Konjunkturzyklen seit Beginn der industriellen Revolution

15.8.2012 – von Jésus Huerta de Soto.

Prof. Jesús Huerta de Soto

Mit den napoleonischen Kriegen, dem Anfang der industriellen Revolution und der Verbreitung des Teildeckungsbankensystems begannen die Konjunkturzyklen mit größerer Regelmäßigkeit wieder aufzutreten[…]. Wir werden nun kurz die Daten und Eigenschaften der wichtigsten Zyklen seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts berühren.

Die Panik von 1819

Diese Panik betraf besonders die Vereinigten Staaten und ist hauptsächlich von Murray N. Rothbard in einem heute klassischen Werk zu diesem Thema untersucht wor­den. Der Panik ging eine Ausweitung der Kredite und der Geldmenge voraus, beide in Form von Banknoten und Darlehen, die alle nicht durch reale Ersparnisse gedeckt waren. Die neu geschaffene Bank of the United States spielte in diesem Prozess eine führende Rolle. So wurde eine große künstliche Wirtschaftsausweitung erzeugt, die dann 1819 abrupt unterbrochen wurde, als die Banken die Kreditexpansion einstell­ten und die Zahlung der in ihrem Besitz befindlichen Noten anderer Banken einfor­derten. Es folgte die typische Kreditrestriktion zusammen mit einer tiefen, ausge­dehnten Wirtschaftsdepression, welche die während des Aufschwungs begonnenen Investitionsprojekte unterbrach und die Arbeitslosigkeit nach oben trieb.[1]

Die Krise von 1825

Sie war hauptsächlich eine englische Krise und durch eine beachtliche Kreditaus­weitung charakterisiert, die zur Finanzierung einer Produktionsstrukturverlänge­rung genutzt wurde, d.h., es wurden die konsumfernsten Stufen vermehrt. Dabei wurden hauptsächlich Investitionen in die ersten Eisenbahnlinien und die Ent­wicklung der Textilindustrie finanziert. Der Ausbruch der Krise im Jahr 1825 stieß eine Depression an, die bis 1832 andauerte.

Die Krise von 1836

Wieder begannen die Banken, den Kredit auszudehnen, was zu einem Aufschwung führte, in dem sich die Zahl der Bankgesellschaften und Unternehmen sprunghaft erhöhte. Neue Darlehen finanzierten Eisenbahnen, die Eisen-, Stahl- und Kohlein­dustrie und den Einsatz der Dampfmaschine als neue Energiequelle. Zu Beginn des Jahres 1836 fingen die Preise an emporzuschnellen. Die krisenhafte Entwicklung kam zu einem Stillstand, als sich die Banken entschlossen, die Erhöhung ihrer Darlehen einzustellen, weil sie mehr und mehr Goldreserven verloren, die das Land hauptsächlich in Richtung der Vereinigten Staaten verließen. Noch im gleichen Jahr stürzten die Preise ab und die Banken brachen zusammen oder stellten die Zahlungen ein. Die Folge war eine tiefe Depression, die bis 1840 anhielt.

Die Krise von 1847

Bereits 1840 kam es zu einer erneuten Kreditausweitung im Vereinigten König­reich, die sich bis nach Frankreich und die Vereinigten Staaten ausdehnte. Tau­sende von Eisenbahnkilometern wurden gebaut und die Börse trat in eine Periode unablässigen Wachstums ein, in der vor allem Eisenbahnaktien gefragt waren. So begann eine spekulative Bewegung, die bis 1846 anhielt, als in Großbritannien eine Wirtschaftskrise ausbrach. Es ist interessant festzustellen, dass England unter der Federführung von Peel am 19. Juli 1844 den Bank Charter Act ratifiziert hatte. Dies bedeutete den Triumph der Currency School von David Ricardo. Der Bank Charter Act verbot die Emission von nicht vollständig durch Gold gedeckten Noten. Freilich wurde diese Vorschrift nicht in Bezug auf Depositen und Darlehen eingeführt, was die Ausbreitung der Spekulation und die Schärfe der Krise erklärt, die 1846 ausbrach. Die Depression breitete sich nach Frankreich aus. Die Kurse der Eisenbahnaktien stürzten an den verschiedenen Börsen ins Bodenlose. Generell gingen die Gewinne, besonders in den Kapitalgüterindustrien, zurück. Die Arbeitslosigkeit wuchs vor allem im Sek­tor des Eisenbahnbaus. In diesem historischen Kontext sollten wir die (eindeutig sozialistische, von der Arbeiterklasse durchgeführte) Revolution einschätzen, die 1848 in Frankreich ausbrach.

Die Panik von 1857

Die Struktur dieser Krise ähnelte den vorangegangenen. Die Panik hatte ihren Ursprung in einem vorausgehenden Aufschwung, der fünf Jahre von 1852 bis 1857 anhielt und auf einer ausgedehnten Kreditausweitung mit weltweiten Folgen beruhte. Preise, Gewinne und Nominallöhne stiegen an und eine Börsenhausse fand statt. Der Aufschwung begünstigte besonders Minen- und Eisenbahnbauun­ternehmungen (die wichtigsten Kapitalgüterindustrien dieser Periode). Außerdem verallgemeinerte sich die Spekulation. Die ersten Anzeichen für ein Ende des Auf­schwungs waren in dem allmählichen Rückgang der Minen- und Eisenbahnge­winne (die konsumfernsten Stufen) zu erkennen. Ansteigende Produktionskosten setzten den Gewinnen weiter zu. In der Folge erfasste die Abschwächung auch die Eisen-, Stahl- und Kohleindustrien und die Krise brach aus. Sie dehnte sich schnell aus und stieß eine weltweite Depression an. Der 22. August 1857 war in New York ein echter Paniktag und viele Banken stellten ihre Geschäftstätigkeit ein.

Die Krise von 1866

Die Expansionsphase begann 1861. Dabei spielten die Entwicklung des Bankwesens in England und die Kreditausweitung, die in Frankreich durch Credit Foncier einge­leitet wurde, eine Schlüsselrolle. Die Ausdehnung trieb die Preise der Zwischengüter sowie der bau- und baumwollabhängigen Industrien nach oben und setzte sich in hoher Geschwindigkeit fort, bis 1866 eine Panik ausbrach, die auf eine Reihe von spektakulären Zusammenbrüchen (die berühmteste davon die von Overend Gurney in London) zurückzuführen ist. Zu diesem Zeitpunkt wurde Peels Bank Charter Act – wie schon 1847 und 1857 – zeitweilig außer Kraft gesetzt mit dem Ziel, der Wirt­schaft Liquidität zuzuführen und die Goldreserven der Bank von England zu vertei­digen. Frankreichs größte Investmentbank, die Credit Mobiliaire, brach zusammen. Das alles führte zu einer Depression, die wie meistens hauptsächlich den Eisenbahn­bausektor erfasste. Die Arbeitslosigkeit breitete sich vor allem in den Kapitalgüter­industrien aus. Zwischen 1859 und 1864 weitete Spanien seine Kredite bedeutend aus, was Fehlinvestitionen vor allem in Eisenbahnen auf breiter Front förderte. Ab 1864 litt Spanien an einer Rezession, die 1866 ihren Höhepunkt erreichte. Gabriel Tortella-Casares hat diesen Prozess analysiert. Obwohl im Lichte unserer Theorie einige seiner interpretativen Folgerungen modifiziert werden sollten, passen die in seinen Schriften präsentierten Ereignisse perfekt zu ihr.[2]

Die Krise von 1873

Das Muster dieser Krise ähnelt dem vorheriger Krisen stark. Die Expansion wurde in den Vereinigten Staaten infolge der hohen Kosten des Bürgerkrieges initiiert. Das Eisenbahnschienennetz wurde auf dramatische Weise vergrößert und die Ei­sen- und Stahlindustrien wuchsen stark. Die Expansion dehnte sich auf den Rest der Welt aus. In Europa kam es zu enormen Börsenspekulationen, in deren Verlauf die Wertpapiere des industriellen Sektors in die Höhe schössen. Die Krise schlug im Mai 1873 zunächst auf dem Kontinent zu. Im folgenden Sommer gelangte sie dann in die Vereinigten Staaten, als die Rezession offensichtlich wurde und eine der großen amerikanischen Banken, Jay Cook Et Co., zusammenbrach. Bemerkens­werterweise entkam Frankreich, das sich der vorangegangenen Kreditausweitung enthalten hatte, der Panik und der folgenden schweren Depression.

Die Krise von 1882

1878 wurde die Kreditausweitung in den Vereinigten Staaten und in Frankreich wieder aufgenommen. In Frankreich schnellte die Emission von Industrieaktien in die Höhe und ein ambiziöses Arbeitsbeschaffungsprogramm wurde eingeführt. Die Banken spielten seine sehr aktive Rolle beim Anlocken von Familienersparnissen und bei der massiven Darlehensgewährung an die Industrie. Die Krise brach 1882 mit dem Zusammenbruch von Union Generale aus. Credit Lyonnais, ebenfalls an der Grenze des Zusammenbruchs, sah sich einem massiven Depositenabzug (rund der Hälfte) gegenüber. In den Vereinigten Staaten brachen von insgesamt 3.271 Banken über 400 zusammen. Arbeitslosigkeit und Krise verbreiteten sich in den konsumfernsten Industrien.

Die Krise von 1890 bis 1892

Die Kreditausweitung breitete sich über die ganze Welt in Form von Darlehen aus, die hauptsächlich an Südamerika gerichtet waren. Schiffsbau und Schwerindustrie entwickelten sich schnell. Die Krise brach 1890 aus und die Depression hielt bis 1896 an. Die üblichen Zusammenbrüche von Eisenbahnunternehmen, der Zusam­menbruch der Börse, die Krise der Eisen- und Stahlindustrie sowie der Anstieg der Arbeitslosigkeit traten mit Nachdruck in Erscheinung, wie es in allen Depressio­nen, die auf eine Krise folgen, typisch ist.

Die Krise von 1907

Eine erneute Kreditausweitung wurde 1896 initiiert und hielt bis 1907 an. In diesem Falle wurden die neuen Darlehen in elektrische Energie, Telefonie, Untergrundbahnen und den Schiffsbau investiert. Die Elektrizitätsbran­che hatte dabei die führende Rolle von den Eisenbahnen übernommen. Außerdem machte sich zum ersten Male die chemische Industrie die Bankdarlehen zunutze und die ersten Automobile wurden gebaut. Im Jahre 1907 schlug die Krise zu. Besonders ernst war sie in den Vereinigten Staaten, wo viele Banken zusammen­brachen. Nach Beendigung der Krise von 1907 begann ein neuer Aufschwung, der 1913 in eine neue Krise, ähnlich den vorangehenden, mündete. Diese neue Krise wurde durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrochen, der die Produk­tionsstruktur nahezu aller Länder der Erde änderte.[3]

Auszug aus „Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen“ von Jésus Huerta de Soto (Stuttgart 2011), mit freundlicher Genehmigung der Verlagsgesellschaft Lucius & Lucius.

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[1] Vgl. Rothbard, The Panic of 1819: Reactions and Policies. Mit diesem Buch macht Rothbard einen weiteren wichtigen Beitrag: Er zeigt darin, dass die Krise eine hoch intellektuelle Kontroverse bezüglich der Rolle der Banken entfachte. Rothbard hebt die Entstehung einer großen Gruppe von Politikern, Journalisten und Ökonomen hervor, die in der Lage waren, die Ursprünge der Krise zu diagnostizieren und geeignete Maßnahmen zur Verhinderung ihrer Wiederkehr in der Zukunft vorzuschlagen. All dies geschah Jahre bevor Torrens und andere in England die grundlegenden Prinzipien der Currency-School definierten. Im Folgenden sind die wichtigsten Persönlichkeiten aufgeführt, welche die Kreditausweitung als den Ursprung der ökonomischen Übel identifizierten: Thomas Jefferson, Thomas Randolph, Daniel Raymond, Senator Condy Raguet, John Adams und Peter Paul de Grand, der sogar die Forderung an die Banken verteidigte, dem Modell der Bank von Amsterdam zu folgen und ständig eine hundertprozentige Reservedeckung aufrechtzuerhalten. (S. 151)

[2] Tortella stellt, Vicens zitierend, heraus, dass die spanische Krise von 1866 „was at the origin of the Catalonian businessmen’s proverbial mistrust towards banks and large corporations“. Vgl. Gabriel Tortella-Casares, Banking, Railroads, and Industry in Spain 1829-1874 (New York: Arno Press, 1977), S. 585. Für weitere Informationen zur spanischen Wirtschaft in dieser Periode vgl. Juan Sardá, La politica monetaria y las fluctuaciones de la economia espanola en el siglo XIX (Barcelona: Ariel, 1970; 1. Aufl., Madrid C. S. I. C. 1948) vor allem S. 131-51.

[3] Für eine detailliertere historische Darstellung der Krise und Wirtschaftszyklen vom Beginn der industriellen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg vgl. zum Beispiel Maurice Niveau, Historia de los hechos económicos contemporáneos, Übersetzung ins Spanische durch Antonio Bosch Doménech (Barcelona: Editorial Ariel 1971), S. 143-60.

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