„Österreicher“ sind keine Propheten

27.2.2013 – Die Ökonomen der „Österreichischen Schule“ waren es, die die jetzige Finanz- und Wirtschaftskrise als logische Folge des vorangegangenen Papiergeldbooms prognostizierten, darunter Jörg Guido Hülsmann, dessen im Jahr 1999 erschienenen Beitrag „Die wirtschaftlichen und politischen Folgen von EZB und Euro“ (aus dem Nachwort von „Das Scheingeldsystem“ von Murray N. Rothbard) wir nachfolgend abdrucken. Liest man heute seine damalige Prognose, möchte man ihm beinahe prophetische Fähigkeiten unterstellen, doch waren es ganz sicher die Erkenntnisse von Ludwig von Mises und Murray N. Rothbard, die ihn damals zu solcher Weitsicht befähigten. Heute – 14 Jahre später – sieht sich Jörg Guido Hülsmann natürlich bestätigt: „Die Euro-Skeptiker haben auf ganzer Linie recht behalten. Es ist sogar noch schlimmer gekommen als seinerzeit befürchtet wurde, und wir sind noch nicht am Ende. Vor unseren Augen spielt sich eine beispiellose Umverteilung und Kapitalvernichtung ab; wahrscheinlich die größte, die es in Friedenszeiten je gab. Womöglich wird dadurch ein europäischer Zentralstaat entstehen, sicherlich kommt es zu massiver Altersarmut unter jenen, die heute jünger als fünfzig Jahre sind.“

Professor Dr. Jörg Guido Hülsmann ist einer der Referenten der „Ludwig von Mises Institut Deutschland“ Konferenz 2013.

Andreas Marquart

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Die wirtschaftlichen und politischen Folgen von EZB und Euro

Jörg Guido Hülsmann

Die große Frage ist natürlich, welche Politik uns die EZB künf­tig bescheren wird, und leider darf man sich hier keinen Illu­sionen hingeben. EZB und Euro wurden geschaffen, weil das alte System im Begriff war, unter dem Druck der Verschuldung der Nationalstaaten zusammenzubrechen. Doch EZB und Eu­ro schaffen weder die Schulden noch die Abhängigkeit der Staaten von der ständigen Zufuhr neuer Kredite aus der Welt. Sie lösen diese Probleme nicht, sondern werden sie verschär­fen.

Einige Beobachter meinen, dass die künftige Politik der EZB entscheidend davon abhängt, wer sie führt und wie ihre Auf­gaben vom Gesetz bestimmt werden. Vor allem in Deutschland wird der Person des Notenbankpräsidenten große Bedeutung beigemessen, und viele pochen auf den gesetzlichen Vorrang der Geldwertstabilisierung, der die EZB wie zuvor auch die Bundesbank leiten soll.

Doch diese personellen und technischen Details sind uner­heblich. Die entscheidende Tatsache ist vielmehr die folgende: Der Euro ermöglicht neue Kredite, doch er diszipliniert nicht die Staaten. Er wird daher die Staatsverschuldung in Europa neuen Höhen entgegenführen, bis sie an ihre natürliche Gren­ze stößt, genau wie die nationale Verschuldung heute ihre natürliche Grenze erreicht hat. Spätestens dann, wenn der neue Zentralstaat keine weiteren Kredite mehr erhalten kann, wird es zu einer Rückkehr zur Inflationspolitik der 70er Jahre kom­men. Alle Beteuerungen, die von den staatlich besoldeten Für­sprechern der europäischen Währungsunion gemacht wurden, können an dieser Tatsache nichts ändern. Der Euro führt in die Inflation. Er ersetzt lediglich die nationalen Kartelle der Inflationsprofiteure durch ein europäisches Kartell und erschwert es dadurch den Bürgern, sich vor dem Zugriff dieses großen Staates zu schützen.

Diese Entwicklung kann auch keineswegs dadurch verhin­dert werden, dass man eine Europäische Verfassung schafft, die der staatlichen Kreditaufnahme Grenzen vorschreibt und die EZB auf eine bestimmte Politik verpflichtet. Solche geschrie­benen Bestimmungen sind ohnmächtig, wenn sie nicht auch von der öffentlichen Meinung getragen werden, und im Mo­ment steht es so, das die öffentliche Meinung Inflation und Staatsschulden toleriert. Die Deutschen haben es hingenom­men, dass jene Bestimmungen des Maastrichter Vertrags, die die Teilnehmer der Währungsunion anhand objektiver Kriteri­en festlegten, grob verletzt wurden. So wird es auch künftig weitergehen, wenn kein grundlegender Wandel in der öffentli­chen Meinung eintritt. Und wie sollte ein solcher Wandel bei uns entstehen, wo von der Grundschule bis zur Universität al­le Bildungseinrichtungen in staatlichen Händen liegen, wo al­le Radio- und Fernsehanstalten einer staatlichen Lizenz bedür­fen und wo die staatlichen Gerichte bereits davon ausgehen, dass Meinungsfreiheit kein unumstößlicher Grundsatz mehr ist?

Doch EZB und Euro bringen nicht bloß Inflation, sondern begünstigen auch die Zentralisierung der politischen Institu­tionen. Es ist abzusehen, daß die Nationalstaaten zunächst in finanzielle und später auch in politische Abhängigkeit zum neuen Zentralstaat geraten. Denn da die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ihre Kreditwürdigkeit zunehmend verlie­ren, werden sie in immer geringerem Maße neue Kredite auf ei­gene Rechnung erhalten. Statt dessen wird die Europäische Kommission, die aufgrund ihrer Satzung bislang praktisch schuldenfrei geblieben ist, für diese Kredite bürgen müssen. Es ist denkbar, dass die Kommission sich auf die Rolle des Bürgen beschränkt. Es ist aber auch denkbar, dass sie selber Kredite aufnimmt, um dieses Geld direkt in den Mitgliedsstaaten zu verwenden. In jedem Fall werden die überschuldeten Natio­nalstaaten finanziell und politisch abhängig von dem neuen Zentralstaat.

Die gleiche Entwicklung hat sich in vielen Ländern bereits im nationalen Rahmen vollzogen. Ehrgeiz und Verblendung ha­ben im Verlauf der letzten dreißig Jahre viele deutsche Kom­munalpolitiker dazu verführt, für ihre Gemeinden immer mehr Kredite aufzunehmen. Diese Kredite mussten sehr bald schon durch Bürgschaften der Bundesländer abgesichert werden und somit wurden diese Städte und Gemeinde zu einem Mündel der Bundesländer. Doch viele Länder hatten in ihrem Bereich die gleiche Politik verfolgt und wurden abhängig von Kreditbürg­schaften des Bundes. So kommt es, daß heute Länder, Städte und Gemeinden in vielen Politikbereichen keine eigenständi­gen Entscheidungen mehr treffen können. Alle hängen am Tropf der Bundesregierung und brauchen deren Wohlwollen.

Der Bund geht nun seinerseits langsam aber sicher demsel­ben Schicksal entgegen. Es ist zwar tröstlich, dass die deutschen Staatsfinanzen im Vergleich zu anderen Nationen recht passabel erscheinen. Doch dieser Trost gleicht dem des Stürzenden, der andere noch vor sich aufschlagen sieht. Es mag sein dass die Deutschen noch zwei oder drei Jahrzehnte lang halbwegs selbstbestimmt leben können (obwohl es angesichts ihrer kin­dischen Gleichsetzung des Brüsseler Zentralstaates mit „Euro­pa“ zweifelhaft ist, ob sie das überhaupt wollen). Aber lang­fristig wird das nicht möglich sein. Deutschland wird immer mehr unter die Fittiche des großen Brüsseler Molochs geraten, der alle bisherigen Despotien unseres Kontinents in den Schat­ten stellen wird.

Der Brüsseler Staat wird nicht zögern, früher oder später die Verteilung der von ihm verbürgten Kredite in die eigenen Hän­de zu nehmen, um sich somit in den Augen aller europäischen Burger unentbehrlich zu machen. Das liegt in der Natur der Sa­che. Die Macht der Politiker entspringt ihrem Ansehen bei den Bürgern. Warum sollten die Drahtzieher in Brüssel nur die Arbeit tun und es den nationalen Politikern überlassen, die Lor­beeren einzuheimsen? Über kurz oder lang werden daher die Einrichtungen des nationalen Wohlfahrtsstaates (insbesondere die Sozialversicherungen) „harmonisiert“, d. h. unter die Auf­sicht Brüsseler Organisationen gestellt.

Im Ergebnis bringen EZB und Euro somit zweierlei Tenden­zen hervor: einerseits Entstehung und Entfaltung eines zentra­len europäischen Wohlfahrtsstaates, andererseits die Anhäu­fung neuer Schulden im Namen dieses neuen Zentralstaates. Beide Tendenzen führen über kurz oder lang zum Zusammen­bruch – entweder zum Zusammenbruch in der Hyperinflation oder zum Zusammenbruch des allmächtigen Zentralstaates unter seiner eigenen Ineffizienz. Das ist es, was die Zukunft für uns bereithält, falls kein grundlegender Wandel eintritt: ein neues 1923 oder ein neues Sowjetreich.

aus: „Das Scheingeldsystem – Wie der Staat unser Geld zerstört“ von Murray N. Rothbard, Resch-Verlag

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Jörg Guido Hülsmann ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des „Ludwig von Mises Institut Deutschland“. Er ist Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich und Autor von «Ethik der Geldproduktion» (2007) und «Mises. The Last Knight of Liberalism» (2007).

Seine Website ist guidohulsmann.com

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