Der Wurm muss nicht dem Angler schmecken

18. Juni 2021 – von Andreas Tiedtke

Andreas Tiedtke

[Auszug aus dem Buch „Der Kompass zum lebendigen Leben“ (FinanzBuch-Verlag), in dem sich der Autor mit der Praxeologie beschäftigt, warum sie Kompass sein kann und wie wir mit unseren Mitmenschen friedlich und freundlich zusammenleben können. Der Text ist dem Abschnitt „Werturteile – Subjektivität des Wertens und Wollens“ entnommen. Zur besseren Lesbarkeit wurde auf die Veröffentlichung der Fußnoten verzichtet.]

Bevor die sogenannte subjektive Wertlehre entdeckt wurde, gab es sehr unterschiedliche Ansichten dazu, wie eine Sache oder ein Mittel Wert erhält. Manche meinten, es habe etwas mit der aufgewendeten Arbeit zu tun, andere mit den Kosten. Noch heute meinen Menschen, dass sie die besten Verkaufspreise für ihre Güter (Waren und Dienstleistungen) herausfinden, wenn sie in einer Kostenrechnung die Kosten entspre­chend dem Verursacherprinzip aufteilen und dann entsprechend die Verwaltungskos­ten und den Gewinnsatz aufschlagen. Auch politische Unternehmer meinen zuweilen, dass es auf Verdienste ankomme, die sich jemand innerhalb der Partei oder des Staates erworben habe, und nicht darauf, wie »beliebt« der mögliche Kandidat beim »Wähler« wohl sein wird, also das voraussichtliche, wenn auch geschätzte, Stimmergebnis.

Früher rätselte man, wieso Diamanten wertvoller seien als Wasser, und heute noch raten einige – in Unkenntnis der subjektiven (persönlichen) Wertlehre, wieso der Bit­coin, eine Kryptowährung, eine sogenannte Blockchain (Liste von Datensätzen, Blö­cken, die mit Streuwerten, Zeitstempeln und Übertragungsdaten miteinander verkettet sind), wieso also dieser Bitcoin einen höheren Wert als Gold erhalten konnte, obwohl Gold doch einen »intrinsischen« (inneren) Wert habe. Bei Banknoten wundern sich manche, wieso diese als Zahlungsmittel akzeptiert werden, obwohl es doch nurmehr Papiergeld ist und als sogenanntes Fiat-Geld bei der herausgebenden Zentralbank von Privatleuten gegen nichts eingetauscht werden kann.

Wie wir bereits gesehen haben, erhalten Mittel ihren Wert von den Zielen, die die Menschen mit den Mitteln verfolgen, von der Verminderung der Unzufriedenheit, die sie sich von dem Gut (Ware oder Leistung) erwarten. Menschen kaufen auch nicht Gold oder Diamanten oder Wasser an sich, sondern es sind stets konkrete Mengen von Diamanten, Gold, Wasser oder Schuhen, die sie eintauschen gegen – wenn es ein Kaufvertrag ist – konkrete Mengen des marktfähigsten Tauschmittels, und das ist Geld. Welche Kosten der Hersteller hatte oder wie viel Arbeitszeit er aufgewendet hat, ist aus der Sicht der Kunden irrelevant. Die Käufer verfolgen ihre eigenen Ziele, und von die­sen aus bewerten sie die Mittel. Wenn ich mich zehn Stunden hinsetze und ein Bild male, werde ich nur schwer überhaupt einen Abnehmer für das Bild finden, wenn ich nicht »gut« malen kann (gut aus Sicht der möglichen Käufer). Unzählige Unterneh­men haben das Problem, dass sie Arbeit, Kapital und Boden zu Preisen einkaufen, die in Summe die Preise, die sie mit den von ihnen produzierten Gütern erzielen, über­steigen. Sie machen Verluste, verlieren einen Teil ihres Vermögens oder ihr ganzes Ver­mögen. Wenn Sie heute versuchen, ein Unternehmen zu gründen, werden sie merken, wie schwer es ist, für Kunden Wert zu schaffen, also mit ihren gesamten Einnahmen alle Aufwendungen zu decken.

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Werten findet auch nicht generell statt, und auch »der Markt« bewertet nicht, son­dern es sind immer Einzelne in konkreten Situationen, die werten. Der Markt ist kein handelndes Wesen, genauso wenig wie der Staat oder die Nation oder das Volk, sondern ein geistiges Bild. Handeln können nur Einzelne. Wo viele Einzelne handeln, nennen wir die Plätze Märkte oder Börsen, egal ob lokal (örtlich) oder digital (im Internet). Die Angebote und Gebote der vielen Einzelnen führen dazu, dass sich Austauschverhält­nisse zwischen Gütern und Preisen bilden zwischen

  1. dem Angebot des Verkäufers, der zu dem höchsten Gebot eines Käufers eine be­stimmte Menge nicht verkauft, einerseits und
  2. dem Gebot des Käufers, der zum günstigsten Angebot eines Verkäufers eine be­stimmte Menge nicht kauft, andererseits.

Der Käufer und der Verkäufer schließen bei einer Vielzahl von Käufern und Verkäufern (Marktplatz, Börse) zwischen den Angeboten und Geboten ab, die gerade keinen Käufer oder Verkäufer mehr finden. Es geht aber immer um ganz konkrete Austauschverhältnisse. Noch nie haben Einzelne alles Wasser gegen alle Diamanten verkauft, sondern immer konkrete Mengen, und die Preise sind auch nicht »stabil«, sondern sie ändern sich; sobald ein Austausch vollzogen ist (Transaktion beendet), finden sich andere Austauschverhältnisse zwischen anderen Käufern und Verkäufern und von an­deren Mengen.

Ein in der Wüste Verschollener wird wahrscheinlich ein Glas Wasser einem Diamanten vorziehen. In einer anderen Situation, etwa im Antwerpener »Diamantenviertel«, hätte er niemals ein Glas Wasser einem Diamanten vorgezogen. Dass Dinge wiederum »begehrt« sind, weil sie alle Menschen brauchen, führt nicht dazu, dass diese Dinge »teuer« sein müssten. Etwa braucht jeder Mensch Wasser und Lebensmittel, so er denn überleben will, und nahezu jeder möchte Kleidung und Schuhe. Die Menschen bewerten diese Dinge hoch in dem Sinne, dass sie jeder haben will. Aus diesem Grund gibt es zahlreiche andere Menschen, die diese Dinge herstellen und verkaufen. Und aus diesem Grund sind solcherlei Massenprodukte günstiger als »Luxuswaren«, wie etwa Kaviar oder teurer Schmuck, weil weniger Menschen dafür bereit sind, Geld zu bieten, allerdings bereit sind, hohe Geldpreise dafür zu bezahlen.

Auch die Knappheit der Güter ist nicht das Kriterium, von dem sie ihren Wert er­halten, wie etwa, dass Gold selten wäre oder Diamanten, hingegen Wasser nicht, sondern die Knappheit ist die Voraussetzung dafür, dass etwas überhaupt einen Wert erhält. Nicht-knappe Dinge sind aus der Sicht der Handelnden überhaupt keine Güter, denn Nicht-Knappheit bedeutet, dass es gleichgültig ist, ob ich das Gut verwende oder nicht. Ein allgemein bekanntes Konzept wie das Rad ist heute kein knappes Gut, da das Konzept des Rades jedermann bekannt ist. Es (das Konzept des Rades) ist kein Gut. Zeit ist knapp, da ich die Zeit, die ich für die eine Unternehmung aufwende, nicht für eine andere Unternehmung aufwenden kann. Auch im Handeln des Einzelnen gibt es knappe Güter, so kann Robinson Crusoe den Teil seines Vorrates, den er heute ver­braucht, nicht mehr morgen verbrauchen. Knappheit schafft also nicht in dem Sinne Wert, sondern wir werten Dinge überhaupt nur, wenn sie knapp sind. Dem steht nicht entgegen, dass unter sonst gleichen Umständen ein Rückgang der Angebotsmenge zu höheren Preisen führt.

Mit seiner berühmten Bedürfnispyramide wollte der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow (1908–1970) aufzeigen, dass der Mensch zuerst seine Grundbedürf­nisse befriedigt, also Essen, Trinken, ein Dach über dem Kopf und dann, zur Spitze der Pyramide hin, immer »exotischere« Bedürfnisse bis hin zur »Selbstverwirklichung« (dazu kommen wir später). Maslow operierte im Erfahrungsbereich des Verstehens und in diesem Erfahrungsbereich hat sein Modell seine Berechtigung, aber natürlich ist das praxeologisch nicht notwendig. Es gibt Einzelne, denen steht das Wasser bis zum Halse und die können sich kaum eine gute Mahlzeit leisten, würden aber nie ihre Markentasche hergeben. Menschen können wählen, einem körperlichen Bedürfnis nach­zugeben oder den Hunger lieber auszuhalten und erst in einer Stunde zu frühstücken. Menschen wählen auch mal den Tod – entgegen aller körperlichen und sonstigen Bedürfnisse –, zum Beispiel wenn sie ihr eigenes Kind vor einem herannahenden Zug retten und dabei umkommen oder wenn sie sich selbst in die Luft jagen, weil sie damit ihr Seelenheil befördern wollen. Ihnen ist dann das Leben des Kindes oder das ersehnte Seelenheil wichtiger als all ihre körperlichen Bedürfnisse, als ihr Leben.

Dass die Menschen Bitcoin und Gold oder auch Geld Wert beimessen, sehen wir, wenn wir auf die Austauschverhältnisse zwischen den jeweiligen Mitteln blicken. Die Menschen tauschen Geld, das tauschfähigste Gut, nicht nur gegen herkömmliche Waren, sondern auch gegen Bitcoin und Gold, und diese Austauschverhältnisse sind Werturteile. Wir wissen, dass demjenigen, der Geld gegen Gold tauscht, das Gold wertvoller ist als das Geld, das er dafür hingibt. Und umgekehrt wissen wir, dass der Verkäufer das Geld vorzieht.

Bei der Kryptowährung Bitcoin fragen sich manche, ob sie denn eher als Geld oder eher als Wertanlage zu sehen sei, und auch Gold betrachten manche als »Wertspeicher«. Bei dem Gedanken, dass man Wert lagern könne, handelt es sich um eine Analogie etwa zu Waren, die man lagern kann. Sie können natürlich das physische Gold lagern, aber den Wert können sie nicht lagern. Wert ist keine physikalische Eigenschaft, sondern das Resultat menschlichen Handelns. Anhand der chemischen Eigenschaf­ten kann etwas als Gold identifiziert werden, und Gold selbst lässt sich als Edelmetall für alle praktischen Verhältnisse sehr gut lagern. Bitcoin lässt sich ebenfalls eindeutig und unpersönlich (objektiv) identifizieren. Aber der Wert ist nicht in diesen Dingen, sondern in den Bewertenden, also in Handelnden, die in Zukunft Geld – oder andere Vermögensgegenstände – gegen diese Mittel austauschen werden. Wert ist also nichts Permanentes, ist nichts, was dem Bewerteten anhaftet, sondern was in einer konkreten Handlung eines Bewertenden offenbar wird.

Psychologen thematisieren die Wertschätzung von Personen. Sie sprechen von Per­sonen, die sich nicht selbst wertschätzen können, sondern Wertschätzung von anderen Personen brauchen, und sie sprechen von mangelndem Selbstwert. Auch hier gilt: Wer­ten wird im Handeln offenbar, und eine dauerhafte Wertschätzung gibt es nicht. Wenn Menschen Ihnen gegenüber freundlich sind und sagen, dass sie Sie mögen, gernhaben, also Sie als Person gut finden, dann sagt das etwas darüber aus, was diese Personen mögen, wollen oder vorziehen, also über deren Vorlieben (Präferenzen), aber nichts was unmittelbar einen »inneren« Wert Ihrer Person beträfe. Und umgekehrt, wenn Menschen ein Unwerturteil gegenüber Ihnen aussprechen, sagt das nichts über Ihren Wert »an sich« aus, sondern über deren Wählen, Werten und Wollen, denn Wert ist nicht unpersönlich, sondern persönlich, also stets: Wert »für wen«?

Manche Psychotherapeuten und Psychiater versuchen, Menschen mit geringem Selbstwert ein besseres Selbstwertgefühl zu vermitteln, indem sie eine vorhandene Spaltung des Einzelnen aufrechterhalten und mit Methoden wie dem »inneren Kind« oder »behandle dich, als wärst du dein bester Freund« oder dergleichen versuchen, eine »Heilung« herbeizuführen. Andere Psychologen versuchen den Menschen zu vermitteln, zu für sie günstigeren Einstellungen und Überzeugungen zu gelangen im Hinblick auf die eigene Person und für sich selbst sogenannte Einstellungssätze zu formulieren, wie etwa: »Ich liebe mich so, wie ich jetzt bin!«

Der Handelnde ist immer der Einzelne. Wenn einer seine Person »aufspaltet«, als wäre er zwei Personen, dann wähnt er zwei Handelnde, wo nur ein Einzelner ist. In ext­remen Fällen sprechen die Psychologen und Nervenärzte hier von Schizophrenie. Aber auch einer, der davon ausgeht, dass er sich selbst wertschätzen könnte, spaltet sich in zwei Personen auf, in zwei Einzelne: den Wertschätzenden und den Wertgeschätzten, wo es aber nur einen Handelnden gibt. Wertschätzen bedeutet A gegenüber B vorziehen, das eine gegenüber dem anderen. Wenn ich heute früh Tee gegenüber Espresso vorgezogen habe, heißt das, dass ich Tee gegenüber einer anderen Möglichkeit gewählt habe. Der Einzelne, der Handelnde wertet, indem er A gegenüber B vorzieht. Der Handelnde wählt und wertet ständig, aber er kann nicht zu sich selbst als Handelnder ins Verhältnis treten. Er ist der Einzelne, Max Stirner spricht vom Eigner, man könnte auch vom »Ungespaltenen« sprechen. Er ist Eigner seines Körpers, seiner Emotionen, Gedanken und Gefühle, soweit er sie in seiner Gewalt hat, also entsprechend seinem Vermögen. So kann er zum Beispiel keinen Spagat machen, wenn sein Körper nicht dazu imstande ist, und wer seine Triebe oder seinen Ärger nicht in seiner Gewalt hat, ist (noch) nicht Eigner derselben. Aber was er in seiner Gewalt hat, darüber entscheidet der Einzelne, und wer sich nicht als Einzelner wähnt, sondern als mehrere Handelnde, Wertende und Wollende, der sieht nicht, dass der Organismus, den wir als Person bezeichnen, der Handelnde ist, und zwar der einzige Handelnde.

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Hier sehen Sie einen Vortrag von Andreas Tiedtke: Umwelt- und Katastrophen-Meme im Dienste des Interventionismus –eine praxeologische Betrachtung (8. Jahreskonferenz des Ludwig von Mises Institut Deutschland am 10. Oktober 2020 in München)

Dr. Andreas Tiedtke ist Rechtsanwalt und Unternehmer.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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