Experimente mit Papiergeld

14.08.2013 – von Detlev S. Schlichter.

Detlev S. Schlichter

Alle Staaten haben das Privileg, sich mithilfe von Steuern finanzieren zu können, also durch das Konfiszieren von Ressourcen von privaten Vermögensbesitzern und Erwerbstätigen. Alle anderen natürlichen und juristischen Personen können von anderen nur etwas erwerben, indem sie selbst zur Produktion von Waren und Bereitstellung von Dienstleistungen beitragen und sich dann auf freiwilligen Tausch einlassen. Der Staat kann sich etwas mit Gewalt oder der Androhung von Gewalt nehmen. Die offene Besteuerung von Vermögen oder Einkommen des privaten Sektors ist jedoch selten populär und stößt daher an ihre natürlichen Grenzen. Das Drucken von Geld ist eine weitere Methode zur Staatsfinanzierung. In der Geschichte der Menschheit war dies ausnahmslos der Grund für alle Experimente mit Papiergeld. Wurde das Angebot an Papiergeld laufend ausgeweitet, sank die Kaufkraft jeder Geldeinheit. Ein derartiges System führte immer zu hoher Inflation und entweder dem vollständigen Zusammenbruch des Finanzsystems mit furchtbaren Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft oder zur rechtzeitigen Aufgabe von Papiergeld und der Rückkehr zum Warengeld.

Wir sind bei unseren Betrachtungen bereits auf eine Reihe von Experimenten mit Papiergeld im Verlauf der Geschichte gestoßen. Es könnte erhellend sein, sie in chronologischer Reihenfolge zu betrachten, um ihre Gemeinsamkeiten zu verdeutlichen und zu zeigen, dass der bevorstehende Zusammenbruch des gegenwärtigen Papiergeldsystems, so dramatisch und unvorstellbar er auch nach allgemeiner Überzeugung sein mag, kein ungewöhnliches oder einmaliges Vorkommnis sein wird. Aufgrund einer nüchternen Analyse von Theorie und Geschichte wird ein rationaler Beobachter nichts anderes erwarten.

Wie erwähnt war China das erste Land, das mit einem richtiggehenden Papiergeldsystem experimentierte. Zwischen dem frühen 12. und dem späten 15. Jahrhundert wurde vom Staat ausgegebenes Papiergeld im Gebiet der Südlichen Song-Dynastie (1127-1279), der Jin-Dynastie (1115-1234), der Yuan-Dynastie (1271-1368) und in der Frühzeit der Ming-Dynastie (1368-1644) eingesetzt. Natürlich gaben die chinesischen Dynastien Papiergeld aus, um Staatsausgaben damit zu finanzieren. Obwohl Zahlungen in Naturalien und Sachleistungen damals weit verbreitet waren, animierten die Regierungen ihre Bürger zur Zahlung mit Papiergeld, indem sie verlangten, dass Steuern damit bezahlt wurden. Die chinesischen Regierungen verwendeten das Papiergeld auch zur Bezahlung ihrer eigenen Beschäftigten, vor allem der Soldaten. In jedem der erwähnten Fälle kam es anfangs zu einer durchaus moderaten Geldausgabe, aber im Lauf der Zeit zirkulierte immer mehr Papiergeld, und die Kaufkraft des Geldes nahm entsprechend ab. Früher oder später kam es zur Zeit der chinesischen Dynastien zu Inflation, die progressiv anstieg. Verschiedene Maßnahmen wurden ergriffen, um die Symptome zu bekämpfen und dafür zu sorgen, dass die Währung im Umlauf blieb. Die Yuan-Dynastie schränkte den privaten Handel mit Gold und Silber erst ein und verbot ihn dann ganz. Außerdem führte sie mehrere Währungsreformen durch, bei denen jeweils neues Papiergeld in neuer Stückelung ausgegeben wurde. Die Jin-Dynastie versuchte es mit Preiskontrollen. Bis zum Jahr 1223 beziehungsweise 1356 waren die Papierwährungen der Jin- und Yuan-Dynastie dann wertlos, wenige Jahre später kam es zum Untergang der beiden Dynastien (1234 beziehungsweise 1368). Der Südlichen Song-Dynastie blieb dies nur deshalb erspart, weil ihr Reich von den Mongolen besetzt und dann aufgelöst wurde. Die Ming-Dynastie bildet eine Ausnahme. Nachdem sie Papiergeld eingeführt und dann immer mehr davon ausgegeben hatte, was zu Inflation führte, gaben die Ming-Herrscher das Experiment Papiergeld vollständig auf und kehrten zum Warengeld zurück. Bemerkenswerterweise kehrte China nach 1500 jahrhundertelang nicht mehr zum Papiergeld zurück, sondern hielt am Warengeld fest, bis Papiergeld im 19. und 20. Jahrhundert im Zuge der Westernisierung des Landes wieder eingeführt wurde.

Im Jahr 1690 begann Massachusetts, damals noch britische Kolonie, Papiergeld auszugeben, um damit seine Soldaten für den Militäreinsatz gegen das französische Quebec zu bezahlen. Dieses Beispiel machte unter den nordamerikanischen Kolonien Schule und alle begannen, Papiergeld auszugeben. In allen Fällen kam es zu einem starken Rückgang der Kaufkraft der jeweiligen Geldeinheit. Das britische Parlament beendete das Experiment mit Papiergeld im Jahr 1764.

Die Bank of England, oft als Mutter aller Zentralbanken bezeichnet, wurde 1694 zu dem speziellen Zweck gegründet, der Regierung Geldmittel zu beschaffen. Zu diesem Zweck wurde sie von Anfang an mit zahlreichen Privilegien ausgestattet. Die Bank of England hat schon damals das gemacht, was heute unter modernen Zentralbanken gang und gäbe ist, sie hat nämlich Banknoten gegen Verbindlichkeiten des Staates in Umlauf gebracht, also Staatsschulden monetisiert. Während der ersten 100 Jahre ihrer Existenz wurde die Bank mehrmals ermächtigt, ihr Versprechen, Banknoten gegen Gold einzulösen, nicht einzuhalten, aber ihren Betrieb unverändert fortzusetzen.

Frankreich gab gemäß einem von dem schottischen Spieler und Geldtheoretiker John Law entwickelten System zwischen 1716 und 1720 Papiergeld aus, um die Staatsfinanzen zu stützen. »Die Regierung, die aufgrund der von Ludwig XIV. geführten Kriege mit einer beträchtlichen Staatsverschuldung zu kämpfen hatte, stand am Rande des dritten Staatsbankrotts in weniger als einem Jahrhundert« (Ferguson). Die Ausgabe von Papiergeld führte zu einer spekulativen Aktienblase (Mississippi-Blase). Der letztlich unausweichliche Crash und der Wertverlust der Banknoten stürzte die französische Wirtschaft ins Chaos, ohne die fiskalpolitische Misere des Landes zu lindern.

Ab 1775 gaben die britischen Kolonien in Amerika erneut Papiergeld aus, die sogenannten Continental – so benannt nach dem Kontinentalkongress der Delegierten aus den 13 Kolonien -, mit denen der Unabhängigkeitskrieg finanziert werden sollte. Sechs Jahre später waren Continentals praktisch wertlos.

Die nächste Papierwährung in Frankreich waren die Assignaten, die während der Französischen Revolution zur Finanzierung einer bankrotten Regierung ausgegeben wurden. Sie waren von 1790 bis 1803 im Umlauf und am Ende vollkommen wertlos. Das Ende der Assignaten ist die erste aufgezeichnete Inflation, die der modernen statistischen Definition einer Hyperinflation entspricht, das heißt einem Preisanstieg von über 50 Prozent im Monat. Im Jahr 1803 führte Napoleon den Franc ein.

Zwischen 1793 und 1821 kam es laufend zu internationalen Konflikten in noch nie dagewesenem Ausmaß, die weite Teile Europas, aber zeitweise auch Nordamerikas in den sogenannten Napoleonischen Kriegen erfassten. In Großbritannien nutzte die Regierung von Premierminister William Pirt zunehmend die Bank of England, um für die Finanzierung des Krieges gegen Frankreich zu sorgen. Die außerordentlich hohe Kreditschöpfung führte zu einem Abfluss von Gold und 1797 wurde der Bank of England befohlen, den Umtausch von Banknoten in Hartgeld auszusetzen. Insgesamt 24 Jahre lang hatte die britische Währung keine Goldbasis und es kam zu einer bis dahin nie erlebten Inflation. Im Jahr 1821 kehrte Großbritannien zum Goldstandard zurück.

Um 1812 den Krieg gegen das britische Empire zu finanzieren, gab die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika in großem Umfang Schatzwechsel aus, nahm bei dem wachsenden Bankensektor reichlich Kredite auf und erlaubte den Banken 1814, Zahlungen in Hartgeld auszusetzen. Erst 1817 wurden Zahlungen in Gold und Silber wieder aufgenommen, nur um 1819 erneut ausgesetzt zu werden. Zum nächsten größeren Experiment mit Papiergeld kam es während des US-amerikanischen Bürgerkrieges. Im Dezember 1861 wurde der Goldstandard aufgegeben, Zahlungen in Gold wurden eingestellt. Während der nächsten drei Kriegsjahre wurden beträchtliche Mengen an Papiergeld ausgegeben, die neuen US-amerikanischen Banknoten, die bald als »Greenbacks« bekannt wurden. Wie zu erwarten verloren die Greenbacks rasch an Kaufkraft und ihr Wechselkurs zum Gold verschlechterte sich deutlich. Die Greenbacks wurden zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt und 1863 sowie 1864 wurden verschiedene Maßnahmen ergriffen, um den Goldmarkt zu manipulieren. Ziel dieser Aktivitäten war es, den Goldpreis nach unten zu drücken und Leute davon abzuhalten, Verträge auf Goldbasis auszustellen. Im Januar 1875 wurde das Specie Payment Resumption Act (Hartgeld-Zahlungswiederaufnahme-Gesetz) verabschiedet, aber die tatsächliche Wiederaufnahme der Zahlungen in Metallgeld erfolgte erst 1879. In diesem Jahr traten die Vereinigten Staaten dem klassischen Goldstandard bei, einem weltweiten Währungssystem, das zwar nicht perfekt war, aber während dem es zu einem bis heute nicht wiederholten Wirtschaftswachstum, Freihandel und harmonischen Währungsbeziehungen kam. Der Erste Weltkrieg machte diesem System ein Ende. Deutschland, Holland und Skandinavien entschieden sich bereits in den frühen 1870er-Jahren, dem Goldstandard Großbritanniens beizutreten, die Schweiz, Belgien und Frankreich folgten 1878. Nachdem die USA 1879 Mitglied wurden, folgten Österreich 1892, Japan 1897, Russland 1899 und Italien im Jahr 1900.

Der klassische Goldstandard fiel mit der Zeit des klassischen Liberalismus zusammen, also einer kulturellen und politischen Haltung, die den Freihandel unterstützte und sich für eine Begrenzung der Einmischung des Staates in die Wirtschaft, eine Politik des Nichteingreifens, einsetzte. Der Erste Weltkrieg beendete diese Phase. Bereits in der zweiten Hälfte der Periode des Goldstandards ließ sich ein klarer Trend zu höherer Inflation erkennen, der jedoch im Vergleich zu derjenigen in Papiergeldsystemen immer noch mäßig war. Zu dieser geringen Inflation kam es, weil die staatliche Politik die Banken zunehmend zur Ausgabe von Umlaufmitteln ermutigte, ein Trend, der schließlich seinen vorläufigen Höhepunkt in der Entscheidung der USA hatte, sich im Jahr 1913 nun doch eine Zentralbank zu geben, das Federal Reserve System. Das neue Versprechen des Staates, für eine Absicherung der Banken bei ihrer Schaffung von Buchgeld zu sorgen, bot diesen natürlich einen starken Anreiz, mehr Geld zu schöpfen. Diese Geldvermehrung verursachte die wirtschaftlichen Verwerfungen, die zur Großen Depression führten.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Inflationismus sowie der zunehmende Einfluss des Staates weltweit zu wichtigen Trends. Überall dominierte eine Abneigung gegen Gold und ein Hang zu staatlich steuerbarem Papiergeld. Deutschland gab 1914 den Goldstandard auf, um den Krieg besser finanzieren zu können. Nach dem Krieg setzte Deutschland zunehmend die Notenpresse ein, um Reparationszahlungen und andere Staatsausgaben zu finanzieren, was 1923 zu einer der spektakulärsten Hyperinflationen der Geschichte führte. Dieser Währungszusammenbruch erschütterte die deutsche Gesellschaft zutiefst und führte zu einer Verarmung des Mittelstandes. Die höchste monatliche Inflationsrate, die in Deutschland 1923 aufgezeichnet wurde, lag bei fast 30000 Prozent.

Die russische Revolutionsregierung konfiszierte 1917 Gold in allen seinen Formen. Im Jahr 1924 verkündete der britische Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes, der Goldstandard sei zum »barbarischen Relikt« geworden. Angesichts der US-amerikanischen Wirtschaftskrise konfiszierte der frisch ernannte Präsident Roosevelt mittels der Verordnung 6102 (vom 5. April 1933) sämtliche Goldbestände, die US-amerikanische Bürger innerhalb der Grenzen der Vereinigten Staaten hielten; jeglicher Privatbesitz von Gold wurde unter Strafe verboten und die Bürger mussten ihre Goldbestände zu einem Zwangskurs gegen Papiergeld umtauschen. Diese Verordnung lief zwar nach einiger Zeit aus, aber eine Beschränkung des Goldbesitzes blieb bis 1974 in Kraft. Zu keiner anderen Zeit in der Geschichte war die Ablehnung von Warengeld so ausgeprägt und lang anhaltend wie im 20. Jahrhundert.

In Deutschland erklärte der Ökonom und Nazi-Ideologe Werner Daitz während der Nazizeit: »In Zukunft wird Gold als Basis für die europäischen Währungen keine Rolle mehr spielen, denn eine Währung hängt nicht von ihrer Deckung ab, sondern von dem Wert, den ihr der Staat beimisst, oder in diesem Fall von der Wirtschaftsordnung, die vom Staat kontrolliert wird.«

Nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Sowjetblocks nach 1989 wurde die parlamentarische Sozialdemokratie weltweit zum vorherrschenden Gesellschaftsmodell; sie kombiniert kapitalistische Elemente, insbesondere das private Eigentum von Produktionsmitteln, mit einem demokratisch legitimierten Interventionsstaat. Tendenziell sind bis jetzt in nahezu allen demokratischen Staaten die Staatsausgaben gestiegen, die Steuern angehoben worden und die Haushaltsdefizite gewachsen. Vor diesem Hintergrund dürfte es nicht überraschen, dass Versuche, den Einflussbereich des Staates dadurch einzuschränken, dass man ihn in das Korsett eines unflexiblen Warengeldsystems zwängte, nicht von langer Dauer waren. Seit 1971 herrscht weltweit ein Fiatgeld-Standard. Dass Richard Nixon die Verpflichtung der USA zum Umtausch der von ausländischen Notenbanken gehaltenen Dollarbestände eigenmächtig aufhob, hing auch in hohem Maße mit den steigenden Staatsausgaben zusammen, die der Vietnamkrieg verursachte. Das weltweite Papiergeldsystem hat seither einen zunehmenden Verlust der Kaufkraft des Geldes bewirkt, einen deutlich ausgeweiteten Finanzsektor und Staatsapparat sowie einen beträchtlichen Anstieg der Verschuldung, nicht zuletzt der Staatsschuld. Seit 1971 haben auch die Zahl und die Auswirkungen von Finanzkrisen auf der ganzen Welt beträchtlich zugenommen.

Zusammenfassung

Egal, wie viele Katastrophen ausgelöst wurden durch trügerische Wirtschaftsaufschwünge, schwere Rezessionen und hohe Inflation, die häufig zu einem völligen Zusammenbruch von Währungen und sozialen Strukturen führten, wollen Vertreter des Staates und deren Berater einfach nicht das Privileg aufgeben, nach Belieben Geld zu schöpfen und dadurch eine letztendlich unangemessene Kontrolle über die wirtschaftlichen Ressourcen und die Richtung der wirtschaftlichen Entwicklung auszuüben. Die zahlreichen Währungskatastrophen der Vergangenheit müssen, so die offizielle Lesart, durch die jeweilige Art der Umsetzung der Geldpolitik ausgelöst worden sein. Wäre nur das eine oder andere etwas anders gehandhabt worden, dann hätte elastisches Geld beträchtlich zur Wohlfahrt der Gesellschaft beitragen können. Wie gezeigt wurde, ist dies ein Mythos.

Wie alle vorherigen Papiergeldsysteme kann unser derzeitiges System auf Dauer nicht bestehen. Es wird zu einer immer höheren Verschuldung, insbesondere des Staates, führen sowie zu wachsender wirtschaftlicher Instabilität. Das jetzige System hat bereits eine beträchtliche Strecke des Weges hin zu seinem unausweichlichen Untergang zurückgelegt.

Aus „Das Ende des Scheins. Warum auch unser Papiergeldsystem zusammenbricht“ von Detlev Schlichter, Seite 214 – 223, erschienen im Wiley-Verlag.

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Detlev S. Schlichter ist Autor und Anhänger der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Er war 19 Jahre als Händler und Portfolio-Manager in Frankfurt und London für J. P. Morgan, Merrill Lynch und Western Asset Management tätig. Im Jahr 2009 gab er seine leitende Position als Portfoliomanager auf, um sich ganz auf sein erstes Buch Das Ende des Scheins konzentrieren zu können. Detlev Schlichter lebt mit seiner Frau und drei Kindern im Londoner Stadtteil Hampstead. Zur Website von Detlev S. Schlichter gelangen Sie hier.

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