Das herrschende Papiergeldsystem ist in höchstem Maße „sozial ungerecht“

26.4.2013 – von Andreas Marquart.

Andreas Marquart

Betrachtet man das gegenwärtige Papiergeldsystem und seine negativen sozialen und gesellschaftspolitischen Auswirkungen, stellt sich unweigerlich die Frage: Wo bleiben denn eigentlich die Proteste der Befürworter und Bewahrer der sozialen Gerechtigkeit? Warum hört man keine Protestrufe von (Sozial-)Politikern, keine Hilferufe aus den Führungsetagen der Sozial- und Wohlfahrtsverbände, von Verbraucherschützern und führenden Kirchenvertretern, die sich doch alle das Fördern des Allgemeinwohls auf ihre Fahne geschrieben haben?  

Vermutlich ist das grundsätzliche Verständnis von der Rolle des Geldes in einer arbeitsteiligen Volkswirtschaft nur gering ausgeprägt, und so werden die Folgen des heutigen Papiergeldes, des „schlechten Geldes“, weitgehend übersehen.

In der landläufigen Meinung sind es nur die Notenbanken, die Geld drucken, und nur dort wird auch vielfach die Ursache für die immer weiter steigenden Geld- und Kreditmengen vermutet. Das ist ein Irrtum, denn auch die Geschäftsbanken sind wesentlich am Geldschöpfungsprozess beteiligt und bilden zusammen mit den Notenbanken ein komplexes System, in dem Geld in Form von Kredit aus dem Nichts entsteht. Das gegenwärtige Teilreserve-Banksystem ist das krasse Gegenbeispiel zu einer marktwirtschaftlichen Geldordnung, in der die Marktteilnehmer ohne staatlichen Zwang selbst entscheiden würden, welches Geld sie verwenden möchten und in der es niemandem möglich wäre, die Geldmenge beliebig auszuweiten.  

Die Ausweitung der Geldmenge ist im Grunde das, was Inflation ökonomisch ausmacht. Sie führt notwendigerweise zu einem Absinken der Kaufkraft – im Vergleich zu einer Situation, in der die Geldmenge nicht ausgeweitet worden wäre. Ludwig von Mises (1881 – 1973), der wohl bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts, schrieb in seinem Werk Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel:

„Als die wichtigste Ursache der Geldwertverringerung kommt die Vermehrung des Geldvorrates bei gleichbleibendem, sinkendem oder zumindest nicht gleich stark wachsendem Geldbedarf in Betracht. […]  Diese Übertragung der niedrigeren subjektiven Einschätzung des Geldes vollzieht sich in der Weise, dass die Besitzer der zusätzlichen Geldmenge als Käufer auf dem Markte höhere Preise zu bewilligen geneigt sind als vorher.“[1]

Bei Preisanstiegen – ausgelöst durch die Ausweitung der Geldmenge – steigen die Preise verschiedener Waren und Dienstleistungen darüber hinaus nicht gleichmäßig und nicht gleichzeitig. Ludwig von Mises erklärt die Auswirkungen:

„Der Umstand, dass in der Zeit, in der die preissteigernde Wirkung der zusätzlichen Geldmenge von Ware zu Ware weiterschreitet, die einen sich des Vorzugs erfreuen, die Waren, die sie zu Markte bringen, zu den neuen höheren Preisen absetzen zu können, dagegen aber für die Waren, die sie kaufen, noch die älteren niedrigeren Preise zu bezahlen, und dass die anderen in der umgekehrten Lage sind, höhere Preise im Einkauf bezahlen müssen, während sie als Verkäufer nur die alten niedrigeren Preise erzielen, lässt Gewinne und Verluste entstehen. Durch diese Gewinne und Verluste und durch die Gewinne der Schuldner und durch die Einbussen der Gläubiger werden die Einkommens- und Vermögensverhältnisse in der Gesellschaft verschoben; es bildet sich eine neue Vermögens- und Einkommensschichtung, die das Verhältnis der Geldpreise der verschiedenen Waren untereinander verschiebt.“[2]

Die Verschiebung der Einkommens- und Vermögensverhältnisse, wie Mises es formuliert, ist aber nur eine Auswirkung des „schlechten Geldes“. Im Folgenden sollen die „sozialen Ungerechtigkeiten“ des gegenwärtigen Geldsystem herausgestellt werden.

1. Cantillon – Effekt

Das Ausweiten der Geldmenge führt notwendigerweise zu einer Vermögensumverteilung innerhalb der Gesellschaft. Diejenigen, die das neu geschaffene Geld als erste erhalten (dies sind vor allem der Staat und die Banken, aber auch so manches (Groß-)Unternehmen) sind die Begünstigten. Sie können mit dem neuen Geld noch zu unveränderten Güterpreisen kaufen. Diejenigen, die das neu geschaffene Geld erst später erhalten, oder die gar nichts davon abbekommen, sind die Geschädigten (Lohn- und Gehaltsempfänger, Rentner). Sie können nur noch zu gestiegenen Güterpreisen kaufen. Dies wird als „Cantillon-Effekt“ bezeichnet.[3]

2. Umverteilung bei stabilen Preisen

Das vorangehend Gesagte gilt natürlich auch, wenn die Geldmenge in einer Phase wirtschaftlicher Stagnation ausgeweitet wird und dieser Prozess ohne Preisanstieg abläuft. Auch dann erfolgt eine Umverteilung, nur eben nicht sichtbar. Denn die höhere Geldmenge verhindert ein Absinken der Preise, und es profitieren Produzenten, deren Güterpreise hoch bleiben. Verlierer sind die Konsumenten, deren Kaufkraft sich vermindert, weil die Ausweitung der Geldmenge ein Absinken der Preise verhindert.

3. Vermögenspreis-Inflation

Anleger mit höheren Vermögen können ihre Investitionen und Anlagen besser streuen und sind so in der Lage, in Sachwerte wie zum Beispiel Aktien, Immobilien und Edelmetalle zu investieren. Wenn die Preise dieser Anlageklassen durch das Ausweiten der Geldmenge ansteigen, profitieren die Halter dieser Güter, weil ihre Güter an Wert gewinnen. Vermögende werden so noch vermögender, weniger Vermögende oder Vermögenslose können von diesen Preisanstiegen dagegen weniger oder gar nicht profitieren. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst.

4. Kreditmarkt verstärkt Effekte

Durch den Kreditmarkt können die unter 3. genannten Auswirkungen noch verschärft werden. Die Bezieher von höheren Einkommen können im Vergleich zu Beziehern von niedrigeren Einkommen höhere Kreditsummen tragen, durch die sie beispielsweise Immobilien erwerben können. Steigen die Immobilienpreise aufgrund Geldmengenausweitung an, profitieren sie von diesen Preisanstiegen und die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, und zwar verstärkt.[4]

5. „Boom und Bust“ schaffen Arbeitslosigkeit

Die direkte Ursache von Arbeitslosigkeit ist die Unflexibilität des Arbeitsmarktes, bedingt durch staatliche Eingriffe und gewerkschaftliche Zwänge. Indirekte Ursache von Arbeitslosigkeit ist das Ausweiten der Papiergeldmenge, was zu Scheinaufschwüngen führt, wie die monetäre Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule der Nationalökonomie zeigt. Konjunkturschwankungen verstärken sich und in der Volkswirtschaft kommt es zu einem Prozess umfassender Fehlinvestitionen. Besonders in unflexiblen Arbeitsmärkten führt die Aufdeckung dieser Fehlinvestitionen im Konjunkturabschwung schließlich zu hoher und anhaltender Arbeitslosigkeit. Der Anteil der Menschen, die von staatlichen Leistungen abhängig sind, wächst.[5]

Staat dehnt sich immer weiter aus

Hat sich die Schere der Einkommens- und Vermögensverteilung erst einmal geöffnet, betreten immer mehr der eingangs erwähnten „Befürworter und Bewahrer“ der sozialen Gerechtigkeit die politische Bühne, verschweigend (oder nicht wissend), dass es der Staat mit seinem monopolistischen Geldsystem selbst ist, der für die beschriebenen Missstände verantwortlich ist.

Es werden Diskussionen und öffentliche Debatten geführt, für die es in einem guten Geldsystem keinen Anlass gäbe: Mindestlöhne, Bildungspolitik, Zuschussrente, Mindestrente, Bildungsgutscheine für sozial Schwache, um nur einige Punkte zu nennen.

Bei genauer Betrachtung ist das ein „perfides Geschäftsmodell“. Der Staat schafft durch sein monopolistisches Geldsystem soziale Ungerechtigkeit, spaltet die Gesellschaft in Arm und Reich und macht eine immer größere Zahl von Menschen von staatlichen Leistungen abhängig. Anschließend greift er regulierend und umverteilend ein und sorgt so für seine scheinbare Daseinsberechtigung. Treffend formulierte es der Ökonom Roland Baader (1940 – 2012):

„Die politische Kaste muss ihre Existenzberechtigung beweisen, indem sie etwas macht. Weil aber alles, was sie macht, alles viel schlimmer macht,  muss sie ständig Reformen machen, das heißt, sie muss etwas machen, weil sie etwas gemacht hat. Sie müsste nichts machen, wenn sie nichts gemacht hätte. Wenn man nur wüsste, was man machen kann, damit sie nichts mehr macht.“[6]

Der Staat macht sich sogar die Unwissenheit der Bevölkerung über die wahren Gründe des Auseinanderdriftens von Einkommen- und Vermögensverteilung zunutze. So ist im „4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung“ zu lesen, dass es in der deutschen Bevölkerung eine seit 2002 deutlich wachsende Zustimmung zu Maßnahmen gibt, die die Einkommensunterschiede verringern. Demnach stimmten 67 % der Bevölkerung Maßnahmen zur Verringerung von Einkommensunterschieden zu.[7]

Schlussfolgerung

Das herrschende Papiergeldsystem ist in höchstem Maße „sozial ungerecht“ und führt zu einem sich immer stärker ausdehnenden Staatsapparat.

Wenn diejenigen, die vorgeben, sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen, nicht dagegen protestieren, dann kann dies nur zwei Gründe haben: entweder sie haben die Funktionsweise unseres Geldsystems nicht verstanden, dann ist ihnen anzuraten, sich unverzüglich mit dieser Thematik zu befassen.

Oder sie haben es verstanden: dann ist ihr Schweigen und Nicht-Handeln moralisch und ethisch in höchstem Maße verwerflich, und es ist ihnen zu unterstellen, dass sie schweigen, weil sie selbst vom herrschenden Papiergeldsystem profitieren.

[1] Ludwig von Mises, Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, S. 227.

[2] Ludwig von Mises, Nationalökonomie – Theorie des Handels und Wirtschaftens, S. 372.

[3] Thorsten Polleit: Cantillons Erkenntnissehttp://thorstenpolleit.com/FAZ9Mai2011.pdf

[4] Jörg Guido Hülsmann: eigentümlich frei, Ausgabe April 2013, „Vermögend auf Kredit“.

[5] Jésus Huerta de Soto: Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen, S. 294.

[6] Roland Baader, Freiheitsfunken II, S. 62

[7] Der 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, März 2013, S. 327

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Andreas Marquart ist Vorstand des „Ludwig von Mises Institut Deutschland“. Er ist seit 15 Jahren in der Finanzberatung tätig und orientiert sich dabei an den Erkenntnissen der Österreichischen Geld- und Konjunkturtheorie.

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