Warum Nationalsozialismus Sozialismus war und warum Sozialismus totalitär ist

28.10.2013 – von George Reisman.

George Reisman

Heute möchte ich zweierlei zeigen: Erstens, warum Nazi-Deutschland ein sozialistischer und kein kapitalistischer Staat war. Und zweitens, warum Sozialismus, verstanden als Wirtschaftssystem, das auf staatlichem Eigentum an den Produktionsmitteln basiert, eine totalitäre Diktatur benötigt.

Die Kennzeichnung Nazi-Deutschlands als sozialistisches Staatswesen ist eine der vielen großen Leistungen von Ludwig von Mises. Wenn man bedenkt, dass “Nazi” eine Abkürzung für “Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei” ist, mag die Mises’sche Gleichsetzung nicht allzu überraschend sein. Wie sollte man denn auch erwarten, daß das ökonomische System eines Landes, dessen Regierungspartei “sozialistisch” im Namen trägt, etwas anderes als Sozialismus ist?

Abgesehen von Mises und seinen Lesern denkt bei Nazi-Deutschland trotzdem praktisch niemand an ein sozialistisches Land. Viel verbreiteter ist der Glaube, es handle sich um eine Form des Kapitalismus, so wie das die Kommunisten und alle anderen Marxisten stets behauptet haben.

Grund der Annahme, Nazi-Deutschland sei kapitalistisch gewesen, ist die Tatsache, dass die meisten Unternehmen in Nazi-Deutschland formal in privaten Händen verblieben. Mises betont hingegen, dass das Privateigentum an den Produktionsmitteln unter den Nazis nur dem Namen nach existierte, dies Eigentum aber tatsächlich beim Staat lag.

Denn der deutsche Staat, nicht der nominelle Privateigentümer, verfügte über alle wesentliche Macht an den Produktionsmitteln: der Staat bestimmte, was in welcher Menge und auf welche Art zu produzieren war und wem die Produkte zugeteilt werden sollten; er bestimmte auch, welche Preise zu verlangen, welche Gehälter zu bezahlen und welche Dividenden oder andere Einkommen den nominellen Privateigentümern zu beziehen erlaubt waren. Die Position der angeblichen Privateigentümer, so zeigt Mises, war im wesentlichen auf die Rolle von Empfängern staatlicher Gehälter beschränkt.

Das „de facto staatliche Eigentum an den Produktionsmitteln“, wie Mises es bezeichnete, war eine logische Folge grundlegender kollektivistischer Prinzipien der Nazis, wonach Gemeinnutz vor Eigennutz geht und das Individuum bloß als Mittel für die Zwecke des Staates da ist. Wenn schon das Individuum nur für den Staat da sein soll, dann natürlich auch das Eigentum des Individuums. So wie das Individuum dem Staat gehört, so gehört diesem auch das Eigentum des Individuums.

Doch was den real existierenden Sozialismus in Nazi-Deutschland erst richtig besiegelte, war die Einführung von Preis- und Lohnkontrollen im Jahre 1936. Diese wurden als Antwort auf die Inflation des Geldangebots eingeführt, die das Regime seit seiner Machtergreifung Anfang 1933 betrieb. Die Nazi-Regierung ließ immer mehr Geld drucken, um die immens ansteigenden Staatsausgaben zu finanzieren, die für öffentliche Arbeiten, Subventionen und Wiederbewaffnung erforderlich waren. Die Preis- und Lohnkontrollen wurden als Reaktion auf die Preissteigerungen eingeführt, die wiederum als Folge der Geldinflation einsetzten.

Die Kombination von Inflation und Preis- und Lohnkontrollen bewirkt Knappheit, also einen Zustand, in dem die Menge der Güter, welche die Menschen kaufen möchten, die Menge der zum Verkauf angebotenen Güter übersteigt.

Knappheit wiederum führt zu einem wirtschaftlichen Chaos. Es ist nicht nur so, dass die Konsumenten, die früh am Tage in den Läden auftauchen, den gesamten Warenbestand aufkaufen und den später kommenden Kunden nichts mehr übriglassen – eine Situation, auf die Staaten typischerweise mit Rationierungen reagieren. Knappheit führt jedoch zu einem völligen wirtschaftlichen Chaos. Sie führt zu einer zufälligen Verteilung von Gütern an verschiedene geographische Gebiete, zur zufälligen Zuweisung eines Produktionsfaktors in Bezug auf verschiedene mögliche Produkte, sowie zur zufälligen Zuteilung von Arbeit und Kapital an verschiedene Wirtschaftsbereiche.

Bei einer Kombination aus Preiskontrollen und Knappheit bewirkt ein Angebotsrückgang bei einem Produkt nicht, wie dies in einem freien Markt der Fall wäre, eine Steigerung von Preis und Rentabilität, was ja wiederum bewirken würde, dass die Abnahme des Angebots gestoppt wird, oder auch dass eine Trendumkehr beim Preis eintritt, wenn dieser zu weit nach oben geschnellt ist. Preiskontrollen jedoch verhindern eine Preissteigerung und somit eine Zunahme der Rentabilität. Gleichzeitig verhindert Knappheit, die durch Preiskontrollen entsteht, dass eine Zunahme des Angebots mit einem Rückgang des Preises sowie der Rentabilität einhergeht. Wenn es eine Knappheit gibt, dann bewirkt eine Erhöhung des Angebots lediglich eine Abnahme beim Ausmaß der Knappheit. Nur wenn die Knappheit völlig beseitigt worden ist, bewirkt eine Zunahme des Angebots zwangsläufig eine Abnahme des Preises und bringt auch eine Abnahme der Rentabilität mit sich.

Die Kombination aus Preiskontrollen und Knappheit ermöglicht also zufällige Angebotsschwankungen, die keine Wirkung auf den Preis und die Rentabilität haben. In dieser Situation kann die Produktion der nebensächlichsten Güter, ja sogar von „pet rocks“ (Haustierkieselsteinen), sich erhöhen zu Lasten der Produktion der am dringendsten benötigten und wichtigsten Güter, wie etwa lebenswichtiger Medikamente, ohne dass dabei der Preis und die Rentabilität dieser Güter beeinflusst werden. Preiskontrollen würden verhindern, dass Arznei noch profitabler wird, wenn das entsprechende Angebot sinkt. Indes würden selbst „pet rocks“ bei einer Knappheit nicht unprofitabler werden, wenn das betreffende Angebot wieder steigt.

Wie Mises zeigte, muss der Staat, will er mit solchen nicht beabsichtigten Effekten seiner Preiskontrollen fertig werden, entweder die Preiskontrollen selbst abschaffen oder aber weitere Maßnahmen ergreifen. Wie bereits erwähnt, muss er dann nämlich die Kontrolle über das erlangen, was produziert wird, und zwar in Bezug auf Menge, Methoden und Verteilung. Die Kombination aus Preiskontrollen und diesen zusätzlichen Kontrollmaßnahmen bedeutet praktisch eine Verstaatlichung des Wirtschaftssystems. Denn es impliziert, dass der Staat jegliche Macht über alles Eigentum ausübt.

Dies war der Sozialismus, den die Nazis einführten. Und Mises nannte ihn Sozialismus auf deutsche oder Nazi-Art, im Gegensatz zur Variante der Sowjets, den er Sozialismus auf russische oder bolschewistische Art nannte.

Natürlich behebt der Sozialismus nicht das Chaos, das durch die Zerstörung des Preissystems verursacht wird. Er führt das Chaos vielmehr fort. Und wenn der Sozialismus eingeführt wird, ohne dass vorher Preiskontrollen eingeführt wurden, dann bedeutet dies schlichtweg die Einführung von Chaos. Das liegt daran, dass der Sozialismus eigentlich kein positives Wirtschaftssystem ist. Er ist lediglich die Negierung des Kapitalismus und seines Preisbildungssystems. Insofern ist Sozialismus im Grunde genommen gleichzusetzen mit jenem Wirtschaftschaos, das aus der Zerstörung des Preissystems durch Preis- und Lohnkontrollen resultiert. (Ich möchte noch anführen, dass die Einführung eines Systems von Produktionsquoten mit allgegenwärtigen Anreizen zur Erhöhung der Quote im bolschewistischen Sozialismus ein sicheres Rezept für universelle Knappheit ist. Diese Knappheit tritt überall dort auf, wo man Preis- und Lohnkontrollen hat.)

Der Sozialismus beeinflusst nur die Richtung des Chaos. Die staatliche Kontrolle über die Produktion kann vielleicht eine höhere Produktion einiger besonders wichtiger Waren ermöglichen, doch tut sie dies lediglich zum Preis verheerender Schäden im gesamten Rest des Wirtschaftssystems. Das liegt daran, dass der Staat kein Mittel zur Hand hat, um die Auswirkungen auf den Rest des Wirtschaftssystems zu kennen, wenn er die Produktion von Waren sicherstellt, denen er besondere Bedeutung beimisst.

Die Notwendigkeit, ein System von Preis- und Lohnkontrollen einzuführen, wirft ein bezeichnendes Licht auf das totalitäre Wesen des Sozialismus sowohl in seiner Nazi-Variante, aber auch in seiner sowjetischen Bauart.

Wir können davon ausgehen, dass das finanzielle Eigeninteresse von Verkäufern, die unter Preiskontrollen arbeiten müssen, darin besteht, diese Kontrollen zu umgehen und die Preise zu erhöhen. Käufer, die sonst keine Waren bekommen können, sind willens, ja sogar begierig darauf, diese höheren Preise zu zahlen, um sich die ersehnten Waren zu sichern. Was hindert unter diesen Umständen die Preise daran zu steigen und was verhindert dann die Entstehung eines massiven Schwarzmarkts?

Die Antwort darauf: Schwere Strafen, verbunden mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden und die Strafen dann auch tatsächlich erleiden zu müssen. Es ist unwahrscheinlich, dass bloße Bußgelder besonders abschreckend wirken. Bußgelder dürften lediglich als zusätzliche Geschäftskosten betrachtet werden. Wenn der Staat es mit seinen Preiskontrollen ernst meint, muss er notwendigerweise Strafen wie für ein Kapitalverbrechen verhängen.

Doch das bloße Vorhandensein solcher Strafen reicht nicht aus. Der Staat muss in der Tat den Schwarzmarkthandel zu einer gefährlichen Sache werden lassen. Er muss den Menschen Angst machen, dass nämlich ein solcher Schwarzhandel von der Polizei entdeckt wird und es darauf Gefängnis setzt. Um eine solche Angst zu erzeugen, muss der Staat eine Armee von Spitzeln und Informanten aufbauen. Zum Beispiel muss der Staat einen Ladenbesitzer und dessen Kunden fürchten lassen, dass sie bei einem Schwarzhandel von einem anderen gerade im Laden befindlichen Kunden angezeigt werden können.

Aufgrund der privaten und konspirativen Umstände, in denen Schwarzmarkt-Transaktionen durchgeführt werden, muss der Staat auch jedermann, der einen Schwarzhandel in Betracht zieht, fürchten lassen, dass der andere sich als Polizeiagent entpuppt, der versucht hat, ihm eine Falle zu stellen. Der Staat muss die Menschen sogar veranlassen, sich vor ihren langjährigen Bekannten, ja sogar Freunden und Verwandten zu fürchten, welche ja auch Informanten sein könnten.

Und schließlich muss der Staat bei Verurteilungen die Entscheidung über Unschuld oder Schuld im Falle von Schwarmarkt-Transaktionen in die Hände eines Verwaltungstribunals oder seiner Polizeiagenten vor Ort legen. Der Staat kann sich nicht auf Jury-Prozesse verlassen, denn es ist unwahrscheinlich, dass sich viele Jurys finden, die jemanden schuldig sprechen und möglicherweise zu mehreren Jahren Gefängnis verdammen wollen, bloß weil er das Verbrechen begangen hatte, ein paar Pfund Fleisch oder ein paar Schuhe über dem festgelegten Preis zu verkaufen.

Die Erzwingung von Preiskontrollen erfordert also die Durchsetzung wesentlicher Merkmale eines totalitären Staates, nämlich die Einführung der Kategorie “Wirtschaftsverbrechen”, in denen das friedliche Streben nach materiellem Eigeninteresse als kriminelles Vergehen behandelt wird, sowie die Einführung eines totalitären Polizeiapparats mit zahlreichen Spionen und Informanten sowie die Befugnis, wahllos zu verhaften und zu inhaftieren.

Die Durchsetzung von Preiskontrollen erfordert offensichtlich einen Staat wie Hitlerdeutschland oder Stalins Russland, wo sich praktisch jedermann als Polizeispion entpuppen kann und wo es eine Geheimpolizei gibt, welcher es erlaubt ist, Menschen zu verhaften und ins Gefängnis zu werfen. Wenn der Staat nicht willens ist soweit zu gehen, dann erweisen sich seine Preiskontrollen als nicht durchsetzbar und lösen sich in Luft auf. Der Schwarzmarkt nimmt dann größere Ausmaße an. (Nebenbei bemerkt soll damit mitnichten suggeriert werden, dass Preiskontrollen die Ursache für die Schreckensherrschaft der Nazis gewesen seien. Die Nazis begannen ihre Terror-Herrschaft bereits vor der Einführung der Preiskontrollen. Sie führten die Preiskontrollen also erst ein, als dafür bereits der Boden bereitet war.)

Schwarzmarktaktivitäten ziehen die Begehung weiterer Straftaten nach sich. Unter einem De-Facto-Sozialismus stellen die Produktion und der Verkauf von Waren auf dem Schwarzmarkt eine Herausforderung der staatlichen Regulierungen bezüglich Produktion und Verteilung sowie der Preiskontrollen dar. Zum Beispiel sind die Waren, die auf dem Schwarzmarkt verkauft werden, vom Staat eigentlich dazu vorgesehen, nach Plan zugeteilt zu werden, nicht aber durch den Schwarzmarkt. Die Produktionsfaktoren für die Herstellung dieser Güter sind ebenfalls vom Staat eingeplant und nicht dafür vorgesehen, den Schwarzmarkt zu versorgen.

Unter einem sozialistischen Rechtssystems, wie es in Sowjetrussland existierte, wo der Staat per Gesetz explizit zum Eigentümer der Produktionsmittel wird, laufen alle Schwarzmarktaktivitäten zwangsläufig auf Diebstahl von Staatseigentum hinaus. Zum Beispiel betrachtete man Fabrikarbeiter oder Manager in Sowjetrussland, die Produkte herausbrauchten, die sie auf dem Schwarzmarkt erworben hatten, als Diebe staatlichen Rohmaterials.

Zudem ist in jedem sozialistischen Staatstypus, ob nationalsozialistisch oder kommunistisch, der staatliche Wirtschaftsplan Teil der obersten Gesetzgebung des Landes. Wir haben alle erlebt, wie chaotisch der sogenannte Planungsprozess im Sozialismus ist. Eine Umgehung des Plans durch Arbeiter und Manager, die Materialen und Vorräte abzweigen, um für den Schwarzmarkt zu produzieren, muss ein sozialistischer Staat logischerweise als Akt der Sabotage seines nationalen Wirtschaftsplans ansehen. Und genauso geschieht es auch. Folglich steht auf Schwarzmarktaktivitäten in einem sozialistischen Land oft die Todesstrafe.

Ich denke, eine grundlegende Erklärung für die umfassende Terrorherrschaft unter dem Sozialismus ist das große Dilemma, in dem ein sozialistischer Staat sich befindet, wenn es um sein Verhältnis zu seinen Bürgern geht. Auf der einen Seite übernimmt er die volle Verantwortung für das wirtschaftliche Wohlergehen eines jeden Bürgers. Der russische bzw. bolschewistische Sozialismus übernimmt diese Verantwortung ausdrücklich, und vor allem daher rührt auch seine Anziehungskraft. Auf der anderen Seite vermurkst ein sozialistischer Staat diese Aufgabe in jeder erdenklicher Hinsicht. Er macht das Leben des Individuums zu einem Alptraum.

An jedem Tag seines Lebens muss der Normalbürger eines sozialistischen Staates seine Zeit in endlosen Warteschlangen verbringen. Für ihn sind Probleme, wie sie die Amerikaner während der Benzin-Engpässe in den siebziger Jahren erlebten, völlig normal. Doch erlebt er diese Knappheit nicht bei Benzin, denn er besitzt ja kein eigenes Auto und darf auch nicht hoffen, jemals eines zu besitzen. Er erlebt die Knappheit vielmehr bei so einfachen Dingen wie Kleidung, Gemüse, ja sogar Brot. Schlimmer noch: Er ist häufig sogar gezwungen, einer Arbeit nachzugehen, die er sich nicht ausgesucht hat und die er deswegen nicht sonderlich schätzt. Denn unter den Bedingungen von Knappheit kommt es dazu, dass der Staat genauso über die Zuteilung von Arbeit entscheidet wie er auch über die Zuteilung von materiellen Produktionsfaktoren verfügt. Der Normalbürger im Sozialismus lebt auch im Zustand einer unfassbaren räumlichen Bedrängtheit, die ihm keine Privatsphäre lässt. Angesichts von Wohnungsknappheit werden Mieter Heimen zugeteilt; Familien werden gezwungen, ihre Wohnungen zu teilen. Und es wird ein Ausweis-System für das Inland eingeführt, um die akute Wohnungsknappheit in den attraktiveren Gegenden des Landes zu begrenzen. Um es milde auszudrücken: Eine Person, die unter solchen Bedingungen leben muss, sollte eigentlich vor Wut kochen.

Was wäre nun logischer, als dass die Bürger eines sozialistischen Staates ihre Wut gegen den sozialistischen Staat selbst richten? Jener sozialistische Staat, der die Verantwortung für ihr Leben proklamierte und ihnen ein glückliches Leben versprach, ist in Wirklichkeit dafür verantwortlich, ihnen ein Leben in der Hölle beschert zu haben. In der Tat stecken die Führer eines sozialistischen Staates in einem weiteren Dilemma, indem sie nämlich dem Volk täglich weismachen müssen, dass der Sozialismus ein perfektes System sei, dessen schlechte Resultate eigentlich nur das Werk von Schurken sein können. Wenn dies wahr wäre, dann können logisch gesehen eigentlich nur die Herrscher selbst jene Schurken sein, die ja nicht nur das Leben der Bürger zur Hölle gemacht, sondern sogar ein vorgeblich perfektes System pervertiert haben.

Die Herrscher eines sozialistischen Staates müssen folglich in Furcht vor dem Volk leben. Im Einklang mit den Handlungen und Lehren dieser Herrscher müsste die Volksseele kochen und die Herrschenden hinwegfegen. Die herrschende Klasse spürt das, auch wenn sie es nicht offen zugibt. Daher gilt ihre größte Sorge stets der Frage, wie sie ihre Bürger im Zaum halten kann.

Folglich ist es zwar nicht falsch aber auch nicht genug, wenn man nur sagt, dass es im Sozialismus an Presse- und Redefreiheit mangelt. Natürlich fehlen diese Freiheiten. Wenn der Staat alle Zeitungen und Verlagshäuser besitzt, wenn er darüber entscheidet, für welche Zwecke Zeitungspapier zur Verfügung gestellt wird, dann kann natürlich nichts gedruckt werden, was der Staat nicht gedruckt sehen möchte. Wenn er alle Versammlungshallen besitzt, kann keine öffentliche Rede oder Vorlesung gehalten werden, welche der Staat nicht gehalten sehen möchte. Sozialismus heißt viel mehr als bloß Mangel an Presse- und Redefreiheit.

Ein sozialistischer Staat vernichtet diese Freiheiten vollständig. Er verwandelt die Presse und jedes öffentliche Forum in ein Propagandainstrument für seine eigenen Zwecke, und er verfolgt rücksichtslos alle, die auch nur einen Fußbreit von der offiziellen Parteilinie abweichen.

Der Grund dafür ist die Furcht der sozialistischen Herrscher vor dem Volk. Um sich selbst zu schützen, müssen die Herrschenden das Propagandaministerium und die Geheimpolizei anweisen, rund um die Uhr zu arbeiten: Das Propagandaministerium muss ständig das Volk davon ablenken, dass der Sozialismus und seine Herrscher für die Misere des Volkes verantwortlich sind. Und die Geheimpolizei muss jeden verschwinden lassen und zum Schweigen bringen, der auch nur entfernt die Verantwortung des Sozialismus und seiner Herrscher anspricht. Sie muss jeden verschwinden lassen, der Anstalten macht, selbst zu denken. Es liegt an der Furcht der Herrscher und der Notwendigkeit, Sündenböcke für das Scheitern des Sozialismus finden zu müssen, dass die Presse eines sozialistischen Landes stets voller Geschichten über ausländische Komplotte und Sabotageakte sowie über Korruption und Missmanagement niedriger Beamter ist, und dass es von Zeit zu Zeit nötig ist, großangelegte inländische Komplotte aufzudecken und im Rahmen gigantischer Säuberungen höhere Beamte und gesamte Fraktionen zu opfern.

Aus Furcht und aus der Notwendigkeit heraus, jeden nur erdenklichen Hauch von Opposition niederschlagen zu müssen, wagen die Herrscher des Sozialismus es nicht einmal, rein kulturelle Aktivitäten zuzulassen, die nicht unter der Kontrolle des Staates stehen. Denn wenn viele Menschen sich zu einer Kunstveranstaltung oder zu einer Dichterlesung zusammenfinden, die nicht vom Staat kontrolliert wird, dann müssen die Herrscher befürchten, dass sich gefährliche Ideen verbreiten. Alle unerlaubten Ideen sind gefährliche Ideen, denn sie können dazu führen, dass die Menschen anfangen, eigenständig zu denken und dann auch beginnen, über die Natur des Sozialismus und seiner Herrscher nachzudenken. Die Herrscher müssen die spontane Versammlung einer Handvoll Leute in einem Raum fürchten und die Geheimpolizei und deren Spionageapparat, Informanten und Terror dazu verwenden, um solche Treffen entweder zu unterbinden oder sicherzugehen, dass diese für den Staat völlig harmlos sind.

Sozialismus kann nicht sehr lange ohne Terror ausgeübt werden. Sobald der Terror nachlässt, kommt Unmut gegenüber den Herrschenden auf. Dann ist der Boden bereitet für eine Revolution oder einen Bürgerkrieg. Tatsächlich würde ohne Terror oder, besser gesagt, ohne ein ausreichendes Maß an Terror, der Sozialismus eine endlose Serie von Revolutionen und Bürgerkriegen sein, da jede neue Gruppe von Herrschern sich, wenn es darum geht, den Sozialismus zum Funktionieren zu bringen, als gleich unfähig erweisen würde wie die Gruppe davor. Daraus kann man nur schlussfolgern, dass der Terror, den sozialistische Staaten erleben mussten, nicht bloß das Werk böser Menschen wie Stalin war, sondern sich aus der Natur des sozialistischen Systems ergibt. Stalin konnte ans Ruder kommen, weil seine ungewöhnliche Entschlossenheit und Schläue in der Anwendung von Terror jene besonderen Eigenschaften darstellten, die man als sozialistischer Herrscher für den Machterhalt am meisten braucht. Er gelangte an die Spitze durch einen natürlichen Prozess sozialistischer Selektion: Die Auslese der Übelsten.

Ich muss an dieser Stelle einem möglichen Missverständnis bezüglich meiner These von der totalitären Natur des Sozialismus vorbeugen. Es betrifft die von Sozialdemokraten regierten vorgeblich sozialistischen Länder wie Schweden und andere skandinavischen Länder, die jedoch eindeutig keine totalitären Diktaturen sind.

Hier muss man sehen, dass diese Länder nicht nur nicht totalitär, sondern auch nicht sozialistisch sind. Ihre Regierungsparteien propagieren zwar den Sozialismus als ihre Philosophie und als ihr Endziel, doch Sozialismus ist nicht das, was sie als Wirtschaftssystem umgesetzt haben. Ihr Wirtschaftssystem ist eigentlich eine behinderte Marktwirtschaft (“hampered market economy”), um mit Mises zu sprechen. Während sie in so mancher Hinsicht mehr behindert wird als unsere amerikanische Marktwirtschaft, ist ihr Wirtschaftssystem dem unseren doch recht ähnlich. Die treibende Kraft der Produktion und der wirtschaftlichen Tätigkeit sind nämlich nicht staatliche Verordnungen, sondern vielmehr die Initiative von Privateigentümern, die durch die Aussicht auf privaten Gewinn motiviert werden.

Der Grund, warum Sozialdemokraten nicht den Sozialismus einführen, wenn sie an die Macht kommen, ist der, dass sie nicht willens sind zu tun, was der Sozialismus eigentlich erfordern würde. Die Einführung des Sozialismus als Wirtschaftssystem bedarf eines massiven Diebstahlaktes – die Produktionsmittel müssen ihren Eigentümern entwendet und dem Staat zugeführt werden. Eine solche Enteignung würde ganz sicher den erbitterten Widerstand der Eigentümer provozieren, der sich nur durch massive Gewalt eindämmen ließe.

Die Kommunisten waren und sind willens, diese Gewalt anzuwenden, so wie wir es in Sowjetrussland erfahren haben. Sie haben den Charakter bewaffneter Räuber, die bereit sind, für ihren Raub über Leichen zu gehen. Im Gegensatz dazu haben Sozialdemokraten den Charakter von Taschendieben, die zwar darüber reden, einmal den großen Coup zu landen, die jedoch eigentlich nicht das dafür erforderliche Morden auf sich nehmen wollen, und die daher beim ersten Anzeichen ernsthaften Widerstandes aufgeben.

Was die Nazis angeht, so mussten sie meistens nur Juden töten, um an deutsches Eigentum heranzukommen Das lag daran, dass sie, wie wir gesehen haben, den Sozialismus heimlich eingeführt haben, nämlich durch Preiskontrollen, welche dazu dienten, nach außen den Anschein von Privateigentum aufrechtzuerhalten. Die Privateigentümer wurden also ihres Eigentums beraubt, ohne dies zu merken und verspürten daher nicht die Notwendigkeit, es gewaltsam zu verteidigen.

Ich denke, ich habe dargelegt, dass ein authentischer Sozialismus von Natur aus totalitär ist.

In den USA haben wir gegenwärtig keinerlei Sozialismus zu verzeichnen. Und wir haben auch keine Diktatur, geschweige denn eine totalitäre Diktatur.

Wir haben auch noch keinen Faschismus, auch wenn wir uns in diese Richtung hinbewegen. Dazu fehlen noch wesentliche Zutaten wie Einparteienherrschaft und Zensur. Wir genießen immer noch Rede- und Pressefreiheit sowie freie Wahlen, obwohl beides inzwischen unterminiert wird und es keine Garantie für deren Fortbestand gibt.

Was wir haben, ist eine behinderte Marktwirtschaft, der durch staatliche Eingriffe immer mehr Hürden in den Weg gelegt werden, und die einen zunehmenden Verlust an individueller Freiheit erlebt. Die Zunahme staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft ist gleichbedeutend mit einem Verlust an individueller Freiheit, weil es in zunehmendem Maße Gewaltanwendung erfordert, um die Leute das tun zu lassen, was sie freiwillig nicht tun würden, oder um sie daran zu hindern, etwas zu tun, was sie aus freien Stücken tun wollen.

Das Individuum ist der beste Entscheider über dessen eigene Interessen ist und trachtet in der Regel das zu tun, was in seinem eigenen Interesse liegt. Und das Individuum vermeidet etwas zu tun, was seinen Interessen schadet. Daraus folgt, dass je größer das Ausmaß staatlicher Eingriffe ist, desto mehr das Individuum daran gehindert wird zu tun, was ihm nutzt, und es stattdessen gezwungen wird, etwas zu tun, was ihm schadet.

Heute machen in den USA die staatlichen Ausgaben, also bundes-, einzelstaatliche und lokale Ausgaben, fast die Hälfte des Einkommens jener Bürger aus, die nicht für den Staat arbeiten. Fünfzehn bundesstaatliche Ministerien und eine weitaus größere Anzahl bundesstaatlicher Regulierungsinstanzen, welche meistens Entsprechungen auf einzelstaatlicher und lokaler Ebene haben, dringen geradezu in jede Lebenssphäre des Bürgers ein. In zahllosen Fällen wird dieser besteuert, und ihm werden Zwänge und Verbote auferlegt.

Das Ergebnis einer solch massiven staatlichen Intervention sind Arbeitslosigkeit, steigende Preise, fallende Reallöhne, die Notwendigkeit längerer und härterer Arbeit und eine zunehmende wirtschaftliche Unsicherheit. Weitere Folgen sind wachsende Verärgerung und Wut.

Obwohl eigentlich die staatliche Politik des Interventionismus die logische Zielscheibe dieses Unmuts sein sollte, richtet sich der Zorn typischerweise auf die Geschäftsleute und die Reichen. Dies wird meistens durch ein ignorantes und neidisches intellektuelles Establishment und von den Medien geschürt.

So haben seit dem Platzen der Aktienmarktblase, die ja eigentlich durch die Politik der Kreditexpansion der Notenbank geschaffen und dann durch das zwischenzeitliche Ablassen von dieser Politik zum Platzen gebracht worden war, bundesstaatliche Strafverfolger offenbar eine besonders harte Gangart gegenüber Managern angenommen, welche sich finanzieller Untreue schuldig gemacht haben, so als ob deren Aktionen für die großen Verluste durch das Platzen der Blase verantwortlich seien. So wurde der frühere Chef eines führenden Telekommunikationsunternehmens neulich zu einer 25-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Anderen Topmanagern widerfuhr ähnliches.

Noch beunruhigender ist, dass die Befugnis des Staates, rein strafrechtliche Anklagen erheben zu können, darauf hinausläuft die Macht zu haben, eine Firma zu zerstören, so wie das im Falle von Arthur Andersen geschah, einem großen Wirtschaftsprüfungsunternehmen. Allein die Drohung, diese Macht anzuwenden, bewirkte, dass große Versicherungsbroker in den USA ihr Management auswechselten, um den Staatsanwalt des Staates New York zufriedenzustellen. Man kann solche Entwicklungen nur als Verurteilung und Bestrafung ohne Prozess und als Erpressung durch den Staat bezeichnen. Dies sind große Schritte auf einem sehr gefährlichen Weg.

Glücklicherweise gibt es immer noch genügend Freiheit in den USA, um diese Entwicklung rückgängig machen zu können. Vor allem gibt es die Freiheit, diese Missstände öffentlich zu benennen und anzuprangern.

Und auf einer grundsätzlicheren Ebene gibt es die Freiheit, jene Ideen zu analysieren und zurückzuweisen, welche die Grundlage für die destruktive Politik sind, die man heute und in Zukunft betreibt. Und das ist ein entscheidender Punkt. Denn der Interventionismus und natürlich auch der Sozialismus, ob nationalsozialistisch oder kommunistisch, basieren eigentlich lediglich auf falschen Ideen, vor allem in Bezug auf Wirtschaft und Philosophie.

Heute gibt es eine breitgefächerte und wachsende Menge an Literatur, die vernünftige Ideen auf diesen beiden entscheidenden Fachgebieten präsentiert. Nach meinem Dafürhalten sind dabei die beiden wichtigsten Autoren Ludwig von Mises und Ayn Rand. Eine gute Kenntnis ihrer Schriften ist eine unabdingbare Voraussetzung für den Erfolg, wenn es darum geht, die individuelle Freiheit und den freien Markt zu verteidigen.

Das “Ludwig von Mises Institute” ist das weltweit führende Zentrum für die Verbreitung der Ideen von Mises. Es veröffentlicht ständig Analysen, die auf seinen Ideen basieren, Analysen, die in akademischen Zeitschriften, Büchern und Zeitschriften und auch auf tagesaktuellen Online-Journalen erscheinen. Es lehrt College- und Universitätsstudenten und junge Lehrer die Ideen von Mises und anderer Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Es tut dies durch die “Mises Summer University”, durch wissenschaftliche Konferenzen zur Österreichischen Schule und eine Vielfalt an Seminaren.

Es gibt zwei wichtige Wege, für die Freiheit zu kämpfen. Die eine ist, sich selbst so weit zu bilden, dass man in der Lage ist, so fließend für die Freiheit zu sprechen und zu schreiben wie die mit dem Institut verbundenen Gelehrten. Und wenn man dazu nicht die Zeit oder die Neigung hat, kann man das Institut finanziell auf jegliche erdenkliche Art bei seiner wichtigen Arbeit zu unterstützen.

Es ist noch möglich, das Blatt zu wenden. Keine Einzelperson kann dies. Doch eine breite und wachsende Anzahl intelligenter Menschen, die für die Sache der wirtschaftlichen Freiheit gewonnen wurden und für deren Verteidigung sprechen und argumentieren, ist dazu in der Lage, mit der Zeit die Parameter der Kultur und somit auch die Grundzüge des politischen und wirtschaftlichen Systems zu beeinflussen.

Sie in diesem Auditorium widmen sich bereits dieser großen Aufgabe. Ich hoffe, Sie werden weitermachen und Ihr Engagement verstärken.

Dieser Beitrag beruht auf einer Vorlesung, die auf der Konferenz “The Economics of Fascism, Supporters Summit 2005″ des “Mises Institute” gehalten wurde. Am 11. November 2005 auch als Wortbeitrag auf der website des Mises-Institute in Auburn, US Alabama erschienen: Why Nazism Was Socialism and Why Socialism Is Totalitarian.

Aus dem Englischen übersetzt von David Schah.

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George Reisman ist Autor des Buches „Capitalism: A Treatise on Economics „(Ottawa, Illinois: Jameson Books, 1996) und emeritierter Professor für Volkswirtschaft der Pepperdine University.