Hoppes “Der Wettbewerb der Gauner – Vom Unwesen der Demokratie und dem Ausweg in die Privatrechtsgesellschaft” ist intellektuelle Gegenwehr und Lesevergnügen zugleich

7.1.2013 – Vorwort zu Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe’s “Wettbewerb der Gauner”.

von Thorsten Polleit.

Thorsten Polleit

Im Jahr 2006 erreichte mich eine Buchsendung von Llewellyn H. Rockwell, Jr., Gründer und Präsident des Ludwig von Mises Institute in Auburn-Alabama, USA. Sie enthielt die 2. Auflage von „The Economics and Ethics of Private Property, Studies in Political Economy and Philosophy“, eine Zusammenstellung wichtiger Aufsätze von Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe. Das Studium des Buches hat mein Denken – wie vermutlich auch das vieler anderer Leser – nachhaltig beeindruckt und beeinflusst.

Hoppe ist einer der bedeutendsten Sozialwissenschaftler der Gegenwart. Er widmet sich als Philosoph, Soziologe und Ökonom den wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Schlüsselfragen unserer Zeit und benennt wahrheitsliebend und couragiert die – zuweilen für viele radikal anmutenden – politischen Konsequenzen seiner Analysen in der Öffentlichkeit. Hoppes Schriften sind nicht nur intellektuell an- und aufregend, sondern sie führen vor allem mit ihrer klaren Sprache und bestechenden Logik auch dazu, tradierte politik-ökonomische Glaubensätze hinterfragen und viele davon als falsch verwerfen zu müssen.

In seinen umfangreichen wissenschaftlichen Arbeiten kommt Hoppe insbesondere zur folgenden Erkenntnis: Der demokratische Staat – wobei der Staat hier definiert ist als territorialer Monopolist der Rechtssetzung und –sprechung, ausgestattet mit der Macht zur Besteuerung – zerstört die produktive und kooperative soziale Ordnung. Die Demokratie, so Hoppe, vermeidet und löst nicht etwa gesellschaftliche Konflikte, sie ist vielmehr selbst Quelle andauernder und sich verschärfender Missstände – angefangen von Konjunkturstörungen, Kapitalaufzehrung und Geldentwertung bis hin zu moralischem und sittlichem Verfall. Der demokratische Staat, so zeigt Hoppe, verursacht – weil er notwendigerweise immer stärker die individuellen Eigentumsrechte verletzt – Wohlstandsverluste und führt in die Ent-Zivilisierung.

Hoppe bietet den ökonomisch gangbaren und ethisch akzeptablen Gegenentwurf an: die Privatrechtsgesellschaft. Eine Gesellschaft also, in der der Erwerb und die unbedingte Achtung des individuellen Eigentums als ordnende Regeln des Zusammenlebens fungieren. Die Privatrechtsgesellschaft ist, so Hoppe, nicht nur ökonomisch legitimiert, sondern sie erfüllt auch die Anforderungen eines ethischen Regelwerkes. Vom Privateigentum lassen sich gerechte Regeln ableiten: Regeln, die stets und überall Gültigkeit haben. Die von Hoppe empfohlene Privatrechtsgesellschaft dominiert damit die sich im Zuge des 21. Jahrhunderts (im Grunde weltweit) entwickelte interventionistische-sozialdemokratische Staats(Un)Ordnung.

Hoppe steht in der intellektuellen Tradition von Ludwig von Mises (1881 – 1973) – dem wohl bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts – und seinem Schüler Murray N. Rothbard (1926 – 1995). Mises und Rothbard repräsentieren den praxeologischen (oder auch: aprioristischen) Zweig der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Es war Mises, der erkannte, dass der (leider heute immer noch vorherrschende) Positivismus-Empirismus-Falsifikationismus als Methode der Wirtschaftswissenschaft eine falsche Lehre ist. Er „rekonstruierte“ die Wirtschaftswissenschaft als Teil der Praxeologie. Die Praxeologie steht für die Logik des menschlichen Handelns und fußt auf dem Axiom des menschlichen Handelns – ein wahrer, nicht widerlegbarer Satz: ein nach Immanuel Kant (1724 – 1804) synthetisches a priori Urteil, von dem sich auf deduktiv-logischem Wege weitere wahre ökonomische (Ge)Sätze ableiten lassen.

Mit der Praxeologie lassen sich zum Beispiel folgende Sätze als unwiderruflich wahr, als gesetzmäßig beweisen: (1) Jede Transaktion, die nicht freiwillig ist (Raub, Besteuerung etc.), stellt eine Partei besser auf Kosten der anderen Partei; (2) Mindestlöhne, die oberhalb des markträumenden Niveaus liegen, führen zu ungewollter Arbeitslosigkeit; (3) der Grenznutzen eines Gutes nimmt mit steigendem Konsum des Gutes ab; (4) ein Ansteigen der Geldmenge erhöht die Preise über das Niveau, das sich ohne eine Ausweitung der Geldmenge einstellen würde. Jedes Politikprogramm also, das etwas anderes verspricht – also z. B. behauptet, durch Besteuerung lassen sich alle besser stellen, oder dass eine Geldmengenausweitung den Geldwert nicht herabsetzt –, kann aus praxeologischer Sicht als falsches Versprechen enttarnt werden.

Rothbard führte Mises’ praxeologische Ausrichtung in konsequenter Weise fort. Er ging dabei auch über das Misessche System hinaus, vor allem mit seiner Theorie des Staates, mit der er zeigte, dass der Staat ganz und gar unvereinbar ist mit der freien (Privateigentums)Gesellschaft. Rothbard stellt sich damit der klassischen liberalen Position entgegen, nach der ein funktionierendes Gemeinwesen einer „ordnenden Staatszwangsgewalt“ bedarf. Rothbard entwickelte den Libertarianismus („Libertarianism“), die Theorie der Gesellschafts- und Wirtschafsordnung, die auf dem unbedingten Respekt des Privateigentums aufbaut, und in der alle Bereiche des Gemeinwesens privatisiert sind, nicht nur das Geldwesen, sondern auch und vor allem die Produktion von Sicherheit und die Rechtssprechung.

Hoppe, der ab 1985 eng mit Rothbard in den Vereinigten Staaten von Amerika zusammenarbeitete, zuerst in New York City und ab 1986 als Kollegen in Las Vegas, an der University of Nevada, hat bedeutende Beiträge zum praxeologischen-libertären Zweig der Österreichischen Schule erarbeitet. Hierzu zählen zum Beispiel das systematische Aufbereiten und Begründen der erkenntnistheoretischen (epistemologischen) Methodologie der aprioristischen (Misesschen) Österreichischen Schule und insbesondere auch die axiomatische Fundierung von Rothbards Rationaler Ethik – also einer vernunftmäßig-objektiven Ethik –, die den Libertarianismus legitimiert. Zu Recht gilt Hoppe, der auch als libertärer Anarcho-Kapitalist bezeichnet wird, als unbestrittener Vordenker der Misesschen-Rothbardschen Schule, die gleichzeitig auch die wissenschaftlich lebhafteste Strömung innerhalb der Österreichischen Schule ist.

Das wohl bekanntestes Werk von Hoppe ist „Democracy – the God that failed” (2001). Es ist die wohl bislang mächtigste theoretische Entzauberung und Ablehnung der Herrschaft der Mehrheit (Demokratie) auf Basis ökonomischer-ethischer Überlegungen. Mit “Socialism and Capitalism” (1989) weist Hoppe – ebenfalls auf Basis der praxeologischen Analyse – die Versprechungen des Sozialismus und seiner vielen (Unter)Spielarten als falsch zurück und beweist die wirtschaftlich-ethische Überlegenheit des Kapitalismus – also der Privatrechtsgesellschaft. Wichtige Beiträge für die (Weiter)Entwicklung der praxeologischen Österreichischen Schule sind Hoppes „Eigentum, Anarchie und Staat“ (1987) sowie „Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung“ (1983).

In Der Wettbewerb der Gauner – Vom Unwesen der Demokratie und dem Ausweg in die Privatrechtsgesellschaft präsentiert Hoppe in leicht verständlicher, ja schon spielerischer Weise Erkenntnisse aus seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Er beginnt, den räuberischen Ursprung des Staats aufzuzeigen und zeigt, welche wichtige Rolle die vom Staat bezahlten Intellektuellen dabei spielen (I.). Hoppe erläutert, dass Wettbewerb nicht per se gut ist, sondern dass ein Wettbewerb um Herrschaftsmacht nicht nur schlecht, sondern mehr als schlecht ist – denn in diesem Wettbewerb kommen die Übelsten an die Macht (II.). In einem ausführlichen Interview antwortet Hoppe auf nahezu alle Fragen, die man an die von ihm vorgeschlagene favorisierte Privatrechtsgesellschafft richten kann – von der Rechts- und Sicherheitsproduktion bis hin zur Gestaltung der Geldordnung (III.). Er gewährt quasi einen Blick in das Drehbuch für ein „Gaunerstück“: Warum und wie eine Staatsherrschaft das Geldwesen monopolisiert (IV.). Hoppe entlarvt Anti-Diskriminierungsgesetze als schwerwiegende Aggression gegen die privaten Eigentumsrechte und zeigt, dass sie nichts anderes als Übelstände nach sich ziehen (V.), und er erklärt, dass die Privatrechtsgesellschaft die ökonomische-ethische und praktisch mögliche Alternative zur Staatsherrschaft ist (VI.).

Mises schrieb in „Nationalökonomie“ (1940, S. 746): „Zu politischen Ideen und Doktrinen darf der Nationalökonom allenfalls auf Grund der Ergebnisse umfassender Denkarbeit gelangen; der Anfang wissenschaftlichen Denkens muss in der Abkehr von allen Bindungen an Programme und Parteien liegen.“ Hoppe geht diesen Weg. Gerade weil Hoppes wissenschaftlich heraus- und überragenden Ideen – die Ideen eines „Anti-Intellektuellen Intellektuellen“ – für die Gesellschaftsordnung der produktiven und friedvollen Kooperation stehen, ist es so wichtig, dass sie die größtmögliche Verbreitung finden – gerade in einer Zeit, in der die interventionistisch-sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaaten dies- und jenseits des Atlantiks niedergehen und tragischerweise die öffentliche Mehrheitsmeinung, maßgeblich geformt von den Mainstream-Intellektuellen, den Ausweg aus der Misere in noch mehr Staatsinterventionismus erblickt. Hoppes Der Wettbewerb der Gauner – Vom Unwesen der Demokratie und dem Ausweg in die Privatrechtsgesellschaft ist intellektuelle Gegenwehr und Lesevergnügen zugleich.

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Thorsten Polleit, 45, ist seit April 2012 Chefvolkswirt und Mitglied im Verwaltungsrat der Degussa Goldhandel GmbH.

Zuvor war er 12 Jahre als Chefvolkswirt im internationalen Investment-Banking in London, Amsterdam und Frankfurt tätig.

Thorsten Polleit ist seit 2003 Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance, Frankfurt, spezialisiert auf Kapitalmarkttheorie, Geldpolitik und –theorie und insbesondere auf die „Österreichische Schule der Nationalökonomie“.

Er ist Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama.

Seit Oktober 2012 ist er Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland.

Thorsten Polleit ist Gründungsmitglied und Partner von „Polleit & Riechert Investment Management LLP“.

Die private Website von Thorsten Polleit ist: www.thorsten-polleit.com.