„Eine Handlung kann nur moralischen Wert haben, wenn sie weder unter Zwang noch auf Kosten anderer erfolgt.“

8.3.2013 – Vor etwas mehr als einem Jahr, am 8. Januar 2012, verstarb Roland Baader, einer der prominentesten und konsequentesten Denker der Österreichischen Schule im deutschsprachigen Raum. Mit seinem Tod verstummte hierzulande eine wortgewaltige Stimme zur Verbreitung liberal-libertärer Ideen. Unermüdlich verbreitete er die Botschaft, dass das aus dem Nichts per Kredit geschöpfte Geld nicht nur ein Störfaktor in der Marktwirtschaft darstellt, sondern auch für den wirtschaftlichen und moralischen Niedergang verantwortlich ist. Der folgende Beitrag „Schulden und Moral“ ist seinem Werk „Geldsozialismus“ aus dem Jahr 2010 entnommen.

Andreas Marquart

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Schulden und Moral

Roland Baader (1940 - 2012)

Die Staatsschulden (Bund, Länder, Gemeinden, Sonder­haushalte der Gebietskörperschaften aller Art) scheinen heut­zutage weder die politische Kaste, noch die schreibende und moderierende Zunft, noch die Bürger selber sonderlich zu er­regen. Schulden machen sei normal, sagt man, und sparen wird als altmodisch-altväterliche Tugend lächerlich gemacht. Wo auch immer sich im öffentlichen Bereich ein zarter Ansatz von Sparwillen regt, sind in der Wolkenkuckucks-Neuzeit so­fort politische Zampanos mit den Totschlags-Vokabeln vom „Kaputtsparen“ und von der „sozialen Demontage“ zur Stelle. Kaum jemand erkennt, dass mit jedem Prozentpunkt der Staatsverschuldung und der öffentlichen Haushaltsvolumina auch die Abhängigkeit der Bürger vom Staat steigt. Die Leute gewöhnen sich daran, dass mehr und mehr private Lebensbe­reiche vom Staat übernommen werden. Und die Bürokratie wächst unaufhörlich. Die mit Staatsschulden bezahlten Ge­schenke und Bestechungsgelder werden mehr und mehr wahl­entscheidend und blähen die politische Sphäre zu Lasten der privaten auf. Der demokratische Prozess wird zu einem schamlosen Gerangel um die fettesten Brocken zu Lasten an­derer Leute. Die Menschen kümmern sich letztlich nur noch um sich selber, weil sie der Überzeugung sind, mit ihrer ge­waltigen Steuer- und Abgabenlast genug für andere getan zu haben. Der Großteil der Staatsausgaben wird heute für Leis­tungen verwendet, die früher von den Familien, den Kirchen und privaten Hilfsorganisationen erbracht wurden. „Mit dem Wort Gemeinwohl“, hat der amerikanische Autor Dan Denning einmal gesagt, „bekommt Verantwortungslosigkeit nur einen schöneren Namen. Wer sich als Bürger mit der Staats­verschuldung abfindet, stimmt nicht nur der Verarmung der Volkswirtschaft zu, in der er lebt, sondern auch der Erosion der Moral, der Erosion seiner eigenen Moral und der Moral aller anderen.“

Wenn eine große Zahl von Leuten – oder gar die Mehrheit – von anderer Leute Geld und Arbeit lebt, und wenn den Emp­fängern sogar noch eingeredet wird, dass sie darauf einen An­spruch hätten, dann ergibt sich daraus nicht nur eine andere Auffassung von Wirtschaft, Arbeit, Eigentum, Staat und Poli­tik, sondern auch eine Änderung der Persönlichkeits- und Charakter-Struktur der Bürger. Die Wertschätzung von Unab­hängigkeit, Eigenverantwortung, Zukunftsvorsorge, Familien- und Sippenzusammenhalt, Mäßigung, Verzicht, Wagemut, Ehrlichkeit und persönliche Hilfsbereitschaft schwindet zu­nehmend. Eine Handlung kann nur moralischen Wert haben, wenn sie weder unter Zwang noch auf Kosten anderer erfolgt. Persönliche Moral (und es gibt keine andere als persönliche!) schwindet dahin, wenn sie in das Wieselwort „sozial“ umge­deutet wird und die Domäne des „Sozialen“ mehr und mehr zum zwingenden und befehlenden Gewaltmonopolisten Staat wandert. Und dorthin wandert sie um so mehr und um so schneller, je höher die Staatsverschuldung und der damit ein­hergehende Aktionsradius der politischen Kaste steigt. Der schuldenfinanzierte Sozialstaat hat den demokratischen Prozess zum Schlachtfeld der Gruppenegoismen gemacht, sowie die Parteien zu egalitaristischen Klassenkampf-Organisatio­nen. Er zerstört das Recht, indem er unter Missbrauch des Ver­sicherungsbegriffs Ansprüche ohne Gegenleistung als „Rech­te“ definiert. Die Ethik des Teilens ist unendlich wichtig im persönlichen Bereich, aber sie wird zur Scheinethik der Ver­nichtung, wenn man sie auf ein ganzes Gesellschaftssystem anwenden will. Sie wirkt dann wie ein Bombenkrieg, der alles zerstört: die materiellen Werte der Menschen und ihre ideellen und moralischen Werte. Moral als allgemeinverbreitetes und dauerhaft stabiles Element in einer Gesellschaft kann es ohne die üblichen ökonomischen Zwänge des Lebens nicht geben. Im Schlaraffenland wäre das Phänomen ,Moral‘ unbekannt. Und der auf Schuldenbergen errichtete Sozialstaat gaukelt dem Menschen vor, in einer Art Schlaraffenland zu leben.

Schon 1848 hat der französische Ökonom Frederic Bastiat in seiner Schrift ,La Loi‘ (Das Gesetz) dargelegt, dass es kei­ne Sondermoral für den Staat gibt. Was für den Bürger falsch und unrecht ist, kann auch für den Staat nur falsch und un­recht sein. Aber der Staat versucht, seine Kriminalität als Wohltat und Recht zu verkaufen. Wer das gutheißt, ist selber ein Krimineller. Wenn der Einzelne nicht das Recht hat, das Eigentum eines Anderen unter Androhung oder Ausübung von Zwang und Gewalt wegzunehmen, dann hat es auch der Staat nicht – und eine Mehrheit auch nicht. Eine größere Kopfzahl kann nicht Prinzipien auflösen. Keine menschliche Autorität kann aus falsch richtig oder aus böse, gut machen. Indem der Staat seinen Bürgern einredet, der staatlich organi­sierte Raub durch Steuer- und schuldeninduzierte Umvertei­lung sei recht und gerecht, macht er sie zu Komplizen, denen auch im privaten Bereich das Gefühl und das Bewusstsein von Recht, Gerechtigkeit und Moral zunehmend verloren­geht. Wenn der unter Zwang und Gewaltandrohung erfolgen­de Geldentzug des Staates bei den Bürgern Diebstahl ist (und das ist es, wenn die Zahlung nicht freiwillig erfolgt), dann ist das Einfordern staatlicher Leistungen durch die Bürger Auftrags-Diebstahl. Die diesbezügliche „Vorbild“-Funktion der politischen Kaste ist hochwirksam – und somit zerstörerisch für das moralische Grundgerüst der Menschen.

Bei all dem sollte man nicht vergessen, dass neben den vie­len anderen Übeln auch die uferlose Staatsverschuldung nur im fiat money-System zu betreiben ist und mit echtem Geld nur minimale Ausmaße annehmen könnte. Professor Jörg-Guido Hülsmann wusste sehr wohl, warum er einem seiner brillanten Werke den Titel ,The Ethics of Money Production‘ (deutsch: ,Die Ethik der Geldproduktion‘) gegeben hat. Ethik und Moral werden auf vielen Wegen – auch auf dem der Ver­schuldung – zerstört, wenn die Produktion des Geldes auf so unmoralische Weise zustande kommt wie beim beliebig er­zeugbaren fiat money. Das gilt auch für so manche Verwilde­rung im Management der Finanzkonzerne. Die Kehrseite der Liquiditätsflut ist ja – automatisch und definitionsgemäß – die uferlose Verschuldung, nicht nur des Staates, sondern auch der Unternehmen und der Privaten. Und wenn der Verschul­dungsdruck – und damit die Existenzangst – wächst und im­mer unerträglicher wird, dann rücken Versuchungen zu illega­len, unmoralischen und rücksichtslosen Verhaltensweisen auch ins Blickfeld von eigentlich anständigen und integren Menschen.

Eine der vortrefflichsten Schriften zu den zwingenden Zu­sammenhängen zwischen Staatsverschuldung oder Öffentli­chen Geldern ganz allgemein – und der westlichen Moral- und Werte-Zersetzung stammt aus der Feder des englischen Soziologen Dennis O’Keeffe von der University of Norm London. Sie trägt den Titel ,Political Correctness and Public Finance‘ (1999). Die Politische Korrektheit und vergleich­bare Extremismen, schreibt O’Keeffe, hätten ihr gegenwärtiges Agitationsniveau betreffend Rasse, Geschlecht, Multikultur usw. niemals ohne öffentliche Gelder – vor allem durch das öffentliche Bildungswesen und den Wohlfahrts­staat – erreichen können, weil es dafür einfach nicht genü­gend Nachfrage gegeben hätte. Sozialistische Ideen, inklusi­ve Political Correctness, sind ein künstliches Erzeugnis öffentlicher Gelder. Ebenso die Staatsabhängigkeit des mo­dernen Menschen. Moral wird gröber und verliert sich schließlich, wenn Menschen bei ihren Entscheidungen nicht die eigenen Mittel investieren müssen. Dass „easymoney“ (leichtes Geld, beliebig vermehrbares Kreditgeld) Wohl­fahrtsabhängigkeit schafft, ist seit langem bekannt. Relativ neu ist die Erkenntnis, dass uns öffentliche Gelder auch ent­wurzelte Intellektuelle bescheren, welche bestrebt sind, die­se Abhängigkeit und ihre Erscheinungsformen (wie z. B. vaterlose Familien) zu verteidigen und gesellschaftsfeindli­ches Denken vom Typ Politische Korrektheit zu forcieren. Dazu gehört auch die Behauptung, dass fast alles, was die meisten Menschen für verbrecherisch oder abartig halten – oder für wahr, schön und sinnvoll – genau das nicht sei. Un­ser öffentlich und mehr und mehr mit Schulden finanziertes Massenbildungswesen eröffnet den Anhängern perverser Überzeugungen die Gelegenheiten zur Verbreitung ihrer Ideen in einem noch nie gekannten Ausmaß. Sie können den Ertrag ihres Tuns privatisieren und die Kosten sozialisieren. Die intellektuelle Korruption und der geistig-moralische Zerfall, so O’Keeffe, sind ein künstliches Erzeugnis der öf­fentlichen Gelder aus Steuern und Staatsverschuldung. Das Ausgeben von nichtvorhandenem Geld (Haushaltsdefizite und Staatsverschuldung) und von Geld, das anderen Leuten gehört, ist die verführerischste von allen Arten der Korrupti­on. Öffentliche Gelder bilden den wahren Brennstoff der Hölle auf dieser Welt.

Die Ozeane aus Papier- und Kreditgeld, die vom Bankwe­sen mit Bruchteilsreserven, von den Zentralbanken und von der staatlichen Schuldentreiberei geschaffen werden, führen jedoch auch zu einer stetig steigenden Verschuldungsbereit­schaft der Bürger. Besonders die in der permanenten Geldver­mehrung angelegte Inflation (Geldvermehrung IST Inflation – und Teuerung oder Preisinflation ist deren Folge) regt die Leute an, Schulden zu machen. Der ständige Kaufkraftverlust des fiat money bestraft das Halten von Bargeld und belohnt die Schuldner. Früher war zurückgelegtes Geld eine effektive Form des Vorsorgesparens. Seine Kaufkraft schwand nicht dahin wie Butter in der Sonne, ja oft gewannen die Ersparnis­se sogar an Kaufkraft durch sinkende Preise. Von großer Be­deutung war auch, dass ganz normale Leute, auch die sprich­wörtliche alte Oma, Ersparnisse bilden und halten konnten, ohne etwas von Fondsanlagen und internationalen Aktien- und Finanzmärkten zu verstehen. Man vergleiche das mit heute. Es wäre verrückt, Geldscheine als Altersvorsorge zu horten. Sie wären, wenn man sie eines Tages benötigt, nur noch Bruchteile wert – oder gar nichts mehr. Verschuldung wird also zur rationalen Strategie auch der Privatleute, um sich damit Vermögensanlagen zu kaufen, deren Wert mit der Inflation zu steigen verspricht. Während unsere Großeltern noch zuerst 30 Jahre lang Geldersparnisse gebildet haben, bevor sie ein Haus bauten, wird heutzutage schon mit der Bauerei losgelegt, sobald das laufende Einkommen zur Schul­denbedienung auszureichen scheint. Oft endet die Schuldenmacherei in finanziellen – und somit auch familiären und per­sönlichen Katastrophen. Daneben ist eine Finanzindustrie ungeheuerlichen Ausmaßes entstanden, die erst zur astrono­mischen Weltverschuldung und zu den finanziellen und mora­lischen Entgleisungen führen konnte, die nun in der Krise vielfach beklagt werden. Die permanente Inflation des kranken Papiergeldes hat die Bürger in finanzielle Abhängigkeiten gebracht wie keine Generation zuvor. Diese „Verschuldungs­kultur“ – gleich ob staatliche oder unternehmerische oder pri­vate – bewirkt, dass Schulden nicht mehr als unschicklich betrachtet werden, sondern als „clever“. Sämtliche Staatsleis­tungen werden ohne Hemmungen entgegengenommen und ausgenutzt. Alle Beteiligten sind auf endloser Renditejagd, um dem Kaufkraftverlust ihres Geldes entgegenwirken zu können. Damit fallen auch die moralischen Schranken der Menschen gegen Staatsverschuldung, gegen Kreditfinanzie­rung des ganzen Lebens und gegen unverantwortliche Fi­nanzakrobatik.

Man mag es als fruchtbar oder als furchtbar erachten, aber es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass mit einer Depression nicht nur eine wirtschaftsstrukturelle und finanzielle Bereini­gung stattfindet, sondern auch eine moralische. Was jedoch nicht bedeutet, dass im Verlauf des Verelendungsprozesses in der Depression die Unmoral in Form von Krieg und Unruhen, von Revolution und Revolten, von Kriminalität und Gewalt­ausbrüchen, von Korruption und Betrug nicht unvorstellbare Formen und Ausmaße annehmen könnten.

(aus „Geldsozialismus“ Seite 37 – 43, erschienen im Resch-Verlag)

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