Ludwig von Mises (29.9.1881-10.10.1973)

11.1.2013 – von Guido Hülsmann.

Ludwig von Mises

Ludwig Heinrich Edler von Mises hat die theoretische Nationalökonomie von Grund auf reformiert und sie zum Kernstück einer allgemeinen Theorie politischer Systeme gemacht.

Mises wurde am 29. September 1881 in Lemberg in eine jüdische Kaufmannsfamilie geboren. Das Elternhaus war gemäßigt religiös und politisch liberal, patriotisch, habsburgfreundlich und kulturell kosmopolitisch. Sein jüngerer Bruder Richard war ein bekannter Mathematiker, der später in Berlin und Harvard lehrte. Ludwig besuchte das Akademische Gymnasium in Wien und interessierte sich früh für Geschichte und Politik. Nach der Matura begann er das Studium an der Rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Wiener Universität.  Unter den Fittichen von Carl Grünberg (dem späteren Gründer des neo-marxistischen Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main) entwickelte er sich zunächst zu einem eifrigen Jünger der damals modernen „Historischen Schule“ und glaubte an die Ersprießlichkeit staatlicher Interventionen.

Kurz vor Weihnachten 1903 begann eine wissenschaftliche und politische Neubesinnung, als er die Grundsätze der Volkswirtschaftslehre von Carl Menger studierte. Mises erkannte nun die große Bedeutung der ökonomischen Theorie für die historische Forschung und die politische Praxis. Statt weiter die Archive zu durchforsten, begann er die Lektüre der klassischen Nationalökonomen. Es war der Beginn des langen Weges, auf dem sich der junge Historizist und Etatist zu einem brillanten Theoretiker und leidenschaftlichen Gegner des allmächtigen Staates wandelte.

Seine geldtheoretische Habilitationsschrift von 1912 war ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg. Mises erläutert hier die Vorteile der Goldwährung und ihre Rolle als demokratisches Bollwerk gegen die Versuchung des Staates, seine Bürger auszuplündern. Er entwickelt hier auch seine berühmte Konjunkturtheorie, die die Krisen der kapitalistischen Wirtschaft auf die Inflation der Geldmenge durch den Bankenapparat zurückführt. Während er an dieser Diagnose Zeit seines Lebens festhielt, wandelte sich seine Auffassung über das beste Gegenmittel. Bis in die frühen 20er Jahre meinte er, dass das Depositengeschäft der Zentral- und Geschäftsbanken gesetzlich limitiert werden müsste. Doch in den folgenden Jahren wuchsen seine Zweifel an diesem Rezept. Schließlich gelangte er zu der Überzeugung, dass die Banken die Geldmenge überhaupt nur deshalb so sehr ausdehnen konnten, weil der Staat ihnen besondere Privilegien eingeräumt hatte. Beispielsweise genossen die Zentralbanken ein Notenmonopol und das Privileg des Annahmezwangs für diese Noten. Die angemessene Lösung des Problems der Wirtschaftskrisen lag also in der Abschaffung dieser Privilegien und in der Wiederherstellung völliger Freiheit in der Bankwirtschaft.

Im Ersten Weltkrieg kämpfte Mises fast zwei Jahre als Artillerieoffizier an der „Nordfront“ gegen die Russen. Die übrige Zeit diente er in verschiedenen Wiener Stäben. Dort erlebte er den Schlamassel der Zentralplanwirtschaft, die im etatistischen Geiste der Zeit eingeführt wurde, um die Wehrbereitschaft zu stärken. Noch während des Krieges machte er sich daran, den „Kriegssozialismus“ ökonomisch zu sezieren. In seinem Werk Staat, Nation und Wirtschaft (1919) bewies er, dass die freie Konkurrenz gerade im Krieg unerlässlich sei. Jede planwirtschaftliche Ineffizienz musste sich an der Front rächen.

Ein paar Monate später holte er aus zu seinem wohl größten wissenschaftlichen Coup. In einem Aufsatz über „Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen“ (1920) griff er die Menschheitsbeglückungspläne der Sozialisten und Zentralplaner von einer völlig unerwarteten Seite an.  Eine rationale Wirtschaftslenkung, so führte er aus, bedarf eines Kriteriums, anhand dessen sie die Investitionsalternativen miteinander vergleichen kann. In der Marktwirtschaft wird dieses Problem durch eine in Geldpreisen geführte Rentabilitätsrechnung gelöst wird. Aber im Sozialismus ist das nicht möglich. Marktpreise setzen nämlich voraus, dass es zumindest zwei Eigentümer gibt, während der Sozialismus sich doch gerade dadurch auszeichnet, dass die Produktionsmittel nur einen Eigentümer haben können, nämlich das Kollektiv. Wenn es aber zur Bildung von Marktpreisen für Produktionsmittel nicht kommen kann, dann können auch keine Rentabilitäten berechnet werden. Die physisch heterogenen Investitionsalternativen können wirtschaftlich nicht miteinander verglichen werden, und eine rationale Wirtschaftsführung ist nicht möglich. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel nimmt somit der Gesellschaft das einzige bekannte Mittel der rationalen Wirtschaftsführung. Sie überwindet nicht die vermeintliche „Anarchie des Marktes“, sondern begründet eine tatsächliche Anarchie der politischen Willkür. Sozialismus ist „geplantes Chaos“.

Wenig später veröffentlichte Mises Die Gemeinwirtschaft (1922), eine Abhandlung, in der er alle Spielarten des Sozialismus systematisch zerpflückte und auch eine neue Begründung der auf Privateigentum und Demokratie gegründeten liberalen Gesellschaft vorstellte. Seine Darlegungen hatten großen Einfluss auf eine ganze Generation junger Intellektueller, die zuvor mit dem Sozialismus geliebäugelt hatten. Friedrich August von Hayek, Wilhelm Röpke, Lionel Robbins und Eric Voegelin – um nur einige der bekannteren Köpfe zu nennen – begannen nun, sich für den Liberalismus zu interessieren.

In den Zwischenkriegsjahren war Mises eine unbestrittene Autorität auf dem Gebiet der Geld- und Währungspolitik. Seiner Überzeugungsarbeit war es u.a. zu verdanken, dass dem Land im Jahre 1922 der Zusammenbruch der Währung erspart blieb, zu dem es beim nördlichen Nachbarn schon wenig später kam.

Im Frühjahr 1934 bekam er eine Professur an der Hochschule des Völkerbundes in Genf angeboten. Dort blieb er bis 1940 und arbeitete an seinem Hauptwerk, Nationalökonomie (1940), das neun Jahre später in einer erweiterten amerikanischen Ausgabe – Human Action (1949) – erschien. 1938 vermählte er sich in Genf mit Margit Serény, die er dreizehn Jahre zuvor in Wien kennengelernt hatte. Nicht zuletzt deshalb waren die letzten Genfer Jahre wohl die schönste Zeit seines Lebens. Als die Wehrmacht im Frühjahr 1940 durch Belgien und Frankreich stürmte, fasste er den Entschluss, in die USA zu emigrieren. Im August 1940 gelangte er nach New York City, das seine neue Heimat werden sollte.

In den USA rächte es sich, dass er so herzlich wenig auf die intellektuellen Moden seiner Zeitgenossen gab. Insbesondere lehnte er sowohl den Positivismus, als auch den Etatismus entschieden ab. Das stempelte ihn im Amerika der frühen 40er Jahren zu einer Art Dinosaurier – ein peinliches Überbleibsel aus wissenschaftlicher und politischer Vorzeit. Keine der besseren Universitäten wollte ihn einstellen. Es gab dort nur Platz für das akademische Mittelmaß, das sich brav im Strom der Modemeinungen treiben ließ.

Im Herbst 1945 erhielt Mises eine privat finanzierte Gastprofessur an der New York University, deren „Gast“ er dann während der nächsten 24 Jahre bleiben sollte. In seinem Seminar zog er eine Generation von Intellektuellen heran, die seine Ideen bis in die Gegenwart getragen haben, darunter Hans Sennholz, Murray Rothbard, Ralph Raico und George Reisman. Sie stehen für einen frischen, radikalen und intellektuellen Liberalismus, der sich deutlich vom schwachbrüstigen Neoliberalismus abhebt, wie er etwa in den Schriften Hayeks und Milton Friedmans vertreten wird.

Der wachsende geistige Einfluß von Mises in unseren Tagen beruht auf der bereits erwähnten Schrift Human Action. Dieses 900-seitige Werk ist mit gutem Recht als das pro-kapitalistische Gegenstück zu Marxens Kapital gefeiert worden. Mises analysiert hier die Funktionsweise der auf Privateigentum, Arbeitsteilung und Geldgebrauch beruhenden kapitalistischen Wirtschaft. Er zeigt, wie diese Wirtschaft letztlich von den Konsumenten gelenkt wird – die Unternehmer sind nur die „Steuermänner“, die den Befehlen der Konsumenten-„Kapitäne“ gehorchen. Der Staat hat die Rolle eines Sicherheitsproduzenten, d.h. er sorgt für die allseitige Beachtung der Eigentumsrechte. Mises weist nach, dass jede darüber hinausgehende Staatstätigkeit kontraproduktiv ist. Wirtschaftspolitik mindert die Effizienz der Produktion und somit die Güterversorgung der Bürger. Den allergrößten Schaden verursachen die heutigen Papierwährungen, für die es keine ökonomische Berechtigung gibt und die auch politisch völlig unakzeptabel sind, zumindest aus freiheitlicher Perspektive.

Am 10. Oktober 1973 starb der große Apologet des Kapitalismus in der Hauptstadt der Weltwirtschaft. Weltliche Güter hinterließ er nicht. Seine Frau musste die Bibliothek und die Korrespondenz veräußern, um über die Runden zu kommen. Aber Ludwig von Mises hinterließ ein gewaltiges geistiges Erbe, von dem die freie Welt noch lange zehren wird und das fast vierzig Jahre nach seinem Tod eine große Zahl junger Forscher inspiriert.

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Jörg Guido Hülsmann ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Er ist Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich und Autor von «Ethik der Geldproduktion» (2007) und «Mises. The Last Knight of Liberalism» (2007).

Seine Website ist guidohulsmann.com

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Bibliographie

Baader, Roland, Logik der Freiheit. Ein Ludwig-von-Mises-Brevier (Thun: Ott Verlag, 2000).

Hülsmann, Jörg Guido, Mises. The Last Knight of Liberalism (Auburn, Ala.: Mises Institute, 2007).

Mises, Ludwig von, Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel (Neudruck der 2. Auflage von 1924, Berlin: Duncker & Humblot, 2005).

Ders., Staat, Nation, Wirtschaft (Wien: Manz, 1919).

Ders., Die Gemeinwirtschaft (München: Philosophia Verlag, 1981 [1922]).

Ders., Liberalismus (Sankt Augustin: Academia Verlag, 1993 [1927]).

Ders., Kritik des Interventionismus (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1976 [1929]).

Ders., Die Bürokratie (Sankt Augustin: Academia Verlag, 1997 [1944]).

Ders., Nationalökonomie (München Philosophia Verlag, 1980 (1940]).

Ders., Human Action (New Haven: Yale University Press, 1949).

Ders., Theory and History (New Haven: Yale University Press, 1957).

Ders. The Ultimate Foundation of Economic Science (Princeton: Van Nostrand, 1962).

Ders., Vom Wert der besseren Ideen (München: Olzog, 2008).