Die wahre Lehre vom Geld: Vor 100 Jahren erschien Ludwig von Mises’ „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“

14.11.2012 – von Thorsten Polleit.

Dieser Beitrag wurde am 2. November 2012 auf der Internationalen Edelmetall- und Rohstoffmesse in München vorgetragen.

Einleitung

Thorsten Polleit

Vor 100 Jahren, im Jahr 1912, veröffentlichte Ludwig von Mises das Buch „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“. Es ist seine Habilitationsschrift, ein bahnbrechendes, zeitloses Werk. Das Buch beinhaltet wichtige Erkenntnisfortschritte über Wesen und Wirkung des Geldes in einer arbeitsteilig organisierten Volkswirtschaft.

Wer Mises‘ „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ gelesen hat, der konnte alle monetären Katastrophen des 20. Jahrhunderts vorhersehen, konnte erkennen, welche monetären Architekturen Bestand haben würden, und welche zerfallen mussten.

Und auch hundert Jahre danach ist der Wissenswert von Mises‘ geldtheoretischen Einsichten ungeschmälert. Gerade in der heutigen Finanz- und Wirtschaftskrise helfen Mises‘ geldtheoretische Einblicke, die Ursache der Finanz- und Wirtschaftskrise (besser) zu verstehen und konstruktive Lösungswege zu formulieren.

Sie lassen aber auch das Ausmaß der kommenden Katastrophe erahnen, die nach Jahrzehnten des ungedeckten Papiergeldsystems drohend am Horizont erkennbar ist, wenn Regierungen und Zentralbanken ihre bisherigen Politiken fortsetzen.

Zu Mises’ Person und Leben

Mises wurde 1881 in Lemberg geboren und war der bedeutendste Ökonom und Gesellschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts. 1919 erbrachte er die wissenschaftliche Begründung, dass der Sozialismus unmöglich ist, dass er scheitern muss – zu einer Zeit, in der viele Intellektuelle den Sozialismus als neue Heilslehre priesen.

Mises zeigte zudem, dass der „dritte Weg“, das Gesellschaftsmodell also, das versucht, zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu manövrieren, zum Scheitern verurteilt ist; seine „Kritik des Interventionismus“ (1929) lässt sich noch heute mit Gewinn lesen .

Am wohl beeindruckendsten sind jedoch wohl Mises‘ (wirtschafts-)wissenschaftstheoretische Arbeiten. Mises rekonstruierte die Volkswirtschaftslehre als logisch-deduktive Wissenschaft. Er nahm damit eine „Gegenposition“ gegenüber der damals herrschenden Lehre ein – was ihm viele intellektuelle Feindschaften eintrug.

Mises war ein scharfer Denker und Schreiber. Er war intellektuell aufrichtig, der Wahrheit verpflichtet, unbeugsam, mutig. Kurzum: Mises war ein – wie man es heute sagen würde – „Role Model“ eines Gelehrten.

Mises starb 1973 in New York. Nachdem seine Beiträge über viele Jahre hinweg weitgehend aus dem Lehr- und Wissenschaftsbetrieb verschwunden waren, ist nun aber eine fulminante Renaissance im Gange. Das Interesse an der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und insbesondere an Mises‘ Arbeiten steigt stark an.

Das zeigt sich unter anderem an der zunehmenden Zahl von Ludwig von Mises Instituten, die mittlerweile weltweit, von Lateinamerika bis Osteuropa aktiv geworden sind. Seit dem 21. Oktober 2012 gibt es nun auch das „Ludwig von Mises Institut Deutschland“. Es hat die Website-Adresse www.misesde.org.

Das Institut macht sich zur Aufgabe, die liberale-libertäre Wirtschafts- und Gesellschaftslehre in der Tradition der “Österreichischen Schule der Nationalökonomie”, wie sie insbesondere von Ludwig von Mises (1881 – 1973) entwickelt und vertreten wurde, zu lehren und ihre Erkenntnisse zur Erörterung aktueller Fragestellungen einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln.

Im Folgenden sollen die wichtigsten geltheoretischen Erkenntnisse, die Mises in „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ vorlegte, aufgezeigt werden, beginnend mit der grundlegenden Frage: Was ist Geld?

Was ist Geld?

Mises gibt eine klare Definition von Geld. Geld, so Mises, ist das allgemein akzeptierte Tauschmittel.

Geld ist ein Gut wie jedes andere Gut auch, mit der Besonderheit, dass es das Gut ist, das sich am einfachsten gegen andere Güter eintauschen lässt.

Geld ist, so Mises, weder ein Produktions- noch ein Konsumgut. Damit folgt Mises der von Karl Gustav Adolf Knies (1821 – 1898) vorgeschlagenen „Dreiteilung“ der Güter: Produktionsgüter, Konsumgüter und Tauschmittel.

Geld ist kein „Recht“ oder ein „Anspruch“ auf das Volkseinkommen – eine Interpretation, wie sie von einigen Ökonomen zuweilen immer noch vertreten wird; das wird im Folgenden noch deutlich werden.

Formen des Geldes

Mises beschäftigte sich intensiv mit den verschiedenen Erscheinungsformen des Geldes. Für ihn waren Edelmetalle, vor allem Gold und Silber, die allgemein gebräuchlichen Tauschmittel, das „wahre Geld“, das ultimative Zahlungsmittel.

Er unterschied zwischen den verschiedenen Formen des Geldes, und zwar nicht aufgrund ihrer physischen Beschaffenheit (also zum Beispiel ob es sich um bedrucktes Papier oder Edelmetall handelte), sondern aufgrund ihrer wirtschaftlichen Funktion.

So bezeichnete er zum Beispiel eine Banknote, ein Giroguthaben oder auch Scheidemünzen, wenn sie sofort in das ultimative Zahlungsmittel eingelöst werden können, als Geldsubstitut. Wenn das Geldsubstitut voll durch Gold gedeckt ist, so bezeichnete Mises es als Geldzertifikat.

Wenn hingegen zum Beispiel der Emittent der Banknote weniger als 100 Prozent Gold vorhält, so bezeichnet Mises den ungedeckten Betrag, den die Banknote repräsentiert, als Umlaufsmittel; heute würde man wohl vereinfacht von „ungedecktem Geld“ sprechen.

Umlaufsmittel werden durch Zirkulationskredite produziert und in Umlauf gebracht, sie repräsentieren Geldschöpfung „aus dem Nichts“: Die Geldmenge wird durch Bankkredite ausgeweitet, ohne dass dafür echte Ersparnis vorhanden ist.

Das heutige Geld (ob nun US-Dollar, Euro, Schweizer Franken etc.) ist, mit Blick auf seine Produktionsweise, Kreditgeld: Banken schaffen es durch Zirkulationskredite. Es ist nicht gedeckt, es ist also ein Umlaufsmittel in der Misesianischen Terminologie.

Mit Blick auf seine Etablierung ist das heutige Geld als Fiat-Geld zu bezeichnen (abgeleitet vom lateinischen fiat: „es geschehe“), ist also erzwungenes Geld: Geld, das vom Staat durch Willkür-Zahlkraftgesetze zum „Legal Tender“ gemacht wurde.

Mit Blick auf seine physischen Eigenschaften ist das ungedeckte Kredit-Fiat-Geld de facto entmaterialisiertes Geld, es hat die Form von bunt bedrucktem Papier und Einträgen auf Computerfestplatten („Bits & Bytes“).

Warum wird Geld nachgefragt?

Ein Kernanliegen von Mises war, die Frage zu beantworten: Was bestimmt den Wert des Geldes, also seine Kaufkraft? Dazu musste er zunächst die Frage klären: Warum wird Geld überhaupt nachgefragt? Mises Antwort lautet: Menschen fragen Geld nach, um mit der Unsicherheit fertig zu werden.

Hätten wir Menschen perfekte Voraussicht über das, was künftig geschieht (gäbe es also keine Unsicherheit), so bräuchten sie kein Geld. Wir könnten bereits heute alle erforderlichen Dispositionen tätigen. Geld, so Mises, wird also aufgrund der allgegenwärtigen Unsicherheit gehalten.

Wie bestimmt sich die Kaufkraft des Geldes?

Die Unsicherheit bewegt also die Marktakteure, Geld zu halten (oder, ökonomisch ausgedrückt: nachzufragen), also etwas nachzufragen, mit dem man tauschen kann, etwas, das Kaufkraft hat.

Die Kaufkraft des Geldes bezeichnet die Menge der Güter, die gegen eine Geldeinheit eintauschbar sind. Kostet zum Beispiel ein Apfel 0,5 Euro, so beträgt die Kaufkraft eines Euro zwei Äpfel. Steigt der Preis des Apfels auf ein Euro pro Stück, so sinkt die Kaufkraft eines Euro auf einen Apfel.

Wie erklärt sich die Kaufkraft des Geldes? Die Antwort lautet: Die Kaufkraft des Geldes wird, wie bei jedem anderen Gut auch, durch Angebot und Nachfrage auf dem freien Markt bestimmt. Ein Beispiel mag das erläutern.

Wer in einer Geldwirtschaft einen Apfel gegen Geld kaufen will, ist Geldanbieter. Wer einen Apfel zum Verkauf stellt gegen Geld ist ein Geldnachfrager. Die Nachfrage nach einem Gut (hier Apfel) entspricht also dem Angebot von Geld, und das Angebot von Gütern entspricht der Geldnachfrage.

Das Zusammentreffen des Angebots von Geld und der Nachfrage nach Geld bestimmt den (markträumenden) Preis des Geldes – und damit seine Kaufkraft.

Diese Erklärung der Kaufkraft des Geldes führt nun aber zu einem ernsten Problem: Wir haben gesagt, dass Geld nachgefragt wird, weil es Kaufkraft hat. Gleichzeitig sagen wir, dass die Kaufkraft des Geldes durch das Angebot von und die Nachfrage nach Geld bestimmt.

Man erkennt: Diese Überlegung scheint sich in einen nicht auflösbaren Zirkelschluss zu verfangen, mit dem sich unsere Frage: „Was bestimmt die Kaufkraft des Geldes?“ nicht beantworten lässt! – etwas, was der deutsche Ökonom Karl Helfferich (1872 – 1924) 1903 zu Recht kritisiert hatte.

Denn dass Geld nachgefragt wird, wird ja damit begründet, dass Geld (bereits) Kaufkraft hat; die Kaufkraft des Geldes ist demnach Voraussetzung für die Geldnachfrage. Aber erst eine existierende Geldnachfrage kann die Kaufkraft des Geldes (mit-)bestimmen.

Regressionstheorem

Doch Mises löste diesen scheinbaren Zirkelschluss auf – und zwar mit dem überaus wichtigen „Regressionstheorem“. Er erkannte, dass die Kaufkraft des Geldes eine Zeitdimension hat. Wie ist das zu verstehen?

Dass Menschen heute Geld halten, speist sich aus ihrer Erfahrung, dass Geld gestern Kaufkraft hatte. Und die Bereitschaft der Marktakteure am gestrigen Tag Geld zu halten, speiste sich aus der Erfahrung, dass Geld am vorgestrigen Tag Kaufkraft hatte. Und so weiter.

Mit anderen Worten: Die Geldnachfrage in der Gegenwart speist sich aus einer bereits vorhandenen Kaufkraft, die aus der Vergangenheit stammt.

Wenn man aber diesen Gedankengang nun immer weiter in die Vergangenheit zurückdenkt, also regressiv denkt, endet man dann nicht in einem unendlichen Gedankengang („infiniten Regress“)? Nein, so lautet Mises’s Antwort!

Denn das Gedankenexperiment endet genau an dem Zeitpunkt, an dem ein Gut zum ersten Mal nicht aufgrund seiner nicht-monetären Verwendung getauscht wurde, sondern aufgrund seiner Verwendung als Tauschmittel.

Es ist eben dieser Zeitpunkt, in dem ein Sachgut von der nicht-monetären Nutzung in die monetäre Verwendung überführt wird, an dem die Kaufkraft des Geldes ihren Ursprung hat.

Zur Entstehung des Geldes

Mit seinem Regressionstheorem löst Mises nicht nur den vermeintlichen „Zirkelschluss“ auf, der damals einer abschließenden Erklärung des Geldwertes im Wege zu stehen schien. Er liefert gleichzeitig auch den logischen Unterbau für die Theorie, die Carl Menger über die Geldentstehung 1871 formuliert hatte.

Nach Carl Menger ist Geld spontan aus dem freien Marktprozess entstanden. Die Erkenntnis, dass Arbeitsteilung produktiv ist, und dass Arbeitsteilung Handel erfordert, hat, so Menger, die Menschen ein indirektes Tauschmittel, also Geld, verwenden lassen, und zwar Sachgeld (in Form von zum Bespiel Edelmetallen).

Mises’s Regressionstheorem stützt diese Theorie von Menger: Geld muss, so das Regressionstheorem, aus einem Sachgut entstanden sein, einem Sachgut, das zunächst nur aufgrund seiner nicht-monetären Verwendung wertgeschätzt wurde.

Und die Wertfindung, also die Bestimmung der Kaufkraft des Geldes, muss durch den Marktprozess erfolgt sein, andernfalls ließe sich der Tauschwert des Geldes gar nicht bestimmen.

Geld, so Mises, kann nicht „von oben“, also etwa durch ein staatliches Dekret, entstehen – wie es etwa der deutsche Ökonom Karl Friedrich Knapp (1842 – 1926) in seinem Buch „Staatliche Theorie des Geldes“ (1905) recht erfolgreich verbreitet hatte.

In Mises Worten: „Die Auffassung des Geldes als eines Geschöpfes der Rechtsordnung und des Staates ist somit unhaltbar. Keine Erscheinung des Marktes rechtfertigt sie.“[1]

Mises‘ Regressionstheorem erklärt damit auch, warum ungedecktes Papiergeld nicht natürlich, also über den freien Markt, entstehen kann – und auch nie entstanden ist.

Ungedecktes Papiergeld ist vielmehr immer durch Zwangs- und Gewaltmaßnahmen von staatlicher Seite in Umlauf gebracht worden, indem (irgendwann einmal) die Eintauschverpflichtung der Banken vom Staat suspendiert wurde.[2]

Wertbestimmung des Geldes: das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens

Wir haben gehört, dass die Kaufkraft des Geldes durch das Angebot von und die Nachfrage nach Geld auf dem freien Markt bestimmt wird. Hinter dieser geradezu trivial anmutenden Erklärung verbirgt sich jedoch etwas ganz bedeutsames: Mises gelang es damit, die Wertbestimmung des Geldes in die Grenznutzentheorie zu integrieren.

Zur Erinnerung: Die Grenznutzentheorie wurde etwa zur gleichen Zeit von Carl Menger, William Stanley Jevons und Leon Walras Ende des 19. Jahrhunderts formuliert. Durch sie gelang es erstmalig in der Ökonomik, die Bestimmung von Preisen und Werten zu erklären – und sie hat noch heute Bestand.

Das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens sagt (vereinfachend) Folgendes: Der Nutzen, den die Verwendung eines zusätzlichen Gutes erbringt (das ist der Grenznutzen), nimmt mit steigendem Gütervorrat ab.

Warum? Weil jede zusätzliche verfügbare Gütereinheit nur eingesetzt werden kann, ein weniger dringliches Bedürfnis zu stillen – und das ist ein immer und überall gültiges Gesetz (das also nicht etwa auf psychologische Erkenntnisse angewiesen ist, sondern das aus der Logik des Handelns folgt).

Geld, das ja ein Gut ist wie jedes andere auch, fällt natürlich auch unter das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens: Je mehr Geldeinheiten jemand in seiner Verfügung hat, desto geringer ist auch der Grenznutzen der zuletzt verwendeten Geldeinheit.

Was sind die Funktionen des Geldes?

Dies leitet über zur Frage: Was sind die Funktionen des Geldes? Mises argumentierte, dass Geld eine und nur eine Funktion hat: und das ist die Tauschmittelfunktion.

Das erscheint zunächst überraschend. Denn üblicherweise werden dem Geld ja drei Funktionen zugeschrieben: (1) Tauschmittelfunktion, (2) Recheneinheitsfunktion und (3) Wertaufbewahrungsfunktion.

Bei genauer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass Recheneinheits- und Wertaufbewahrungsfunktion lediglich Unterfunktionen der Tauschmittelfunktion des Geldes sind.

Die Recheneinheitsfunktion ist unmittelbare Anwendung des Geldes als Tauschmittels, und die Wertaufbewahrungsfunktion bezeichnet lediglich die zeitliche Verlagerung des Tauschvorgangs unter Zuhilfenahme des Geldes.

Optimale Geldmenge

Wenn Geld nur eine Funktion hat, und zwar die Tauschmittelfunktion, so folgt daraus, dass eine Vermehrung der Geldmenge keinen volkswirtschaftlichen Nutzen stiftet.

Ein Ausweiten der Geldmenge vermindert nur die Kaufkraft des Geldes (im Vergleich zu einer Situation, in der die Geldmenge unverändert geblieben wäre) und verschlechtert so die Tauschmittelfunktion des Geldes.

Die volkswirtschaftliche Geldmenge muss also gar nicht wachsen, wie das heute von der Mainstream-Volkswirtschaftslehre gefordert wird. Vielmehr ist jede gerade in der Volkswirtschaft verfügbare Geldmenge gewissermaßen „ausreichend“ oder „angemessen“.

Inflation

In „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ hatte Mises die Wertbestimmung des Geldes, seine Kaufkraft, in die Grenznutzentheorie integriert. Dadurch konnte er zeigen, dass eine Ausweitung der Geldmenge das bewirkt, was heutzutage als inflationär bezeichnet wird: Geldwertschwund.

Steigt die Geldmenge in den Händen der Wirtschaftsakteure, so sinkt, und zwar notwendigerweise, der Grenznutzen der zusätzlich verfügbaren Geldeinheit. Warum? Mit der zusätzlich erhaltenen Geldeinheit kann nur ein Bedürfnis  gestillt werden, das weniger dringlich ist, als die Bedürfnisse, die mit dem bisher kleineren Geldvorrat erfüllt werden konnten.

Steigt die verfügbare Geldmenge, so muss das das Verhalten der Menschen beeinflussen; der Grenznutzen des Geldes nimmt ab. Weil sie nunmehr „kaufkräftiger“ sind als vorher, werden sie verstärkt Güter nachfragen gegen Hingabe von Geld.

Die selbstverständliche Folge ist, dass die Preise der Güter entweder steigen – das ist der „sichtbare Effekt“ der Geldmengenausweitung. Oder aber, die Preise der Güter sinken weniger stark als sie sinken würden, wenn die Geldmenge nicht ausgeweitet worden wäre; oder die Geldmengenerhöhung hält die Preise unverändert (obwohl sie andernfalls gefallen wären), das wäre dann der „nicht-sichtbare Effekt“ der Geldmengenausweitung.

Und noch etwas zeigte Mises: Nämlich dass es so etwas wie stabiles Geld nicht gibt, nicht geben kann, und dass die Begriffe Inflation und auch Deflation wissenschaftstheoretisch problematisch sind.

Geld unterliegt, wie jedes andere Gut auch, der subjektiven Wertschätzung der Marktakteure. Weil Menschen fortlaufend ihre Werteskala verändern – weil neue Produkte auf dem Markt erscheinen, oder aber weil sich ihre Präferenzen ändern –, bleibt auch die Wertschätzung des Geldes nicht unberührt.

Stabiles Geld im Sinne einer im Zeitablauf unveränderlichen Kaufkraft ist denkunmöglich. Das ist eine überaus wichtige Erkenntnis. Das „Ideal des stabilen Geldes“ ist ja ein Hauptargument zur Legitimierung von Staatseingriffen in das Geldwesen – doch die „Stabilisierungspolitiken“ der Zentralbanken zielen auf etwas ab, was gänzlich unmöglich ist.

Eine Ausweitung der Geldmenge ist niemals neutral!

Ein Ausweiten der Geldmenge führt, und auch das stellte Mises in „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ heraus, notwendigerweise zu Umverteilungswirkungen; sie ist niemals „neutral“.

Diejenigen, die die neu geschaffene Geldmenge als erste erhalten, sind die Begünstigen. Sie können nämlich noch zu unveränderten Preisen kaufen.

Wenn die neue Geldmenge nach und nach von Hand zu Hand gereicht wird, steigen auch die Preise, so dass die Letzten, die die neue Geldmenge erhalten, die Geprellten sind.

Sie können nur noch zu erhöhten Preisen kaufen. Diejenigen, die gar nichts von der neuen Geldmenge erhalten, sind die großen Verlierer.  

Kritik an der Quantitätstheorie

Mises übte auch Kritik an der herrschenden Interpretation der Quantitätstheorie. Sie besagt, vereinfachend gesprochen, dass eine Erhöhung der Geldmenge früher oder später zu einem gleich hohen Anstieg der Preise führt.

Mises hingegen zeigte, dass die Beziehung von Geldmengen- und Preisanstieg keineswegs proportional sein muss. Vielmehr können die Preise auch stärker oder aber auch weniger stark ansteigen als Reaktion auf eine Geldmengenerhöhung.

Mises betonte, dass ein Ausweiten der Geldmengen unterschiedliche Akteure zu unterschiedlichen Zeitpunkten in unterschiedlichem Ausmaß betrifft. Eine Ausweitung der Geldmenge führt also nicht nur zu einer Erhöhung der Preise, sondern zu einer interpersonellen Umverteilung – die bei der einfachen Interpretation der Quantitätstheorie außen vor bleibt.

Monetäre Konjunkturtheorie

Was später gewissermaßen zu einem „Kernstück“ der Österreichischen Schule der Nationalökonomie werden sollte – die monetäre Konjunkturtheorie der Österreicher –, war ebenfalls bereits in Mises‘ „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ enthalten.

Mises gab eine umfassende theoretische Erklärung des Konjunkturzyklus – des „Boom-and-Bust“-Zyklus. Dies gelang ihm, indem er drei bisher separate Theoriebausteine miteinander verband: (1) Die „Currency School“, (2) Böhm-Bawerks Zins- und Kapitaltheorie und (3) Knut Wicksell’s Unterscheidung zwischen Marktzins und „natürlichem Zins“.

Der „Boom-and-Bust-Zyklus“ wird unweigerlich in Gang gesetzt, so Mises, wenn Banken neues Geld durch „Zirkulationskredit“ – also das ungedeckte Kredit-Fiat-Geld – in Umlauf bringen.

Durch das Ausweiten des Zirkulationskredits wird der Marktzins unter sein „neutrales Niveau“ gesenkt. Die gesamtwirtschaftliche Ersparnis sinkt zu Gunsten von mehr Konsum. Gleichzeitig steigt die Investitionsnachfrage, und die Volkswirtschaft beginnt, „über ihre Verhältnisse“ zu leben.

Der gesunkene Zins befördert Investitionen, die ohne das Herabsenken des Zinses nicht angegangen worden wären. Knappe Ressourcen werden verstärkt in Investitionsgüter gelenkt zu Lasten der Konsumgüterproduktion.

Die gesamtwirtschaftliche Produktion wird „zeitintensiver“, oder: Die „Umwegsproduktion“ nimmt zu. Das Produktionsangebot entspricht dadurch nicht mehr der „wahren Nachfrage“ – schließlich hat sich die Zeitpräferenz der Marktakteure ja nicht verändert.

Die Folge ist: Der „Boom“, der durch die Ausgabe von neuem Geld in Gang gesetzt wurde, ist nur von kurzer Dauer. Er mündet in einen „Bust“. Er korrigiert die Fehler und Fehlinvestitionen, die im Zuge des Booms aufgebaut wurden.

Wie aber wird daraus ein Boom-und-Bust-Zyklus, also eine Abfolge von Boom und Bust? Mises erkannte die polit-ökonomische Dimension des Problems: Niemand mag den Bust, keine Regierung, die Unternehmensverbände nicht, die Gewerkschaften nicht und die Arbeitnehmer nicht.

Wenn sich ein Bust am Horizont zeigt, werden Rufe nach „Gegenmaßnahmen“ laut. Die Zentralbank wird aufgefordert den Zins zu senken, um so den Bust in einen neuen Boom umzulenken. Das Spiel wiederholt sich: Es kommt zum Boom-und-Bust-Zyklus.

In seinem Magnum Opus Nationalökonomie aus dem Jahr 1940 formuliert er diese Erkenntnisse wie folgt: „Doch endlos hätte man den Aufschwung der Konjunktur durch Festhalten an der Kreditausweitung nicht verlängern können. Früher oder später muss es zum Zusammenbruch des durch die Kreditausweitung ausgelösten Aufschwungs kommen, und der Anpassungsprozess, den man Niedergang der Konjunktur nennt, wird umso schmerzlicher sein und umso mehr Zeit beanspruchen, je länger die Kreditausweitung fortgesetzt worden war und je grösser der Umfang der durch sie bewirkten Kapitalfehlleitung gewesen ist.“

Welt-Zentralbankkartell

Am Schluss seines Buches formulierte Mises eine Sorge, und zwar die Sorge vor einer „Weltumlaufsmittelbank“ beziehungsweise vor einem „Weltkartell der Umlaufsmittelbanken“, die dann nämlich die Geldmenge, die Umlaufsmittelzirkulation, schrankenlos ausweiten und für große Inflation sorgen könnten.

Aus heutiger Sicht eine bemerkenswert weitsichtige Sorge. Denn die großen Zentralbanken dieser Welt haben eben diesen Weg der Kartellierung eingeschlagen: Sie haben ihre Geldpolitiken vereinheitlicht, aufeinander abgestimmt, haben damit den Wettbewerb des Geldes herabgesetzt und sind nun in der Lage, eine weltweite Politik der koordinierten Geldentwertung durchzuführen.

Was ist zu lernen?

Mises erkannte bereits 1912, dass das Ausgeben von ungedecktem, per Kredit „aus dem Nichts“ geschaffenem Geld unweigerlich für Wirtschaftsstörungen sorgt. Er erkannte, dass das Teilreservebanksystem unweigerlich Krisen auslöst, und er sah auch die unheilvolle Rolle staatlicher Zentralbanken(-interventionen).

Im Grunde formulierte Mises bereits 1912 eine tiefgehende Kritik an einem Geldsystem, das erst Jahrzehnte später seine volle Gestalt annehmen sollte: das staatliche Geldproduktionsmonopol, in dem Geld per Kredit, dem keine Ersparnisse zugrunde liegen, geschaffen wird.

Wer Mises geldtheoretische Arbeit gelesen hat, der erkennt: Das ungedeckte Kredit-Fiat-Geldregime hat schwere ökonomische und ethische Defekte. Es ist inflationär; es begünstigt einige wenige auf Kosten vieler; es sorgt für Spekulationswellen, Fehlinvestitionen und „Boom-and-Bust“-Zyklen; und es führt letztlich in eine Depression.

Mises hatte stets die aktuelle Wirtschafts- und Politikentwicklung seiner Zeit klar im Blick. Er sah frühzeitig Probleme, als die amerikanische Regierung in den fünfziger Jahren immer mehr neue US-Dollar per Kreditvergabe in Umlauf brachte, die nicht durch Goldbestände gedeckt waren. Und genau das führte dann auch zum endgültigen Zusammenbruch des Systems von Bretton Woods Anfang der siebziger Jahre und bereitete den Weg in das weltweite Papiergeldsystem.

Im Jahr 1953 – also noch zur Zeit des Systems von Bretton Woods – erschien Mises’ Buch in einer zweiten Auflage in englischer Sprache, versehen mit einem zusätzlichen Kapitel. Darin empfahl Mises eine Rückkehr zu „gutem Geld“, das für ihn im Goldgeld bestand: Die Geldmenge ist vollständig durch Gold gedeckt, und die staatliche Zentralbank wird abgeschafft.

Mises’ Geldtheorie hat keinen Einfluss auf die Gestaltung der Geldordnung nach dem Zweiten Weltkrieg genommen, vor allem wohl, weil sie in der Mainstream-Volkswirtschaftslehre nicht Fuß fassen konnte. Der geld- und wissenschaftspolitische Betrieb ist anderen, keynesianisch-monetaristischen Lehren gefolgt.

Gleichwohl zeigt sich die Erklärungskraft von Mises’ geldtheoretischen Einsichten unübersehbar in der aktuellen globalen Schuldenkrise, die im Kern für den Niedergang interventionistischer-sozialistischer Wirtschaftspolitiken und ihrer ungedeckten Papier- beziehungsweise Kredit-Fiat-Geldsysteme steht – so, wie es Mises schon vor 100 Jahren theoretisiert hat.

Literatur

Hülsmann, J. G. (2007), The Last Knight of Liberalism, Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama.

Mises, L. von (1912), Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, München und Leipzig, Duncker & Humblot.

Mises, L. von (1976 [1929]), Kritik des Interventionismus, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.

Mises, L. v. (1996), Human Action, 4th ed., Fox & Wilkes, San Francisco.

Rothbard, M. N. (1999), Ludwig von Mises: Dean of the Austrian School, in: 15 Great Austrian Economists, Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama, S. 143 – 166.

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Thorsten Polleit, 44, ist Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Er ist Chefökonom und Mitglied im Verwaltungsrat der der Degussa Goldhandel GmbH, Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance und Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama. Seine Website ist: www.thorsten-polleit.com.

 


[1] Mises, 1924, Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, S. 57.

[2] Angemerkt sei hier folgendes: Der amerikanische Anthropologe David Graeber, der mit seinem Buch „Schulden – Dier ersten 5000 Jahre“ einen Welterfolg feiert und zur Lichtgestalt der „Occupy-Bewegung“ aufgestiegen ist, fußt seine Geld- und Kapitalismuskritik auf Knapps Theorie – also auf einer falschen Theorie.

Ungewollt formuliert Graeber dabei jedoch eine richtige Kritik: Weil der Staat ja mittlerweile das freie Marktgeld zerstört und durch sein ungedecktes Kredit-Fiat-Geld ersetzt hat, trifft Graebers ökonomisch-ethische Kritik am heutigen staatlichen Geld in Gänze zu. Hingegen ist seine grundsätzliche Geld- und Kapitalismuskritik unhaltbar.

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