Die Goldwährung und ihre Gegner (Teil 2)

5.11.2012 – Einleitung: Am 29. Oktober 2012 wurde der erste Teil von „Die Goldwährung und ihre Gegner“ veröffentlicht. Anlass für die Veröffentlichung war ein Beitrag von Wolfgang Münchau auf SPIEGEL ONLINE vom 26. Oktober 2012. Darin wird die Forderung des Bundesrechnungshofes nach Überprüfung der deutschen Goldreserven kritisiert, und die Goldreserven der Deutschen Bundesbank werden als “irrelevant” bezeichnet. Es gäbe, so Münchau, keinen “größeren Giftstoff als dieses Edelmetall, das der Weltwirtschaft die „Große Depression“ in den dreißiger Jahren bescherte”. Weil das eine fehlerhafte und leider auch weit verbreitete Deutung der Rolle des Goldes und des Goldstandards für die Große Depression ist, sollen Münchaus Behauptungen widerlegt werden. Mises‘ zeitlose Schrift „Die Goldwährung und ihre Gegner“ eignet sich dazu par excellence.

Andreas Marquart und Thorsten Polleit

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Die Goldwährung und ihre Gegner (Teil 2)

von Ludwig v. Mises

Goldwährung und Zahlungsbilanz

Ludwig von Mises

Zu den hartnäckigsten Irrtümern, die über die Goldwährung bestehen, gehört die Auffassung, dass ein armes Land nicht in der Lage sei, an der Goldwährung festzuhalten. Doch die Goldwährung hat mit dem größeren oder geringeren Reichtum eines Landes nicht das mindeste zu tun. Jedes Land, ob es arm oder reich ist, kann geordnete Währungsverhältnisse haben, wenn es nur darauf verzichtet, durch übermäßige Ausgabe von Papiergeld die Wirkung des Greshamschen Gesetzes auszulösen, wonach das gute Geld vom schlechten Geld verdrängt wird, wenn es darauf verzichtet, durch große Emission von Banknoten den Zinsfuß künstlich zu ermäßigen. Aus Län­dern, die nur metallische Währung kennen, ist das Geld nie abgeströmt; es wird hier eben vom Verkehr festgehalten.

Die Vorstellung, als ob es obrigkeitlicher Bemühungen und Eingriffe bedürfe, um das Land davor zu schützen, sein Währungsgeld an das Ausland zu verlieren, stellt die Dinge geradezu auf den Kopf.

Nur wenn die Politik durch Versuche, den Zinsfuß künstlich zu ermäßigen, in den Geldmarkt eingreift, kann es zum Verschwinden des Goldes und der Devisen, die es in der Kernwährung vertreten, kommen.

Die Meinung, dass ein Land mit ungünstiger Zahlungsbilanz keine geord­nete Währung aufrechtzuerhalten in der Lage sei, ist ebenso widersinnig. Wie in jeder Bilanz, so halten sich auch in der Zahlungsbilanz die beiden Seiten der Aufstellung die Waage. Dieses Zusammenfallen der Soll- und Habenseite wird, abgesehen von den Goldproduktionsländern, nur dann durch Ausfuhr von Gold bedeckt, wenn in dem ausführenden Lande die Bankpolitik künstlich an einem niedrigen Zinsfuß festzuhalten sucht. Eng­land hat die Goldwährung nicht aufgegeben, weil eine ungünstige Zahlungs­bilanz es dazu genötigt hat, sondern weil die Bank von England an der Poli­tik niedrigen Zinsfußes festgehalten hat und diese Politik, die das Gold aus dem Lande treiben mußte, nicht aufgeben wollte. Man sagt, der Mecha­nismus der Goldwährung habe in England nicht mehr funktioniert. Das wird am besten durch die Tatsache widerlegt, dass England bei einem Bankzins­fuß von 4,5 Prozent die Goldwährung fallenließ. Hätte man an der Gold­währung festhalten wollen, dann hätte man die Diskontpolitik so betreiben müssen, wie es seit der Peelschen Akte immer geschehen ist. England hat die Goldwährung aufgegeben, nicht die Goldwährung England.

Der Pessimismus, den die Gestaltung unserer Zahlungsbilanz erweckt, ist nicht berechtigt. Es ist nicht so, daß das Passivum der Handelsbilanzen das Primäre war und dass wir Anleihen im Auslande aufgenommen haben, um einen Teil dieses Passivums zu bedecken. Die ausländischen Anleihen waren es erst, die ein Handelsbilanzpassivum entsprechender Größe geschaffen haben. Der Gegenwert der Anleihen kann gar nicht anders hereinkommen als in der Form von Waren. Hätten wir keine ausländischen Anleihen aufge­nommen, so wären um diesen Betrag weniger Waren eingeführt oder mehr ausgeführt worden. Die Passivität der Handelsbilanz bedeutet eben in jedem einzelnen Fall etwas anderes. Sie kann die Aufnahme von Krediten im Aus­lande bedeuten, sie kann auch bedeuten, dass Zahlungen aus dem Auslande aus anderen Titeln geleistet werden, z.B. durch Fremdenverkehr, Transit­handel oder Verzinsung von Anleihen.

Gute Bankpolitik ermöglicht geordnete Währungsverhältnisse. Schlechte Bankpolitik gefährdet die Währung. Dass der Zinsfuß heute in Mitteleuropa außerordentlich hoch ist, ist die bedauerliche Folge der Kapitalaufzehrungs­politik, die seit zwei Jahrzehnten mit wahrem Fanatismus betrieben wird. Alles, was die Politik künstlicher Verbilligung des Zinsfußes erreichen kann, ist die Zerstörung der Währung.

Die ungleiche Verteilung des Goldes

In den letzten Jahren haben sich die monetären Goldbestände der Welt zu einem beträchtlichen Teil in den Vereinigten Staaten und in Frankreich angesammelt. Man pflegt davon zu sprechen, als ob es sich um eine von der Währungspolitik der Staaten unabhängige Tatsache handeln würde. In Wirklichkeit aber ist diese Konzentration des Goldes in einigen wenigen Ländern das Ergebnis jener Politik künstlicher Verbilligung des Zinsfußes, von der oben gesprochen wurde. Die Vereinigten Staaten und Frankreich, und daneben noch einige kleinere Staaten, haben diese Politik nur zögernd und mit Zurückhaltung mitgemacht. Das Gold, das die anderen Länder hin­ausgetrieben haben, mußte sich daher bei ihnen ansammeln. Weder Frank­reich noch die Vereinigten Staaten haben diesen Zustand gewünscht. Am allerwenigsten haben ihn die Kapitalisten dieser Länder gewünscht, die ja in höherer Verzinsung ihrer Kapitalien im Auslande einen Gewinn erblicken würden, und die es daher bedauern müssen, daß der Kapitalverkehr auf diese Weise unterbunden wird. Wenn alle jene Staaten, die heute glauben, man könnte durch Maßnahmen der Notenbankpolitik den Zinsfuß dauernd und ohne unerwünschte Folgen heraufbeschwören, diese Politik aufgeben würden, dann würde ein Teil des in den Vereinigten Staaten und in Frank­reich konzentrierten Goldes wieder hinausströmen.

Schlußfolgerungen: Goldwährung oder Inflation

Man muß sich eben klar vor Augen halten, dass die Politik nur zu wählen hat zwischen dem Festhalten an der Goldwährung – die Frage, ob reine Goldwährung, Goldkernwährung oder Golddevisenwährung kann hier außer Betracht bleiben – oder der Inflation. Will man nicht zu einer Politik unaufhaltsam steigender Warenpreise und Valutenkurse greifen, dann muß man auf alle jene Versu­che verzichten, den Zinsfuß anders zu ermäßigen als durch Förderung der Kapitalbildung im Inland und durch Heranziehung ausländischer Kapita­lien. Dass man durch eine Ermäßigung des Banksatzes unter die durch die Lage des Geldmarktes geforderte Höhe vorübergehend die Wirtschaft, die unter dem teueren Leihgeld sehr schwer leidet, „anzukurbeln“ vermag, soll nicht bestritten werden. Aber ebensowenig kann man bestreiten, dass man auf diesem Wege sehr bald zu einer Krise gelangen muß, die um so schwerer und nachteiliger sein wird, je länger die Periode verfehl­ter Zinsfußpolitik gewesen ist und je stärker sich der Zinsfuß von dem Satze entfernt hat, den er ohne den Eingriff der Kreditexpansionspolitik auf dem Markt gebildet hätte.

Jedes Land, auch das ärmste, vermag an der Goldwährung festzuhalten, und jedes Land, gerade aber auch das ärmste, muß an der Goldwährung fest­halten. Denn allein die Goldwährung ermöglicht es armen Ländern, durch die Heranziehung ausländischen Kapitals die Produktion zu entfalten.

erschienen in „Neue Freie Presse“ (Wien) Nr. 24171, 30. Dezember 1931.

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