Eugen Böhm von Bawerks „Zum Abschluss des Marxschen Systems“ jetzt als Hörbuch

4. Juni 2021 – Im Jahre 1896 veröffentlichte der Ökonom Professor Dr. Eugen Böhm von Bawerk (1851 – 1914) sein Essay „Zum Abschluss des Marxschen Systems“ im Rahmen der „Festgaben für Karl Knies“ (Verlag von O. Haering). In dieser berühmten, auch im Marxschen Lager bis heute kontrovers diskutierten, wissenschaftlichen Abhandlung, deckt Böhm-Bawerk die elementaren Denkfehler in Marx‘ Kapital auf und lässt die drei Bände wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen.

125 Jahre später, im Jahre 2021, hat Christan Leuenberg von Mises Karma den gesamten Text als Hörbuch eingesprochen. Mit einer Gesamtspielzeit von knapp 4 Stunden ist das Werk nun zum Anhören verfügbar. Das Download-Paket umfasst die einzelnen Kapitel und Unterkapitel als hochauflösende MP3-Dateien sowie das Cover und ein PDF-Dokument mit Tabellen, auf die im Text Bezug genommen wird.

Hier gibt es weitere Informationen zum Hörbuch!

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Vorbemerkung aus „Zum Abschluss des Marxschen Systems“

Karl Marx ist als Schriftsteller ein beneidenswert glücklicher Mann gewesen. Niemand wird behaupten wollen, daß sein Werk zu den leicht lesbaren und leicht verständlichen Büchern gehört. Ein erheblich geringerer Ballast von schwieriger Dialektik und von ermüdenden, mit mathematischem Rüstzeug arbeitenden Deduktionen wäre für die meisten anderen Bücher zum unüberwindlichen Hindernis geworden, sich den Weg in das große Publikum zu bahnen. Marx ist trotzdem ein Apostel für weiteste Kreise und gerade für solche Kreise geworden, deren Sache sonst die Lektüre schwieriger Bücher nicht ist. Dabei waren seine dialektischen Argumentationen durchaus nicht etwa von einer fraglos bezwingenden Kraft und Klarheit. Im Gegenteile: Männer, die zu den ernstesten und würdigsten Denkern unserer Wissenschaft gehörten, wie Carl Knies, hatten vom ersten Augenblick an den gewiß nicht leicht zu nehmenden und mit gewichtigen Argumenten belegten Vorwurf erhoben, daß die Marxsche Lehre schon in ihrer Grundlage mit logischen und tatsächlichen Widersprüchen aller Art behaftet sei. Es hätte dem Marxschen Werke somit leicht begegnen können, daß es bei keinem Teile des Publikums eine gute Stätte gefunden hätte: bei dem großen Publikum nicht, weil es sich auf seine schwierige Dialektik überhaupt nicht verstand, und bei den Fachleuten nicht, weil es sich auf dieselbe und auf ihre Schwächen zu gut verstand. Tatsächlich ist es anders gekommen.

Auch der Umstand war dem Einfluß des Marxschen Werkes nicht hinderlich, daß es bei Lebzeiten des Verfassers ein Torso blieb. Sonst pflegt man – und nicht mit Unrecht – gerade gegen isolierte erste Bände neuer Systeme besonders mißtrauisch zu sein. In „allgemeinen Teilen“ lassen sich ja allgemeine Grundsätze recht schön vortragen; aber ob sie die lösende Kraft, die ihr Autor ihnen zuschreibt, wirklich besitzen, das erprobt sich erst im Ausbau des Systems, erst wenn sie der Reihe nach gegen alle einzelnen Tatsachen gehalten werden. Und in der Geschichte der Wissenschaften sind die Fälle gar nicht selten, in denen einem hoffnungs- und anspruchsvoll hinausgesandten ersten Bande trotz Lebens und guter Gesundheit des Verfassers ein zweiter Band überhaupt nicht mehr folgte, weil eben der neue Grundgedanke die Feuerprobe der konkreten Tatsachen vor dem genauer zusehenden Verfasser selbst nicht bestehen konnte. Karl Marx hat unter solchem Mißtrauen nicht gelitten. Die Masse seiner Anhänger schoß ihm auf Grund des ersten Bandes ungemessenes gläubiges Vertrauen auch auf den Inhalt der noch ungeschriebenen Bände des Systems vor.

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Dieser Glaube auf Kredit wurde in einem Falle auf eine besonders harte Probe gestellt. Marx hatte in seinem ersten Bande gelehrt, daß aller Wert der Waren sich auf die in ihnen verkörperte Arbeit gründe, und kraft des „Wertgesetzes“ dieselben sich somit im Verhältnis der in ihnen verkörperten Arbeit vertauschen müssen: daß ferner der den Kapitalisten zufallende Profit oder Mehrwert die Frucht einer an den Arbeitern geübten Ausbeutung sei, daß jedoch die Größe des Mehrwerts nicht im Verhältnis zur Größe des ganzen vom Kapitalisten angewendeten Kapitales, sondern nur zur Größe des „variablen“, d. i. zur Bezahlung von Arbeitslöhnen verwendeten Teiles desselben stehe, während das zum Ankauf von Produktionsmitteln verwendete sogenannte „konstante“ Kapital keinen „Mehrwert ansetzen“ kann. Tatsächlich steht aber im Leben der Kapitalgewinn in Proportion zum gesamten investierten Kapitale, und was damit zum erheblichen Teile zusammenhängt, tatsächlich vertauschen sich auch die Waren nicht im Verhältnis zu der in ihnen verkörperten Arbeitsmenge. Hier gab es also einen Widerspruch zwischen System und Tatsachen, dessen befriedigende Aufklärung kaum möglich schien. Marx selbst war der vorliegende Widerstreit nicht entgangen. Er sagt darüber: „Dieses Gesetz“ – daß nämlich der Mehrwert im Verhältnis nur zu den variablen Bestandteilen der Kapitale stehe – „widerspricht offenbar aller auf den Augenschein gegründeten Erfahrung“[1]. Aber er fährt damit fort, den Widerspruch für einen bloß scheinbaren zu erklären, dessen Lösung noch viele Zwischenglieder erfordere und für spätere Bände seines Werkes in Aussicht gestellt wird[2]. Die gelehrte Kritik freilich meinte, mit aller Bestimmtheit prophezeien zu dürfen, daß Marx dieses Versprechen nie werde einlösen können, weil der Widerspruch ein unversöhnlicher sei, und suchte dies eingehend zu beweisen. Auf die Masse seiner Anhänger machten aber diese Deduktionen gar keinen Eindruck; das bloße Versprechen von Marx galt ihnen mehr als alle logischen Gegenbeweise.

Die Spannung wuchs, als auch der schon nach dem Tode des Meisters herausgegebene zweite Band seines Werkes weder den angekündigten Lösungsversuch, der nach dem Plane des gesamten Werkes dem dritten Bande vorbehalten war, noch auch nur die leiseste Andeutung darüber brachte, in welcher Richtung Marx die Lösung zu suchen beabsichtigte. Dagegen enthielt das Vorwort des Herausgebers Friedrich Engels einerseits die abermalige bestimmte Ankündigung, daß in dem von Marx hinterlassenen Manuskripte die Lösung enthalten sei, andererseits eine zunächst an die Anhänger des literarischen Rivalen Rodbertus gerichtete öffentliche Herausforderung, in der Zwischenzeit bis zum Erscheinen des dritten Bandes die Lösung des Rätsels, „wie nicht nur ohne Verletzung des Wertgesetzes, sondern vielmehr auf Grundlage desselben eine gleiche Durchschnittsprofitrate sich bilden kann und muß“, aus eigener Kraft zu versuchen.

Ich halte es für eine der glänzendsten Huldigungen, die dem Denker Marx dargebracht werden konnten, daß jene Herausforderung so zahlreich aufgenommen worden ist, und zwar aus viel weiteren Kreisen, als aus denjenigen, an die sie zunächst gerichtet gewesen war. Nicht bloß Anhänger von Rodbertus, sondern auch Männer aus dem eigenen Lager von Marx und selbst Ökonomen, die keinem dieser beiden Häupter der sozialistischen Theorie Gefolgschaft leisteten, sondern von Marx wahrscheinlich als „Vulgärökonomen“ bezeichnet worden wären, bemühten sich um die Wette, in das mutmaßliche Gefüge der noch in Geheimnis gehüllten Marxschen Gedankengänge einzudringen. Es entwickelte sich zwischen 1885, dem Jahre des Erscheinens des zweiten, und 1894, dem Jahre des Erscheinens des dritten Bandes des Marxschen Kapitals, eine förmliche Preisrätselliteratur über die „Durchschnittsprofitrate“ und ihr Verhältnis zum „Wertgesetz“[3]. Freilich, den Preis hat keiner der Bewerber davongetragen, wie der nun gleichfalls dahingeschiedene Fr. Engels in dem Gerichte konstatierte, das er über sie in seinem Vorwort zum dritten Bande hielt.

Mit dem lange verzögerten Erscheinen dieses Schlußbandes des Marxschen Systems ist die Sache endlich in das Stadium der definitiven Entscheidung gerückt. Von dem bloßen Versprechen einer Lösung konnte jeder so viel oder so wenig halten, als er wollte. Versprechen auf der einen und Gründe auf der anderen Seite waren gewissermaßen inkommensurabel. Auch Erfolge gegen fremde Lösungsversuche, wenn diese auch nach der Meinung und dem Bemühen ihrer Urheber noch so sehr im Geiste der Marxschen Theorie gehalten waren, brauchten von den Anhängern der letzteren nicht anerkannt zu werden: sie konnten immer noch von der verfehlten Nachbildung an das verheißene Urbild appellieren. Nun ist dieses endlich an das Licht getreten und damit für den dreißigjährigen Streit ein fester, eng und klar umgrenzter Kampfplatz gewonnen, innerhalb dessen beide Teile, statt immerfort auf künftige Enthüllungen zu vertrösten oder auf proteusartig sich verschiebende unauthentische Auslegungen abzuspringen, gehörig standhalten und die Sache ausfechten müssen. Hat Marx selbst sein Rätsel gelöst? Ist sein abgeschlossenes System sich und den Tatsachen getreu geblieben oder nicht?

Dies zu untersuchen, ist die Aufgabe der folgenden Blätter.

[1] Das Kapital, I., 2. Aufl., S. 312.
[2] A.a.O., S. 312 u. 542 a. E.
[3] Einer Aufzählung Lorias (L‘ opera Postuma di Carlo Marx, Nuova Antologia, fasc. 1. Februar 1895 p. 18) folgend, welche auch einige mir nicht bekannte Aufsätze enthält, gelange ich zu folgender Liste: Lexis, Jahrbücher für Nationalökonomie, 1885, N. F. Bd. XI S. 452 – 465;
Schmidt, Die Durchschnittsprofitrate auf Grund des Marxschen Wertgesetzes, Stuttgart 1889; eine Erörterung letzterer Schrift durch den Verfasser in der Tübinger Zeitschrift f. d. ges. Staatsw., 1890, S. 590 ff.; durch Loria in den Jahrbüchern für Nationalökonomie, N. F. Bd. 20 (1890) S. 272 ff.; Stiebeling, Das Wertgesetz und die Profitrate, New York 1890; Wolf, Das Rätsel der Durchschnittsprofitrate bei Marx, Jahrb. f. Nationalök. III. F. Bd. 2 (1891) S. 352 ff.; abermals Schmidt, Neue Zeit 1892/3 No. 4 u. 5; Lande, ebenda No. 19. u. 20; Fireman, Kritik der Marxschen Werttheorie, Jahrb. f. Nationalök. III. F. Bd. 3 (1892) S. 793 ff.; endlich Lafargue, Soldi, Coletti und Graziadei in der Critica Sociale vom Juli bis November 1894.

Eugen von Böhm-Bawerk (1851 – 1914) war Ökonom, Jurist, Finanzminister, Lehrer und gilt als Vertreter der sogenannten „zweiten Generation“ der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Böhm-Bawerk tat viel, um Carl Mengers Theorien über Wert, Preis, Kapital und Produktion weiterzuentwickeln. So ergänzte er Mengers Grenznutzenlehre um eine subjektivistische Kapitaltheorie, wonach der Kapitalzins in einem Marktprozess zwischen Individuen mit unterschiedlichen Zeitpräferenzen entsteht.

Im Gegensatz zu Karl Marx hielt Böhm-Bawerk den Gewinn des Unternehmers für eine Voraussetzung für die Erwirtschaftung eines Sozialproduktes. Sein zweibändiges Werk „Kapital und Kapitalzins“ (1884) enthält eine vernichtende Kritik an der Marxschen Ausbeutungstheorie. Im 1896 erschienen Essay „Zum Abschluss des Marxschen Systems“ formulierte er seinen Hauptpunkt der Kritik an der von Marx und Engels versprochenen aber nie geleisteten Auflösung des Transformationsproblems.

Neben Carl Menger und Friedrich von Wieser gilt Böhm-Bawerk als Gründungsfigur der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, die später von seinem wohl bekanntesten Schüler Ludwig von Mises fortgeführt wurde. Weitere Schüler Böhm-Bawerks waren Otto Bauer, Otto Neurath und Joseph Schumpeter.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: wikimedia commons

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