Wahrheit und Denkfreiheit

von Friedrich A. Hayek.

Friedrich A. Hayek

Das Verlangen, dem Volke einen Glauben aufzuzwingen, den man für heilsam hält, ist natürlich nichts Neues oder unserer Zeit Eigentümliches. Neu ist hingegen die Begründung, mit der viele unserer Intellektuellen solche Versuche rechtfertigen wollen. Sie sagen, es gebe keine wirkliche geistige Freiheit in unserer Gesellschaft, weil die Meinung und der Geschmack der Massen durch Propaganda und Reklame, durch das Beispiel der Oberschichten und durch andere Milieufaktoren geformt werden, die unvermeidlich das Denken der Massen in ausgefahrene Geleise zwingen. Daraus schließt man, dass wir, wenn die Menschen und der Geschmack der breiten Masse immer durch Umstände bestimmt werden, die wir beeinflussen können, diese Macht bewusst dazu verwenden sollten, um die Vorstellungen des Volkes in der uns erwünschten Richtung zu lenken.

Wahrscheinlich stimmt es, dass die Menschen meist nicht fähig sind, selbständig zu denken, dass sie in der Regel vorgekaute Meinungen schlucken und dass es Ihnen gleichgültig ist, ob sie in diese oder jene Gesamtheit von Glaubensvorstellungen hineingeboren oder hineingetrieben werden. In jeder Gesellschaft dürfte die Gedankenfreiheit nur für eine kleine Minderheit von Bedeutung sein. Das heißt aber nicht, dass irgendeiner dazu berufen ist oder die Macht dazu haben sollte, diejenigen auszuwählen, denen die Gedankenfreiheit vorbehalten bleiben soll. Unter keinen Umständen kann irgendeine Gruppe sich selbst anmaßen, das Denken und den Glauben der Menschen bestimmen zu wollen. Es beweist eine vollkommene Gedankenverwirrung, wenn man meint, dass es deshalb, weil die Mehrheit des Volkes unter jedem Gesellschaftssystem einer bestimmten Führung folgt, gleichgültig sei, ob jeder derselben Führung zu folgen habe. Wenn man über die geistige Freiheit die Nase rümpft, weil sie niemals allen die gleiche Möglichkeit unabhängigen Denkens bieten kann, so beweist das völlige Verständnislosigkeit gegenüber den Gründen, die der geisteigen Freiheit ihren Wert verleihen. Wenn sie als hauptsächliche Triebkraft des geistigen Fortschritts dienen soll, so kommt es nicht darauf an, dass jedermann denken und schreiben kann, was er will, sondern darauf, dass irgendeine Sache oder irgendeine Idee von jemand mit Vernunftgründen verteidigt werden kann. Solange abweichende Meinungen nicht unterdrückt werden, wird es immer Leute geben, die die herrschenden Vorstellungen ihrer Zeitgenossen anzweifeln und neue Vorstellungen in Umlauf setzen, die sich im Für und Wider der Gründe bewähren müssen.

Diese Zusammenspiel der Individuen mit verschiedenem Wissen und verschiedenen Meinungen ist das, was das Wesen des geistigen Lebens ausmacht. Das Wachstum unseres Vernunftwissens ist ein sozialer Prozess, der sich auf solche Verschiedenheiten gründet. Es liegt in seinem Wesen, dass seine Ergebnisse nicht vorausgesagt werden können, dass wir nicht wissen können, welche Ansichten diese Wachstum fördern werden und welche nicht, kurzum, dass dieses Wachstum nicht der Herrschaft irgendwelcher Ansichten, die wir heute hegen, unterworfen werden kann, ohne dass es gleichzeitig gehemmt wird. Den geistigen Wachstumsprozess oder auch den Fortschritt im allgemeinen Sinne zu „planen“ oder zu „organisieren“, ist ein Widerspruch in sich selbst. Die Vorstellung, dass der menschliche Geist „bewusst“ seine eigene Entwicklung überwachen solle, verwechselt die individuelle Vernunft, die allein irgendetwas „bewusst“ überwachen kann, mit dem interpersonellen Prozess, dem ihr Wachstum zu verdanken ist. Wenn wir diesen Prozess zu zügeln versuchen, so hemmen wir lediglich seine Entwicklung und führen früher oder später geistigen Stillstand oder Niedergang herbei.

Es ist die Tragödie des kollektivistischen Denkens, dass es darauf ausgeht, die Vernunft allherrschend zu machen, aber damit endet, sie zu vernichten, weil es den Prozess missversteht, von dem das Wachstum des Vernunftwissens abhängt. Man kann das in der Tat als das Paradoxon der gesamten kollektivistischen Lehre und ihres Verlangens nach „bewusster“ Überwachung oder „bewusster“ Planung bezeichnen, dass dies notwendigerweise zu der Forderung führt, den Geist eines bestimmten Individuums zum unumschränkten Herrscher zu machen. Andererseits ist nur die individualistische Methode des sozialwissenschaftlichen Denkens imstande, uns die Einsicht in die überindividuellen Kräfte zu vermitteln, die das Wachstum des Vernunftwissens bestimmen. Der Individualismus ist daher eine Haltung der Demut angesichts dieses sozialen Prozesses und der Duldsamkeit gegenüber anderen Meinungen. Er ist das genaue Gegenteil jener intellektuellen Hybris, in der das Verlangen nach einer umfassenden Lenkung des sozialen Prozesses wurzelt.

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aus „Der Weg zur Knechtschaft“ von Friedrich A. Hayek, erschienen im Olzog-Verlag, ISBN 978-3-7892-8362-8, €39,90

 

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