Die Lehre vom Geld

20.7.2012 - Vor 100 Jahren erschien Mises`Geldtheorie – die sogar für Occupy-Vordenker interessant wäre.

von Thorsten Polleit.

Prof. Dr. Thorsten Polleit

Im Jahr 1912 veröffentlichte Ludwig von Mises (1881-1973), der wohl bedeutendste konsequent marktwirtschaftliche Ökonom und Gesellschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts, seine Habilitationsschrift „Die Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“. Sie enthielt wichtige Erkenntnisfortschritte über Wesen und Wirkung des Geldes in einer arbeitsteilig organisierten Geldwirtschaft. Auch hundert Jahre danach ist der Wissenswert seiner geldtheoretischen Einsichten ungeschmälert. Gerade in der heutigen Finanz- und Wirtschaftskrise kann Mises`Buch helfen, die Ursache der Schuldenkrise zu verstehen und Lösungswege zu formulieren.

Entgegen der damals herrschenden Meinung nahm der Wiener Ökonom Mises die Position ein, dass Geld ein Gut wie jedes andere sei, mit einer Besonderheit allerdings: Geld ist das liquideste Gut, es ist das allgemein akzeptierte Tauschmittel. Und die Tauschmittelfunktion ist die einzige Funktion des Geldes; die Wertaufbewahrungs- und Recheneinheitsfunktion sind lediglich Unterfunktionen der Tauschmittelfunktion. Steigt die Geldmenge, so setzt das notwendigerweise den Tauschwert des Geldes herab (im Vergleich zu einer Situation ohne Ausweitung der Geldmenge).

Während die Ausweitung des Konsum- und Investitionsgüterangebots wohlfahrtsmehrend ist, gilt das nicht für eine Ausweitung der Geldmenge. Sie führt lediglich zu einer Umverteilung („Cantillon-Effekt“), so Mises.  Diejenigen, die das neu geschaffene Geld als erste erhalten, sind dabei die Gewinner, weil sie noch zu unveränderten Preisen kaufen können; sie werden reicher. Diejenigen aber, die das neue Geld später oder gar nicht bekommen, sind die Verlierer; sie werden ärmer. Für Mises war daher die Ausweitung der Geldmenge gleichbedeutend mit Geldwertschwund und Umverteilung.

Diese Einsichten gewann Mises, weil es ihm gelang, die (Tausch-) Wertbestimmung des Geldes in die Grenznutzentheorie zu integrieren, jener ökonomischen Theorie, die bis heute die allgemeine Basis der Wert- und Preistheorie bildet. Nach der Grenznutzungstheorie nimmt der Nutzen einer zusätzlichen Einheit eines Gutes mit steigender Menge ab. Diese Gesetzmäßigkeit gilt auch für das Gut Geld. Je mehr Geld jemand hält, desto geringer wird der Nutzen jeder zusätzlich erhaltenen Geldeinheit sein. Und weil der Nutzen des Geldes durch die Güter zum Ausdruck kommt, die man für die Hingabe einer Geldeinheit eintauschen kann, nimmt die Kaufkraft des Geldes bei steigender Geldmenge notwendigerweise ab.

Diese Einsicht erlaubte es Mises, die herrschende Quantitätstheorie neu zu interpretieren. Diese besagt, dass ein Ansteigen der Geldmenge für ein proportionales Ansteigen aller Preise sorgt, die Produktion aber unberührt lässt. Mises entzauberte diesen Mythos von der „Neutralität“ des Geldes. Ein Ausweiten der Geldmenge ist nicht neutral, weil unterschiedliche Marktakteure zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlicher Weise davon betroffen werden. Die mechanistische Interpretation der Quantitätstheorie ersetzte Mises durch eine, die sich auf eine – im heutigen Jargon: mikrofundierte – Theorie des menschlichen Handelns stützt.

Mit dem von ihm ebenfalls entwickelten „Regressionstheorem“ untermauerte Mises die Theorie der Geldentstehung, die Carl Menger (1840-1921), der Begründer der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, 1871 aufgestellt hatte. Menger zufolge entsteht Geld spontan aus einem freien Marktprozess, und notwendigerweise aus einem Sachgut das, bevor es zu Geld wurde, aufgrund seiner nicht-monetären Eigenschaften wertgeschätzt wurde – wie es etwa bei Gold und Silber der Fall ist. Mises zeigte, dass dies so sein muss, andernfalls wäre der Tauschwert des Geldes nicht bestimmbar.

Die Logik des Regressionstheorems widerlegte die Theorie, dass Geld eine staatliche Schöpfung sei, eine Theorie, die sich bei auf Platon und Aristoteles zurückverfolgen lässt und die ihren neuzeitlichen Höhepunkt im Werk „Staatliche Theorie des Geldes“ des deutschen Ökonomen Georg Friedrich Knapp (1842-1926) fand. Der amerikanische Anthropologe David Graeber, der aktuell mit seinem Buch „Schulden“ einen Welterfolg feiert und zur Lichtgestalt der „Occupy“- Bewegung aufgestiegen ist, fußt seine Geld- und Kapitalismuskritik auf Knapps Theorie – also auf eine falsche Theorie. Ungewollt formuliert Graeber dabei jedoch eine richtige Kritik: Weil der Staat mittlerweile das freie Marktgeld zerstört und durch Kreditgeld ersetzt hat, trifft Graebers ökonomisch-ethische Kritik am heutigen staatliche Geld in Gänze zu. Hingegen ist seine grundsätzliche Geld- und Kapitalismuskritik unhaltbar.

In seiner Theorie des Geldes und der Umlaufmittel legte Mises auch die Grundlage für die monetäre Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule, die er in einer zweiten Auflage 1924 weiterentwickelte. Mises integrierte drei bis dahin isolierte Theoriebausteine: die englische „Currency School“, die Kapital- und Zinstheorie Eugen von Böhm-Bawerks (1851-1914) und die Theorie Knut Wicksells (1851-1926), in der er die Folgen eines Abweichens des Marktzinses vom „natürlichen Zins“ beschreibt. Auf dieser Grundlage zeigte Mises, dass ein Ausweiten der Geldmenge durch Bankkreditvergabe, die nicht durch „echte Ersparnisse“ gedeckt ist – wie im heutigen Kredit- oder Papiergeldsystem -, notwendigerweise zu Fehlentwicklungen führt.

Das Ausweiten der Geldmenge per Kredit ist nicht nur inflationär, weil die damit finanzierbare monetäre Nachfrage das verfügbare Ressourcenangebot übersteigt. Die Geldmengenausweitung senkt den Marktzins künstlich und setzt dadurch Investitionen in Gang, die sonst nicht realisiert worden wären, und deren Erfolg davon abhängt, dass der Marktzins künstlich immer niedrig gedrückt bleibt. Fehlinvestitionen, Spekulationswellen, „Boom-and-Bust“- Zyklen und Überschuldung sind die Folgen. Ein Papiergeldsystem muss irgendwann kollabieren, so war Mises überzeugt.

Mises sah frühzeitig Probleme, als die amerikanische Regierung in den fünfziger Jahren begann, immer neue Dollar per Kreditvergabe in Umlauf zu bringen. Dollar, die nicht durch die Goldbestände gedeckt waren. Genau das führte dann auch zum Zusammenbruch des Systems von Bretton Woods Anfang der siebziger Jahre und bereitete den Weg in das weltweite Papiergeldsystem. 1953 – also noch zur Zeit des Systems von Bretton Woods – erschien Mises`Buch in englischer Sprache, versehen mit einem zusätzlichen Kapitel. Darin empfahl Mises eine Rückkehr zu „gutem Geld”, das für ihn im Goldstandard bestand und bei dem die Geldmenge vollständig durch Gold gedeckt ist, und die staatliche Zentralbank geldpolitisch entmachtet wird.

Mises’ Geldtheorie hat keinen Einfluss auf die Gestaltung der Geldordnung nach dem Zweiten Weltkrieg genommen, vor allem wohl, weil sie in der Mainstream-Volkswirtschaftslehre nicht Fuß fassen konnte. Der geld- und wissenschaftspolitische Betrieb ist anderen, keynesianisch-monetaristischen Lehren gefolgt. Gleichwohl zeigt sich die Erklärungskraft von Mises` geldtheoretischen  Einsichten in der globalen Schuldenkrise, die im Kern für den Niedergang interventionistischer-sozialistischer Wirtschaftspolitiken und ihrer Papiergeldsysteme steht – so, wie es Mises schon damals theoretisiert hat.

Der Beitrag erschien am 18.6.2012 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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Thorsten Polleit, 44, ist Chefökonom der Degussa Goldhandel GmbH und Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance. Er ist Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama, und Mitglied der Friedrich August von Hayek Gesellschaft. In 2012 erhielt er den P. Alford III Prize in Libertarian Scholarship. Seine Website ist: www.thorsten-polleit.com.