelskammer. Er führte einen umfangreichen Briefverkehr. Außerdem war er ein überaus produktiver Schreiber und vielgefragter Politikanalyst. All diese Facetten seines Lebens spiegeln sich in den „verlorenen Dokumenten“ wieder.

Mises behielt Kopien der Kursgliederungen und Bibliographien für seine Universitätsseminare. Sie zeigen viele seiner Interessen- und Arbeitsgebiete. Er widmete viele Semester den Problemen des Geldes, des Kredits und der Konjunkturzyklen. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er den methodologischen Problemen der Sozialwissenschaften und der Kritik am „subjektivistischen“- oder Grenznutzenansatz in der ökonomischen Theorie. Studenten wurden mit der Aufgabe betraut, Protokolle und Zusammenfassungen der Vorlesungen zu schreiben, von denen Mises einige aufbewahrte. Sie vermitteln einen Einblick in seine Lehr- und Argumentationsmethoden. Zum Beispiel hielt er 1927 eine Vorlesung zu Böhm-Bawerks Essay „Macht oder ökonomisches Gesetz?“. Nach einer Zusammenfassung von Fritz Machlup, der später ein führender Experte im Bereich der Wettbewerbs- und Monopoltheorie wurde, betonte Mises, dass es besser wäre, das Wort „Macht“ ausschließlich im politischen Sinne zu gebrauchen, denn letzen Endes sei es auf lange Sicht nur durch staatliche Intervention möglich, sich den Marktmächten zu widersetzen. Er führte weiterhin aus, dass verteidigende Argumentationslinien staatlicher Intervention oft auf dem „niedrigsten Niveau“ theoretischen Verständnisses seien. Sie würden ignorieren, dass Interventionen in einem Bereich dazu tendieren, negative Auswirkungen in anderen Bereichen zur Folge zu haben.

Mises führte ebenfalls Buch über sein Privatseminar. Dies beinhaltete Listen der Teilnehmer und Themen. Sie zeigen, welch großer Hörerkreis von Forschern, Besuchern und Studenten verschiedenster Fachrichtungen den Weg in diesen Kreis fanden. 1933 etwa verbrachte Hugh Gaitskill, ein späterer Vorsitzender der britischen Labour-Partei, ein Semester in Wien und besuchte das Privatseminar. Er hielt einen Vortrag über „Wirtschaftsrechnung“, in dem er Mises‘ Ansichten über die Planungsmöglichkeiten im Sozialismus kritisierte. Ebenfalls 1933 hielt Eric Voegelin, der später ein führender Konservativer in den USA werden sollte, einen Vortrag zur „Politik des Faschismus“. Weitere Artikel wurden unter anderen vom bekannten Soziologen Alfred Schutz (der mit Mises auf die Universität ging), oder Friedrich Hayek und Oscar Morgenstern, der später die Spieltheorie entwickelte, eingereicht. Unter den bedeutenderen Funden ist eine Reihe von Aufsätzen über die Methodologie der Sozialwissenschaften – einige darunter von Mises und Morgenstern – die 1934 eingereicht wurde. Sie waren völlig unversehrt.

Als ein dienstälterer Wirtschaftsanalyst der österreichischen Handelskammer war Mises dafür verantwortlich, die wirtschaftliche Lage Österreichs und die Folgen zahlreicher von der österreichischen Regierung vorgeschlagener oder durchgeführter politischer Eingriffe zu analysieren. Unter den Papieren finden sich einige, die sich kritisch zur Steuer- und Ausgabenpolitik der Regierung während der Depression äußern. Sie zeigen Mises als einen gründlichen Praktiker, der sich für Steuer- und Ausgabenkürzungen, niedrigere Zölle und Handelsbeschränkungen, sowie den Abbau staatlicher Unternehmen ausspricht. Unter den neuen Dokumenten befinden sich einige, die er 1918 schrieb, als er nach Wien zurückversetzt wurde, um für das Kriegsministerium zu arbeiten. In dieser Funktion schrieb er oft detaillierte Memoranden zu Themen wie Kriegsinflation, die Währungsbeziehungen zwischen Österreich-Ungarn und der Ukraine, das Problem der staatlichen Kreditaufnahme in Kriegszeiten und die Beziehung zwischen Privatwirtschaft und Rüstungssektor. (Das Archiv beinhaltet auch einige Dokumente über den Militärdienst während des Ersten Weltkriegs, in dem Mises als Artillerieoffizier an der russischen Front kämpfte.) 1919 bewertete er für das österreichische Finanzministerium die Kosten und Vorteile eines Handelsabkommens mit dem neu gegründeten und sozialistisch geführten Ungarn. Und er arbeitete als Finanzdirektor der österreichischen Reparationskommission, für die er die österreichischen Zahlungen an die Siegermächte arrangierte.

Mises schrieb zahlreiche Artikel über verschiedenste wirtschaftspolitische Themen für Wiener Zeitungen und Magazine, die durch den Zweiten Weltkrieg, so wie nahezu sein gesamtes Werk aus dieser Zeit, bis vor Kurzem verloren geglaubt waren. Die neu entdeckten Artikel beinhalten eine Rede (1926 auf einer Vortragsreihe in den USA gehalten), die die ansteigende Gefahr des Interventionismus in der amerikanischen Volkswirtschaft beschreibt.

Mises bewahrte nahezu alles auf. Der Fundus zeigt uns, dass er aktiv eine Organisation zur Senkung der Zölle in Europa unterstützte, und er beinhaltet die Belege für Einladungen von Forschungsinstituten, akademischen Kollegen, Universitäten – und sogar des Völkerbundes. Es sind sogar Zugtickets zu einer Konferenz und Quittungen von eingenommenen Mahlzeiten auf Vorlesungsreisen enthalten.

Viel wichtiger aber ist, dass wir einige unveröffentlichte Artikel zu Themen wie „Unternehmensführung und bürokratische Steuerung“ oder „Die logischen Probleme der Ökonomie“ finden konnten. Darin analysiert Mises, noch detaillierter als in manch anderen Werken, die schädlichen Effekte der staatlich gelenkten Industrie, und beschreibt, wie wachsende staatliche Intervention und Kontrolle die öffentliche Wahrnehmung und Entscheidungen im Privatsektor beeinflussen.

Mises unterhielt einen regen Briefverkehr mit vielen Ökonomen und Unternehmern, sowie mit Organisationen wie der Rockefeller Foundation, die ihm half, für seine Studenten und Kollegen Fördermittel für Forschungsaufenthalte in den USA zu erlangen. Diese und umfangreiche weitere Briefwechsel sind in den Unterlagen zu finden – darunter nicht nur die Briefe, die er empfing, sondern auch Durchschläge von Briefen, die er selbst verfasste. Sie zeigen Mises in der Debatte über Wirtschaftspolitik mit intellektuellen Größen seiner Zeit, darunter so nennenswerte wie Friedrich Hayek und Lionel Robbins, zu jener Zeit ein führender Vertreter der Österreichischen Schule an der London School of Economics. Themen waren unter anderen die finanzwirtschaftlichen Ursachen der großen Inflation in Österreich Anfang der 1920er Jahre und die Unmöglichkeit des Sozialismus. Nachdem Hayek 1931 nach London zog, tauschten sie Briefe aus, in denen sie die wachsenden interventionistischen Tendenzen in England und Österreich verglichen und kritisierten. Und im Dezember 1931 schrieb Robbins, dass, obwohl viele in England zum Kollektivismus übergingen, die Folgen staatlicher Interventionen während der Großen Depression doch ein stärkeres Argument dafür lieferten, dass nur eine freie Wirtschaft die Probleme in der Welt lösen könne.

Auf den tausenden von Seiten ist zu erkennen, dass Ludwig von Mises sogar noch einflussreicher gewesen zu sein scheint, als seine größten Bewunderer sich vorzustellen wagten. Sie tragen zu unserem Wissen über Mises als theoretischen Ökonom und Politikanalysten bei, der gründlich mit den historischen Fakten und statistischen Daten seiner Zeit vertraut war. Sie demonstrieren seinen großen Einfluss auf Studenten, Forscher und die Österreichische Schule der Nationalökonomie zwischen den Weltkriegen – ein Einfluss, den wir erst jetzt in seinem ganzen Umfang und seiner vollen Bedeutung verstehen können.

Die Dokumente, die wir in Moskau gefunden haben, bieten eine reichhaltige Quelle von Informationen über den bedeutendsten marktwirtschaftlichen Ökonom des 20. Jahrhunderts, und lüften den Schleier um das Leben und Wirken einer bedeutenden Persönlichkeit unserer Zeit.

Aus dem Englischen übersetzt von Karl-Friedrich Israel und Andreas Marquart.

[1] Mittlerweile liegen die Unterlagen im Wiener Staatsarchiv.

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