Professor Habermann im Interview: „Mit dem ESM beginnt das Finale des Dramas“

10.8.2012 –

Prof. Dr. Gerd Habermann

Herr Professor Habermann, Sie sind Initiator und Mitgründer der „Friedrich A. von Hayek Gesellschaft“ und ein ausgewiesener „Hayek-Kenner“. Haben Sie Friedrich A. von Hayek persönlich kennengelernt und was fasziniert Sie an ihm am meisten?

Ich habe Hayek nur einmal kurz auf einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bonn, Ende der 70er Jahre, kennengelernt. Es ging hier um seine Vorschläge zur Demokratiereform, die zu meinem Erstaunen weder von Podium – u.a. Kurt Biedenkopf – noch vom Publikum ernst genommen wurden. Er wurde regelrecht ausgelacht, wie es denn ja immer Leuten ergeht, die mit neuen Ideen in eine geistig erstarrte Szene treten. Zuerst – in meiner Studentenzeit – hatte mich zunächst mehr der kämpferische Wilhelm Röpke gepackt, dann Ludwig von Mises. Beide faszinieren mich auch heute noch. Mehr und mehr kam dann aber von Hayek auf: die Eleganz und Präzision seiner Sprache, die unerschöpfliche Tiefe seiner Gedanken, z.B. in Recht, Gesetz und Freiheit, Teil 1, seine Wissenstheorie, seine Destruktion der sog. sozialen Gerechtigkeit, besonders sein Evolutionismus und schließlich seine Geld- und Konjunkturtheorie. Vor allem aber auch, dass er nicht bei der feinsinnigen Analyse stehenblieb, sondern bis zuletzt auch ein liberaler Utopist war – positiv gemeint. Auch die Liberalen brauchen eine Utopie, einen Leitstern des Idealen, wofür es sich einzusetzen lohnt – nicht nur in der „Verfassung der Freiheit“, sondern auch im Schlussteil seines “ Recht, Gesetz und Freiheit“: „Die politische Ordnung eines freien Volkes“ hat Hayek sie gegeben.

Ende der 70er Jahre sagte Hayek einmal, dass die „heute praktizierte Form der Demokratie zunehmend ein Synonym für den Prozess des Stimmenkaufs und für das Schmieren und Belohnen von unlauteren Sonderinteressen sei“. Was – glauben Sie – würde Hayek zur heutigen politischen Landschaft sagen und welche Vorschläge machte er zur Demokratiereform?

Nun, es hat sich seit dieser Feststellung Hayeks nichts geändert. Welche „Sonderinteressen“ stecken hinter dem unsäglichem Management der Euro-Schuldenkrise und der von der Kanzlerin gerade wieder zelebrierten Klimareligion mit dem 2 Grad-Ziel für die Welt? Welche hinter dem Wunsch, alle Selbständigen in Deutschland in das Bismarck-Rentenzwangssystem einzubeziehen? Es gibt auch die Sonderinteressen der Sozialbürokratie und des Staatsfiskus, das Sonderinteresse der EU-Kommission an der Planierung Europas. Hayeks Vorschläge zur Demokratiereform – Unterwerfung der Parlamente unter allgemeine Regeln, die von einer unabhängigen Versammlung oder Ersten Kammer (unabhängige, in besonderem Verfahren gewählte „Nomotheten“) vorgegeben werden – gehen an die Wurzel des Problems einer zügellosen Demokratie, in der eine Exekutive sich über eine von ihr beherrschten Legislative die Gesetze gibt, die sie zu brauchen glaubt. Aber ich sehe bisher nicht, dass diese Vorschläge außerhalb der Hayek-Gesellschaft von irgendeiner nennenswerten politischen Gruppierung aufgegriffen werden, man kennt sie gar nicht und selbst die Natur des Problems ist nur wenigen bewusst. Aber wir Liberale müssen wieder den Mut zur politischen Utopie haben, unabhängig von dem, was gerade realisierbar scheint. Darum verteidige ich diese Ideen gern.

Hayek war immer der Meinung, dass die Freiheit nicht als Zweckmäßigkeitsfrage behandelt werden darf, weil sonst ihre Zerstörung unvermeidlich sei. Wie ist das zu verstehen?

Ja, das ist ja sogar das Motto unserer Gesellschaft. Die Behandlung der Schuldenkrise (Rettungsschirme), das genannte Zwangsversichern aller Selbständigen z.B. scheinen kurzfristig zweckmäßig, fast jedes neue Gesetz, das irgendein Einzelproblem im Moment zu lösen scheint, z.B. auch in der Familienpolitik mit ihrem angeblichen Problem der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ haben ganz vordergründig eine positive Wirkung : Zeitgewinn etwa, Armutsprophylaxe, „gleiche Chancen für die Frauen.“ Das alles kann man sehen und induktiv (vielleicht) belegen. Was man nicht sieht oder nicht gleich erfassen kann, sind die langfristigen Wirkungen, etwa die verhinderten anderen Problemlösungen, die durch Freiheit und Selbstverantwortung und im Wettbewerb als Entdeckungsverfahren ermöglicht und ausprobiert werden und die wir gar nicht kennenlernen konnten. So in den genannten Beispielen eine echte Sanierung der Staatsfinanzen, eine Förderung von Kapitalbildung, eine Motivierung individueller Modelle und Initiativen, abgesehen von einer Deformation des Willens zur Freiheit und Eigenzuständigkeit und Haftung. So verschiebt sich die Zuständigkeit für normale persönliche Organisationsprobleme immer mehr in den öffentlichen Bereich – bis am Ende die Freiheit keine Verteidiger mehr vorfindet und alles auf den Staat als die scheinbar allwissende Instanz abgeschoben ist. Aber der Staat ist immer „dumm“, also unwissend außerhalb der Bereiche, für die er allenfalls zuständig sein sollte. Was hat nicht alles die Bismarcksche Sozialversicherung an interessanten liberalen Modellen der Selbsthilfe zerstört oder verhindert, an Wohlstandsbildung und echter Sicherheit , die auf Eigentum und Eigenwillen gegründet ist. Man sieht nur die – noch – unglaublich gut versorgten Sozialrentner, die fidel durch die Welt reisen. Aber es braucht lange, bis der Kapitalismus durch viele kleine Einzelmaßnahmen gelähmt und schließlich zerstört wird und Verarmung und sozialer Abstieg beginnen.

Margaret Thatcher soll bei einem Treffen mit Regierungsvertretern Hayek’s Buch „Die Verfassung der Freiheit“ auf den Tisch geknallt und gesagt haben „Das ist es, woran wir glauben!“ Warum wurde Hayek – vor allem als Nobelpreisträger – mit seinem Konzept der spontanen Ordnung und seinen Beiträgen zur Konjunkturtheorie – gerade in den inflationären 70er Jahren – nicht mehr Beachtung geschenkt, ja sogar ausgelacht, wie Sie sagen?

Ja, warum? Hayeks Geld- und Konjunkturtheorie steht gegen sehr mächtige Interessen und tief eingewurzelte Meinungen. Erst wenn starke Persönlichkeiten in starker Position und bei zunehmenden Problemen auf ihn zurückkommen – wie seinerzeit Frau Thatcher – könnte er, Hayek, seine Chance bekommen. Im Bundestag haben wir ja schon einen Mann, der noch ziemlich einsam diese Positionen vertritt – Frank Schäffler. Die anderen etwa 20 entschiedenen Gegner vom ESM außerhalb der „Linken“ sind keine echten „Österreicher“. Mit dem ESM beginnt das Finale des Dramas, ein unglaubliches Schurkenstück, ein echter Putsch, mit dem die Deutschen oder doch ihre Regierung einmal mehr zeigen, dass sie außenpolitisch tumbe Toren sind, die ihre politische Phantasterei und nun anders gerichteter Größenwahn als Retter Europas in die Katastrophe treibt. Hayeks Vorschläge zur Reform der Verfassungsordnung werden aber auch dann kaum eine Chance bekommen. Sie sind ja nicht mal allgemein bekannt – eine Aufgabe der Hayek-Gesellschaft für sie zu werben.

Was ebenfalls nicht allgemein bekannt ist, ist die Problematik, die unserem Geldsystem in Form der beliebigen Vermehrbarkeit unseres Geldes innewohnt. Auch hier hat Hayek klare Vorschläge unterbreitet. Der eben genannte Frank Schäffler hat kürzlich Hayek’s Buch „Entnationalisierung des Geldes“ als sein Lieblingsbuch bezeichnet. Würden sich denn nicht viele Probleme – auch gesellschaftliche – über die tagtäglich diskutiert wird, nicht alleine lösen, würde man – wie Hayek es formulierte „der Regierungsgewalt das uralte Vorrecht auf das Geldmonopol ganz und gar entziehen“?

Ja, ganz zentrale Probleme hätten wir nicht mehr. Einmal natürlich: wir hätten so etwas wie die unsägliche Euro-Krise mit ihren weitgehenden politischen Implikationen und Zukunftsängsten nicht. Hayek war allenfalls für einen Wettbewerb der nationalen Währungen auf Basis gegenseitiger Anerkennung als normales Zahlungsmittel, vorläufig, bevor dann durch die Abschaffung der nationalen Prärogativen ein echter Freihandel in Geld geschaffen werden sollte. Wir hätten nicht Sozialprogramme und Subventionen in diesem Umfang, der Gang in den Wohlfahrtsstaat über Verschuldung wäre stark behindert, diese chronischen Wahlkämpfe über Bestechungsgelder für bestimmte Gruppen fielen ebenfalls weitestgehend weg. Die Möglichkeiten ruhiger privater Vorsorge für die Zukunft, für die Bildung einer echten Eigentümergesellschaft, wie Ludwig Erhard sie vorschwebte, wären weit besser als unter der ständigen Inflationsdrohung durch die politische Ausnutzung des Währungsmonopols. Dieses Monopol ist das gefährlichste überhaupt und wird doch kaum diskutiert! Kurz: Vieles der „Welt von gestern“ – vor 1914 – wie sie Stefan Zweig in seiner Biographie so anschaulich schildert, wäre wieder da: das Behagen und Glück und der kulturelle Reichtum einer weitgehend privaten Gesellschaft – auf der Basis des Goldstandards, der für mich zweitbesten Lösung, nach dem vollständigen free banking.

Eine letzte Frage, Herr Professor Habermann: angenommen der Staat würde sein Geldmonopol aufgeben und es gäbe eine Möglichkeit, zu „gutem Geld“ zurückzukehren, wie könnte so ein Übergang von statten gehen? Einfacher gesagt als getan, oder?

Hier kann ich Sie nur auf die Technik der vielen Umstellungen in der Währungsgeschichte verweisen. Allerdings ist der Übergang auf  echten Freihandel im Geld neuartig. Wann wurde das je versucht? Ich muss Sie hier  auf Hayeks Buch zur Entnationalisierung des Geldes verweisen, wo er die diversen Übergangsprobleme bespricht oder auch auf das Buch „Geldreform“ von Polleit und von Prollius. Wichtig ist aber erst einmal eine umfassende Diskussion unter den Fachleuten und dann in der allgemeinen Öffentlichkeit und zwar noch bevor die nächste Währungskatastrophe eintritt. Vermutlich ist das Modell Mises (Goldwährung) weniger schwierig als das Modell Hayek. Es braucht hier weitgespannte Horizonte und unerschrockene Gelehrte und, besonders, wagemutige Politiker mit Überzeugungskraft, die sich über mehr als eine Legislaturperiode im Amt halten können, wie z.B. Frau Thatcher, die nicht durch Abwahl, sondern durch ihre kleinmütigen und hasenfüßigen Parteikollegen gestürzt wurde.

Herzlichen Dank, Herr Professor Habermann.

Die Fragen stellte Andreas Marquart, misesinfo.

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Gerd Habermann ist liberaler Wirtschaftsphilosoph und Publizist. Er ist Initiator und Sekretär der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft und Vorstandsvorsitzender der Friedrich A. von Hayek-Stiftung für eine freie Gesellschaft, ferner Honorarprofessor an der Universität Potsdam und ordnungspolitischer Berater der Familienunternehmer – ASU, deren Unternehmerinstitut er bis 2010 geleitet hat.

Gerd Habermann ist Mitglied der Mont Pelerin Society und Autor von über 400 Publikationen – darunter: Der Wohlfahrtsstaat. Die Geschichte eines Irrwegs (3. Aufl. in Vorbereitung), Philospohie der Freiheit – ein Friedrich August von Hayek-Brevier (4. Aufl. 2005) und Mitherausgeber des Bandes „Der Liberalismus – eine zeitlose Idee“. Er ist ferner regelmäßig Autor in der Neuen Zürcher Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Welt.

Zur Internetseite der Hayek-Gesellschaft gelangen Sie hier.

 

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