Ludwig von Mises und der Liberalismus

16.11.2012 – Lesen Sie nachfolgend die Einleitung und den Schluss von “Ludwig von Mises und der Liberalismus” von Hans-Hermann Hoppe aus dem Jahr 1993. Den vollständigen Beitrag können Sie am Ende des Artikels herunterladen.

Einführung: Ludwig von Mises und der Liberalismus

von Hans-Hermann Hoppe.

Ludwig von Mises

Der Zusammenbruch des Sozialismus in der ehemaligen Sowje­tunion und den Ländern Osteuropas hat auch den Namen Ludwig von Mises wieder ins öffentliche Bewußtsein gehoben. Zusammen mit Friedrich A. Hayek und Milton Friedman wird Ludwig von Mises als einer der Kritiker des Sozialismus genannt, der diesen Kollaps vorausgesagt hat. Aber noch in dieser Gleichsetzung mit Hayek oder Friedman kommt zum Vorschein, dass Mises und sein Werk im deutschen Sprachraum heute tatsächlich so gut wie un­bekannt sind. Heute weiß man in seinem heimatlichen Österreich weniger über ihn als in den U.S.A., wo er das letzte Drittel seines Lebens zubrachte. Dabei ist Ludwig von Mises eine der heraus­ragenden Geistesgestalten des zwanzigsten Jahrhunderts und sein sicherlich bedeutendster Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker. Friedrich Hayek hat seine Bedeutung mit der von Voltaire, Mon­tesquieu, Tocqueville und John Stuart Mill verglichen.[1] Doch selbst dies wird ihm kaum gerecht. Denn Mises hat – kulminierend in seinem magnum opus, dem aus seiner Nationalökonomie hervorge­gangenen Human Action – ein geistiges Monument geschaffen, das in Grundlegung und Systematik, thematischem Umfang, Geschlos­senheit und Vollständigkeit der Darstellung, begrifflicher Klarheit und Schärfe sowie Zeitlosigkeit der Geltung im Bereich der So­zialwissenschaften einzigartig ist, und im Vergleich zu dem die Arbeiten selbst der bedeutendsten seiner Vorgänger dilettantisch erscheinen.

Wie kommt es dann zu der Missachtung, die Ludwig von Mises erfahren hat? Sein Leben und Werk halten die Erklärung bereit. Es war Mises’ Schicksal ausgerechnet in diesem Jahrhundert – dem Zeitalter des Sozialismus: von Kommunismus, Faschismus, Natio­nalsozialismus und Sozialdemokratie – zum größten Theoretiker des Liberalismus und Kapitalismus heranzureifen.

[...]

Auch in seiner zweiten Heimat, den Vereinigten Staaten, blieb es Mises versagt, die Richtung der Politik grundlegend zu verän­dern. Die wohlfahrtsstaatliche Transformation der amerikanischen Gesellschaft schritt nach dem zweiten Weltkrieg unverändert voran, schneller unter den Demokraten und langsamer – aber immer in derselben Richtung – unter den Republikanern. Doch anders als in Österreich (und Deutschland) gelang es Mises in den Vereinig­ten Staaten, die „Austrian Economics” als eine bodenständige – Akademiker und Nicht-Akademiker umfassende und darum vom ständigen Wechsel intellektueller Moden weitgehend unberührte – ideologische Bewegung zu verankern. Zum Zeitpunkt seines Todes war der Österreicher Ludwig von Mises allseits, von Freunden und Feinden, als einer der herausragenden intellektuellen Führer einer radikalen – an die in der Opposition gegen Roosevelts „New Deal” zusammengeführte, alt-amerikanische Tradition der „Old Right” [2] anknüpfenden – anti-etatistischen, libertär-konservativen Gegenbe­wegung und -kultur anerkannt. [3]

Nach seinem Tod erlebte die durch Mises begründete ideologi­sche Bewegung mehrere Schwankungen. Anfang der 70er Jahre kam es in den USA (wie in den meisten Ländern Westeuropas) erstmals zum Auftreten des Phänomens einer Stagflation – einer inflationären (anstatt, wie früher üblich: deflationären) Rezession. Keynes’ zufolge hatte ein derartiges Ereignis als ,unmöglich’ zu gelten; seiner Lehre entsprechend war Inflation gerade das Mittel um aus einer Rezession herauszukommen! Der die amerikanischen Eliteuniversitäten bis dahin fast unumschränkt beherrschende Keynesianismus war damit in seinen theoretischen Grundfesten er­schüttert, und er geriet in eine Krise aus der er sich bis heute nicht wieder erholt hat. 1974, ein Jahr nach Mises’ Tod, erhielt dann Hayek – als erster Nicht-Keynesianer – den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für seinen Beitrag zur Entwicklung der Mises-Hayekschen Konjunkturtheorie. Aus dem Zusammenwirken dieser beiden Ereignisse ergab sich zunächst ein zusätzlich verstärk­tes Interesse an „Austrian Economics”. In akademischen Kreisen wurde es wieder respektabel, die während der Hoch-Zeit des Keynesianismus ignorierte oder vergessene „österreichische Schule” zu studieren. Mehrere Stiftungen begannen „Austrian Economics” aus­drücklich in ihr Förderprogramm aufzunehmen. Konferenzen und Bücher zum Thema „Austrianism” häuften sich. Und prominente ex-Misesianische Keynesianer wie Fritz Machlup und Gottfried von Haberler bekannten sich wieder als „Austrians”.

Ende der 70er Jahre und insbesondere mit Beginn der Reagan Präsidentschaft begann dies Interesse wieder abzuflachen. Die „Chi­cago School” hatte inzwischen die Keynesianer als die die akademi­schen Wirtschaftswissenschaften dominierende Schule verdrängt. Und um Eingang in die Reagan Administration zu finden, begannen eine Reihe vormaliger Förderer und Geförderter sich vom harten – Misesianischen – Kern und der praxeologischen Methode der öster­reichischen Schule zu distanzieren: Hayek – als Befürworter eines ,moderaten’ Wohlfahrtsstaats, Popperianer und Anti-Rationalist – galt als annehmbar; doch Mises sei zu ,extrem’, ,dogmatisch’ und ,nationalistisch’ und müsse als ,Reaktionär’ aus der Bewegung aus­geschlossen werden. [4]

Seit Beginn der 80er Jahre, in Reaktion auf diese Absatzmanö­ver, kam es dann zu einer durch den langjährigen Mises-Schüler Murray N.Rothbard angeführten ideologischen Gegenbewegung. Rothbard hatte sich bereits zu Lebzeiten Mises’, mit seinem 1962 veröffentlichten Buch Man, Economy, and State, als dessen intellek­tueller Erbe etabliert. Mises hatte das umfassende Werk rezensiert und mit höchstem Lob ausgestattet. Seitdem – mit einer Vielzahl grundlegender Bücher [5] und zahllosen Aufsätzen – hatte Rothbard sich eine in seiner Eminenz Mises ebenbürtige Position geschaf­fen. In Zusammenarbeit mit Rothbard gründete der Journalist und Mises-Verehrer LLewellyn H. Rockwell 1982 das an der Auburn University in Auburn, Alabama, angesiedelte, durch ausschließlich private Spenden finanzierte Ludwig von Mises Institute. Durch die Tätigkeit des Instituts – durch wissenschaftliche Konferenzen, Lehr­seminare, Stipendien, Bücher, gelehrte und populäre Zeitschriften und Magazine – wurde seither wieder, mit charakteristischer Kompromisslosigkeit, der Idee einer liberalen Gesellschaft Gehör ver­schafft, die Mises in dem hier nach über 65 Jahren neu aufgelegten, zeitlos aktuellen Liberalismus unmissverständlich klar und knapp erläutert hat: Privateigentum und auf Arbeitsteilung aufbauender wechselseitig vorteilhafter Tausch als Grundlagen von Moral und wirtschaftlichem Wohlstand; eine Regierung, deren ausschließliche Funktion die Sicherung und Durchsetzung dieser privaten Eigen­tumsrechte und der aus ihnen resultierenden Marktwirtschaft ist – die insbesondere weder in die sich als Ergebnis von Marktprozessen ergebende personelle Einkommens- und Vermögensverteilung noch in das Erziehungs- und Bildungswesen ,korrigierend’ eingreift und die jederzeit mit einem uneingeschränkten Recht auf Sezession kleinerer von größeren Einheiten konfrontiert ist; und Freihandel und ein internationaler Goldstandard.

Als Resultat dieses Wirkens ist die durch Mises begründete ideologische Bewegung heute populärer und einflußreicher als je zuvor. Sämtliche Bücher Mises’ befinden sich im Druck und neue Bücher (Aufsatzsammlungen) sind hinzugekommen. Inzwischen lehren Misesianer an vielen amerikanischen Universitäten, und es gibt eine Reihe wirtschaftswissenschaftlicher Fachbereiche mit aus­drücklich österreichischer Ausrichtung. Das studentische Interesse an der durch Mises repräsentierten Austrian Economics ist schnell und stetig gewachsen. Die österreichische – Misesianische – Stimme stellt in der amerikanischen öffentlichen Meinung heute eine stän­dige, weithin sichtbare und unverkennbare intellektuelle Kraft dar. Und der dramatische Kollaps des Sozialismus in Osteuropa, von Mises vorausgesagt, hat dieser Stimme noch zusätzliches, interna­tionales Gewicht verliehen.

Doch auch heute, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, -und trotz der Tatsache, dass inzwischen auch die von Mises pro­gnostizierte Krise des Wohlfahrtsstaates in den Vereinigten Staa­ten und Westeuropa immer schärfere Gestalt angenommen hat, -ist der Triumph der Miseschen Ideen immer noch unvollständig und steht es zu befürchten, dass das, was Mises 1962 im Vorwort zur amerikanischen Übersetzung von Liberalismus schrieb, auch weiterhin Geltung behält: „Als ich vor 35 Jahren versuchte die Ideen und Prinzipien der einst unter dem Namen Liberalismus bekannten Sozialphilosophie zusammenzufassen, erlag ich nicht der eitlen Hoffnung, dass meine Darstellung die drohenden Kata­strophen verhindern würde, zu denen die durch die europäischen Nationen verfolgten Politiken offenkundig führen mussten. Es ging mir allein darum, der kleinen Minderheit denkender Menschen eine Möglichkeit zu eröffnen etwas über die Ziele und die Leistungen des klassischen Liberalismus zu lernen und dadurch den Weg für eine Wiederauferstehung des Geistes der Freiheit nach dem bevor­stehenden Debakel vorzubereiten.”

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Hans-Hermann Hoppe

Prof. Dr. Hans-Hermann Hoppe ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Er ist Distinguished Fellow des Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama sowie Gründer und Präsident der Property and Freedom Society. Er ist ein prominenter Vertreter der Österreichischen Schule der Ökonomie und libertärer Philosoph. Zu seinen Werken gehören: Demokratie. Der Gott, der keiner ist (Verlag Manuscriptum), Der Wettbewerb der Gauner: Über das Unwesen der Demokratie und den Ausweg in die Privatrechtsgesellschaft (Holzinger-Verlag). Zuletzt erschienen: The Great Fiction: Property, Economy, Society, and the Politics of Decline (Laissez Faire Books)

Weitere Informationen zu und von Prof. Dr. Hans-Hermann Hoppe auf “HansHoppe.com” und “The Property and Freedom Society“.

 

[1] F.A. Hayek, „Einleitung” zu Erinnerungen von Ludwig von Mises, Stuttgart: Gustav Fischer, 1978, S.XI.

[2] Einflußreiche Repräsentanten der amerikanischen „Old Right” während der 20er und 30er Jahre waren z.B. die Journalisten und Schriftsteller Henry L.Mencken, Albert Jay Nock, Rose Wilder Lane und Garet Garrett.

[3] In den USA bedeutet ,liberal’ dasselbe, was in Europa als ,sozialdemokra­tisch’ gilt. Klassische Liberale wie Mises wählten darum den Ausdruck ,libertär’ (libertarian) zur Kennzeichnung ihrer Position.

[4] Diese Tendenz wurde – intendiert oder unintendiert – von Hayek gefördert. Vor Mises’ Tod und der Verleihung des Nobelpreises an ihn hatte Hayek Mises stets uneingeschränkt als den „großen Meister” anerkannt. Danach – ausgerechnet in Einleitungen zu Mises-Werken (den Erinnerungen (1978) und Socialism (1981)) und in allgemeinem Lob verpackt – attackierte er Mises regelmäßig wegen seines ,exzessiven Rationalismus’, seiner ,Apodiktizität’ und seines ,Apriorismus’.

[5] z.B. America’s Great Depression (1963); Power and Market (1970); For A New Liberty (1973); The Ethics of Liberty (1982).