Stell dir vor, Russland führt Krieg gegen die Ukraine und Ludwig von Mises lebte noch in Lemberg/Lwiw

18. März 2022 – von Rainer Bieling [Titelfoto: Nationaloper Lemberg/Lwiw]

Rainer Bieling

Stell dir vor, Ludwig von Mises wäre nicht Jahrgang 1881, sondern Jahrgang 1981. Er wäre dann nicht vor 140 Jahren am 29. September 1881, sondern erst vor 40 Jahren am 29. September 1981 geboren worden – zehn Jahre vor dem Ende der Sowjetunion. Seine Geburtsstadt hieße dann nicht Lemberg, sondern Lwiw, und sein Geburtsland hieße dann nicht Österreichisch-Ungarische Monarchie, sondern Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik.

Und nun stell dir vor, die Familie von Mises wäre nicht mit dem zehnjährigen Ludwig nach Wien ausgewandert, sondern in Lemberg/Lwiw geblieben und hätte dort am 24. August 1991 die Unabhängigkeit des neuen Staates Ukraine erlebt, vier Monate vor der offiziellen Auflösung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken am 26. Dezember 1991. Ludwig von Mises wäre dann nicht Österreicher, sondern Ukrainer, hätte wahrscheinlich in Lwiw das Gymnasium besucht und vielleicht anschließend auch in Wien Rechtswissenschaft studiert. Um dann im Alter von 28 Jahren nach erfolgreicher Promotion und nach seiner Rückkehr 2009 in Lwiw Karriere zu machen, möglicherweise auch zunächst bei der dortigen Handels- und Gewerbekammer.

Das wäre gut möglich; denn seit dem Ende des real existierenden Sozialismus entwickelt sich in der Ukraine eine blühende Marktwirtschaft, in der Menschen wie Mises Aufgaben in Hülle und Fülle gefunden haben und weiterhin finden würden, wenn nicht – ja wenn nicht der Staat da wäre. Nicht der ukrainische, der ist nach zwei Volksaufständen auf dem Maidan gezügelt und wird nicht länger von Berufspolitikern, sondern von Politikern auf Zeit regiert, die vor ihrer Regierungstätigkeit in Stadt (Klitschko) und Land (Selenskyj) anderen Berufen nachgingen und ihr Einkommen durch Arbeit in der Unterhaltungswirtschaft verdienten.

Alle Gefahr geht vom Staat aus, diese Lektion haben die Ukrainer in 70 Jahren Sowjetherrschaft bitter gelernt …

Nein, nicht der eigene Staat ist für die Bürger der Ukraine eine Gefahr, der Nachbarstaat ist es, Russland. Die Bürger der Ukraine haben ihren Politikern Zügel angelegt, in einem ersten Schritt 2004 bei der Orangenen Revolution, in einem zweiten im Winter 2013 und 2014 beim Euromaidan, um den Schaden zu begrenzen, den auch der demokratische Staat seinen Bürgern zufügen kann. Alle Gefahr geht vom Staat aus, diese Lektion haben die Ukrainer in 70 Jahren Sowjetherrschaft bitter gelernt und versuchen sie nun seit 30 Jahren in Unabhängigkeit mühsam und mit Rückschlägen auch zu beherzigen.

Aber im Nachbarstaat Russland verhält es sich gerade umgekehrt. Dort haben die Politiker ihren Bürgern Zügel angelegt, um ihnen so viel Schaden zufügen zu können, wie sie nur wollen. Und eben nicht nur den eigenen Bürgern, die sie zu einer Schafherde degradiert haben, aus der sie willige Helfer für ihre Gewaltherrschaft rekrutieren, sondern auch und vor allem den Bürgern des Nachbarlandes Ukraine, die sie in ihre Schafherde eingliedern wollen.

Alle Gefahr geht vom Staat aus, und wenn es nicht der eigene ist, ist es der Nachbarstaat. Diese Lektion lernen die Ukrainer seit dem 24. Februar 2022, dem Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine. Das ist tragisch: Gerade dabei, die Gefahr, die vom eigenen Staat ausgeht, erfolgreich einzuhegen, die Kleptokratie zu behindern und die Demokratie zu befördern, Eigentum und Individuum zu schützen, Rechte und Freiheiten zu sichern, erleben die Bürger der Ukraine nach 30 Jahren die Rückkehr des totalen Staates, dem sie sich entronnen wähnten, in Gestalt eines totalen Krieges, mit dem der Nachbarstaat sie anlasslos überzieht.

Stell dir vor, Ludwig von Mises, Jahrgang 1981, wäre einer dieser Bürger. Er wäre jetzt 40 Jahre alt, lebte seit 12 Jahren wieder Lwiw/Lemberg und wäre 2022 die Berühmtheit, die der real existierende Mises 1922 in Wien war. 2022 wäre Ludwig von Mises außerordentlicher Professor an der Universität Lwiw, der ältesten Universität der Ukraine, die heute den Namen von Iwan Franko trägt, eines Zeitgenossen des realen Mises, und hielte Privatseminare in seinem Büro bei der ukrainischen Handelskammer ab, aus denen eines Tages vielleicht der erste ukrainische Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften hervorgehen würde.

Parallel könnte der Mises von 2022 schon auf erste Erfolge seiner Mitarbeit bei der Reorganisation der Ukrainischen Nationalbank und seinen Aktivitäten bei der Stärkung des privaten Sektors und der Schwächung des Einflusses der Oligarchen, die bei der Transformation der Staatswirtschaft in einen crony capitalism, einen Kumpelkapitalismus, entstanden sind, zurückblicken. Als einer der führenden Wirtschaftsberater der ukrainischen Regierung hätte er auch die Start-up-Kultur des Landes gefördert und wäre womöglich Spiritus Rector von Readdle gewesen, des bekanntesten ukrainischen Digitalunternehmens, das es als erstes mit seinen Apps Scanner Pro und PDF Expert aufs kalifornische iPhone geschafft hat.

Readdle hat schon vor dem russischen Überfall auf die Ukraine seinen Firmensitz von Kiew nach San Francisco verlegt – Brain Drain ist auch im Lande von Ludwig von Mises kein Fremdwort. Readdle reagierte gleich nach dem 24. Februar 2022: „Helfen Sie uns, den Krieg in der Ukraine zu beenden“ lautet die erste Zeile auf der deutschen Website des Unternehmens, und mit einem zweiten Klick geht es zu dem Aufruf StandWithUkraine und der Alternative, für humanitäre Hilfe zu spenden oder für robuste: „Helfen Sie der Ukraine, sich zu verteidigen“. Beides haben die Bürger jetzt bitter nötig: die Frauen und Kinder Hilfe beim Flüchten und die Männer Waffen für ihren Widerstand gegen den Aggressor.

Den Aufruf von Readdle hätte der Mises von 2022 bestimmt gekannt und sicher gutgeheißen. Der real existierende Mises hat nämlich 1939 das gleiche Muster gewalttätigen politischen Handelns schon einmal erlebt – und ausführlich beschrieben und beurteilt. Damals lebte Ludwig von Mises bereits seit fünf Jahren in Genf, lehrte dort am Institut de Hautes Études als Professor für internationale ökonomische Beziehungen und warnte nimmermüde vor den „Gefahren des Kollektivismus“. Das Manuskript zu einem erst 40 Jahre später auf Deutsch veröffentlichten Buch mit diesem Untertitel entstand unter dem Eindruck der Ereignisse der Jahre 1938 und 1939 wenige Monate vor dem Beginn des großen Krieges in Europa.

Schon 1939 war Russland, das damals nicht mehr als Russisches Reich, sondern unter dem Namen Sowjetunion firmierte, ein Aggressor. Auf Befehl des einstigen Berufsrevolutionärs und späteren Berufspolitikers Josef Stalin fiel die Rote Armee am 17. September 1939, nicht lange nach der Fertigstellung des Manuskripts, in Ludwig von Mises’ alter Heimat, der heutigen Ukraine, ein. Deren westlicher Teil, das frühere österreichische Kronland Galizien mit Lemberg als Hauptstadt, gehörte damals zu Polen und war leichte Beute, weil auf Befehl eines anderen, mit Russland verbündeten einstigen Berufslosen und späteren Berufspolitikers namens Adolf Hitler dessen Wehrmacht das westliche Polen bereits erobert hatte.

Ende September 1939 hörte Polen als Ganzes auf zu existieren; die Siegermacht Sowjetunion annektierte ihre Hälfte des Landes und verleibte es sich in zwei Portionen ein: das nördliche Ostpolen wurde Ende Oktober 1939 Teil von Belarus, das südliche Ostpolen zur gleichen Zeit Teil der Ukraine, zu der es heute noch gehört, nur dass die Ukraine seit 30 Jahren eben keine Sozialistische Sowjetrepublik mehr ist. In jenem Herbst 1939 ergänzte Ludwig von Mises sein fertiges Manuskript noch um ein Kapitel „Der Kampf zwischen Demokratie und Totalitarismus“. Es schließt mit den Worten:

Der Diktaturtraum ist nicht harmloses Spiel der Phantasie, er wird, sobald es das Handeln zu beeinflussen beginnt, zum Sprengstoff, der die Gesellschaft zerstört. […] Die Menschen, die nach dem Diktator riefen, damit er die Tüchtigeren und Erfolgreicheren erniedrige, den Willen der Mitmenschen ausschalte und die Welt so regiere, wie sie es ersehnten, waren reif für das Reich Stalins und Hitlers. (Seite 235)

Das Manuskript, ein frühes Zeugnis antitotalitären Denkens, konnte Ludwig von Mises zunächst nicht veröffentlichen, weil ihm nach der Eroberung der drei baltischen Staaten durch die Rote Armee der Sowjetunion unter Stalins Regierung und der drei Benelux-Staaten und Frankreichs durch die Wehrmacht des Deutschen Reichs unter Hitlers Regierung im Frühjahr 1940 der Boden in der neutralen Schweiz zu heiß wurde. Gerade noch rechtzeitig, bevor die Fluchtwege in Westeuropa für ihn unerreichbar wurden, konnte er im selben Jahr 1940 dank eines Stipendiums der Rockefeller Foundation in die Vereinigten Staaten emigrieren. Dort erschienen die Grundgedanken des Manuskripts noch vor Kriegsende in einer Übertragung ins Amerikanische unter dem Titel Omnipotent Government. The Rise of the Total State and Total War 1944 im Verlag Yale University Press (zu Deutsch: Allmächtige Regierung. Der Aufstieg des totalen Staates und des totalen Krieges).

Aber erst 40 Jahre nach dem Beginn der Niederschrift erlebte das Manuskript von 1938/39 eine Veröffentlichung in seiner deutschen Originalsprache. Das war im Jahre 1978, da war Ludwig von Mises schon fünf Jahre tot. (Er starb 92-jährig am 10. Oktober 1973 in New York City, seinem nach Lemberg, Wien und Genf vierten und letzten Lebensmittelpunkt.) Aber seine Witwe Margit von Mises, die Ludwig erst in Genf kennengelernt und 1938 geheiratet hatte, kümmerte sich um den Nachlass ihres verstorbenen Gatten, zu dem ein Manuskript mit dem Titel Vom Wesen und Werden des Nationalsozialismus – Ein Beitrag zur Befriedung Europas gehörte.

Das Kümmern schloss das Kontakthalten zu einigen alten Bekannten des Verstorbenen ein, zu denen auch Alfred Müller-Armack zählte, beim Tode von Ludwig von Mises bereits Pensionär. (Seit 1952 war Müller-Armack im Wirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard als Leiter der Grundsatzabteilung tätig, von 1958 bis 1963 war er Staatssekretär für Europäische Angelegenheiten, anschließend noch bis zu seiner Emeritierung 1970 Honorarprofessor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität Köln.) Alfred Müller-Armack kannte Ludwig von Mises seit den 1920er-Jahren und war ihm häufig auf Tagungen in Deutschland und auf den internationalen Tagungen der Mont-Pèlerin-Gesellschaft begegnet.

So kam es, dass Margit von Mises ihm die Herausgabe des Manuskripts über das Wesen und Werden des Nationalsozialismus von 1938/39 anvertraute. Heute ist Alfred Müller-Armack ein unvertrauter Name; damals war er unter Marktwirtschaftlern eine Berühmtheit, hatte er doch 1946/47 den Begriff der Sozialen Marktwirtschaft geprägt und als enger Berater von Ludwig Erhard deren Verwirklichung in der jungen Bundesrepublik Deutschland politisch mitgestaltet. In seinem Vorwort vom Januar 1978 begründet Müller-Armack, warum er dem Buch den neuen Titel Im Namen des Staates oder Die Gefahren des Kollektivismus gegeben hat: weil er nämlich „für die heutige Zeit das Grundanliegen des Verfassers deutlicher hervorheben“ würde. Ludwig von Mises’ Im Namen des Staates erschien im September 1978 im Stuttgarter Verlag Bonn aktuell. (Das Zitat oben ist von der Seite 235 dieser Ausgabe.) Das Erscheinen des Buches hat Alfred Müller-Armack nicht mehr erlebt. Er starb am 16. März 1978, wenige Wochen nach dem Verfassen des Vorworts, in Köln.

Im Namen des Staates und der September 1978 sind gut gewählt. Fast 40 Jahre zuvor, im September 1939, überfielen zwei Berufspolitiker im Namen des Staates, den sie regierten, und mit den Gewaltmitteln des Staates, über die sie verfügten, nämlich gewaltige Armeen, das Nachbarland, das zwischen ihren beiden Staaten lag, und zerstörten Land und Leben in den vier Wochen vom 1. bis 28. September 1939. Ludwig von Mises verliert sein Leben dabei nicht – längst hat er Lemberg/Lwiw verlassen und ist in Genf in Sicherheit. Aber er sieht, was geschieht, und er schreibt auf, was andere nicht sehen wollen:

Die Engländer haben noch immer nicht begriffen, was der totale Krieg ist. […] Das Ziel der Kampfhandlungen ist nicht die Vernichtung der feindlichen Armee, sondern die Ausrottung des feindlichen Volkes. (Seite 237)

Im Namen des Staates und der Februar 2022 passen schon wieder gut zusammen. Gut 80 Jahre nach dem September 1939, als die damalige Sowjetunion Polen überfiel, um sich die westliche Ukraine einzuverleiben, und 44 Jahre nach dem Erscheinen des längst vergriffenen und auch bei Verfechtern der von Ludwig von Mises geprägten Schule der Nationalökonomie überwiegend unbekannten Buches über Verbrechen Im Namen des Staates, die aus der Sicht von 1938/39 erst noch begangen werden würden, überfällt Russland, wie die Sowjetunion jetzt wieder heißt, erneut die Ukraine und wieder, um sie sich einzuverleiben.

… Eigentum und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand!

Stell dir vor, Ludwig von Mises wäre nicht Jahrgang 1881, sondern Jahrgang 1981. Er wäre dann heute 40 Jahre alt und würde einen Angriffskrieg erleben, wie ihn der reale Mises 83 Jahre zuvor in seinem Manuskript von 1938/39 beschrieben hat. Der Mises von 2022 würde den Verbrechen im Namen des Staates Russland wohl nicht tatenlos zusehen, sondern es mit Readdle halten und sich mit anderen Bürgern des Landes zusammentun, um sich des Aggressors zu erwehren; denn es gibt in der Ukraine etwas Wertvolles zu verteidigen: eine Marktwirtschaft, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigt, verbunden mit bürgerlichen Freiheiten, die es nur gibt, wo es Bürgern gelungen ist, Politikern Zügel anzulegen – Eigentum und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand!

Dr. Rainer Bieling ist Journalist und freier Autor in Berlin. Bis Dezember 2018 war er Redaktionsdirektor des Informations- und Hintergrunddienstes Der Hauptstadtbrief. Dort publizierten namhafte Vertreter der Österreichischen Schule in den Jahren 2012 bis 2018 bis zu dessen Einstellung als Zeitschrift regelmäßig Beiträge zur Geld- und Wirtschaftspolitik.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Titel-Foto: Adobe Stock [Nationaloper Lemberg/Lwiw]

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