Fürchte den Boom, nicht den Zusammenbruch

25.9.2013 – von Frank Hollenbeck.

Frank Hollenbeck

Wenn man derzeit die Kommentare in den Medien hört, wird uns erzählt, das Schlimmste läge hinter uns. Die Wirtschaft habe Fahrt aufgenommen und Europa befände sich auf dem Weg der Erholung. Dabei beunruhigt es niemanden, dass dieses recht laue Wachstum, das nicht einmal zwei Prozentpunkte beträgt, einzig und allein dem massiven Gelddrucken der Notenbank zuzuschreiben ist. Das ist nichts anderes als eine „Wachstum-um-jeden-Preis-Politik“. Wie vergesslich wir doch sind.

Blickt man in die Boom-Zeiten zurück, wurde jeder, der die zweistelligen Wachstumsraten bei den Häuserpreisen in Frage stellte, als rückständige Kassandra angesehen, völlig ohne Kenntnis darüber, dass es mit einer Art neuen Ökonomie gelungen sei, das Gesetz der Knappheit fundamental zu verändern. Die Österreichischen Ökonomen warnten beständig, dass ein Boom, der auf einem Fundament billigen Geldes aufgebaut ist, nur in den Abgrund führen kann. Und heute stammt ein Großteil des Wachstums aus den zinssensitiven Sektoren der Wirtschaft, wie zum Beispiel der Autoindustrie und vom Häusermarkt. Da sollten alle Alarmglocken läuten.

Die gängige Meinung ist, die Amerikanische Notenbank (Fed) werde mit dem Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik beginnen, sobald die Wachstumsraten steigen. Dies ist jedoch eine grundlegende Fehlinterpretation dessen, was derzeit geschieht. Die Fed macht einen entscheidenden Fehler, sie weiß nämlich überhaupt nicht, wie sie der Falle entkommen soll, in der sie sich aus eigener Schuld verfangen hat.

Die Fed startete ihr QE3-Programm nach dem Motto „Wir wissen es am besten“ und lösten damit im Frühjahr eine Blase am Aktienmarkt aus. Der S&P 500 stieg von Januar bis Juni diesen Jahres um 12 Prozent, während das Wirtschaftswachstum gedämpft blieb. Die Fed bemerkte ihren Fehler und möchte nun aussteigen. Mit Problemen verhält es sich in der Wirtschaft allerdings genauso wie im richtigen Leben: es ist leichter, Probleme  zu versursachen, als sie zu lösen. Die Fed würde nun gerne den Alkohol wieder wegschließen, weiß aber genau, dass dann die Zinsen steigen werden. der Aktienmarkt abstürzen und die Wirtschaft abtauchen wird. Je länger die Notenbank aber wartet, umso größer werden die unvermeidlichen Anpassungen sein.

Wenn wir nicht aus der Geschichte lernen, müssen wir sie eben neu erleben. Wir waren schon einmal an diesem Punkt. Die Depression von 1920 und die Rezession von 1937 zeigen uns, was passiert, wenn exzessivem Gelddrucken ein zögerlicher Ausstieg folgt.

Die Rezession von 1937 ist ein geradezu perfektes Beispiel für die monetäre Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule. Es war eine scharfe Rezession, aber sie erstreckte sich nur über einen kurzen Zeitraum. Das Wirtschaftsprodukt sank um elf Prozent, die Industrieproduktion sogar um 32 Prozent. Die Arbeitslosenrate stieg von 14 auf 19 Prozent.

Es gibt erhebliche Meinungsverschiedenheiten, was die Ursachen der Rezession betrifft und einige Ökonomen machen die Verschärfung der Fiskal- und Geldpolitik dafür verantwortlich. Die Mindestreserve-Sätze wurden angehoben und das Haushaltsdefizit wurde reduziert. Dennoch betrugen die Staatsausgaben im Jahr 1937 7,6 Mrd. US-Dollar, verglichen mit 6,5 Mrd. US-Dollar im Jahr 1934 und 6,4 Mrd. US-Dollar in 1935, zwei spektakulären Boomjahren. Die Steuereinnahmen stiegen von 1936 auf 1937 um ein Prozent des Bruttosozialproduktes, waren aber gemessen am Bruttosozialprodukt prozentual niedriger als in den Jahren der Erholung, 1938 oder 1939. Im Jahr 1956 wies E. Cary Brown nach, dass die Änderungen in der Fiskalpolitik weniger als zu einem Viertel des Abschwunges beigetragen haben. Die Fed hob zwar die Mindestreservesätze an, die Banken hielten jedoch bereits reichlich Reserven, sodass die Anhebung nur geringe Auswirkungen hatte.

Die wirkliche Ursache der Rezession von 1937 ist schon früher zu suchen. Die Würfel fielen bereits vorher im Jahr 1934, als die USA den Goldpreis auf zu hohe 35 US-Dollar je Unze festlegten. Das daraufhin zufließende Gold ließ die Geldmenge explodieren, auf eine jährliche Wachstumsrate von zwölf Prozent (M2), von 1934 bis 1936. Es folgte ein Boom mit realen Wachstumsraten von zehn Prozent in 1936, 8,9 Prozent im Jahr 1935 und einem Prozent im Jahr 1936. Ein Austrian würde sagen, die zusätzliche Geldmenge kam in der Gestalt echter Ersparnisse daher. Da aber nicht genügend Ressourcen zur Verfügung standen, musste es quasi ein Gerangel um die vorhandenen Ressourcen geben. Schließlich erwiesen sich viele Investitionen als nicht tragfähig und wurden aufgegeben. Die Rezession im Jahr 1937 war notwendig und wünschenswert, um die Ressourcen von den Fehlinvestitionen der Vorjahre zu lösen. Eine Rezession ist eine Neuausrichtung von Ressourcen näher hin zur Produktion der Güter, die die Konsumenten wirklich nachfragen. Die Notenbank hätte mit dem Gelddrucken weiter machen können, hätte die Illusion von Wohlstand noch mehr anfachen können, aber das hätte nur eine verzögernde Wirkung gehabt und die Korrektur letzten Endes nur vergrößert.

Ende des Jahre 1939 begann sich die Fed Sorgen zu machen und im März 1937 sagte der damalige Notenbankchef Martin Eccles, ‚die Erholung der Wirtschaft hat eingesetzt, wenn wir es aber zulassen, dass daraus ein Boom wird, wird ein weiterer, schlimmer Einbruch folgen‘.

Im Dezember 1936 begann die Notenbank damit, die Goldzuflüsse zu neutralisieren, sodass diese nicht länger das Geldmengenwachstum antrieben. Dies war für damalige Verhältnisse ein verhältnismäßig zaghaftes Aussteigen. Das Geldmengenwachstum ging von zwölf Prozent auf nahe Null zurück. Das war wie ein behutsames ‚Auf die Bremse treten‘. Jeder, der dies als exzessiv bezeichnet, unterstellt, dass eine kapitalistische Wirtschaft Geldspritzen benötigt, um zu funktionieren – trotz zahlreicher Nachweise aus dem 19. Jahrhundert, dass stabiles Geld zu solidem Wirtschaftswachstum führt und dass Geld seine Funktion am besten erfüllen kann, wenn es stabil ist.

Der Konjunkturzusammenbruch war unabwendbar. Er konnte nicht vermieden, sondern nur aufgeschoben werden. Wir sollten nicht den Zusammenbruch, sondern viel mehr den Aufschwung fürchten. Der Zusammenbruch dauerte nicht lange und hätte viel schlimmer sein können, wenn die Fed damals nicht den Alkohol wieder weggeschlossen hätte.

Gegenwärtig fürchten wir den Ausstieg der Fed und wir sollten ihn fürchten. Dennoch sollten wir noch mehr Furcht davor haben, wenn der Ausstieg nicht erfolgt. Wir haben heute die Wahl, einen Arm zu verlieren oder aber wir werden morgen zwei Arme und ein Bein verlieren. Weil die Preisverzerrungen so massiv sind, wird die Korrektur schrecklich sein. Politiker und ihre Ökonomen wollen einfach nicht verstehen, welch wichtige Rolle Preise für den Koordinationsmechanismus des Marktes spielen.

Das nach wie vor schwache Wirtschaftswachstum vor Augen, hat es die Amerikanische Notenbank wieder einmal versäumt, mit dem Ausstieg aus der Niedrigszinspolitik zu beginnen. Wenn die Fed am Ende doch zum Ausstieg gezwungen sein wird, werden die Zinsen steigen, die Wall Street wird um Hilfe rufen und die Wirtschaft wird einbrechen. Dies lässt sich mit weiterem Gelddrucken vielleicht für ein paar Monate verzögern, aber die Anpassungen werden kommen und sie werden schlimm sein, vielleicht sogar viel schlimmer als 2008. Jedenfalls haben die Regierungen dieses Mal keine Pfeile mehr im Köcher, um sich durch Ausgabesteigerungen oder neues Gelddrucken zu retten.

Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Marquart. Der Originalbeitrag mit dem Titel Fear the Boom, Not the Bust ist am  23.9.2013 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Dr. Frank Hollenbeck lehrt Volkswirtschaft an der „International University“ in Genf, Schweiz.

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