Die Geldpolitik der Täuschung

8.2.2013 – von Thorsten Polleit.

Thorsten Polleit

Die Geschichte des staatlichen Umgangs mit dem Geld sei, so schrieb Friedrich August von Hayek (1899 – 1992) in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, eine Geschichte von unablässigem Lug und Betrug. Hayeks Lehre aus der Währungshistorie scheint sich nahtlos auf die aktuellen Geschehnisse anwenden zu lassen.

So denkt der designierte Gouverneur der Bank von England – wie auch der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) ein ehemaliger Mitarbeiter der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs – bereits darüber nach, ob die britische Geldpolitik nicht besser ihr Inflationsziel gegen ein sogenanntes „nominales Volkseinkommensziel“ eintauschen sollte. Was bedeutet das?

Das nominale Volkseinkommen bezeichnet die gesamtwirtschaftliche Produktion, bewertet zu aktuellen Preisen. Betragen zum Beispiel die Produktion 100 Güter und das Preisniveau 2, so beläuft sich das nominale Volkseinkommen auf 200 Geldeinheiten.

Verfolgt nun die Zentralbank das Ziel, das nominale Volkseinkommen auf 220 anzuheben, so erfüllt sie ihr Ziel, wenn die Gütermenge um zehn Prozent auf 110 Einheiten steigt, während die Preise bei 2 verharren. Sie würde ihr Ziel aber auch dann erfüllen, wenn die Produktion auf 80 Güter fällt (also um 20 Prozent sinkt) und sie für eine Inflation von rund 38 Prozent sorgt (durch die das Preisniveau auf 2,75 steigt).

Warum sollte eine Zentralbank mit einem nominalen Volkseinkommensziel liebäugeln? Die Antwort ist: Ein geplatzter Papiergeldboom reduziert die laufende Produktion der Volkswirtschaft. Das wiederum erhöht die Verschuldungslasten der Kreditnehmer – allen voran die der Staaten und Banken. Wenn das nominale Einkommen sinkt, kann es sogar zu einem Schuldenkollaps und anschließender Deflation-Depression kommen.

Nicht nur für Regierungen und Banken- und Finanzbranche, sondern auch für viele, die von staatlichen Zuwendungen profitieren und die in Staats- und Bankanleihen gespart haben, ist eine Deflation-Depression „inakzeptabel“. Sie werden in einer „etwas höheren“ Inflation die Politik des vergleichsweise kleinsten Übels erblicken.

Steht also die Volkswirtschaft erst einmal vor der Wahl, eine Deflation-Depression zuzulassen oder aber die Geldmengen auszuweiten, um eine Deflation-Depression zu verhindern, haben die Geldpolitiker (und die sie beeinflussenden Gruppen) gewissermaßen einen Freifahrtschein für eine Inflationspolitik in der Tasche.

Warum dann aber der Umweg über ein nominales Volkseinkommensziel? Das gleiche Ergebnis ließe sich schließlich doch auch erreichen, wenn das Inflationsziel erhöht wird – zum Beispiel von zwei Prozent pro Jahr auf sechs Prozent pro Jahr.

Die Erklärung ist, dass die Politik der höheren Inflation, die für jeden durchschaubar ist, ihre politische Wirkung verfehlen wird: Inflation erzwingt nur dann eine Umverteilung (vom Sparer hin zum Kreditnehmer), wenn sie unerwartet kommt.

Der Wechsel zu einem nominalen Volkseinkommensziel erlaubt hingegen, eine Politik der Geldentwertung gewissermaßen heimlich einzuleiten. In der Rezession sorgt die Zentralbank für steigende Inflation – versehen mit der Zusicherung, die Preissteigerungen werden nur temporär sein. Sobald die Wirtschaft sich erhole, werde man die Preiserhöhungen rückgängig machen.

Stellt sich dann jedoch die Schmälerung der Wirtschaftsleistung als dauerhaft heraus – was in der aktuellen Papiergeldkrise absehbar ist –, werden bei einem nominalen Volkseinkommensziel natürlich auch die erhöhten Preissteigerungen und die dadurch verursachte Schmälerung der Kaufkraft des Geldes dauerhaft sein.

Solange die Marktakteure dieser Geldpolitik vertrauen, werden die Inflationserwartungen nicht unbegrenzt in die Höhe steigen – schließlich werden Sparer und Investoren darauf setzen, dass die Inflationserhöhung nur vorübergehend sein werde.

Damit die Politik, das nominale Volkseinkommen auf Kurs zu halten, die politisch gewünschte Entwertung des Geldes erzielt, ist also eine bewusste und großangelegte Täuschung der Geldverwender, Sparer und Investoren erforderlich.

Bekanntlich will die amerikanische Zentralbank (Fed) die elektronische Notenpresse solange laufen zu lassen, bis die Arbeitslosenquote unter 6,5 Prozent gesunken ist. Dieses Vorhaben ist im Kern nichts anderes als eine Geldpolitik, die ein nominales Volkseinkommensziel verfolgt.

Weil alle großen Währungsräume unter den Folgen des geplatzten Papiergeldbooms leiden, wäre es mehr als überraschend, wenn nicht bald auch andere Zentralbanken, einschließlich der Europäischen Zentralbank, den Schulterschluss mit einer – wie Hayek es bezeichnete – Politik des Lugs und Trugs üben.

Anhang:

Nachstehend soll die Geldpolitik, die ein nominales Volkseinkommensziel verfolgt, anhand eines ganz einfachen Beispiels näher betrachtet werden.

Es sei angenommen, die Gütermenge betrage 100 und das Preisniveau betrage 1. Damit beläuft sich das nominale Volkseinkommen auf 100 (100 multipliziert mit 1). Wenn die Gütermenge und die Preise nun jedes Jahr um 2 Prozent steigen sollen, beläuft sich das nominale Volkseinkommen auf rund 122 nach fünf Jahren (Graphik a).

(a) Nominales Volkseinkommen - "geplante" Entwicklung

 

Nun sei angenommen, im dritten Jahr gibt es eine Krise, durch die die jährliche Produktionsmenge um 20 Prozent abnimmt. Die Gütermenge sinkt von 104 im zweiten Jahr auf etwa 82 im dritten Jahr ab. Danach sei angenommen, dass die Produktion wieder mit 2 Prozent pro Jahr wächst (siehe Graphik b).

(b) Reale BIP Entwicklung - geplant und tatsächlich

 

Nimmt man einmal an, dass die Preise weiterhin mit 2 Prozent pro Jahr ansteigen, dann zeigt sich eine „Lücke“ zwischen dem ursprünglich geplanten nominalen Volkseinkommen und dem tatsächlichen nominalen Volkseinkommen (Graphik c).

(c) Nominale BIP Entwicklung - geplant und tatsächlich

 

Um diese „Lücke“ zu schließen, muss die Zentralbank, wenn sie ein nominales Volkseinkommens-Ziel verfolgt, für steigende Preise sorgen. Mit anderen Worten: Das Preisniveau muss (einmalig, aber) dauerhaft angehoben werden (Graphik d).

(d) Preisniveau - "normal" und "hoch-inflationiert"

 

Solche eine Inflationspolitik würde sich in einem (deutlichen) Ansteigen der Inflation – also der jährlichen Preissteigerungsrate – niederschlagen, die allerdings nur vorübergehender Natur wäre (Graphik e).

(e) Inflation (Jahresänderung des Preisniveaus) - versprochen und tatsächlich

 

Die Folge für die Kaufkraft des Geldes wäre jedoch dauerhaft schädlich. Die Kaufkraft nimmt ohnehin bei einem Inflationsziel von 2 pro Jahr ab. Bei einem einmaligen und dauerhaften Anheben der Preise wird die Kaufkraft natürlich noch stärker geschmälert als von der Zentralbank ursprünglich versprochen (Graphik f).

(f) Kaufkraft des Geldes - "normal" und "hoch-inflationiert"

 

Dieses einfache Beispiel zeigt also auf, dass das Ziel der Zentralbank, das nominale Volkseinkommen auf „Kurs“ zu halten, gleichzusetzen ist mit einer Geldpolitik der Geldentwertung, wenn die reale Produktionsleistung der Volkswirtschaft absinkt – wie dies im Zuge der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise früher oder später in Erscheinung treten dürfte.

Dieser Beitrag wurde in ähnlicher Form in der F.A.Z. am 14. Januar 2013 veröffentlicht.

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Thorsten Polleit, 45, ist seit April 2012 Chefvolkswirt und Mitglied im Verwaltungsrat der Degussa Goldhandel GmbH.

Zuvor war er 12 Jahre als Chefvolkswirt im internationalen Investment-Banking in London, Amsterdam und Frankfurt tätig.

Thorsten Polleit ist seit 2003 Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance, Frankfurt, spezialisiert auf Kapitalmarkttheorie, Geldpolitik und –theorie und insbesondere auf die „Österreichische Schule der Nationalökonomie“.

Er ist Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama.

Seit Oktober 2012 ist er Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland.

Thorsten Polleit ist Gründungsmitglied und Partner von „Polleit & Riechert Investment Management LLP“.

Die private Website von Thorsten Polleit ist: www.thorsten-polleit.com.

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