Zwangsgeld und externe Kosten

27.4.2012 – von Philipp Bagus

Ungenügend definierte Eigentumsrechte an Geld führen zu negativen externen Effekten. Der institutionelle Aufbau des Euro, mit seinen ungenügend definierten Eigentumsrechten, hat die Währung an den Rand des Zusammenbruchs gebracht und kann als eine Tragik der Allmende bezeichnet werden.[1]

Philipp Bagus

Negative und positive externe Effekte sind das Ergebnis ungenügend definierter oder durchgesetzter Eigentumsrechte.[2] Der Eigentümer erfährt nicht alle Vor- und Nachteile der Nutzung des Eigentums. Da der Handelnde nicht gänzlich verantwortlich für die Auswirkungen seiner Handlungen ist, wird er nicht alle Folgen seiner Handlungen einkalkulieren.

Insofern der Handelnde einige Vorteile aus seinen Handlungen nicht erhält, wird er nicht alle ihre positiven Wirkungen einkalkulieren. Ein Beispiel für diese positiven (externen)Effekte könnte der Eigentümer eines Apfelbaums sein, dessen Eigentumsrechte auf die auf dem Baum wachsenden Äpfel nicht gesichert sind. Passanten greifen sich einfach Äpfel in ihrer Reichweite. Die Regierung lässt dieses Verhalten zu. Der Eigentümer des Apfelbaums würde vermutlich anders handeln, wenn er der einzige Nutznießer des Baumes wäre. Er würde vielleicht den Baum besser gegen Insekten schützen und nicht seine Fällung in Erwägung ziehen.

Ebenso kann der Eigentümer externe Kosten haben. Externe Kosten ergeben sich ebenfalls aus der Abwesenheit von Eigentumsrechten. Externe Kosten belasten nicht den Eigentümer, sondern andere. Der Eigentümer wird einige Projekte in Angriff nehmen, die er unterlassen würde, wenn er alle Kosten zu tragen hätte. Ein Beispiel externer Kosten wäre, wenn der Eigentümer einer Fabrik den Abfall in einen öffentlichen See abkippen lässt. Dieser See kann sich in Privateigentum Dritter befinden, aber der Staat setzt die Eigentumsrechte des See-Eigentümers nicht durch, weil er die Fabrik für unverzichtbar für das Wirtschaftswachstum hält. In diesem Szenario muss der Fabrikeigentümer nicht die vollständigen Kosten der Produktion tragen, sonder er kann einen Teil der Kosten durch Abkippen des Abfalls auf andere externalisieren. Wenn der Fabrikbesitzer jedoch für die Abfallbeseitigung bezahlen müsste, würde er vermutlich anders handeln. Er würde vielleicht weniger produzieren oder auf eine Weise, die weniger Abfall verursacht. Da die Eigentumsrechte auf den See nicht ausreichend durchgesetzt werden oder (wenn sich der See in öffentlicher Hand befindet) überhaupt nicht definiert sind, ist der Fabrikbesitzer von der Verantwortung für die Kosten befreit. Die Folge davon ist mehr Umweltverschmutzung, als es sonst der Fall wäre.

In unserem gegenwärtigen Geldsystem gibt es mehrere Ebenen, auf denen Eigentumsrechte nicht eindeutig definiert sind oder durchgesetzt werden. Auf einer Ebene sind private Eigentumsrechte auf dem Gebiet der Geldbasisproduktion nicht vorhanden. Gold, das private Geld, wurde im Verlauf des 20. Jahrhunderts vergesellschaftet. Und private Geldproduktion von Warengeldern gehört der Vergangenheit an.

Wichtig ist der Hinweis, dass es unter dem Goldstandard keine externen (technologischen) Effekte gibt. Private Goldproduzenten trugen bei der Förderung des Goldes erhebliche Kosten, und ihnen fiel der gesamte Ertrag zu. Es stimmt, dass das Wachstum der Goldgeldmenge die Preise tendenziell nach oben drückte und dass es deswegen pekuniäre externe Effekte gab. Aber eine Zunahme der Produktion von Gütern mit Auswirkungen auf die Kaufkraft des Geldes ist keine Verletzung privaten Eigentums. Jeder war frei, nach Gold zu suchen, es zu fördern und es auf dem Markt zu kaufen. Keiner war gezwungen, Gold als Zahlung zu akzeptieren. Das Privateigentum wurde in der Geldbasisproduktion durchgesetzt.

Der durch Bergbau entstandene Kaufkraftverlust bewirkte Umverteilungseffekte. Umverteilungseffekte allein bedeuten jedoch keine externen Effekte. Jede Marktdatenveränderung löst Umverteilungseffekte aus. Wenn die Produktion von Äpfeln zunimmt, sinken ihre Preise, was einigen Leuten zugute kommt, besonders jenen, die Äpfel mögen. Wenn auf einem freien Markt die Menge an Goldgeld oder Äpfel zunimmt, findet eine Umverteilung statt, jedoch keine ungenügende Durchsetzung von Privateigentumsrechten, und infolgedessen gibt es keine externen (technologischen) Effekte.

Ferner bewirkte die Zunahme des Goldgeldes keinen negativen externen Effekt in Form von sinkender Qualität des Geldes.[3] Ein Anstieg der Zahl der Goldmünzen hatte keine Senkung des durchschnittlichen Metallgehalts einer Goldmünze zur Folge. Gold konnte weiterhin seinen Zweck als Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel erfüllen.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde die Geldproduktion von den Regierungen übernommen und monopolisiert. Dieses Geldmonopol stellt an sich eine Verletzung von Eigentumsrechten dar. Nur Zentralbanken dürfen Basisgeld, d.h. Banknoten und Zentralbankreserven, produzieren. Eigentumsrechte werden auch deshalb verletzt, weil das Zwangsgeld ein gesetzliches Zahlungsmittel ist. Jeder hat es zur Begleichung von Schulden zu akzeptieren, und der Staat akzeptiert als Steuerzahlung nur das gesetzliche Zwangsgeld.[4]

Weil dem Zwangsgeld eine privilegierte Position eingeräumt wird und seine Produktion monopolisiert ist, werden Eigentumsrechte an Geld nicht durchgesetzt und die Kosten der Geldproduktion zum Teil anderen Handelnden aufgezwungen. Wenn keiner das öffentliche Papiergeld akzeptieren müsste und jeder es produzieren dürfte, würden keine externen Kosten entstehen. Die Leute könnten schlicht entscheiden, das „Zwangsgeld“ nicht zu akzeptieren oder es selbst zu produzieren.

Der Ertrag der Geldproduktion fällt dem Produzenten zu, d.h. den Zentralbanken und ihren Komplizen (Regierungen). Externe Kosten in Form steigender Preise und, in den meisten Fällen, einer niedrigeren Geldqualität werden allen Anwendern des Zwangsgeldes aufgezwungen. Zusätzliche Geldeinheiten treiben nicht nur die Preise hoch, auch die Qualität des Geldes nimmt tendenziell ab. Die durchschnittliche Qualität der die Währung deckenden Wertpapiere erleidet durch Teildeckungsgeldproduktion normalerweise einen Rückgang.

Stellen wir uns vor, dass 20 Prozent der Geldbasis von Goldreserven gedeckt sind. Wenn die Zentralbank Staatsanleihen und hypothekarisch gesicherte Wertpapiere kauft oder die Kreditvergabe ausweitet und die Zwangsgeldbasis um 100 Prozent aufstockt, wird die Durchschnittsqualität der Geldbasis sinken. Nach dieser expansiven Politik sind nur noch 10 Prozent der Geldbasis durch Gold und 90 Prozent von Vermögenswerten niedrigerer Qualität gedeckt.

Das Goldreservenverhältnis ist selbst dann von Relevanz, wenn es kein Einlöseversprechen gibt. Goldreserven können das Vertrauen in eine Währung stärken und können in Paniksituationen zur Stützung der Währung eingesetzt werden. Im Gegensatz zur Situation mit dem Zwangsgeld, wo eine Zunahme der Geldmenge die Qualität der Währung schwächt, wird die Qualität der Währung durch Goldförderung nicht verwässert. Die Qualität von zuvor schon existenten Goldmünzen wird durch die Prägung neuer Münzen nicht berührt.

Aufgrund der Verletzung des Privateigentumsrechts bei der Produktion der Geldbasis können Regierungen von dieser profitieren und Kosten externalisieren. Die Vorteile für  die Regierungen liegen auf der Hand. Sie können ihre Ausgaben über den Umweg der Zentralbank mit neuem Geld finanzieren. Kosten werden der Bevölkerung in Form von Geld geringerer Qualität und Kaufkraft auferlegt.

 

Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlichte er in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of Business Ethics, Independent Rewiew, American Journal of Economics and Sociology u.a.. Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet mit dem O.P.Alford III Prize in Libertarian Scholarship, dem Sir John M. Templeton Fellowship und dem IREF Essay Preis. Er ist Autor eines Buches zum isländischen Finanzkollaps („Deep Freeze: Island’s Economics Collapse“ mit David Howden). Sein Buch „Die Tragödie des Euro“ erscheint in acht Sprachen.

[1] Dieses Argument habe ich in einem in The Independent Review“ veröffentlichten akademischen Papier entwickelt [Philipp Bagus, „The Tragedy of the Euro“, in The Independent Review 15(4,2011), S. 563-576]. Das vorliegende Kapitel stützt sich auf dieses Papier und erweitert die Erklärung.
[2] Ludwig von Mises, Human Action, Scholar’s Edition (Auburn, Ala.: Ludwig von Mises Institute, 1998),S. 651. Wir müssen betonen, dass wir uns hier auf positive oder negative externe Effekte beziehen, die das Ergebnis ungenügend definierter oder ungenügend durchgesetzter Eigentumsrechte sind. Wir beziehen uns nicht auf psychologische oder monetäre Folgen von Handlungen. Blumen im Garten zu pflegen kann positive oder negative Effekte auf die Wohlfahrt des Nachbarn haben. Die Effekte auf die Wohlfahrt des Nachbarn werden normalerweise psyschologische externe Effekte genannt. In der Fachliteratur gibt es noch einen weiteren externen Effekt. Wenn ein Kino neben einem Restaurant eröffnet wird, gibt es wahrscheinlich positive monetäre Effekte für den Restaurantbesitzer, weil die Kunden das Restaurant wegen des Kinos besuchen werden. Es kann außerdem negative externe Effekte für andere Gaststätten geben. Diese Effekte werden normalerweise pekuniäre externe Effekte genannt. Wenn wir in diesem Kapitel über externe Effekte sprechen, befassen wir uns weder mit psyscholgischen noch mit monetären Auswirkungen von Handlungen. Alle Handlungen können diese Effekte haben. Wir befassen uns vielmehr mit den Auswirkungen von Handlungen, die das Ergebnis ungenügend definierten oder ungenügend durchgesetzten Eigentums sind. In Begriffen der orthodoxen Fachliteratur beschäftigen wir uns mit den technologischen externen Effekten statt mit den pekuniären oder psyschologischen.
[3] Zur Qualität des Geldes siehe Philipp Bagus, „The Quality of Money“, in Quaterly Journal of Austrian Economics 12 (4,2009), S. 41-64.
[4] Eine Beschreibung der Interventionen des Staates im Geldsystem sowie Reformvorschläge finden sich bei Hans Sennholz, Money an Freedom (Spring Mills, Pa.: Libertarian Press, 1985)

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Dieser Beitrag ist entnommen aus „Die Tragödie des Euro“ von Philipp Bagus, Achtes Kapitel „Die EWU als selbstzerstörerisches System“ – erschienen im FinanzBuch-Verlag.

Weitere Informationen zum Buch und eine Bestellmöglichkeit finden Sie hier.

Lesen Sie auch das Interview mit Philipp Bagus zum Buch.

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