Das berühmte Seminar

10.10.2012 – von Margit von Mises.

Ludwig und Margit von Mises (1970)

Lu [Ludwig von Mises] hielt sein berühmtes Seminar an der New York University ununterbrochen – Jahr für Jahr – von 1948 – 1969. Einundzwanzig Jahre hindurch versammelten sich die Teilnehmer des Seminars an jedem Donnerstagabend um 19.25 h in der Graduate School im unteren Teil Manhattans; 21.25 h war das offizielle Ende der Vorlesung. Wenn Lu mit fast militärischer Pünktlichkeit um 19.20 h den Raum betrat, eine kleine, schmale Aktentasche unter dem Arm, schaute er sich erst um, begrüßte alle mit einem freundlichen Lä­cheln und blickte dann flüchtig hinüber zu dem Platz, wo ich ge­wöhnlich zu sitzen pflegte. Er sah es gerne, wenn ich an seinem Seminar teilnahm. Dann setzte er sich in die Mitte der langen Seite des Tisches und nahm einen kleinen Zettel aus seiner inneren Jackentasche. Er sprach frei, niemals hatte er eine Vorlesung nieder­geschrieben; dieses kleine Stück Papier war alles, was er für den Abend benötigte.

Er begann sofort mit seiner Vorlesung. Für die Darlegung seiner Gedanken gebrauchte er sehr einfache Worte – im Gegensatz zu der oft recht schwierigen Terminologie seiner Bücher. Die An­ordnung seiner Vorlesung war immer die gleiche: er begann mit einer Behauptung und kehrte am Schluss der Vorlesung genau zu derselben Feststellung, zu demselben Punkt zurück, von dem er ausgegangen war. Er hatte mit seinen Gedanken, mit seinen Aus­legungen einen vollkommenen Kreis beschrieben.[…]

Ja, Lu war ein großer Lehrer. Er hatte die Fähigkeit, seine Schüler zum Denken zu zwingen, ihre Wissbegierde anzuregen und ihre Phantasie zu beflügeln.

Frank Dierson, ein prominenter Anwalt in New York, der vom Jahr 1946 an Lus Kurs an der New York University mitgemacht hatte und von 1948 bis 1955 regelmäßig und auch später von Zeit zu Zeit dort erschien, schrieb mir:

Nichts bereicherte mein Leben so wie das Mises-Seminar; es war vielleicht die wichtigste Erfahrung meines Lebens. Neue Welten taten sich mir auf. Keynes behauptete einmal: >Mit fünfundzwanzig Jahren kann man keine neuen Ideen mehr aufnehmen.< Aber im Mises-Seminar erlebte ich, wie vierzig- und fünfzigjährige Männer ihre früheren Überzeugungen preisga­ben, um die von ihm verkündete Wahrheit anzuerkennen. Jede Vorlesung stellte neue geistige Anforderungen. Im ersten Seminar, an das ich mich erinnere, hatte Dr. von Mises seine Vorlesung über Sozialgesetzgebung mit einem Angriff auf die wirtschaftlichen Auswirkungen verschiedener sozialpolitischer Maßnahmen beendet. Alle Teilnehmer waren über seine kritische Einstellung erstaunt. Sie veranstalteten eine besondere Zusam­menkunft nach der Vorlesung, zu der man den Professor einlud. Man wollte ihm die Tatsachen der sozialen Wirklichkeit vor Augen führen. Und was geschah? Es war wie ein Wunder. Nachdem man alle Argumente vorgebracht hatte, schied die Klasse in vollkommenem Einvernehmen mit Dr. von Mises, und alle hatten eine neue Auffassung der Wirtschaft und der Wirtschaftsfreiheit gewonnen.

Jack Holman, Doktor der Nationalökonomie und Diplominge­nieur, der viele Jahre leitender Direktor der Firma Johnson und Johnson war, berichtet über ein ähnliches Erlebnis mit Lu. Er war Mitglied des Seminars von 1950 bis 1952 und sagte mir:

Nie bin ich einem so belesenen und gelehrten Mann wie Dr. von Mises be­gegnet. Seine Kenntnisse beschränkten sich nicht auf Nationalökonomie, er war mit jedem Gebiet vertraut. Wenn er nationalökonomische Fragen besprach, veranschaulichte er sie mit Beispielen aus seiner Erfahrung. Noch heute sind mir gewisse Sätze aus seinen Vorlesungen im Gedächtnis geblieben. Einige habe ich niedergeschrieben. Am 21. September 1950 sagte er: »Für jeden Experten der Nationalökonomie ist es eine unum­gängliche Notwendigkeit, auch ein Kenner der Geschichte zu sein, d.h. er muss vertraut sein mit Kulturgeschichte, mit Sozial- und Wirtschaftsge­schichte, mit politischer Geschichte und mit den Ideologien der Geschich­te. Um ein Gebiet wirklich zu beherrschen, muss man mit allen seinen Tei­len vertraut sein.« Am 14. Dezember 1950 sagte er: »Einen ethischen Maßstab anzuwenden, bedeutet, dass man verschiedene Verhaltensweisen aufgrund einer Wertskala beurteilt, die entweder durch göttliches Gebot bestimmt wird oder durch Gefühle, die in jedes Menschen Seele schlum­mern. Das Gebiet der Ethik kann nicht vom wirtschaftlichen Handeln ge­trennt werden. Man kann nicht ethische Fragen behandeln und Wirt­schaftsfragen außer acht lassen, und umgekehrt gilt dasselbe.« Am 21. September 1950 sagte er: »Der wesentliche Beitrag der klassischen Natio­nalökonomie ist: Was dem Individuum nützt, nützt auch der Gesell­schaft.« […]

Obwohl er während der Diskussionen seine Ansichten energisch vertrat, seine Argumente aufs lebhafteste verteidigte, blieb er im­mer höflich und liebenswürdig. Nie gab er dem einzelnen Hörer Anlass, gekränkt oder beleidigt zu sein, aber für Sozialisten fand er keine Entschuldigung. Er erklärte alles so gründlich, bis seine Gegner entwaffnet waren, und doch versuchte er niemals – aber auch niemals -, jemanden gegen seinen Willen zu überzeugen. Gelegentlich wurde die Diskussion zu lebhaft und zu erregt. Dann gelang es ihm mit einer einzigen Bemerkung, die Studenten zu dem ursprünglichen Thema zurückzulenken und somit eine Entspannung herbeizuführen. Nie verlor er die Autorität, und immer zeigte er dabei eine bemerkenswerte Zurückhaltung und Höflichkeit. So verschieden die Meinungen der Hörer über ge­wisse Themen auch sein mochten, alle waren sich einig in ihrer Bewunderung und Achtung ihm gegenüber.[…]

Jeder neue Student war für Lu eine neue Hoffnung, dass aus ihm ein zweiter Hayek werden könnte. Wenn er nur den kleinsten Funken spürte, hoffte er schon auf eine Flamme. Nie war er unge­duldig, und jeden ermutigte er, offen seine Meinung auszuspre­chen.

Immer wieder legte er seinen Schülern nahe, Fremdsprachen zu lernen, um Bücher in der Originalsprache lesen zu können. »Es ist so schade«, sagte er oft »dass amerikanische Gelehrte keine frem­den Sprachen beherrschen und keine fremdsprachigen Werke le­sen. Jeder Nationalökonom sollte Marx und Engels im Original lesen. Nur wer sein Fach von jedem Gesichtspunkt aus be­herrscht, ist fähig, erfolgreich zu diskutieren.« Er wies auf das Beispiel von Keynes hin, der kaum Deutsch oder Französisch konnte und daher keine Ahnung hatte von der Lösung von Wirt­schaftsproblemen, die von französischen und deutschen Autoren seit langem beobachtet und besprochen wurden.[…]

Professor Murray Rothbard ist heute sicherlich der bekannteste von Lus amerikanischen Schülern. Er wurde Mitglied des Semi­nars im Jahre 1949 und entwickelte sich zu einem der begeistert­sten und fähigsten Vertreter von Lus Lehren. Lu teilte nicht in je­der Hinsicht Rothbards Ansichten, aber er respektierte sie und betrachtete ihn immer als einen seiner begabtesten Schüler. Dieje­nigen, die Rothbards Broschüre The Essential Von Mises gelesen haben, wissen von seinem klaren und verständnisvollen Einblick in das Schaffen meines Mannes. Heute ist Murray Rothbard Pro­fessor der Nationalökonomie an dem New York Polytechnic In­stitute in Brooklyn, verbringt einen Teil des Jahres auf Vortragsreisen und ist ein berühmter Gelehrter, Historiker und Schrift­steller geworden.[…]

Zum Abschluss dieses Kapitels möchte ich eine kleine Anekdote erzählen, die den Vorzug hat, absolut wahr zu sein, obwohl ich die Namen der Betreffenden nicht nennen darf. Vor einigen Jahren wollte ein Student der New York University sein Studienprogramm ändern und Lus Seminarkurs offiziell an­gerechnet bekommen. Sein akademischer Berater sagte ihm, dass er das Seminar auf eige­ne Kosten für seine eigenen Zwecke besuchen könne, dass man es ihm aber nicht als Teil des offiziellen Studienprogramms anrech­nen würde. »Die Mises-Theorie«, erklärte ihm der Berater, »ist keine Nationalökonomie – es ist eine Religion!… « Als derselbe Professor acht Jahre später sich der großen Sozialre­formen der letzten Generation erinnerte, musste er sich eingeste­hen, dass diese Versuche unleugbar zu einem jammervollen Miss­erfolg geführt hatten. »Ich war im Laufe der Jahre immer geneigt, den liberalen Bestrebungen zuzustimmen, und ich habe all die neuen Programme unterstützt«, sagte er, »aber nach und nach bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass alle fehlschlugen und auf­gegeben werden mussten. Wissen Sie… Vielleicht hatte Mises doch recht!«

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aus „Ludwig von Mises – Der Mensch und sein Werk“ von Margit von Mises, 1981 (die Originalausgabe erschien 1976 – „My Years with Ludwig von Mises“)

Fotos: Mises-Institute

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