Warum die Österreichische Schule mehr denn je gebraucht wird

13.2.2013 – von Mathias Erlei.

Mathias Erlei

In der zweiten Hälfte des Jahres 2008 brach die große Finanz- und Wirtschaftskrise aus. Seitdem laborieren die Industriestaaten daran, ohne das Problem auch nur partiell gelöst zu haben. Es gilt derzeit schon als großer Erfolg, wenn die Krisensymptome zurückgedrängt werden konnten. Doch der Wirtschaftskrise hat sich inzwischen eine Staatsschuldenkrise angeschlossen, und man mag schon nicht mehr ausschließen, ob sich dieser nicht noch eine Krise der Geld- und Währungsordnung hinzufügen wird. Die Konsequenz aus diesen Krisen ist eine sich immer schneller drehende Interventionsspirale und eine immer weiter verbreitete Marktfeindlichkeit.

Wie konnte es soweit kommen? Die eigentliche Ursache liegt darin, dass weder die Entstehung noch der Verlauf der Krise mit den herrschenden Standardmodellen der makroökonomischen Theorie – im Folgenden als Mainstream-Theorie bezeichnet – überzeugend erklärt werden kann. Die Ansätze basieren auf Abbildern der Wirtschaft, die wenig (zumeist keinen) Raum für Fehlallokationen im Sinn einer nicht nachhaltigen Wirtschaftsstruktur lassen. Im Wesentlichen wird nur ein Mehr oder ein Weniger an wirtschaftlicher Aktivität dargestellt, die Zusammensetzung der Wirtschaft, ihre Struktur wird aber (bewusst) ausgeblendet. Dies führt letztlich zu einer Überschätzung der Steuerbarkeit der Wirtschaft durch die ökonomischen Stellschrauben des staatlichen Angebots- des Nachfragemanagements.

An dieser Stelle kommt die Österreichische Schule (ÖS) ins Spiel, denn sie liefert eine andere, eine breitere Perspektive zur Analyse von Marktprozessen, die zu teilweise diametral entgegengesetzten wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen führt.

1. Der umfassendere Ansatz der Österreichischen Schule

Der vielleicht wichtigste Aspekt „der Österreicher“ ist die Erkenntnis, dass der Markt weder als Ort, noch als Gleichgewichtszustand, sondern als ein Prozess zu verstehen ist. In diesem Prozess wirken Kräfte, die eine Annäherung an einen Gleichgewichtszustand bewirken, doch wird dieser Zustand niemals ganz erreicht.

Diese Prozessperspektive basiert auf einem soliden mikroökonomischen Fundament – die ÖS gehört zu den Begründern der Mikroökonomik und stand wohl bis etwa Mitte der dreißiger Jahre im Zentrum der ökonomischen Theorie. Im Gegensatz zur auf Gleichgewichtszustände beschränkten Mainstream-Ökonomik betont sie aber drei Aspekte des wirtschaftlichen Handelns wesentlich stärker: (1) Menschliches Handeln wird zwar als zielgerichtet und intendiert rational angesehen, doch bleibt das reale Verhalten der Menschen nur unvollkommen rational. Dies schließt die nicht perfekte Antizipation aller zukünftigen Ereignisse (rationale Erwartungen) ein, woraus folgt, dass Anpassungsprozesse nicht unendlich schnell erfolgen und der damit verbundene Zeitbedarf Kosten verursacht. (2) Das individuelle Handeln wird von heterogenen, subjektiven Präferenzen und auch von subjektiven Erwartungen (basierend auf dem höchst unterschiedlichen Informationsstand der vielen Wirtschaftsakteure) geleitet. Die fundamentale Unvollständigkeit der Informationen des einzelnen Entscheidungsträgers bedeutet, dass alle zukunftsgerichteten Handlungen notwendigerweise spekulativer Natur sind. Spekulation ist wesentlicher Bestandteil wirtschaftlichen Handelns und eignet sich nicht als Sündenbock für beliebige gesellschaftliche Missstände. (3) Entrepreneure als Unternehmer im eigentlichen Sinn suchen nach Preisdifferenzen zwischen Beschaffung, Verarbeitung und Verkauf. Insoweit es ihnen gelingt, eine solche Differenz ausfindig zu machen, um damit einen Gewinn zu erzielen, tragen sie unmittelbar zum Gelingen des Marktprozesses bei. Alle drei Aspekte zusammen führen zu einem Bild des Marktes als komplexem Trial-und-error-Prozess, in dem Gewinne und Verluste das Handeln der Menschen kanalisieren. Man beachte, dass auch die Verluste eine wichtige Lenkungsfunktion ausüben, als sie verdeutlichen, dass Ressourcen derzeit in einer verschwenderischen Weise verbraucht werden.

Das Verständnis des Marktes als Prozess hat weitreichende Auswirkungen: Zum einen impliziert der Umstand, dass sich die Wirtschaft noch nicht im Gleichgewichtszustand befindet, dass man in der Analyse auch nicht die Eigenschaften unterstellen darf, die nur im Gleichgewicht gelten. Zum Beispiel darf man außerhalb des Gleichgewichts keine paretooptimalen Zustände erwarten. Zum anderen verdeutlicht die Prozessperspektive, dass der Gleichgewichtszustand heute noch unbekannt ist und dass wir den Marktprozess dringend dafür benötigen, um uns dem Gleichgewicht anzunähern.

Ein zweiter fundamentaler Beitrag der ÖS besteht in ihrer Kapitaltheorie. Die Mainstream-Modelle bilden Kapital in der Modelldarstellung als beliebig schnell sowie als beliebig und kostenlos formbare Masse ab. Ansonsten wäre die wertmäßige Abbildung in Form der Produktionsfunktion nicht zulässig. Im Gegensatz dazu unterscheidet die ÖS Kapital und heterogene Kapitalgüter streng voneinander. Da Kapitalgüter ihre physikalischen Eigenschaften nicht beliebig ändern können, spielen Fehlinvestitionen, also Investitionen in gesellschaftlich unrentable Projekte, in der ÖS eine große Rolle. Eine solche könnten sie in der Neoklassik auf Grund der vereinfachten Abbildung des Kapitals gar nicht einnehmen.

Ein dritter, großer Aktivposten der ÖS ist die Konjunkturtheorie. Während Mainstream-Modelle vorrangig exogene Schocks oder reine Zufallseinflüsse benötigen, um spontane konjunkturelle Abschwünge zu erklären, liefert die Österreichische Konjunkturtheorie eine vollständige Erklärung für Auf- und Abschwungmuster. Die Wirtschaftskrise 2008/2009 ist ein Musterbeispiel für den ÖS-Ansatz. So zeigt er besser als alle anderen mir bekannten Alternativen, wie die vorherige Überhitzung der Konjunktur entstand und warum sie im schlimmen Einbruch enden musste. Das Wesen der Wirtschaftskrise hat jedoch auch Auswirkungen auf die Problemlage, wie sie sich heute darstellt. Wenn nämlich der künstliche Boom zwischen 2006 und 2008 durch Fehlinvestitionen getrieben wurde – etwa die vermutlich überzogene Ausweitung des spanischen Immobiliensektors –, dann müssen diese heute oder in absehbarer Zukunft korrigiert werden und ein hoher Wertverlust verbucht werden. Endlose Verlängerungen und Verstärkungen monetärer Impulse helfen zwar die vorhandene Struktur aufrecht zu erhalten, verhindern damit aber zugleich die unvermeidliche Strukturanpassung.

Während die Mainstream-Theorie den Geld- und Finanzsektor weitgehend aus ihrem Blickfeld verdrängt hat ­– dafür war in den Dynamic Stochastic General Equilibrium Modellen kein Platz vorhanden – steht die Bedeutung des Geldes und der Geldordnung im Zentrum der ÖS. Insbesondere wird gezeigt, dass eine Gefährdung der Geldordnung den gesamten Wirtschaftsprozess bedroht. Das Kurieren der Symptome durch die Politik der EZB könnte somit Probleme auslösen, die weit schlimmer sind als die derzeit schon so schwer beherrschbaren.

Last but not least hat die ÖS die Bedeutung und die Funktion von Institutionen viel stärker in ihr Theoriegebäude integriert als die weitgehend institutionenlose Mainstream-Makroökonomik. An vielen Stellen wachsen die neue Institutionenökonomik und die ÖS förmlich zusammen. Warum ist dies gerade jetzt und heute wichtig? Weil die derzeitige ad-hoc-Politik des Symptombekämpfens begleitet wird von einer Politik der unbedingten und unbedachten europäischen Integrationspolitik, die Institutionen und Organisationen schafft, deren Funktionsfähigkeit mehr als fragwürdig ist.

Ich hoffe, hiermit gezeigt zu haben, wie wichtig die Rückbesinnung auf Grundeinsichten der ÖS gerade heute ist. Dies schließt allerdings nicht aus, dass auch die ÖS offen sein sollte für neue Entwicklungen.

2. Warum sich die Österreichische Schule weiterentwickeln muss

Als Ökonom, der nicht zum inneren Zirkel der „Österreicher“ gehört, kann man sich gelegentlich des Eindrucks nicht erwehren, die ÖS stelle eine „geschützte Marke“ dar, deren Eigentümer sorgsam darauf achten, dass jede Änderung oder Weiterentwicklung zunächst formal zu genehmigen ist. Manche Beiträge gleichen eher einer Mises- oder Hayek-Exegese als einer eigenständigen Forschungsarbeit. Bei aller (geteilter) Bewunderung der Arbeiten von Hayek und Mises: Sie stellen doch nicht das Wort Gottes dar, das nun nur noch gedeutet werden darf.

Es ist hochgradig erstaunlich, dass gerade die ökonomische Schule, die so stark den Gedanken des Entrepreneurship betont, so wenig Entrepreneurship im eigenen, wissenschaftlichen Bereich zulässt. Hinzu kommt die Verweigerung der inhaltlichen Diskussion mit der Mainstream-Ökonomik, die mathematische Modelle nutzt oder multivariate ökonometrische Studien durchführt. Mathematik ist nur eine Sprache mit spezifischen Vorzügen und Nachteilen. Nichts spricht dagegen, auch innerhalb der ÖS die Vorteile der mathematischen Analyse zu nutzen, man muss sich nur der Grenzen ihres Einsatzes bewusst sein. Ähnliches gilt für die multivariaten statistischen Analysemethoden. Zugegeben, ihr Einsatz erfolgt nicht selten ziemlich unbedacht. Auch wird der Aussagegehalt der Ergebnisse oftmals weit überschätzt. Man kann einen großen Teil der Kritik der ÖS an der Verwendung der Ökonometrie akzeptieren, ohne ihren Einsatz prinzipiell abzulehnen. Sie ist schlicht ein nützliches Instrument, wenn es darum geht, die relative Bedeutung unterschiedlicher Effekte grob abzuschätzen. Auch ein Hammer ist keine Allzweckwaffe, ist aber gelegentlich hilfreich, wenn man ein Bild aufhängen möchte.

Wenn die ÖS in der wirtschaftspolitischen Kontroverse größeren Einfluss gewinnen möchte, sollte sie die Waffen der Kontrahenten beherrschen. Inhaltlich hat sie – durch den weit umfassenderen Ansatz – eh schon einen klaren Wettbewerbsvorteil.

Foto-Startseite: Friedrich A. von Hayek und Ludwig von Mises (Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama)

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Professor Dr. Mathias Erlei ist Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Clausthal (http://www.wiwi.tu-clausthal.de/index.php?id=430) und Mitglied im Energie-Forschungszentrum Niedersachsen.

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