Haben wird den Verstand verloren?

2.5.2014 – von Christoph Braunschweig.

Christoph Braunschweig

Der Kapitalismus hat diejenigen, die über Jahrhunderte die Reichen waren, nämlich die Feudalkaste, arm gemacht und abgeschafft; stattdessen hat er die Massen der Bevölkerung, die seit Anbeginn der Gesellschaftsbildung in Armut und Elend gelebt haben, zu breitem und früher unvorstellbarem Wohlstand geführt.

Kapitalismus bzw. Marktwirtschaft haben insbesondere den Deutschen nach dem völligen wirtschaftlichen und moralischen Zusammenbruch 1945 innerhalb weniger Jahre Massenwohlstand und somit auch persönliche Freiheit gebracht.  Die entwürdigende Zuteilung von Essensmarken und das zeitraubende und nervende Schlangestehen vor halbleeren bzw. leeren Geschäften war plötzlich Vergangenheit. Ludwig Erhard machte den kleinen Mann zu König Kunde, nach dessen Pfeife die Produzenten (Unternehmen) zu tanzen und sich anzustrengen haben. Nur wer die Wünsche der Konsumenten am besten erfüllt, kann auf ansehnlichen Gewinn hoffen. Garantiertes Privateigentum, Vertragsfreiheit, Wettbewerb, hochqualifizierte Berufsausbildung, ein humanistisch geprägtes Bildungssystem und generelle staatliche Zurückhaltung waren die entscheidenden Erfolgsfaktoren, die Deutschland zur zweitstärksten Industrienation werden ließ.

Was ist bis heute daraus geworden? Wir glauben inzwischen an das „keynesianische Märchen“, wonach man durch Schuldenmacherei und Gelddruckerei tatsächlich reich werde. Dabei leben wir längst von der Substanz, die Staatschulden erreichen immer neue Rekordhöhen, unsere Infrastruktur zerfällt genauso wie unser Bildungssystem, die meisten neuen Arbeitsplätze entstehen im Ausland, unser Steuersystem gilt weltweit als Irrwitz, unser Volksvermögen wird in Brüssel verpfändet, die EU ist auf dem Weg zu einer „EUdSSR“, die „political correctness“ schreibt uns vor, was wir denken und sagen dürfen, die Parteien haben sich den Staat zur Beute gemacht und frönen der „Wählerbestechungsdemokratie“. Allzu viele Bürger sind zu feigen Karrieristen geworden, der christliche Glauben ist einem gleichgültigen Nihilismus gewichen, die Amtskirche biedert sich dem Zeitgeist an, die Massenmedien und die (selbsternannten) Intellektuellen finden (trotz des Zusammenbruchs der sozialistischen DDR) ihr Seelenheil ausschließlich in bösartiger Verleumdung von Kapitalismus, Marktwirtschaft und bürgerlicher Gesellschaft. Den Wohlstand betrachten sie als gegeben und verstehen nicht, dass dieser ständig neu erarbeitet werden muss – durch wagemutige Unternehmer und fleißige Arbeitskräfte.

Was ist geschehen? Wir erkennen ein Land mit einem staatlichen (sprich: sozialistischen) Rentensystem, mit einem staatlichen Gesundheitswesen, einem staatlichen Bildungswesen, einem weitgehend staatlichen Verkehrswesen, mit staatlich und gewerkschaftlich gefesselten Arbeitsmärkten, einem konfiskatorischen Steuersystem, einer Staatsquote von über 50 Prozent, mit einem erheblich regulierten Wohnungsmarkt, einem massiv subventionierten und regulierten Agrarsektor und einer in ein kompliziertes Geflecht zwischen Markt und Staat eingebundene Energiewirtschaft und mit mindestens 100.000 Betrieben in kommunalem Eigentum. Wir haben es also bei dem, was hierzulade (und auch in anderen Ländern) als Kapitalismus bezeichnet wird, in Wirklichkeit mit einem staatsverkrüppelten Rumpfkapitalismus … zu tun.“ Es ist sicher erstaunlich, welch hohe wirtschaftliche Leistung selbst dieser verkrüppelte Kapitalismus immer noch erbringt. Doch langsam aber sicher drohen uns die Staatsschulden zu verschlingen und ein schleichender Sozial-Sozialismus nimmt uns schrittweise unsere persönliche Freiheit. (Roland Baader) Ein entwürdigender Kampf um das größte Stück vom sozialen Kuchen kennzeichnet unsere entchristianisierte, nihilistische und gleichgültige Wohlfahrtsgesellschaft, die jeden Sinn für ordnungspolitische Grundsätze und generationenübergreifende Verantwortung verloren hat.

Genau wie die Nacht nicht plötzlich hereinbricht, kommt auch die Unfreiheit nicht schlagartig. In beiden Fällen gibt es eine Zeit des Zwielichts, in der alles scheinbar noch unverändert ist. Und in dem Zwielicht muss man besonders achtsam sein und auf jede Veränderung schauen, so klein sie auch sein mag, damit die Gesellschaft nicht zu ahnungslosen Opfern der bösartigen Liebe der kollektivistischen Ideologen und wohlmeinenden Gesellschaftskonstrukteure wird (nach dem US-Verfassungsrichter William O. Douglas).

Praktisch alle totalitären Regime, und dazu werden im Endeffekt zwangsläufig alle kollektivistischen Regierungen, haben ihren Totalitarismus nicht mit einem großen Knall etabliert, sondern auf geordnete Art und Weise, gemäß den Regeln von Demokratien, die dem gefährlichen Flirt mit der Selbstzerstörung nicht wiederstehen konnten, erläutert Naomi Wolf, Tochter eines jüdischen Holocaust-Überlebenden. Der kollektivistische, betreuende Staat hat anfangs nie ein spektakuläres, oder gar offen grausames Gesicht. Manchmal sind die Anfänge nur daran zu erkennen, dass die Leute durchaus unbewusst beginnen, ihre Worte abzuwägen, zum Beispiel im Rahmen einer vorgegebenen „politischen Korrektheit“ und der zunehmenden Tabuisierung tatsächlicher Probleme und Fehlentwicklungen.

John Adams schrieb in einem Brief vom 7. Juli 1775: „Unglücklicherweise ist es, wie die Geschichte immer wieder zeigt, zwar unendlich schwierig, eine freie Gesellschaft zu erhalten, aber umso leichter, sie zu zerstören.“ Einzig der klassische Liberalismus im Sinne von Friedrich A. von Hayek und Ludwig von Mises verteidigt die persönliche Freiheit. Doch im obrigkeitsstaatlich geprägten Deutschland hat er nie richtig Wurzeln schlagen können. Auch für Nazis und die Sozialisten gab es stets einen gemeinsamen Feind: den unbeugsamen Liberalen der klassischen Schule!

Unsere schamlose Wählerbestechungsdemokratie mit ihrer verantwortungslosen Schuldenreiterei auf der Grundlage des staatlichen Geldmonopols wählt sich regelrecht in den finanziellen und moralischen Bankrott. Viele Menschen haben daher Angst vor sozialem Abstieg, durchschauen aber die Gründe dafür nicht. Sie suchen stattdessen ihre vermeintliche Rettung ausgerechnet beim Staat und werden zu Bütteln staatlicher Bevormundung. Sie entledigen sich damit ihrer Eigenverantwortung und verlieren ihre Freiheit. Für die vermeintliche Sicherheit und Wärme des staatlichen Kollektivs entmündigen sie sich selbst. Doch die angebliche soziale Wärme des staatlichen Kollektivs ist in Wirklichkeit nur die dumpfe Schwüle des „Massenvieh-Stalles“ (Roland Baader).

Die EU-Währungsunion bereitet ihnen zwar Unbehagen, weil der Versuch, durch eine gemeinsame Währung einen Demos zu schaffen, in Wahrheit einen europäischen Dämon geboren hat. Doch statt zu verhindern, dass ihr Vermögen in Brüssel verpfändet wird, geben sie sich lieber ihrer Weltfrömmigkeit hin, träumen von Klimarettung sowie totaler sozialer Gerechtigkeit und lassen sich von der Unterhaltungsindustrie ablenken – schließlich sind die Kühlschränke ja noch voll, die Tankstellen nachts geöffnet und die Bundesliga unterhaltsam. Und sie gehorchen dem Tugendterror der „political correctness“ bis zur Selbstverleugnung. Wo die Tugend der Toleranz gegenüber anderen Meinungen so zugrunde gerichtet wird, ist es um die Freiheit einer Gesellschaft schlecht bestellt.

Doch die persönliche Freiheit ist das kostbarste Gut der westlichen Zivilisation und zugleich ihr Motor (John Stuart Mill). Es wird Zeit sich auf die Freiheit als höchsten Wert unserer abendländischen Kultur zu besinnen, ihre Gefährdungen durch öde Gleichmacherei und fatale Schuldenmacherei zu widerstehen. Es gilt die zeitlose Weisheit des Perikles (500-429): „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut.“ Und Mut bedeutet in diesem Sinne heute, dass man standhaft gegen den „Mainstream-Zeitgeist“ bleibt.

Nimmt der schleichende Sozial-Sozialismus weiter nimmt seinen Lauf, werden am Ende viele Vieles verlieren.

Für den Autor stellt sich die Frage, ob er nur ein Chronist des unaufhaltsamen Niedergangs ist, oder doch noch eine Rückbesinnung auf die Grundlagen des klassischen Liberalismus möglich ist. Immerhin heißt es, dass die Feder auf Dauer mächtiger als das Schwert sei.

Einstweilen gilt das Stoßgebet des schwäbischen Theologen Friedrich Christoph Oetinger: „Herr gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

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Christoph Braunschweig ist ehemaliger studentischer Hörer von Friedrich A. von Hayek und heute Professor der Staatlichen Wirtschaftsuniversität Jekaterinburg. Er ist Autor zahlreicher Fachbücher und war unter anderem als Geschäftsführer im Medien-Handelsbereich tätig.

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