Die Irrtümer von Keynes

4.2.2013 – Rezension von: “Los errores de la vieja economía” von Juan Ramón Rallo.

von Philipp Bagus.

Philipp Bagus

Schon vor langer Zeit haben die Ökonomen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie der Welt ihre vernichtende Kritik von Keynes’ Hauptwerk “Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes” präsentiert. Friedrich A. von Hayek, Jacques Rueff, Henry Hazlitt, Murray N. Rothbard, Ludwig Lachmann, Ludwig von Mises und Willian Hutt haben wichtige Argumente gegen Keynes und den Keynesianismus dargelegt.

Nun können wir dieser bedeutenden Reihe von Namen einen weiteren hinzufügen. Im vergangenen Jahr hat Juan Ramón Rallo in spanischer Sprache eine neue Österreichische Kritik von Keynes’ Werk veröffentlicht. Zu Ehren von Hazlitt’s Arbeit “Das Fiasko der Keynes’schen Wirtschaftslehre” (The Failure of the New Economics) trägt Rallo’s Buch den Titel “Los Errores de la Vieja Economia” (Die Irrtümer der Old Economics).

Zur Zeit Hazlitt’s waren Keynes’ Aussagen nämlich noch revolutionär, Hazlitt bezeichnete sie als eine Art “New Economics”, die mit den Ansichten der klassischen Ökonomie brachen, vor allem mit dem Say’schen Gesetz. Mittlerweile ist der Keynesianismus Mainstream. Dieser Keynesianismus, vor allem seine Hauptidee, dass sich mittels Ausgabensteigerungen Arbeitslosigkeit reduzieren lässt, wird nach wie vor in Universitäten gelehrt, von Politikern dankbar angewendet und prominent vom Nobelpreisträger des Jahres 2008, Paul Krugman, unterstützt.

In der Tat basierte die sofortige politische Antwort auf die gegenwärtige Finanzkrise in der westlichen Welt auf Keynes’ Theorien. Es galt, eine zweite Große Depression zu vermeiden und Keynes’ Erkenntnisse waren hierbei sehr willkommen. Man reagiert auf die Krise, die aus keynesianischer Sicht durch rücksichtslose Spekulation und reine Gier ausgelöst worden war, mit den typischen keynesianischen Rezepten: lockere Geldpolitik, kombiniert mit staatlichen Ausgabenprogrammen. Auch wenn Rallo’s Buch nur eine Zusammenfassung der bisherigen Argumente gegen Keynes wäre, ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung mehr als angebracht, schließlich sind die Ideen von damals nach wie vor gängige Praxis.

Los Errores de la Vieja Economía ist jedoch viel mehr als eine bloße Zusammenfassung und Synthese der bisherigen Argumente der eingangs erwähnten Österreichischen Ökonomen. Rallo baut auf ihnen auf, kombiniert und entwickelt systematisch seine Thesen. Vor allem fügt er eigene neue Ideen hinzu und entwickelt dabei ein vernichtendes Urteil für das Werk Keynes’.

Rallo’s Kritik an Keynes’ Thesen ist konsequent, systematisch und gründlich. Dabei werden Keynes’ Ideen nicht verdreht oder verzerrt. Rallo sucht nicht nach terminologischen Widersprüchen und Unstimmigkeiten. So gesehen ist Rallo’s Kritik tiefgründiger und vernichtender als Teile von Henry Hazlitt’s Kritik, die sich auf Keynes’ Unstimmigkeiten, seine Ungenauigkeiten und sprachliche Unschärfe konzentriert. Rallo zeigt großes und wirkliches Interesse, ein klares und stimmiges Bild von Keynes’ Argumentation zu liefern und diese im günstigsten Licht zu schildern. Das Fehlen von Argumenten, die es sich leicht machen, indem sie den Keynesianismus lächerlich machen und verzerren, macht Rallo’s Angriff noch glaubwürdiger.

Wir wollen nun einen Blick auf einige Argumente Rallo’s werfen und mit Keynes’ berühmter Kritik am Say’schen Gesetz beginnen. Keynes behauptet – in seiner verzerrten Darstellung des Say’schen Gesetzes -, dass das Angebot seine eigene Nachfrage schafft. Rallo stellt dieses Gesetz in seiner Ursprungsform dar: auf lange Sicht passt sich das Angebot von Gütern der Nachfrage an. Letzten Endes werden Güter angeboten, um andere Güter zu erwerben (Geld mit eingeschlossen). Man produziert um nachzufragen, was bedeutet, dass eine allgemeine Überproduktion nicht möglich ist.

Das Say’sche Gesetz führt uns direkt hin zu innovativstem Argument in Rallo’s Werk, das sich auf das alte Argument des Hortens bezieht. Selbst scharfe Kritiker von Keynes, beispielsweise Monetaristen oder andere Teile des neoklassischen Lagers, geben ihm zumindest darin Recht, dass Horten von Geld destabilisierend und gefährlich ist.

Rallo jedoch beweist und betont die soziale Funktion des Hortens. Geld nachzufragen bedeutet nicht, Nichts am Markt nachzufragen. Horten ist die natürliche Antwort von Sparern und Konsumenten auf eine Produktionsstruktur, die nicht ihren Anforderungen entspricht. Es ist ein Signal des Protestes an die Unternehmer: “Bietet andere Konsum- und Kapitalgüter an! Ändert die Produktionsstruktur, die Zusammensetzung der angebotenen Güter entspricht nicht unseren Vorstellungen.”

In Phasen großer Unsicherheit ist es klug, zu horten und Geldmittel nicht langfristig zu binden. Rallo liefert ein anschauliches Beispiel. Nehmen wir an, die allgemeine Unsicherheit steigt, weil die Menschen ein Erdbeben erwarten. Sie beginnen, zu horten, sprich, sie erhöhen ihre Liquidität, was sie flexibler macht. Dies ist aus Sicht der Marktteilnehmer vollkommen rational und vorteilhaft. Die Alternative ist, mittels Staatsausgaben zu investieren, um die Wirtschaft anzukurbeln, z.B. mit öffentlichen Bauprojekten. Die staatliche Produktion von Hochhäusern ist nicht nur gegen den Willen der vernünftigeren Menschen, es wird sich auch als desaströs erweisen, sollte das Erdbeben Realität werden.

Horten ist eine Absicherung gegen Unsicherheit. Rallo argumentiert, dass, sollte die Geldnachfrage aufgrund von Vorsorgemotiven steigen (Präferenz für Liquidität steigt), die kurzfristigen Zinssätze tendenziell fallen, die langfristigen Zinssätze tendenziell steigen. Die Menschen tätigen mehr kurzfristige und weniger langfristige Investitionen, um liquide zu bleiben. Dies führt zu einer Anpassung der Produktionsstruktur. Ressourcen werden eher für die Herstellung von Güter mit der höchsten Liquidität (in einem Goldstandard wäre dies Gold) und für die Herstellung von Konsumgütern verwendet. Die Produktionsstruktur verschiebt sich hin zu kürzeren und weniger risikobehafteten, weg von längeren Prozessen mit höheren Risiken. Das Horten führt jedoch nicht dazu, dass Produktionsfaktoren ungenutzt bleiben, solange deren Eigentümer dies nicht wollen. Denn sie werden lediglich in die Goldproduktion und kurzfristigere Projekten geleitet. Horten braucht daher keine Arbeitslosigkeit zu erzeugen, solange die Arbeiter dies nicht wollen.

Rallo ist überzeugt, dass Horten kein Zeichen von Unvernunft ist. Wenn langfristige Projekte zu lange aufrechterhalten werden, müssten diese in der Tat plötzlich liquidiert werden. Beispielsweise würde das Erdbeben Hochhäuser, die sich im Bau befinden, zerstören.

Da Keynes im Falle ungenutzter Ressourcen das Ausweiten der Geldmenge empfiehlt, spielen diese ebenfalls eine wichtige Rolle in Rallo’s Buch. Rallo stellt die Frage, warum Produktionskapazitäten nicht ausgeschöpft werden und kommt zum Schluss, dass ihre Eigentümer einen Preis für ihre Dienstleistung verlangen, der höher ist als diskontiertes Wertgrenzprodukt ist. In einem solchen Umfeld führt Inflation zu einer Umverteilung zu Gunsten der Eigentümer dieser Produktionsfaktoren, oder zur Behinderung der Restrukturierungsversuche, sprich die Wirtschaft leidet unter Zwangssparen oder Kapitalaufzehrung.

Wenn im Gegensatz hierzu die Preise der Produktionskapazitäten anpasst werden – die Löhne sinken auf ihr diskontiertes Wertgrenzprodukt – sinkt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nicht, wie Keynes behauptet. Vielmehr steigt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage an, weil die Gesamtproduktion zunimmt.

Schonungslos wendet sich Rallo den weiteren Gedanken Keynes’ zu. Der berühmte keynesianische Ausgabenmultiplikator erfordert nämlich, dass es bei allen Produktionsfaktoren ungenutzte Ressourcen gibt. In anderen Worten, damit Keynes mit seinem Multiplikatoreffekt Recht hat, müsste es bei allen Produktionsfaktoren freiwillige Arbeitslosigkeit und brachliegende Kapazitäten in der Konsumgüterindustrie geben. Falls es nicht ungenutzte Bestände bei allen Faktoren gibt, würde die staatliche Stimulierung von neuen Investitionsprojekten lediglich zu Engpässen bei anderen Projekten führen, wenn die Faktoren von diesen profitableren Projekten abgezogen werden. Und falls es bei allen Faktorarten ungenutzte Bestände gibt, aber keine freie Kapazitäten in der Konsumgüterindustrie bestehen, würden die staatlichen Ausgabenprojekte die Konsumgüterpreise erhöhen und zu einer Verkürzung der Produktionsstruktur führen. Wenn jedoch allgemein alle Faktorarten brachliegen und es ungenutzte Kapazitäten bei den Konsumgütern gibt, warum kommt es dann nicht zu einer freiwilligen Übereinkunft zwischen Unternehmern und Eigentümern von Produktionsfaktoren?

Eine weitere bedeutende Idee von Keynes, die Rallo angreift, ist die berühmte Liquiditätsfalle. Eine Liquiditätsfalle entsteht, wenn die Zinsen in einer depremierten Wirtschaft niedrig sind. In einer solchen Situation betrachtet Keynes die Geldpolitik als wirkungslos, weil Spekulanten neu geschaffenes Geld nur anhäufen. Spekulanten werden demnach nicht in Anleihen investieren, weil deren Kurse sich auf Höchstständen befinden und die Kurse fallen werden, wenn die Zinsen zu steigen beginnen. An diesem Punkt wird die Geldpolitik machtlos. Staatsausgaben werden notwendig, um die wirtschaftliche Nachfrage zu stimulieren.

Rallo zeigt, dass nach einem künstlich geschaffenen Boom, in einer Phase also, in der zahlreiche Fehlinvestitionen getätigt wurden und eine allgemeine Überschuldung in der Wirtschaft festzustellen ist, nahezu keine Nachfrage nach Darlehen vorhanden ist, trotz niedriger Zinsen. In dieser Situation ist man mit einer Illiquiditätsfalle konfrontiert, da die Marktteilnehmer ihre Liquidität verbessern wollen. Sie wollen ihre Schulden reduzieren und keine neuen Darlehen aufnehmen. Die Politik des billigen Geldes verschlimmert in dem Moment die Situation, denn aufgrund des niedrigen Zinsniveaus, gibt es keine Motivation, sich von Schulden frei zu machen oder Anleihen vorzeitig zurückzuzahlen (weil die Kurse/der Wert der Schulden gestiegen ist). Die Lösung dieser Situation allgemeiner Verunsicherung liegt im Sparen, stabilen Institutionen, in der Liquidierung von Fehlinvestitionen und der Reduzierung von Schulden.

Hohe Unsicherheit bringt nicht unbedingt hohe Arbeitslosigkeit mit sich, da selbst bei hoher Unsicherheit eine Verringerung der Preise in der Produktion neue profitable Projekte ermöglicht. Bei hoher Unsicherheit wären solche Projekte die Goldproduktion (in einem Goldstandard) und die Herstellung von Konsumgütern.

Wie Rallo in Kontrast zu Keynes’ Theorie zeigt, sind nicht Angebot und Nachfrage entscheidend, sondern deren Struktur. Wird in einer Depression, während der die Produktionsstrukturen verzerrt sind und in der die Wirtschaft sich in einer Liquiditätsfalle befindet, die Nachfrage durch Staatsausgaben stimuliert, können die bestehenden Produktionsstrukturen nicht die Güter herstellen, die die Konsumenten am dringendsten nachfragen. Die Lösung besteht nicht in noch mehr Ausgaben und noch mehr Schulden, sondern in Schuldenreduzierung und Liquidation von Fehlinvestitionen, um neue nachhaltige Investitionen zu ermöglichen.

Im Gegensatz hierzu liegt das Problem für Keynes immer in der unzureichenden Nachfrage begründet. Was also ist zu tun, wenn die Konsumenten und Investoren nicht die Güter nachfragen, die die Unternehmen anbieten und stattdessen horten? Nun, damit die Güter endlich gekauft werden, schlägt Keynes vor, die Steuern zu senken, die Zinsen zu reduzieren, die Währung abzuwerten oder dass ganz einfach der Staat die Güter anstelle der Konsumenten erwirbt. Aber warum, so stellt Rallo die Frage, sollen Konsumenten und Investoren Güter kaufen, die sie nicht wollen?

Keynes’ Antwort: weil ansonsten die Arbeitslosigkeit steigt. Rallo entgegnet: wenn aber jemand genötigt wird, mit seinem Lohn etwas zu kaufen, das er nicht will, warum soll er überhaupt arbeiten? Die Alternative zu erzwungenem Kauf ist, die Löhne auf ihr diskontiertes Wertgrenzprodukt zu reduzieren, was wiederum Produktion und Nachfrage erhöht. Rallo zeigt auf, dass eine Gesellschaft nicht reicher wird, wenn die Regierung die Menschen zum Kauf von Gütern, die sie nicht wollen, bewegt oder zwingt. Die Essenz von Keynes’ Theorie lautet für Rallo daher: wenn die Menschen nicht kaufen wollen, was produziert wird, sollte die Regierung sie zwingen, gegen ihren eigenen Willen zu handeln.

Die hier präsentierten Einsichten aus Rallo’s Buch bieten lediglich einen kleinen Ausschnitt. Rallo liefert darüber hinaus eine Analyse von Keynes’ Hauptthesen und der sich dahinter verbergenden Irrtümern, wie etwa der Überbetonung des Konsums. Er bietet eine Analyse der Finanzmärkte aus Sicht der Österreichischen Nationalökonomie und erörtert die Zusammenhänge zwischen Zinsstruktur, Zinsniveau, Leitzins, Investitionsstruktur, der Liquiditätsfalle und dem Aktienmarkt. Er untersucht mit Östereichischem Instrumentarium die intellektuellen Vorgänger von Keynes´Werk. Sehr nützlich ist auch die Zusammenfassung – Kapitel für Kapitel – von Keynes´Buch mit einer Erklärung der Hautirrtümer. Am Ende des Buches liefert Rallo schließlich noch eine Kritik des IS-LM-Modells von John Hicks und Franco Modigliani, die Keynes’ Theorie in eine Formel brachten, die heute noch in den Universitäten rund um den Globus gelehrt wird.

Rallo’s Buch ist voller brillanter Einsichten und ist die gewichtigste und umfangreichste Schrift gegen Keynes, die derzeit erhältlich ist. Das hervorragend geschriebene Buch “Los Errores de la Vieja Economia” wird ein künftiges Nachschlagewerk für Studenten und Professoren sein, gleich ob man sich mit Keynes’ Irrtümern oder den gegenwärtigen Denkweisen beschäftigen will. Ein Nachteil ist sicherlich, dass es in spanischer Sprache verfasst ist. Hoffentlich wird es bald auch in anderen Sprachen erhältlich sein.

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Philipp Bagus ist ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Er ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlichte er in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of Business Ethics, Independent Rewiew, American Journal of Economics and Sociology u.a.. Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet mit dem O.P.Alford III Prize in Libertarian Scholarship, dem Sir John M. Templeton Fellowship und dem IREF Essay Preis. Er ist Autor eines Buches zum isländischen Finanzkollaps (“Deep Freeze: Island’s Economics Collapse” mit David Howden). Sein Buch “Die Tragödie des Euro” erscheint in 12 Sprachen.